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Yvonne Pietrek
© Andreas Reeg
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Helden des Alltags

Badeunfall: Sie holt ein Mädchen (3) ins Leben zurück

Ohne Puls wird eine Dreijährige aus dem See geborgen. Yvonne Pietrek reanimiert sie.

Ausgabe: Januar 2020 Autor: Sebastian Drescher

Für Yvonne Pietrek aus Langen bei Frankfurt am Main sollte es ein erholsamer Kurzurlaub werden. Am 30. Juli 2019, einem Dienstag, fährt die 55-Jährige mit ihrer Tochter und zwei Enkelkindern zum Campen an den Gederner See im hessischen Wetteraukreis. Vier Tage wollen sie bleiben. Am frühen Nachmittag kommt die Familie auf dem Campingplatz an. Es ist ein heißer Tag, und so stellen Pietrek und ihre Tochter nur kurz Tische und Stühle vor das Wohnmobil. Dann packen sie die Badesachen aus und suchen sich mit den Kindern ein Plätzchen am Rand des Badebereichs. Das schöne Wetter hat jetzt in den Sommerferien zahlreiche Badegäste an den See gelockt.

Gegen 17 Uhr macht sich am Strand plötzlich Unruhe breit. Rufe sind zu hören: „Hilfe! Kann mal jemand kommen?“ Pietrek bekommt von der Aufregung zunächst nichts mit, bis ihre Tochter sie stupst: „Guck mal, Mama, das Mädchen da ist ohnmächtig!“ Pietrek schaut auf und sieht eine Frau, die bis zur Hüfte im Wasser steht. Sie trägt ein kleines Mädchen. Die Gliedmaßen des Kindes baumeln schlaff herunter, der Kopf hängt zur Seite. Pietrek springt auf, sprintet über den Strand. Sie erreicht das Ufer fast gleichzeitig mit der Frau, die das leblose Kleinkind in den Armen hält. Dessen Lippen sind blau angelaufen, das Gesicht ist fahl. „Die Kleine ist tot“, ist Pietreks erster Gedanke. Den zweiten spricht sie laut aus: „Sie muss reanimiert werden. Gebt sie mir.“
Als Krankenschwester weiß Pietrek, was zu tun ist. Sie nimmt der Frau das Mädchen aus den Armen, legt es rücklings auf festen Sand und kniet sich daneben. Einmal im Jahr übt Pietrek in einer Weiterbildung die korrekte Wiederbelebung. Jetzt erinnert sie sich, dass man bei Säuglingen und Kleinkindern die Herzdruckmassage nicht mit den Handballen durchführt, sondern mit den Fingern drückt.

 

Herzdruckmassage zur Wiederbelebung

Pietrek sucht den Druckpunkt, der direkt unterhalb einer gedachten Linie zwischen den Brustwarzen liegt. Dort platziert sie ihre Daumen – einen über dem anderen –, beugt sich nach vorn und drückt die durchgestreckten Arme nach unten. Lässt locker, drückt nach unten, lässt locker – nochmal und nochmal. In Gedanken summt sie dabei den Refrain von Highway To Hell. Der Song der Rockgruppe AC/DC gibt den Takt von 100 Schlägen pro Minute vor, der bei einer Herzdruckmassage eingehalten werden sollte. Pietrek drückt, immer und immer wieder. Eine junge Frau kniet neben ihr. Sie fühlt den Puls des Kindes. Nichts. Pietrek setzt die Wiederbelebung fort, minutenlang.
Später wird sie erfahren, dass die Dreijährige mit ihren älteren Geschwistern am Strand gespielt hat, während die Eltern in einem Restaurant aßen, rund 100 Meter oberhalb des Sees. Jetzt fragt einer der Umstehenden am Strand nach den Eltern. Die Schwester des Kindes läuft los, sie zu holen.

 

Das Mädchen würgt und spuckt – es lebt!

Pietreks Gedanken rasen. Wie lange hat das Mädchen im Wasser gelegen? Mit jeder Minute wird es schwieriger, sie zurückzuholen! Sie drückt weiter. Kurze Pause. Das Kind zeigt immer noch kein Lebenszeichen. Pietrek schwitzt, das Drücken ist anstrengend. Trotzdem fährt sie fort. Dann: Die Kleine würgt plötzlich und spuckt Wasser. Sie atmet flach. Pietrek dreht sie auf die Seite. Die junge Frau, die noch immer neben ihr kniet, fühlt den Puls des Kindes. „Sie ist wieder weg, ich spüre nichts“, sagt sie. Pietrek dreht das Mädchen zurück auf den Rücken und reanimiert weiter. „Komm jetzt“, denkt sie. Nach etwa einer Minute spuckt das Kind erneut Wasser und beginnt zu weinen. Ein gutes Zeichen, weiß Pietrek. Sie setzt sich in den Sand, legt das Kind in ihren Schoß. Langsam kehrt Farbe in dessen blasses Gesicht zurück. Es atmet, sein Herz schlägt. Ein Schwall Wasser und Erbrochenes läuft Pietrek über die Beine. „Es ist alles gut“, sagt die Krankenschwester leise zu der Kleinen.
In diesem Moment erreicht die Mutter des Mädchens den Strand, will ihre Tochter sofort in die Arme schließen. Aber Pietrek behält die Kleine vorerst auf ihrem Schoß, um aufzupassen, dass sie nicht wieder das Bewusstsein verliert. Dann ruft jemand: „Der Rettungswagen ist da!“

Eine Frau nimmt Pietrek das Mädchen ab und trägt es zum Parkplatz neben der Badewiese. Pietrek läuft nebenher. Beruhigend redet sie auf das Kind ein: „Lass die Augen auf, alles wird gut.“ Dann kümmern sich Notarzt und Rettungssanitäter um die Kleine. Sie waren schnell zur Stelle, weniger als zehn Minuten nach dem Notruf. Aber ohne das beherzte Eingreifen von Yvonne Pietrek hätten sie vermutlich nichts mehr für das Mädchen tun können. Dessen Eltern bedanken sich noch vor Ort bei der Krankenschwester. „Sie haben ihr das Leben gerettet“, sagt die Mutter, „vielen Dank!“

Nach dem dramatischen Auftakt ihres Kurzurlaubs verbringt Pietrek mit ihrer Familie noch einige ruhige Tage am See. Später erfährt sie, dass das Mädchen aus dem Krankenhaus entlassen wurde und es ihm gut geht. Und dass sie selbst für ihren Einsatz mit der Hessischen Rettungsmedaille ausgezeichnet werden soll.


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RD Abbinder
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