Diebstahl! Verfolgungsjagd durch Bremen
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Diebstahl! Verfolgungsjagd durch Bremen

Ein Dieb entreißt einem Rentner die Geldbörse. Björn Smaavik und Annelore Meyer verfolgen ihn.

Ausgabe: Dezember 2018 Autor: Annette Lübbers

Björn Smaavik ist begeisterter Hobbysportler. Der 57-jährige Sozialpädagoge aus Bremen schwimmt, boxt, spielt Fußball und macht Triathlon. An einem Sommerabend im August dieses Jahres zahlt sich seine Fitness aus – auf ziemlich ungewöhnliche Weise. Gerade hat Smaavik das Haus eines Freundes im Bremer Stadtteil Neustadt verlassen, da sieht er vor dem gegenüberliegenden Gebäude einen alten Mann auf seinem Rollator sitzen. Björn Smaavik kennt ihn vom Sehen, aber mehr als ein freundliches „Hallo“ haben sie nie gewechselt. Heute aber ruft der Senior: „Hilfe, Hilfe! Jemand hat mir mein Portemonnaie geklaut!“ Smaavik eilt zu ihm. „Wer war das?“, fragt er. „Wo ist der hin?“ „Da rechts, die Weizenkampstraße hinunter“, lautet die Antwort. Einen Moment lang überlegt Smaavik. Soll er sein Fahrrad nehmen? Aber das ist abgeschlossen. „Nein“, sagt er sich, „das dauert zu lange.“ Also spurtet er los. In der Weizenkampstraße steht eine Frau am Fenster. „Da hinten läuft er“, ruft sie Smaavik zu und zeigt die Richtung. Offensichtlich fand sie den jungen Mann mit den Locken, in dunkler Joggingjacke und hellen Turnschuhen, der es scheinbar grundlos so eilig hatte, verdächtig. Etwa 70 Meter ist dieser Smaavik voraus. Der holt auf. Da dreht der junge Mann sich um, sieht seinen Verfolger, hastet weiter – und verschwindet um eine Straßenbiegung.

Annelore Meyer verfolgt den Dieb per Auto

Wenige Sekunden später kommt Smaavik an der Biegung an. Schwer atmend bleibt er stehen, blickt sich um. Niemand zu sehen. Wahrscheinlich ist der Bursche in einen Hauseingang geflüchtet, denkt er sich. Der Sozialpädagoge kontrolliert zur Sicherheit noch eine Querstraße. Nichts! Smaavik macht sich auf den Rückweg und trifft unterwegs Annelore Meyer, die gerade vor ihrem Haus aus dem Auto steigt. Die beiden kennen sich. Vor einigen Jahren haben sie im gleichen Viertel gewohnt. „Irgendwo hier läuft ein junger Mann herum. Dunkles Haar, dunkle Jogginghose. Der hat einem alten Mann das Portemonnaie gestohlen“, ruft Smaavik ihr zu. „Den hab ich vorhin gesehen! Der kam aus einem Hauseingang und lief Richtung Feuerwehr“, sagt Meyer, springt zurück ins Auto und macht sich nun ihrerseits auf die Suche. Smaavik gönnt sich einen Moment zum Durchatmen, dann folgt er ihr zu Fuß. Derweil fährt Meyer die Straße hinunter, schaut rechts und links in die Hauseingänge. Irgendwo muss der Dieb doch sein.

"Rück die Scheine raus!"

Dann erspäht sie ihn: Um Atem ringend hockt er am Rande des Feuerwehrgeländes vor einer Mülltonne auf dem Boden. Meyer lässt den Motor laufen und steigt aus. Selbstbewusst geht die 56-jährige kaufmännische Angestellte auf den jungen Mann zu. „Gib mir sofort die Börse“, befiehlt sie und streckt fordernd die Hand aus. Tatsächlich händigt der Dieb ihr wortlos das Portemonnaie aus. Die Bremerin wirft einen kurzen Blick hinein: Papiere – und ein wenig Kleingeld. „Rück die Scheine raus“, sagt sie streng. Statt Folge zu leisten, rappelt sich der junge Mann auf und flüchtet erneut.

Zwei Feuerwehrleute spurten hinterher

Meyer zögert. Soll sie zu Fuß hinterher? Wenn der junge Bursche sich auskennt, dann weiß er auch, dass es ein paar Schritte weiter einen Weg gibt, wo sie mit dem Auto nicht durchkommt. Hat sie noch Zeit, den Motor abzustellen und das Auto abzuschließen? Da sieht sie aus den Augenwinkeln zwei Feuerwehrleute auf sie zu kommen. Schichtende? Oder haben die Männer sie beobachtet? Meyer weiß es nicht. „Da vorne läuft ein Dieb, der hat noch die Scheine aus der hier“, ruft sie und wedelt mit der Geldbörse. Die Feuerwehrmänner reagieren augenblicklich, spurten hinter dem Flüchtenden her. In diesem Moment erreicht Björn Smaavik das Feuerwehrgelände. Er sieht die Männer rennen, läuft hinterher.

Verfolgungsjagd zum Park

Noch einmal gelingt es dem Dieb, seine Verfolger abzuschütteln. Aber nicht für lange. Denn jetzt biegen drei Polizeiautos um die Ecke. Später erfährt Smaavik, dass die Frau am Fenster die Polizei benachrichtigt hat. Ein Beamter beugt sich aus dem Autofenster. „Sind Sie der Geschädigte?“, fragt er. Smaavik schüttelt den Kopf. „Nein, das ist ein alter Mann“, antwortet er. „Aber der Dieb muss hier noch ganz in der Nähe sein.“ Tatsächlich versucht dieser gerade im Rücken von Smaavik und den Polizisten in eine Parkanlage zu entkommen und läuft dabei den beiden Feuerwehrmännern in die Arme, die am Eingang zum Park Posten bezogen haben. Erst jetzt gibt er auf. Einer der Polizeibeamten legt ihm Handschellen an. Die Verfolgungsjagd ist vorbei.

Seit jenem Tag im August hat Smaavik den gebrechlichen älteren Herrn aus der Nachbarschaft nicht mehr gesehen. „Einen solchen Überfall verwindet man in dem Alter sicherlich nicht mehr so gut“, meint er. „Vielleicht traut er sich auch gar nicht mehr aus dem Haus?“ Annelore Meyer jedenfalls ist froh, dass an diesem Tag alle an einem Strang gezogen haben: Feuerwehr, Polizei – und die Nachbarschaft.

 


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