Schlaganfall: Heilsamer Eingriff in das Gehirn
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Schlaganfall: Heilsamer Eingriff in das Gehirn

Der Verschluss eines Blutgefäßes im Gehirn stellt Ärzte vor enorme Herausforderungen: In kürzester Zeit gilt es, die Blockade im inneren des Schädels zu beseitigen, um bleibende Behinderungen oder gar den Tod des Patienten zu verhindern.

Autor: Reader's Digest Book

Dass dies heute bei einem wachsenden Anteil der Schlaganfallpatienten gelingt, ist auch der kunstvollen Anwendung eines neuen Verfahrens zu verdanken, der Thrombektomie. Relativ schonend werden dabei raffinierte Drahtkonstrukte von der Leiste aus bis ins Hirn geschoben, um die Verschlüsse zu beseitigen. Das Drama eines Schlaganfalls entfaltet sich in rasender Geschwindigkeit. Meist ist ein Blutpfropf oder ein Gerinnsel die Ursache. Herbeigespült aus dem Herzen oder auch der Halsschlagader, verstopfen sie ein Blutgefäß des Gehirns. So wird der Nachschub an Sauerstoff und Nährstoffen für die Nervenzellen in der Umgebung unterbrochen, was innerhalb von Sekunden zu den ersten Symptomen führt:

Drastische Warnzeichen

Extreme und plötzliche Kopfschmerzen, Störungen der Sprache, der Bewegung, und des Bewusstseins, sowie halbseitige Lähmungen. Nach wenigen Minuten ohne Blutfluss beginnt bereits der Infarkt und Hirngewebe stirbt ab. Noch kann das Gehirn sich davon erholen, aber je länger dieser Zustand anhält, um so bedrohlicher wird es für den Patienten, und umso gravierender sind die Folgen. Als lebensrettend erweist sich für viele die Thrombolyse – also die Gabe von Medikamenten, welche Blutgerinnsel auflösen können. Dies muss jedoch in den ersten 4,5 Stunden nach dem Hirnschlag geschehen, erläutert Professor Wolf- Rüdiger Schäbitz von der Deutschen Schlaganfall- Gesellschaft (DSG). Besser noch ist bei größeren Verstopfungen eine Thrombektomie – das hat man in den letzten Jahren herausgefunden. Zwar werden auch hier Medikamente gegeben, zusätzlich werden die Blutgerinnsel im Gehirn jedoch mechanisch entfernt. Dazu wird ein Katheter von der Leiste aus im Inneren der Gefäße bis in Gehirn vorgeschoben. Mithilfe spezieller Röntgenaufnahmen oder der Magnetresonanztomografie steuert der Arzt seine Geräte bis zu dem Gefäßverschluss. Dort wird dann ein Drahtgeflecht entfaltet, mit dem das Gerinnsel eingefangen und aus dem Körper entfernt werden kann. „Die Ergebnisse sind so klar, dass derzeit von einer Revolution in der Schlaganfalltherapie gesprochen wird“, sagte Professor Hans-Christoph Diener auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN), nachdem im Jahr 2015 gleich sechs Studien in Folge die Vorteile der neuen Methode belegt hatten. Für die 633 Patienten in diesen Studien war die Wahrscheinlichkeit, einen Schlaganfall mit nur minimalen Behinderungen zu überleben, ganze 2,5 Mal höher gewesen, als für 650 Patienten, die lediglich mit Medikamenten behandelt worden waren.

In bis zu 90 % aller Fälle war es gelungen, die Gefäße wieder durchgängig zu machen – gegenüber einer Rate von nur 40 – 50 % für Medikamente allein. Skeptiker hatten befürchtet, dass die mechanische „Putzaktion“ zu einer erhöhten Rate von Hirnblutungen führen könnte, doch dies war nicht der Fall. Um sicherzustellen, dass möglichst viele Patienten von der neuen Therapie profitieren, ist man nun dabei, an den auf Schlaganfälle spezialisierten Einrichtungen die nötigen Behandlungsplätze für annähernd 10. 000 zusätzlichen Eingriffe pro Jahr alleine in Deutschland zu organisieren. Dort, wo eine Katheterbehandlung noch nicht möglich ist, gibt es erst per Infusion ein Medikament, welches das Gerinnsel auflösen soll. Wenn sich herausstellt, dass eine Thrombektomie sinnvoll ist, wird der Patient mit dem Krankenwagen in eine Klinik transportiert, die für den Eingriff gerüstet ist. In einem Netzwerk von 17 Kliniken im Ruhrgebiet – darunter 8 mit Katheterbehandlung – wurde dieses Prinzip bereits erfolgreich getestet.

Je länger es dauert, bis ein Patient in die Klinik kommt, umso schlechter werden die Chancen auf vollständige Genesung. Dieses Zeitfenster beträgt für die medikamentöse Behandlung nur viereinhalb Stunden, manchen Studien zufolge sind es maximal sechs Stunden. Die Thrombektomie scheint nun das Fenster weiter zu öffnen. Hier gibt es Daten, wonach der Eingriff auch noch 12 Stunden nach dem Schlaganfall sinnvoll sein kann, und bei manchen sorgfältig ausgewählten Patienten sogar noch nach 24 Stunden. Eine klare Obergrenze ist passé, wie die flugs aktualisierten Leitlinien der DGN und der DSG betonen.

Vorhersage per Computer

Ein Schlüssel zum Erfolg liegt in der Auswahl der Patienten. Aufnahmen mithilfe der Computertomographie oder Kernspintomographie zeigen die blockierten Gefäße. Hochrechnungen daraus erlauben es abzuschätzen, wie groß das Infarktgebiet ohne Intervention wachsen wird. Längst nicht jeder ist geeignet – sei es, weil die Blutungsgefahr zu groß oder die Chancen auf eine Erholung zu klein sind.
Gleichzeitig wollen die Neurologen aber auch eine große Gruppe bislang unterversorgter Patienten erreichen: Es handelt sich um diejenigen, die während des Schlafes von einem Schlaganfall getroffen werden. Bisher musste man zur Sicherheit davon ausgehen, dass der Beginn des Schlaganfalls just nach dem zu Bett gehen lag.

Nächstes Ziel: Der Schlag im Schlaf

Bis zu einem Viertel aller Patienten mit einem ischämischen Hirninfarkt kamen damit für die Anwendung Gerinnsel-lösender Arzneien (Thrombolyse) nicht mehr in Frage, auch weil die Anwendung dieser Substanzen in den meisten europäischen Ländern nur in einem Zeitfenster von bis zu viereinhalb Stunden zugelassen ist und gemäß der Leitlinien nur in wohl begründeten Ausnahmen auch noch später erfolgen soll.
Eine Studie unter der Leitung von Wissenschaftlern des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf, hat jedoch auch für den Schlaganfall im Schlaf neue Maßstäbe gesetzt: Mithilfe spezieller Aufnahmen und Auswertungen der Magnetresonanztomographie wurde mit hoher Genauigkeit vorhergesagt, für wenn die Thrombolyse sich trotzdem lohnt. Nachdem jener Teil der Patienten mit Verschlüssen in großen Gefäßen für eine Thrombektomie „aussortiert“ wurde, bekamen die verbliebenen 503 nach dem Losprinzip entweder eine Thrombolyse oder eine Scheinbehandlung. Tatsächlich erreichten unter den vorselektierten Patienten mit einer Thrombolyse immerhin 53,3 % ein gutes klinisches Ergebnis gegenüber den 41,8 % in der Kontrollgruppe.

Ziel ist die flächendeckende Versorgung

Fest steht, dass die Neurologen mit ihren sorgfältig geplanten Studien, und unterstützt mit enormen Summen aus der Industrie, die Versorgung vieler Schlaganfallpatienten beträchtlich verbessert haben. Ein noch größerer Anteil am Erfolg dürfte wohl dem Ausbau einer flächendeckenden Versorgung mit spezialisierten Einrichtungen zuzuschreiben sein. Aber noch sind es jährlich mehr als 300.000 Menschen, die in Deutschland, Österreich und der Schweiz einen Schlaganfall erleiden. Deshalb ist Vorbeugung wichtig.

Der wichtigste Risikofaktor ist ein erhöhter Blutdruck. Er erhöht das Risiko für einen Schlaganfall um das zwei- bis fünffache und ist somit für fast 60 % aller durch einen Schlaganfall verlorenen „guten“ Lebensjahre verantwortlich. Ähnlich drastisch wie für den Blutdruck ist die Risikoerhöhung bei Diabetikern, bei Menschen mit erhöhten Blutfetten, und bei Rauchern. All diese Risikofaktoren ließen sich bekämpfen durch mehr Bewegung, Rauchverzicht, und eine gesündere Ernährung. Viel Obst und wenig Salz lautet hier die wichtigste Empfehlung. So wären 70 % aller Hirninfarkte vermeidbar, glaubt Michael Brinkmeier, Vorstand der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe.

Was bedeutet das für Sie?

  • Ein Schlaganfall muss sofort behandelt werden. Charakteristisch sind u. a. extreme und plötzliche Kopfschmerzen, Störungen der Sprache, sowie halbseitige Lähmungen. Dann sollte sofort der Notarzt gerufen (Euronotruf 112) werden.
  • Für einen Teil der Patienten kommt zusätzlich zu Arzneien die Thrombektomie in Betracht. Sie erlaubt es, von der Leiste her mit einem Katheter Blutgerinnsel aus großen Gefäßen des Gehirns zu entfernen. Dies kann offenbar in einem Zeitfenster von bis zu 12 Stunden oder länger geschehen.
  • Der Anteil von Patienten, die einen größeren Schlaganfall Dank Thrombektomie ohne, oder mit nur geringen Behinderungen überleben, lag bei 46 %. Mit der alleinigen Gabe von Medikamenten gegen Blutgerinnsel waren es nur 26,5 %. Die Versorgung ist allerdings noch nicht flächendeckend, sodass manche Patienten im Erstkrankenhaus zunächst nur Medikamente bekommen, und dann für die Thrombektomie verlegt werden.
  • Obwohl Fachärzte von den Erfolgen der Thrombektomie begeistert sind, lassen sich mehr Menschenleben durch die Vermeidung von Schlaganfällen retten, als durch deren Behandlung. Die besten Rezepte dafür lauten: Bleiben Sie fit (oder werden Sie es), essen sie ausgewogen (aber nicht zu viel), und rauchen Sie nicht.

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