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Zehn Tipps für einen Neustart im Beruf
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Zehn Tipps für einen Neustart im Beruf

Wann ist der richtige Moment, sein Leben erfolgreich zu verändern?

Ausgabe: April 2017 Autor: Peter Woolrich

In diesem Artikel:

10 Tipps für den Job-Wechsel

Fast 20 Jahre lang befüllte José Luis-Reig – genannt Pep – im Supermarkt seiner Familie auf Mallorca Regale und saß an der Kasse. Eine akademische Laufbahn schien für ihn undenkbar. Doch als seine Töchter begannen, sich für ein Studium zu interessieren und er mit ihnen die Univer­sitäten auf dem spanischen Festland besichtigte, spürte er, dass er sich in der Welt des Lernens zu Hause fühlte.

Ursprünglich wollte Luis-Reig nach der Schule Biologie studieren. Doch es kam anders, und er musste in den Familienbetrieb einsteigen. Eine Frage nagte allerdings an ihm: „Was ist meine Rolle im Leben? Was für Ziele habe ich?“ Erst ein Jahr nach der Besichtigungs-Tour wurde Luis-Reig plötzlich klar, was er wirklich machen wollte. Schon in der Schule waren andere mit ihren Problemen zu ihm gekommen. Das sprach sich herum, und er wurde sogar von einem lokalen Radiosender zu einer Sendung eingeladen. Dabei sagte der Moderator: „Du bist ja ein richtiger kleiner Psychologe.“ Dieser Satz fiel ihm nun wieder ein. Er diskutierte die Idee mit seiner Familie und bewarb sich an der Universität von Palma um einen Studienplatz für Psychologie. Der damals 46-Jährige wurde angenommen.

Sogar Luis-Reigs Professor war jünger als er

Luis-Reig stand jeden Tag um fünf Uhr früh auf, um im Geschäft nach dem Rechten zu sehen. Dann überließ er den Laden seinen Mitarbeitern und fuhr 35 Kilometer zur Universität. „Dass ich so viel älter war als die anderen Studenten – daran musste ich mich erst gewöhnen“, erzählt er. „Sogar mein Professor war jünger als ich. Doch am Ende unterstützte ich die anderen, denn ich hatte mehr Lebens-Erfahrung. Nur auf die ganzen Partys konnte ich leider nicht gehen!“

Pep Luis-Reig schloss als Jahrgangs-Bester ab und beeindruckte seine Tutoren so, dass er eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter angeboten bekam. Er nahm sie an und studiert inzwischen im Master-Studiengang Neuropsychologie. Der mittlerweile 52-Jährige sagt: „Ich bereue lediglich, dass ich das nicht schon eher gemacht habe.“

Zufriedenheit am Arbeitsplatz wird mit dem Alter wichtiger

Früher galt, dass man sich in jungen Jahren ruhig ausprobieren und umentscheiden konnte. Doch dann legte man sich auf einen Beruf fest und übte diesen bis zur Rente aus. Das ist heute anders, es gab noch nie so viele über 50-Jährige, die sich neuen Herausforderungen stellen. „Die Zufriedenheit am Arbeitsplatz wird umso wichtiger, je älter man wird“, erklärt Carolyn May, die mit 58 den Lehrberuf an den Nagel hängte und in Wales ein Unternehmen gründete, um andere beim Berufswechsel zu unterstützen. „Wer möchte schon den Rest seines Lebens bedauern, dass er seine Träume nicht verwirklicht hat“, sagt May, die inzwischen eine neue Firma gegründet hat.

Staatliche Programme pro ältere Mitarbeiter

In Frankreich und Großbritannien gibt es staatliche Programme, die Vorbehalte gegen die Beschäftigung älterer Mitarbeiter abbauen sollen. Die französische Regierung gibt Unternehmen finanzielle Anreize, Bewerber über 45 einzustellen. „Damit sollen nicht nur die Arbeitsmarkt-Chancen Älterer, sondern auch die Integration junger Menschen ins Arbeitsleben gefördert werden. So stellen wir den lebenswichtigen Wissenstransfer zwischen den Generationen sicher, bevor die geburtenstarken Jahrgänge in Rente gehen“, stellt Jeanne Strausz vom französischen Arbeits-Ministerium fest. „Ältere sind die Voraussetzung für die künftige Wettbewerbs-Fähigkeit eines Unternehmens!“

Kein festes Rentenalter mehr in Großbritannien

In Großbritannien hat die Abschaffung des festen Rentenalters die Art verändert, wie die Menschen über ihr Arbeitsleben denken. Die Möglichkeit, sich einen Teil der Rente schon mit 55 Jahren als Geldbetrag auszahlen zu lassen, öffnet denjenigen finanziell Türen, die sich in der Lebensmitte verändern möchten. Es gibt auch Menschen, die in der Konjunktur-Schwäche eine Chance sehen und sich von einer Entlassung motivieren lassen.

Finanzielles Polster macht Job-Wechsel einfacher

„Wer mit einem finanziellen Polster aus dem Job aussteigt, kann neue Wege einschlagen“, berichtet Dr. Vincent Giolito, Forscher an der Solvay Brussels School of Economics and Management. Er ist selbst mit 50 in die akademische Welt gewechselt. Vorher war er 20 Jahre lang Wirtschafts-Journalist. „Viele ehemalige Manager arbeiten freiberuflich als Berater oder investieren in ein neu gegründetes Unternehmen“, sagt er.

Auch manche Arbeitgeber merken, dass ältere Mitarbeiter wertvolle Perspektiven bieten. Die britische Baumarktkette B&Q beispielsweise verfolgt offiziell eine altersneutrale Einstellungspolitik. „28 Prozent unserer Beschäftigten sind über 50“, verrät ein B&Q-Sprecher. „Als Eigenheimbesitzer können sie den Kunden und jüngeren Mitarbeitern viel aus eigener Erfahrung berichten.“

Eine Umschulung schreckt viele ab

Manchmal setzen berufliche Veränderungen eine Umschulung voraus. Das schreckt viele ab, weil sie keine finanziellen Reserven haben oder sich davor fürchten, wieder die Schulbank zu drücken. Und wie das Beispiel von Pep Luis-Reig zeigt, kann Lebens-Erfahrung durchaus Vorteile bringen. Wenn die Kinder aus dem Haus sind, ist das Risiko eines solchen Schritts in dieser Lebens-Phase möglicherweise am geringsten.

Ausbildung mit 50+

Bei der britischen Barclays Bank gibt es ein Programm, das ältere Erwerbstätige dazu ermutigen soll, eine Ausbildung zu machen. „Die Aufstiegschancen sind unbegrenzt“, meint Mike Thompson, der das Ausbildungsprogramm leitet. Eine Ausbildung dauert ein bis fünf Jahre und setzt sich aus bezahlter praktischer Tätigkeit und wöchentlichen Theorieeinheiten zusammen.

In Großbritannien begannen im vergangenen Jahr mehr als 32.000 Menschen über 50 eine solche Ausbildung. Auch wer umschulen muss, fängt ja nicht wieder ganz von vorn an. Viele können im neuen Beruf Fertigkeiten einsetzen, die sie in ihrer früheren Tätigkeit erworben haben – nur eben auf andere Weise.

Lehren, Forschen, Kochen lernen

Neben seiner Lehr- und Forschungs-Tätigkeit im Rahmen seiner Promotion in Psycholinguistik schrieb Marek Brzezinski aus Lód in Polen Reiseartikel für die Zeitschrift Odglosy. Das tat Brzezinski auch weiterhin, nachdem er mit 30 sein Studium abgeschlossen, geheiratet und eine Familie gegründet hatte. Später zog er nach London, dann nach Paris, wo er Psychologie und Anthropologie an der Schiller International University unterrichtete. Nebenher arbeitete er für Radio France International und Polish Radio in Warschau.

Außerdem hatte Brzezinski schon immer Interesse an gutem Essen. In Paris kam er auf seinem Weg zur Uni jeden Tag an der berühmten Kochschule Le Cordon Bleu vorbei. Eines Tages betrat er sie mit der vagen Idee, einen Artikel darüber zu schreiben. Doch als er die Küche sah, mit ihren blitzblanken Töpfen und Pfannen, hatte er das Gefühl, dass sich ihm hier eine Gelegenheit bot, sich neu zu orientieren. „Mit 57 konnte ich meine journalistischen Fähigkeiten mit meiner Leidenschaft für gutes Essen kombinieren und Restaurant-Kritiker werden. Und wenn ich etwas mache, dann will ich es richtig machen und alles ganz genau wissen.“

Neun harte Monate Kochschule statt Professoren-Dasein

Deshalb meldete er sich zu einem neunmonatigen Kurs an der Kochschule an. Für Brzezinski war das eine große Veränderung. „An der Uni war ich daran gewöhnt, dass jeder sagte: „Ja, Herr Professor, nein, Herr Professor.“ Doch jetzt war ich es, der sagte: „Ja, Chef, nein, Chef.“ Mehr als einmal war ich nahe dran, mein Messer hinzuwerfen und aufzugeben. Aber man muss sich durchbeißen.“

Zeitschriften-Artikel als Restaurant-Kritiker und Gastro-Kolumnist

Brzezinski schloss den Kochkurs im September 2012 ab. Der mittlerweile 61-Jährige hat es nie bereut. Er schreibt eine wöchentliche Kolumne für die Zeitschrift Angora, die in Polen, Deutschland und in den USA erscheint. „Ich würde jedem, der sich verändern möchte, raten, sein Potenzial kritisch zu beurteilen und realistisch zu sein“, empfiehlt er.

Le Cordon Bleu, das Schulen in mehreren europäischen Ländern betreibt, freut sich über solche Bewerber. „Die meisten unserer älteren Schüler bringen viel Begeisterung mit, die sie in eine neue Karriere einbringen möchten“, bestätigt Pressesprecherin Sandra Messier. „Ihre Führungs-Qualitäten und ihre organisatorischen Fähigkeiten sind meist besser als die der jungen Teilnehmer, und unsere Kurse sind gewöhnlich kurz und zielführend. Das heißt, sie können schnell in die neue Karriere einsteigen.”

Oft lösen private Erfahrungen berufliche Veränderungen aus

Menschen wie Pep Luis-Reig starten durch, um Dinge zu tun, die sie schon immer gern tun wollten. Andere waren in ihrem früheren Beruf vielleicht ganz zufrieden, müssen aber auf eine plötzliche Veränderung reagieren, die ihnen neue Perspektiven eröffnet. Der gebürtige Chilene Primo Sule siedelte 1974 nach Großbritannien um und studierte dort zunächst Sport auf Lehramt, bevor er an der Universität von Birmingham auf Informatik umstieg. Das Computerzeitalter begann gerade, und als Absolvent war Primo sehr gefragt. Er zog durch ganz Europa und machte Karriere. 1998 wurde er von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) angeworben. Dort übernahm er Personalverantwortung für 1500 Mitarbeiter und war für 25 Länder in Europa, dem Nahen Osten und Afrika zuständig. „Mir gefiel das gut. Kein Tag war wie der andere, und 99 Prozent meiner Zeit war ich unterwegs – in New York, Hongkong, überall“, erzählt Sule.

Als sein alternder Schwiegervater 2008 dann geistig abbaute, sah Primo Sule, wie schwer es seiner Schwiegermutter fiel, Unterstützung zu finden beim Kochen, Putzen und Versorgen. „Es gab keine Kontinuität in der Betreuung“, erklärt er. „Und ich fand niemanden, der mit seinem Anbieter zufrieden war oder einen Pflegedienst empfehlen konnte.“

Statt als IT-Spezialist arbeitet Primo für die Qualität der Altenpflege

Ein Aha-Erlebnis hatte Sule aber erst 2009, als sein Großvater pflegebedürftig wurde und er sich nach einem Pflegeheim umsah. Er besuchte eine Einrichtung und unterhielt sich lange mit einer Bewohnerin. Ihr tat es gut, dass sich jemand für sie interessierte. Er merkte, dass etwas getan werden musste, um die Qualität der Altenpflege zu verbessern. Am Ende des Jahres traf er die Entscheidung, PwC zu verlassen, um den Altenpflege-Sektor zu analysieren und eine Lösung für Menschen in seiner Lage zu finden. Für seine Familie war diese Umstellung nicht einfach. „Früher war ich nur an zwei oder drei Tagen im Monat zu Hause gewesen, jetzt war ich ständig da“, erzählt Sule. „Meine Frau Diana sorgte sich um die finanzielle Sicherheit – vor allem, weil ich keinerlei Erfahrung im Pflegesektor hatte.“

Anstrengende 16-Stunden-Tage

Sule entdeckte Home Instead, einen US-amerikanischen Anbieter, bei dem Fürsorge den gleichen Stellenwert hat wie Pflege. Home Instead umsorgt seine Kunden – die als „Freunde“ betrachtet werden – zu Hause und sucht geeignete Pflegekräfte, die zu ihnen passen. Primo Sule gründete als Franchise-Partner in Nottingham eine Niederlassung, die mittlerweile seit sechs Jahren läuft. „Die ersten beiden Jahre waren unglaublich anstrengend, mit vielen 16-Stunden-Tagen“, erzählt er. Doch es war die Mühe wert.

2013 führte Sule eine Reihe kostenloser Workshops für Angehörige von Demenz-Patienten durch. Danach kam eine Frau zu ihm, um sich zu bedanken. Sie pflegte ihren Vater allein und hatte Probleme gehabt, seinen Zustand zu verstehen und nicht gewusst, wie sie ihm und sich am besten gerecht werden konnte. „Mein früheres Leben war sicherlich toll“, sagt Sule, „doch die Befriedigung, die ich jeden Tag daraus ziehe, dass ich das Leben anderer verändere, ist so viel erfüllender.“

 

10 Tipps für Umsteiger und Job-Wechsler:

 

Carolyn May, Wales, Rät: 

  1. Seien Sie bereit, umzudenken: Sie müssen lernen, sich selbst ganz anders zu verkaufen.  
  2. Legen Sie sich einen Plan A, einen Plan B und einen Notfallplan zurecht.
  3. Treffen Sie Entscheidungen mit Bauch und Kopf.
  4. Lernen Sie, an Herausforderungen zu wachsen.
  5. Genießen Sie die Veränderung.

 

Primo Sule, England, rät:  

  1. Überlegen Sie sich zunächst, was Sie wirklich wollen.
  2. Legen Sie erst los, wenn Sie auch bereit dazu sind.
  3. Informieren Sie sich, bevor Sie Ihren alten Job aufgeben, sprechen Sie mit Menschen aus Ihrer neuen Sparte.
  4. Beziehen Sie Ihr Umfeld ein. Familie und Freunde eignen sich als Ratgeber.
  5. Glauben Sie daran, dass Sie einen anderen Beruf ausüben können. Sehen Sie sich selbst als Unter­nehmer. RD

 

 

 

 


 

RD Abbinder
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