Gesund durchs Jahr: der Herbst
© ivanko80 / Fotolia.com
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Natürlich heilen

Gesund durchs Jahr: der Herbst

Die moderne Medizin vollbringt an vielen Stellen wahre Wunder. Manchmal helfen aber auch naturheilkundliche Therapien oder altbewährte Hausmittel. Was gegen typische Beschwerden der Jahreszeit und zeitlose Volkskrankheiten hilft, erfahren Sie in unserer Reihe „Gesund durchs Jahr“.

Ausgabe: September 2015 Autor: Anke Nolte

Der Herbst beginnt, draußen wird es ungemütlich. Umso mehr locken Schokolade und Kekse auf dem heimischen Sofa. Doch aufgepasst: Auch Stubenhockern drohen im Herbst die ersten Erkältungen der Saison, und der Bewegungsmangel leistet Rückenproblemen und Zivilisationskrankheiten wie Diabetes Vorschub.

Erkältung

Bei Triefnase, Halsschmerzen oder Husten heißt es buchstäblich: abwarten
und Tee trinken. Einmal angesteckt lässt sich gegen die Ursache der Erkältung – Viren – ohnehin nichts mehr ausrichten. Wohl aber können Sie die Beschwerden mit altbewährten Hausmitteln oder Medikamenten lindern.

Das bietet die Schulmedizin: Als Andrea Böhm das letzte Mal starke Halsschmerzen hatte, gurgelte sie nicht wie sonst mit Salbei. Stattdessen lutschte sie Tabletten mit Benzocain. „Das hat sehr gut geholfen“, erzählt die 46-Jährige, die bei einem Medizintechnik-Unternehmen in Berlin beschäftigt ist. „Weil dieser Wirkstoff zudem die Schmerzen betäubt, konnte ich weiterarbeiten.“
Gegen starke Hals- oder Kopfschmerzen wirken auch Ibuprofen, Azetylsalizylsäure (Vorsicht: nicht beziehungsweise nur auf ärztliche Anweisung bei Kindern anwenden!) oder Paracetamol, die zudem Fieber senken. „Generell empfiehlt es sich aber, mit Schmerz- und fiebersenkenden Medikamenten zurückhaltend umzugehen“, erklärt Dr. Hans-Michael Mühlenfeld, Vorsitzender des Haus­ärzteverbands Bremen. „Fieber ist Ausdruck einer gesunden Abwehrreaktion, die Sie besser nicht unterdrücken.“

Bei hohem oder anhaltendem Fieber sollten Sie allerdings einen Arzt auf­suchen. „Dann kann eine echte Grippe, eine Nasennebenhöhlen- oder Lungenentzündung dahinterstecken“, so Mühlenfeld. Das wirksamste Mittel gegen eine Erkältung, so der Arzt aus Bremen, ist und bleibt Ruhe. So kann der Körper die Viren niederkämpfen. Andrea Böhm erzählt: „Ich treibe oft selbst noch zwei Wochen nach einer überstandenen Erkältung keinen Sport, weil mir mein Körper sagt: noch nicht.“

Das bietet die Naturheilkunde: Ob Hühnerbrühe, Dampfbad, Kräutertees oder Gurgeln: Erkältung ist die eigentliche Domäne der Hausmittel. Sobald es bei Almuth Winnert* im Hals kratzt, kocht sie sich einen Ingwer- oder Zistrosentee. Das Harz in den Blättern der Zistrose – einem Strauch aus dem Mittelmeerraum – soll gegen Bakterien, Viren und Pilze wirken, die Scharfstoffe im Ingwer Entzündungen und Husten lindern. Die Ingwerknolle schneidet die 54-jährige Lehrerin aus Brandenburg in Scheiben, übergießt sie mit heißem Wasser und lässt das Gebräu ziehen.

Viel trinken, sich schonen, Schleim lösen – das empfehlen auch Ärzte bei Erkältungen. „Sehr gute Schleim­löser sind Thymian, Enzian oder Efeu“, erklärt Dr. Rainer Stange von der Abteilung Naturheilkunde des Immanuel Krankenhauses Berlin. Diese bekommen Sie als Tee sowie als Saft, Sirup oder Dragees.

Durch Inhalieren – möglichst mehrmals am Tag – löst sich Schleim in den Atemwegen leichter. Zudem sorgen Wasserdampf und eventuelle Zusätze dafür, dass die geschwollenen Nasenschleimhäute sich beruhigen – Sie bekommen besser Luft. Als Zusatz eignen sich Kamillenblüten, Kochsalz und ätherische Öle wie Eukalyptus oder Latschenkiefer. Auch Hühnerbrühe verdünnt zähe Sekrete in Bronchien und Nasennebenhöhlen – und zwar nachweislich wirksamer als heißes Wasser. Offenbar wirken Eiweiße in der Suppe gegen Entzündungen und geschwollene Schleimhäute.

Lässt sich eine beginnende Erkältung noch verhindern? „Studien zeigen, dass unter anderem Echinacea – also Extrakte des Sonnenhuts – das Immunsystem aktivieren kann. Es muss aber bei den ersten Krankheitszeichen rasch eingesetzt werden“, sagt Naturheilkundler Dr. Stange.

Das bietet die Homöopathie: Almuth Winnert schwört nicht nur auf ihre Tees, sondern auch auf ein spe­ziell homöopathisch aufbereitetes Bakterien- und Virenprodukt, welches das Immunsystem stärken soll.

Homöopathie (homoios = griechisch „ähnlich“) setzt auf das Ähnlichkeitsprinzip: Eine Substanz, die bei gesunden Menschen Symptome auslöst, kann kranke Menschen heilen, die an eben diesen Beschwerden leiden. Bei einem Schnupfen läuft zum Beispiel die Nase und die Augen tränen – ganz wie beim Zwiebelschneiden. Linderung kann hier Allium cepa, hergestellt aus der Küchenzwiebel, bringen.

Die Grundsubstanzen homöopatischer Mittel – gewonnen aus Pflanzen, Tieren, Metallen oder Mineralien – werden bei der sogenannten Potenzierung stark verdünnt und anschließend verschüttelt. Die Auswahl des Mittels richtet sich nach individuellen Krankheitszeichen und Persönlichkeitsmerkmalen des Patienten.
Als Schnupfenmittel gilt beispielsweise auch Pulsatilla (Kuhschelle) – aber nur wenn das Sekret gelblich-dickflüssig ist und der Patient viel Trost braucht. Bei einem wässrigen Schnupfen und ruheloser Stimmung ist dagegen Arsenicum album (weißes Arsenik) angeraten. Als klassisches Fiebermittel gilt bei unruhigen, ängstlichen Menschen, deren Haut eher trocken ist, Aconitum napellus (Blauer Eisenhut). Ist die Haut hin­gegen verschwitzt und der Patient weniger ängstlich, ist Belladonna (Toll­kirsche) die richtige Wahl.

Die Maßnahmen von Almuth Winnert jedenfalls scheinen zu wirken. „Wenn ich auch nur einen Anflug einer Erkältung verspüre, sind die Symp­tome mit diesen Mitteln nach zwei Tagen wieder verschwunden“, sagt sie.

Unser Fazit: Bei einer gewöhnlichen Erkältung ist Ihnen mit Hausmitteln und Naturheilkunde am besten gedient. Homöopathie kann einen Versuch wert sein – es ist aber nicht einfach, das richtige Mittel zu finden. Eine tiefgreifende homöopathische Behandlung ist nur bei einem Homöo­pathen möglich. Bei länger
anhaltendem oder hohem Fieber brauchen Sie ärztliche Hilfe.

Rückenschmerzen

Fast 80 Prozent der Deutschen und Österreicher hatten schon einmal Rückenprobleme. „Schmerzen im Kreuz – das ist wie ein Tritt vors Schienbein: Es tut weh, ist aber meistens nicht gefährlich“, so formuliert es der Bremer Hausarzt Dr. Hans-Michael Mühlenfeld. Oft machen zu viel Stress und langes Sitzen dem Rücken zu schaffen, sodass es zu Muskelverspannungen und Blockaden kommen kann.

Das bietet die Schulmedizin: Früher haben Ärzte zur Schonung geraten, heute heißt es: Bleiben Sie körperlich aktiv. „Ich gebe meinen Patienten meistens Rückenübungen an die Hand“, sagt Dr. Mühlenfeld.

Schmerzmittel spielen eine wichtige Rolle in der Therapie. „Frei verkäufliche Präparate können in den ersten Tagen verhindern, dass die Betroffenen in einen Teufelskreis geraten aus Schmerz, Schonhaltung und noch mehr Schmerz“, erklärt der Experte. Ohne Rücksprache mit dem Arzt sollten Schmerzmittel allerdings nur wenige Tage hintereinander genommen werden, da sie Magen und Leber strapazieren sowie im schlimmsten Fall zu inneren Blutungen führen können.

Die Schulmedizin verfügt aber auch über eine ganze Palette nicht-medikamentöser Maßnahmen: von Massagen über die klassische Physiotherapie, Wärmeanwendungen, Manuelle Therapie bis hin zur Osteopathie oder zur Behandlung mit Reizstrom. Bei chronischen Rückenschmerzen ist eine Kombination aus medizinischen, psychologischen und physiotherapeutische Maßnahmen angezeigt.

Leichte Rückenschmerzen lassen sich manchmal mit einfachen Tricks lindern: Schalten Sie die Sitzheizung im Auto an, oder wärmen Sie Ihren Rücken durch ein Unterhemd aus Wolle.

Das bietet die Naturheilkunde: Wärme, Kälte, Krankengymnastik und Co. spielen auch in der Naturheilkunde eine große Rolle. Im Immanuel Krankenhaus in Berlin zum Beispiel verschafft der Aufenthalt in einer Kälte­kammer bei minus 110 Grad nicht nur Rheumapatienten, sondern auch Patienten mit chronischen Rückenschmerzen Linderung.

„Auch von heißen Bädern halte ich sehr viel“, erklärt Dr. Rainer Stange von der Abteilung Naturheilkunde am Immanuel Krankenhaus. Als Bade­zusatz empfiehlt er etwa Heublume, ein traditionelles Hausmittel bei Muskelverspannungen.
Schmerzmittel können auf Dauer schaden, daher verweist Stange auf Alternativen aus der Natur: „Tabletten mit Teufelskralle wirken so gut wie ein niedrig dosiertes Antirheumatikum.“ Die Rinden der Weide oder auch Zitterpappel enthalten Salizylate, die im Körper zu Salizylsäuren umgewandelt werden und ähnlich wirken wie das Schmerzmittel Azetylsalizylsäure (ASS). Aus­reichend erforscht sind diese Mittel aber noch nicht, schränkt Dr. Stange ein. Gut belegt dagegen ist die Wirkung von wärmenden Pfeffersalben und -pflastern mit dem Wirkstoff Capsaicin.

Zusätzlich zum klassischen Ausdauer- und Krafttraining setzt die Naturheilkunde auf erweiterte Bewegungsformen wie Tai-Chi, Qigong oder Yoga. Sie schulen die Körperwahrnehmung und beinhalten Atemübungen sowie Meditation.

Das bietet die Homöopathie: Rhus toxicodendron (Gifteiche) soll nicht nur bei Hexenschuss und Schmerzen am Bewegungsapparat helfen, sondern auch bei Zerrungen und Überanstrengung. Vor allem, wenn die Schmerzen nach starkem Schwitzen und Abkühlung auftreten und sich durch Wärme und Bewegung bessern.

Ist der Hexenschuss durch relativ geringe körperliche Anstrengung hervorgerufen, könnte Calcium carbonicum (Kalziumkarbonat) das richtige Mittel sein. Bei Ischias­schmerzen kommen Belladonna (Tollkirsche), Lachesis (Gift der Buschmeisterschlange) und Nux vomica (Brechnuss) infrage.

Unser Fazit: Bei Rückenschmerzen helfen in der Regel Bewegung sowie körperliche und psychische Entspannung. Schmerzmittel und Wärme können über die ersten Tage hinweghelfen. Homöopathische Mittel sind eine
Alternative – am besten ausgewählt von einem homöopathischen Arzt oder Heilpraktiker.

Diabetes

Zirkuliert zu viel Zucker im Blut, schädigt das auf Dauer Blutgefäße und periphere Nerven. Im schlimmsten Fall – wenn die Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus) unbehandelt bleibt – drohen Herzinfarkt, Schlaganfall, Nieren­versagen, Erblindung und Fußamputation. 

Das bietet die Schulmedizin: Die meisten der etwa 6,6 Millionen Menschen, die allein in Deutschland und Österreich unter Diabetes leiden, sind sogenannte Typ-2-Diabetiker. Ihr Körper produziert zwar Insulin, jedoch reagieren ihre Zellen nicht mehr ausreichend darauf. Mindestens ein Viertel dieser Patienten müsste keine blutzuckersenkenden Medikamente einnehmen, wenn sie ihren Lebensstil ändern würden, sagen Experten.

„Manchmal reicht es schon aus, auf Lebensmittel mit viel Zucker zu verzichten“, erläutert Dr. Mühlenfeld. Das bedeutet nicht, dass Diabetiker generell Zucker aller Art meiden müssen. Willkommen sind komplexe Kohlehydrate – Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte, gekochte Kartoffeln –, die nicht so schnell ins Blut übergehen. Diabetiker sollten  wenig Fleisch und tierische Fette, dafür mehr Gemüse, Fisch und pflanzliche Fette zu sich nehmen.

Bleibt der Blutzuckerwert zu hoch, helfen Medikamente, die häufig den Wirkstoff Metformin enthalten. Reicht das vom Körper produzierte Insulin trotz der Tabletten nicht aus, muss Insulin gespritzt werden. „Das ist heute aber nur noch eher selten der Fall“, berichtet Mühlenfeld. Dann ist es allerdings lebensnotwendig.

Das bietet die Naturheilkunde: „Ich bin meinen Diabetes durch Fasten losgeworden“, sagt Eva Tanner. Die 71-jährige Autorin aus Berlin hat sich einer Fastentherapie an einer naturheilkundlichen Klinik unterzogen. „Mein Blutzucker war die letzten Monate alarmierend hoch, bei 160 bis 170. Jetzt ist er unter 100 gesunken.“ Damit liegt ihr Nüchternblutzucker auch nach Beendigung des Fastens im Normbereich.

Von einem Diabetes spricht man, wenn die Werte an zwei Tagen hintereinander 126 Milligramm Glukose pro Deziliter übersteigen. „Studien zeigen, dass die Patienten über die eigentliche Fastenzeit hinaus wieder besser aufs körpereigene Insulin reagieren“, sagt Dr. Stange vom Immanuel Krankenhaus. Neben einer Fastenkur scheinen auch sogenannte Schalttage, wie zum Beispiel eine Apfel-Reis-Diät an einem Tag in der Woche, bei Diabetes günstig zu sein. Diese sollte man jedoch nur einlegen, wenn man keine Medikamente gegen Diabetes einnehmen oder spritzen muss.

Sieben Kilogramm hat Eva Tanner durch den Klinikaufenthalt abgenommen, und sie will weiter­machen. „Ich gehe jeden Tag schwimmen, steige auf den Heimtrainer und möchte wieder Fahrrad fahren.“

Das bietet die Homöopathie: Diabetes ist keine Erkrankung, die mit Homöopathie ursächlich behandelt werden kann.

Unser Fazit: Mit einfachen Maßnahmen wie gesunder Ernährung, mehr Bewegung und Gewichtsabnahme lässt sich bei Diabetes viel erreichen. Eine Kontrolle der Blutzuckerwerte durch einen Arzt ist aber unverzichtbar. Sich nur auf Naturheilkunde oder andere alternative Methoden zu verlassen, kann lebensgefährlich werden!


 

RD Abbinder
RD Abbinder
RD Abbinder

Reader's Digest Deutschland: Verlag Das Beste GmbH - Vordernbergstraße 6, 70191 Stuttgart