Ein junger Mann mit Bart raucht eine e-Zigarette.
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Medizin-News

Wie gefährlich sind e-Zigaretten?

Experten warnen vor Dampfprodukten, denn sie machen abhängig.

Ausgabe: März 2020 Autor: Simon Hemelryk

Der Markt für E-Zigaretten und Verdampfer boomt. Laut Marktforschungsunternehmen werden in Europa voraussichtlich bis 2023 an die elf Milliarden Euro Umsatz pro Jahr erzielt. Ältere Raucher interessieren sich für E-Zigaretten, weil die Hersteller versprechen, dass sie bei der Entwöhnung von normalen Zigaretten helfen. Junge Europäer fühlen sich durch die Werbung angezogen und davon, dass von ihnen im Vergleich zu herkömmlichen Zigaretten ein vermeintlich geringeres Gesundheitsrisiko ausgeht. In den meisten europäischen Ländern dürfen Personen unter 18 Jahren keine E-Zigaretten kaufen. Online sind sie allerdings ohne Einschränkung erhältlich, ebenso im grenz­überschreitenden Handel und an Kiosken. Mit E-Zigaretten und Verdampfern – die zwei meistverkauften Gerätearten – inhaliert man speziell entwickelte Flüssigkeiten (E-Liquids). Die Geräte enthalten eine batteriebetriebene Verdampfungseinheit. Sie gleichen in der Verwendung dem normalen Rauchen (Hand-zu-Mund), aber ohne Tabak oder Verbrennungsprozesse. Der Verdampfer verfügt über ein Heizelement, das E-Liquids in winzige Partikel umwandelt, die eingeatmet werden. Der Nikotingehalt ist in Europa bei E-Zigaretten gesetzlich auf 20 Milligramm pro Milliliter E-Liquid begrenzt.

 

Alt und Jung halten elektronische Zigaretten für eher ungefährlich.

Doch sind sie wirklich harmlos? Viele Experten behaupten, man könne ihre langfristigen Folgen nicht beurteilen, da E-Zigaretten erst seit rund 13 Jahren auf dem Markt sind. „Uns liegen noch keine wissenschaftliche Beweise vor, wie schädlich E-Zigaretten auf lange Sicht sind“, erklärt Charlotta Pisinger, Expertin für Tabakprävention am Frederiksberg Hospital in Kopenhagen, Dänemark, und Sitz der gemeinnützigen Organisation European Respiratory Society (ERS – Europäische Gesellschaft für Atemwegserkrankungen). „In Tierversuchen haben wir festgestellt, dass sich die Atemwege entzünden, die Lunge vernarbt und dabei die Lungenfunktion beeinträchtigt wird. Das sind Hinweise darauf, dass sich die chronisch obstruktive Lungenerkrankung COPD entwickeln könnte. In Experimenten mit menschlichen Probanden wurde eine akute Verengung der Atemwege nachgewiesen. Studien belegen ferner ein erhöhtes Risiko für Herzinfarkte“, erläutert sie. In den E-Liquids für E-Zigaretten können auch andere schädliche Substanzen enthalten sein. „Es wurden giftige und reizende Chemikalien nachgewiesen, sowohl in den E-Liquids selbst als auch in den durch die Geräte ausgestoßenen Emissionen“, berichtet Dr. Vera da Costa e Silva, Vorsitzende des Sekretariats des WHO-Rahmenübereinkommens zur Eindämmung des Tabakgebrauchs. „Nach unserem derzeitigen Kenntnisstand ist es unwahrscheinlich, dass E-Zigaretten harmlos sind.“

 

Lungenkrankheit in den USA

2019 wurde in den USA eine dreijährige Studie mit 23.000 Probanden ohne Vorerkrankung der Lunge veröffentlicht: Diese belegt, wie schädlich die Produkte sein können. „Das Risiko für Lungenerkrankungen bei E-Zigaretten-Rauchern ist um rund ein Drittel erhöht“, erklärt Professor Stanton Glantz, einer der Studienleiter. „Wir sind zu dem Schluss gelangt, dass E-Zigaretten schädlich sind, unabhängig davon, ob herkömmlicher Tabak geraucht wird.“ Seit April 2019 breitet sich in den USA eine Lungenkrankheit Epidemie-artig aus. Die Betroffenen konsumierten meist E-Zigaretten und Dampfprodukte mit dem Inhaltsstoff THC (einer Substanz, die in Cannabis vorkommt). Untersuchungen ergaben, dass ein Zusammenhang zwischen der Erkrankung und einigen in Liquids enthaltenem Vitamin-E-Acetat besteht. Der US-Behörde für Seuchenkontrolle und -prävention zufolge werden derzeit unterschiedliche Substanzen untersucht, da mehrere Ursachen in Betracht gezogen werden. Solange die Untersuchungen nicht abgeschlossen sind, gibt es nur eine Möglichkeit, sich nicht zu gefährden, heißt es in einer Erklärung der Behörde: „Verzichten Sie auf sämtliche E-Zigaretten- oder Dampfprodukte.“

 

Kein Mittel zur Rauchentwöhnung

E-Zigaretten verursachen nicht nur ernste gesundheitliche Probleme – sie sind auch keine effektiven Hilfsmittel, um sich das Rauchen abzugewöhnen. „Dass E-Zigaretten die beste Methode sind, starke Raucher oder Abhängige vom Tabak zu entwöhnen, ist falsch“, sagt Charlotta Pisinger. Ein Bericht der EU-Kommission aus dem Jahr 2017 hat ergeben, dass von knapp 28.000 befragten Personen nur 14 Prozent der Raucher oder Ex-Raucher es geschafft haben aufzuhören, nachdem sie E-Zigaretten rauchten. Die ERS ist sogar überzeugt, dass das Dampfen Menschen davon abhält, wirkungsvollere und sicherere Wege zu suchen, das Rauchen aufzugeben.
Hunderttausende Europäer konsumieren nach wie vor normale Zigaretten und parallel dazu E-Zigaretten. Noch beunruhigender ist: Es gibt immer mehr Hinweise darauf, dass junge Menschen dampfen, weil es angeblich unschädlich ist. In der Folge werden sie nikotinabhängig und steigen auf Zigaretten um, deren Nikotingehalt höher ist. „Beobachtungen zufolge fangen Minderjährige doppelt so häufig an zu rauchen, wenn sie vorher E-Zigaretten konsumiert haben“, sagt Dr. Vera da Costa e Silva. Eine 2018 in Deutschland durchgeführte Studie mit mehr als 2000 Zehntklässlern (15- bis 16-Jährige) stützt diese These. „Tabakunternehmen profitieren von dieser Situation. Sie verkaufen Rauchern, die zur klassischen Zigarette greifen, zusätzlich alternative Produkte. Und für junge Leute sind E-Zigaretten die Einstiegsdroge“, erklärt Pisinger. Die in E-Zigaretten eingesetzten Aromastoffe sind offenbar auf den Geschmack jüngerer Konsumenten abgestimmt. Viele Händler bieten E-Liquids mit Namen wie „Himbeerbonbon“ oder „Rhabarberlutscher“ an. Manche dieser Geschmacksrichtungen sind nikotinhaltig. Doch auch Aromen, die kein Nikotin enthalten, sind womöglich bedenklich. Noch ist nicht bekannt, welche schädlich sind, beziehungsweise welchen Schaden sie anrichten.

 

Werbung für E-Zigaretten total untersagen?

In den meisten europäischen Ländern ist es verboten, E-Zigaretten an Minderjährige zu vertreiben. Außerdem ist die Werbung für E-Zigaretten in Rundfunk und Printmedien eingeschränkt. Das hält die Tabakunternehmen aber nicht davon ab, Ladenschaufenster ansprechend zu gestalten, ihre Produkte in Supermärkten augenfällig zu präsentieren, Werbestände auf Festivals einzurichten oder auf Bussen für E-Liquids zu werben – wie früher für Zigaretten. Die Firmen bewerben ihre Produkte auch indirekt – durch Fotos junger, trendbewusster Nutzer auf Instagram, mit YouTube-Anleitungen, wie man zum Beispiel mit Dampf Ringe bläst, und mit Twitter-Beiträgen. Tabakunternehmen möchten zudem erreichen, dass E-Zigaretten in den nationalen Gesetzen anders behandelt werden als herkömmliche Zigaretten. Zu diesem Zweck gab es 2019 eine Petition eines großen Tabakanbieters und kleiner und mittlerer Unternehmen der E-Zigaretten-Branche an die EU-Kommission.
Auf Politico Europe, einer einflussreichen Website, hat der Tabakkonzern Philip Morris Inhalte gesponsert, die E-Zigaretten als Alternativprodukte darstellen, die Menschen unterstützen, um von Zigaretten loszukommen. Trotz aller Warnungen gilt das Dampfen in großen Teilen Europas bislang nicht als ernsthaftes Gesundheitsproblem. „Die Tabakindustrie hat [mit E-Zigaretten] eine Möglichkeit gefunden, all das infrage zu stellen, was bislang erreicht wurde, um das Rauchen zu beschränken“, meint Professor Stanton Glantz.
Manche Länder und Unternehmen haben bereits reagiert. Griechenland und Norwegen haben die Werbung für E-Zigaretten komplett untersagt. Das Rahmenübereinkommen zur Eindämmung des Tabakgebrauchs schlägt eine Besteuerung von E-Zigaretten vor, damit Minderjährige sie sich nicht so leicht leisten können. Südkorea und Belgien besteuern die Produkte bereits in gleicher Höhe wie Tabak. Apple, Hersteller des iPhone, kündigte am 15. November 2019 an, alle Apps, die in Verbindung mit E-Zigaretten und Verdampfern stehen, aus dem App-Store zu entfernen. Das wirkungsvollste Mittel, das dem Staat zur Verfügung steht, ist wahrscheinlich, die Verfügbarkeit stark einzuschränken. In etlichen Ländern sind E-Zigaretten inzwischen verboten, wie beispielsweise in Singapur, Argentinien, Indien, Brasilien, Thailand und Kambodscha. In Europa untersagte Belgien unlängst den Online-Handel und den grenzüberschreitenden Verkauf, doch solche Verbote sind in der Regel schwer durchzusetzen.

„E-Zigaretten machen süchtig, und wir wissen noch nicht, wie schädlich sie sind“, warnt Charlotta Pisinger. „E-Zigaretten machen abhängig“, pflichtet Luis Saboga-Nunes bei, Präsident für Gesundheitsförderung bei der European Public Health Association (Europäischen Gesellschaft für öffentliche Gesundheit). „Aus gesundheitspolitischer Sicht gibt es kein Argument, E-Zigaretten zu verteidigen.“

 


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