Bedroht mit Axt und Eisenstange - Retter in der Not
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Bedroht mit Axt und Eisenstange - Retter in der Not

Ein Mann bedroht einen anderen mit der Axt. Siggi Oberschewen hilft, den Rasenden zu bändigen.

Ausgabe: Oktober 2018 Autor: Annette Lübbers

Die letzten Kunden sind mit mit American Burgers und Pommes Spezial versorgt – Zeit, Feierabend zu machen. Streng genommen ist es bereits der zweite für Siegfried Oberschewen an diesem Tag. Haupt­beruflich ist der 51-Jährige Mechatroniker, im mobilen Schnellrestaurant seines Sohnes hilft er nur aus. Heute hat ihn seine Lebensgefährtin unterstützt. Hier an einem Verkehrskreisel im Bochumer Stadtteil Langendreer kommt gegen Abend viel hungrige Kundschaft vorbei – gleich nebenan liegen ein Baumarkt und ein Gartencenter. Jetzt im Juni herrscht dort Hochbetrieb.

Während er das Schnellrestaurant für die Nacht vorbereitet, sieht Oberschewen, den alle nur „Siggi“ nennen, einen roten Kleinwagen durch den Verkehrskreisel fahren. Direkt hinter der Ausfahrt schräg gegenüber dem Imbisswagen hält der Fahrer auf der rechten Spur an, steigt aus. Auf Oberschewen wirkt er martialisch: kurz geschorene Haare, kräftige Beine, die in einer schwarzen Dachdeckerhose stecken. Auf dem nackten, muskulösen Oberkörper prangen großflächige Tätowierungen. Der Tätowierte geht um sein Auto herum, schlägt gleich darauf mit einem Gegenstand heftig auf die Kühlerhaube.

Eine Schlägerei bricht aus

Ein junger Mann ist auf dem Bürgersteig stehen geblieben, aus Oberschewens Perspektive halb verdeckt vom roten Kleinwagen. „Die kennen sich bestimmt“, denkt der Mechatroniker. „Wahrscheinlich wollen die nur kurz mit­einander reden. Gerade will er sich wieder dem Imbisswagen zuwenden, da bremst ein zweites Auto scharf ab. Der Fahrer springt heraus, umrundet im Laufschritt beide Autos. Oberschewen kann nicht sehen, was passiert. Die Fahrzeuge nehmen ihm die Sicht. Aber jetzt hat er plötzlich ein ungutes Gefühl. „Da stimmt doch was nicht!“, denkt er. Kurz entschlossen überlässt er das Schnellrestaurant seiner Lebensgefährtin, sprintet los. Als er die beiden Autos erreicht, entwindet der Fahrer des zweiten Wagens dem Tätowierten gerade eine Axt! Klirrend fällt sie zu Boden. Der Fahrer packt den Tätowierten in einer Art Polizeigriff. Dieser ist auch noch mit einer Eisenstange bewaffnet. Oberschewen reißt die Stange an sich, greift die am Boden liegende Axt, wirft beides ins Gebüsch. Derweil steht der junge Passant starr vor Schreck auf dem Gehweg.

Oberschewen und der andere Mann halten den Angreifer fest

Später erfährt Oberschewen, dass der Angreifer dem Wildfremden die Axt entgegengehalten und ihn aufgefordert habe: „Die nimmst du jetzt – wenn du ein Mann bist.“ Als der junge Mann sich weigerte, habe der Angreifer ihm die Axt an den Kopf gehalten. Jetzt liegt der Tätowierte am Boden und zappelt wild im Griff des Autofahrers. Der ist – wie der Mechatroniker später hört – ausgebildeter Personenschützer. Oberschewen eilt ihm zu Hilfe, stemmt sein Knie in den Rücken des Angreifers. Mittlerweile haben weitere Autos angehalten, Schaulustige blockieren die Straße, machen Aufnahmen mit ihren Handys. Zwei Männer aber unterstützen Oberschewen und den Personenschützer. Mit vereinten Kräften schaffen sie es gerade so, den Rasenden zu bändigen. Immer wieder versucht er, auf die Beine zu kommen, doch die vier halten ihn eisern fest. Oberschewen riecht keinen Alkohol, aber die Pupillen des Mannes scheinen ihm un­natürlich geweitet.

Die Polizei rückt an 

Minuten vergehen. Für Oberschewen fühlen sie sich wie Stunden an. Immerhin: Einer der Schaulustigen muss die 110 gewählt haben, denn nun kommen gleich mehrere Polizeiautos angebraust. Gleich darauf umringen ein Dutzend Männer in Uniform die Gruppe. Jetzt endlich können die vier Helfer loslassen. Die Beamten fixieren die Hände des Tätowierten, der sich nun nicht mehr wehrt. Stattdessen jammert er leise vor sich hin. Einige Polizisten ziehen Axt und Eisenstange aus dem Gebüsch, ihre Kollegen sperren die Straße ab. Den Gesprächen der Beamten entnimmt Oberschewen, dass der Tätowierte schon vor diesem Axt-Angriff in Bochum-Langendreer Amok gelaufen sein soll.

„In Castrop-Rauxel hat er einen Unfall verursacht und dem Unfall-beteiligten eine Bierdose an den Kopf geworfen. Danach fuhr er über mehrere rote Ampeln, baute noch einen Unfall und schlug mit der Axt auf einen Pkw ein. Wer weiß, was noch passiert wäre, wenn wir den nicht gestoppt hätten“, sagt Oberschewen. „Auf der Wache soll der Mann dann erzählt haben, dass er Liebeskummer hätte. Als wenn das eine passende Begründung wäre, um mit einer Axt auf Unschuldige loszugehen!“

 


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RD Abbinder
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