Abgasvergiftung! Die Langers aus Lünen retten verzweifelten Mann
© Jens Nieth
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Helden des Alltags

Abgasvergiftung! Die Langers aus Lünen retten verzweifelten Mann

Ein Auto steht mit laufendem Motor vor einer Mauer. Darin ein junger Mann, der die Abgase mit einem Schlauch in sein Auto leitet und inhaliert. Ehepaar Langer greift ein.

Ausgabe: Januar 2017 Autor: Annette Lübbers

Es ist ein sonniger, trockener Herbsttag im westfälischen Lünen. Helga und Thomas Langer entscheiden sich für einen Besuch auf dem Friedhof. „Komm“, sagt der 55-jährige Elektriker zu seiner Frau. „Lass uns mit dem Rad fahren. Ein bisschen Bewegung wird uns guttun.“ Die Fahrt dauert nicht lange und viel zu tun gibt es auf dem Friedhof auch nicht. Ein bisschen Unkraut auf dem Grab von Helga Langers Vater zupfen. Den Blumen Wasser geben. Rasch ist alles erledigt.

Nach hause geht es durch den Schlosspark

Auf dem Heimweg möchte die 59-jährige Versicherungskauffrau eigentlich durch die Innenstadt radeln und Schaufenster gucken. Ihr Mann hat dazu keine Lust. Widerwillig gibt Helga Langer nach. „Dann fahren wir eben durch den Park“, sagt sie. Gesagt, getan. Das Paar radelt durch eine Unterführung in den Schlosspark. Vorbei am Schloss Schwansbell führt ihr Weg zu einer weiteren Unterführung.

Seltsam: Vor der Betonmauer steht ein silberner Kleinwagen mit laufendem Motor

Entgegen der Fahrtrichtung. Thomas Langer, der vor seiner Frau fährt, sieht neben der Beifahrertür einen Rucksack liegen. „Komisch“, sagt er sich, „ist da gerade jemand eingestiegen und hat sein Gepäck vergessen?“ Im Vorbeifahren wirft er einen Blick in den Innenraum. Da sitzt nur eine Person – hinter dem Lenkrad. Seltsam. Was macht dann der Rucksack draußen vor dem Auto auf der Beifahrerseite? Und warum fährt der Mann nicht einfach los?

Am Steuer sitzt ein Mann mit leerem Blick

Langer ist schon an dem Auto vorbei, da hört er plötzlich auf, in die Pedale zu treten. Irgendetwas hat ihn irritiert. Er bremst abrupt, stellt sein Fahrrad ab, geht rasch zur Fahrertür. Dahinter sitzt ein junger Mann mit kurzen mittelblonden Haaren. Trotz des kühlen Herbsttages trägt er nur Jeans und T-Shirt. „Hallo Sie, machen Sie auf“, ruft Langer. Langsam, wie in Zeitlupe, dreht der junge Mann im Auto den Kopf. Sein Blick wirkt leer.

Langer rüttelt an der Tür. Verschlossen

„Nun machen Sie schon die Tür auf“, herrscht er den Fahrer an. Langsam öffnet dieser die Verriegelung, und Thomas Langer reißt die Tür auf. Plötzlich riecht die Luft nach Abgasen. „Los, geben Sie mir die Schlüssel und steigen Sie aus, sofort!“, fordert Langer den Fahrer auf. Langsam und wie in Trance greift der junge Mann zum Zündschloss, dreht den Schlüssel um, zieht ihn ab, gibt ihn Langer und steigt aus. „Na also“, sagt der Elektriker. „Das ist keine gute Idee, die Sie da gehabt haben.“

Ein Schlauch führt vom Auspuff ins Autoinnere

Mit einem Gartenschlauch hatte der junge Mann die Abgase seines Autos durch die Heckklappe ins Wageninnere geleitet. Langer beruhigt die Tatsache, dass der junge Mann noch selber ausgestiegen ist und stehen kann. Allzu lange kann er die Abgase also noch nicht eingeatmet haben. Die Kleidungsstücke des Mannes sind stark verschmutzt. „Der wird doch wohl nicht hier im Park irgendwas oder irgendwen vergraben haben?“, fragt sich der Elektriker.

„Bist du alleine hier?“, spricht er den jungen Mann an. „Alleine.“

Das ist das einzige Wort, das Thomas Langer von ihm hören wird. Inzwischen hat Helga Langer die 112, den Notruf, gewählt. „Potenzieller Selbstmörder. Verdacht auf Abgasvergiftung“, informiert sie die Person am anderen Ende der Leitung und läuft dabei durch den Tunnel Richtung Kamener Straße, den Rettern entgegen.

Wenig später fährt ein Krankenwagen schnurstracks an ihr vorbei

„Was machen die denn?“, denkt die Versicherungskauffrau – und ruft noch einmal an. „Sorry, der musste woanders hin“, klärt die Stimme am Telefon sie auf. Eine Gruppe Ausflügler mit Hunden kommt die Straße herauf. „Können wir etwas tun?“, fragt einer der Männer. Thomas Langer schüttelt den Kopf. „Meine Frau hat schon die Polizei gerufen“, erklärt er.

Im Auto liegt ein Abschiedsbrief des jungen Mannes an seine Eltern

Dann wirft er einen Blick auf den immer noch teilnahmslos wirkenden jungen Mann und geht zurück zum Auto. Auf dem Armaturenbrett liegt ein loser Zettel. „Darauf waren ein paar Zeilen gekritzelt. Eine Entschuldigung an die Eltern und irgendetwas mit liebe Jenny“, erzählt Langer. Ein Abschiedsbrief. „Ich hab dann nicht weitergelesen“, sagt der Retter.

Im Rucksack befindet sich eine Schreckschuss-Pistole

Wenige Minuten später biegen zwei Polizeiautos und ein Notarztwagen in die Unterführung im Schlosspark ein. Der Notarzt kümmert sich um den lebensmüden jungen Mann, legt ihm eine Sauerstoffmaske über das Gesicht. Einer der Polizisten notiert die Personalien der Langers. Eine Beamtin nimmt den Rucksack an sich und öffnet ihn. Plötzlich hält sie eine Waffe in der Hand. Thomas Langer erschrickt, doch die Polizistin winkt ab. „Das ist nur eine Schreckschuss-Pistole“, sagt die Beamtin beruhigend. Kurz danach darf das Ehepaar gehen.

Wie es dem Lebensmüden ergangen ist, wissen die Langers bis heute nicht

„Ich war so froh, dass wir dieses Mal rechtzeitig da waren“, erzählt Helga Langer. „1996 hat sich eine Nichte von mir, 2006 ein Neffe umgebracht. Mein Mann und ich hoffen so sehr, dass der junge Mann seinen Lebensmut wiedergefunden hat. Gehört haben wir leider weder von ihm noch von seinen Eltern.“


Mehr zu diesem Thema

Aus der
aktuellen
Ausgabe

Helden des Alltags

Anneke hört einen Knall, sieht einen Feuerschein: Ein brennendes Auto! Und darin sitzt ihr verletzter Bruder Niklas.
...mehr
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Helden des Alltags

Sönke Krützfeld ist auf der A5 nach Marburg unterwegs. Da rast plötzlich ein Audi mit bewußtlosem Fahrer über Autobahn.

...mehr
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Helden des Alltags

Sie sind Menschen wie Du und ich. Und Helden des Alltags. Sie heißen Daniel, Frank, Roxane, Marco oder Sebastiana und stehen sonst eher selten im Rampenlicht.

...mehr
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Helden des Alltags

Drei kleine Mädchen brechen im Eis eines Weihers nahe Ingolstadt ein. Roxana Wolf zieht sie aus dem eisigen Wasser.

...mehr

 

RD Abbinder
RD Abbinder
RD Abbinder

Reader's Digest Deutschland: Verlag Das Beste GmbH - Vordernbergstraße 6, 70191 Stuttgart