Edit Schlaffer kämpft mit Müttern gegen den Hass
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Helden des Alltags

Edit Schlaffer kämpft mit Müttern gegen den Hass

Die österreichische Soziologin Edit Schlaffer gründete die Organisation „Frauen ohne Grenzen“, die Müttern hilft, Anzeichen für eine Radikalisierung ihrer Kinder zu erkennen. Reader’s Digest kürt sie dafür zur „Europäerin des Jahres 2018“.

Ausgabe: Februar 2018 Autor: Tim Bouquet

Luton, Großbritannien, Mai 2016

„Ich konnte es einfach nicht glauben, dass mein Sohn nach Syrien gegangen war. Ich wusste nicht, wie ich damit umgehen sollte. Ich war wütend – wütend auf die Leute, die ihn einer Gehirnwäsche unterzogen hatten.“ Khadijah Kamara, 37, spricht vor rund 40 Müttern über den ältesten ihrer vier Söhne, den 19-jährigen Ibrahim. Er ging nach Syrien, um an der Seite von Extremisten zu kämpfen. Im September 2014 kam er bei einem Luftangriff ums Leben.

Es bleibt die unbeantwortete Frage nach dem „Warum“

Die Mütter, von denen die meisten aus Bangladesch, Pakistan oder Somalia stammen, absolvieren einen kostenlosen zehnwöchigen Kurs in einem Gemeindezentrum in der britischen Stadt Luton, nicht weit von London. Kamara, die ursprünglich aus Sierra Leone stammt und ihre Haare mit einem Hidschab (Kopftuch) bedeckt hat, erzählt den Frauen von ihrem „liebevollen und respektvollen Sohn“, der Ingenieur werden wollte, dann aber für den Dschihad („heiliger Krieg“) rekrutiert wurde. „Mein Sohn ist tot, und bis heute weiß ich nicht warum“, sagt Khadijah Kamara. Aufmerksam hören die Mütter zu. Tränen fließen, als Kamara erzählt, wie sie von Dschihad-Kämpfern erfuhr, dass Ibrahim noch kurz vor seinem Tod versucht hatte, mit ihr Kontakt aufzunehmen.

Mütter lernen, ihre Kinder gegen Rekrutierung durch Extremisten zu schützen

Neben Kamara sitzt die österreichische Soziologin Dr. Edit Schlaffer. Sie hat diese Kurse ins Leben gerufen, bei denen Mütter lernen, wie sie ihre Kinder gegen die Anwerbung durch Extremisten wappnen können. Und wie sie eingreifen können, sobald sie Anzeichen einer Radikalisierung erkennen. Der Kurs in Luton ist Teil einer weltweiten Initiative. Er wird in dieser Stadt durchgeführt, weil sie in letzter Zeit häufig mit terroristischen Vorfällen in Verbindung gebracht und in britischen Medien als „eine Brutstätte des islamistischen Extremismus“ bezeichnet wurde.

Besser mit den Kindern kommunizieren, Warnsignale erkennen

Seit November 2015 hat es in Großbritannien, Deutschland, Frankreich, Belgien und Spanien sieben schwere Terroranschläge gegeben, bei denen 329 Menschen getötet und 1648 verletzt wurden. Täter waren meist einheimische Dschihadisten, die sich über soziale Medien von islamistischer Propaganda beeinflussen ließen. Mithilfe von Rollenspielen und Übungen, die Vertrauen aufbauen, werden die Mütter aus Luton lernen, besser mit ihren Kindern zu kommunizieren. Und wie sie ihre psychologische Entwicklung beobachten, die Internetnutzung überwachen und Warnsignale erkennen. Die Mütter werden dabei unterstützt, sogenannte Resilienz zu entwickeln und diese Widerstandskraft auch in ihren Familien aufzubauen.


Edit Schlaffer und der französische Präsident Emmanuel Macron. Foto: © women-without-borders.org

Aus der Isolation herausfinden

„Die Mütter haben von dem Problem der Radikalisierung gehört. Aber sie wissen nicht, was es bedeutet“, erklärt Nazia Khanum, die Leiterin des Kurses. „Oft begrenzt sich ihr Lebensraum auf die Wohnung, und das Internet macht ihnen Angst. Edit hilft ihnen, aus dieser Isolation herauszukommen und die Verbindung zu ihren Kindern wieder aufzunehmen.“ Khanum wurde vor 74 Jahren in Bangladesch geboren und ist Expertin für Genderfragen, Zwangsehen und Selbstbestimmung. Sie und Edit Schlaffer erleben immer wieder, wie Extremisten arbeits- und perspektivlose Jugendliche in Europa manipulieren. Mehr als 4000 junge Muslime haben Europa verlassen, um in Syrien und im Irak zu kämpfen.

„Wir müssen der Welt einen Sinn geben“

„Wir müssen der Welt einen Sinn geben, und wir müssen bei unseren Kindern anfangen“, sagt Schlaffer. „Mütter werden die Welt für uns alle zu einem sicheren Ort machen.“ Die Mütter aus Luton werden unter den Ersten in Europa sein, die einen solchen Kurs abschließen. Schlaffer vermittelt ihnen: „Ihr könnt eine neue Armee sein – aber ihr kämpft nicht mit Waffen, sondern mit Worten.“

Weltweit unterwegs

Edit Schlaffer ist mit einem Psychologie-Professor verheiratet und Mutter von zwei erwachsenen Kindern. Sie ist 67 Jahre alt, sieht aber zehn Jahre jünger aus, was angesichts ihres vollen Terminkalenders bemerkenswert ist. So besuchte sie im letzten Herbst innerhalb von sechs Wochen sieben Tage lang Mütterschulen in Jordanien, kehrte für zwei Tage nach Wien zurück, reiste nach Paris, um auf einem Forum unter der Schirmherrschaft des französischen Präsidenten Macron zu reden, flog weiter nach Washington und hielt einen Vortrag an der American University. Wenige Tage später verbreitete sie ihre Botschaft als Delegierte der 72. Sitzung der UN-Generalversammlung.

Ihr Einsatz zeugt von Entschlossenheit und Stärke

„Hoffnung in diesen dunklen Zeiten und Sinn für Abenteuer und Selbstbestimmung treiben mich an“, sagt sie. „Für mich macht es keinen Sinn, zu Hause vorm Fernseher zu sitzen und hilflos zuzuschauen.“ Schlaffer beschreibt ihre Kindheit als „friedlich, ohne nennenswerte Ereignisse und entspannt“. Ihre Eltern, die beide berufstätig waren, gehörten der Mittelschicht an. Bis zu ihrem sechsten Lebensjahr wuchs sie bei ihrer Großmutter auf einem Bauernhof im Osten Österreichs auf, an der Grenze zum sowjetisch besetzten Ungarn. „Meine Freunde und ich spielten unter den Blicken russischer Soldaten, die auf den Wachtürmen standen. Meine Eltern sagten mir oft, wie glücklich ich sein könne, auf dieser Seite des Zauns zu leben“, berichtet Schlaffer.

2001 gründete Edit Schlaffer „Frauen ohne Grenzen“

Sie studierte Soziologie an der Universität Wien und wollte Auslandskorrespondentin werden. Doch als sie ein Forschungsangebot bekam, entschied sie sich für die akademische Laufbahn. In den 1980er-Jahren kam sie durch ihre wissenschaftliche Arbeit mit Flüchtlingen aus dem Bosnienkrieg in Kontakt, vor allem mit traumatisierten Frauen und Kindern. Ihre Tätigkeit führte sie dann in den 1990er-Jahren nach Pakistan, wo sie Menschen traf, die aus dem benachbarten Afghanistan geflohen waren. Schlaffer lernte Frauen kennen, die ihr Leben aufs Spiel setzten, um Videoaufnahmen über Hinrichtungen durch Fundamentalisten nach Pakistan zu schmuggeln. Diese Erfahrungen veranlassten sie 2001 „Frauen ohne Grenzen“ zu gründen. Zu den Projekten dieser Nicht-Regierungs-Organisation gehören unter anderem Kurse für Mädchen in Ruanda und ein Frauenzentrum in Afghanistan. 2008 startete „Frauen ohne Grenzen“ die Anti-Terror-Plattform SAVE (Sisters Against Violent Extremism), die Frauen aus aller Welt zusammenbringt. „Wir müssen für uns selbst und füreinander einstehen. Krisenzeiten sind auch immer Zeiten großer Chancen“, sagt Schlaffer.

Chudschand in Tadschikistan, 2012

Eine Gruppe tadschikischer Mütter sitzt in einem spärlich eingerichteten Raum eines Gemeindezentrums in der zweitgrößten Stadt des Landes. Edit Schlaffer ist als Mitglied einer Mission gekommen, die von der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) finanziert wird, um die Radikalisierung im Land zu bekämpfen. Der kleine Ofen ist machtlos gegen die eisigen Temperaturen, doch die Frauen können es kaum abwarten, ihre Erfahrungen auszutauschen. „Sie waren beunruhigt darüber, dass ihre Kinder die Schule abbrachen und in die von Saudi-Arabien finanzierten Moscheen gelockt wurden, wo man ihnen eine extremistische Auslegung des Islam beibrachte. Aber sie fühlten sich machtlos und wussten nicht, was sie tun sollten“, erzählt Schlaffer.

Mütter sind besonders wichtig im Kampf gegen den Terrorismus

„Ich fragte sie, ‚könnt ihr nicht mit ihnen reden?’ Sie antworteten mir, dass ihre Söhne keine kleinen Jungs mehr seien, sondern Männer. Das mache es schwierig, sich gegen sie durchzusetzen. Manche dieser ‚Männer‘ waren gerade einmal zwölf, aber sie gaben sich als harte Jungs und wollten Helden sein.“ Schlaffer begann eine Idee zu entwickeln. „Ich sehe Rosaria vor mir, Mitte 40, Mutter von vier Kindern. Sie hatte ein wunderschönes Lächeln. Sie sagte ‚Wir Mütter müssen zurück auf die Schulbank‘. Das war der Augenblick, in dem die Idee für die Mütterschulen entstand.

Schulen für Mütter und konkrete Tipps zur Vermeidung von Radikalisierung nötig

Mir wurde bewusst, dass es die Mütter sind, die gegen den Terror an vorderster Front stehen. Wir mussten ihnen nicht nur Selbstvertrauen geben, sondern auch die richtigen Werkzeuge und Techniken, damit sie besser mit ihren Kindern interagieren können.“ Schlaffer befragte mit ihrem Team Tausende Mütter von Teenagern in Konfliktregionen wie Nordirland, den palästinensischen Gebieten, Pakistan und Nigeria. Dabei wurde schnell klar, dass konkrete Tipps zur Vermeidung der Radikalisierung nötig waren. Die erste Mütterschule wurde im Februar 2013 in Tadschikistan eröffnet. Weitere folgten unter anderem in Österreich, Belgien, Deutschland, Mazedonien und Großbritannien.


Edit Schlaffer (vordere Reihe, Dritte von links) mit Müttern in Würzburg. Foto: © Markus Hintzen

Würzburg, Deutschland, September 2017

22 Frauen sitzen im Kreis, die Sonne strahlt durch die Fenster des Congress Centrums in Würzburg. Die Stadt am Main scheint Lichtjahre vom islamistischen Terror entfernt zu sein. Und doch erlebte die Region 2016 einen Anschlag: In der Nähe der Stadt griff ein 17-jähriger radikalisierter Asylbewerber aus Afghanistan in einem Zug Passagiere mit einem Messer und einer Axt an. Die Mütter, die aus der Türkei, Tunesien, Algerien und Syrien stammen, sind Sozialarbeiterinnen, Lehrerinnen und Übersetzerinnen. Sie werden geschult, um an fünf Orten in Bayern selbst Mütterschulen zu führen. Die Landesregierung hat Schlaffer gebeten, die Schulen als Teil eines Programms zur Radikalisierungsprävention einzurichten.

Das Selbstvertrauen der Mütter stärken

Schlaffer beginnt den Kurs mit der Aufforderung: „Jede von euch geht jetzt einmal durch den ganzen Raum!“ Die Teilnehmerinnen reagieren zurückhaltend. Für Frauen, die meist in ihrer jeweiligen Kultur eine untergeordnete Rolle spielen, ist dies eine echte Herausforderung. Aber dann tritt eine junge Frau in Jeans vor und geht durch den Raum. Ihr Beispiel ermutigt andere, es ihr nachzumachen. Die Übung führt zu einer Diskussion darüber, wie Mütter durch ihre Körpersprache Signale senden. „Wenn wir Selbstbewusstsein ausstrahlen, tun die Kinder es auch“, erklärt Schlaffer. „Extremistische Anwerber geben sich selbstbewusst. Sie behaupten, den jungen Menschen zu einem besseren Leben verhelfen zu können. Mütter müssen die gleichen Strategien anwenden. Wenn wir sie stark machen wollen, müssen wir ihnen zunächst vermitteln, wie wertvoll sie sind – als Mensch und als Mutter.“ „Ohne Prävention gibt es Radikalisierung“, sagt Bouchra, 46, Mutter von fünf Kindern, die eine der Mütterschulen in Bayern leiten wird. „Ich bin hierhergekommen, um zu lernen. Ich möchte das Richtige tun.“

Luton, Großbritannien, September 2017

Die 40-jährige Parveen ist eine der letzten Absolventinnen des Mütterschulprogramms in Luton. Sie wurde in Pakistan geboren und kam mit 20 Jahren nach England. Sie hat zwei Söhne im Alter von 18 und 13 Jahren. „Bevor ich diesen Kurs belegte, brach das Gespräch mit meinem Ältesten oft ab. Ich machte mir Sorgen darüber, dass er zu viel Zeit am Computer verbrachte“, sagt Parveen. „Die anderen Mütter haben mir dabei geholfen, zu lernen, wie ich mit meinen Kindern rede, wie ich Streit oder langes Schweigen vermeide“, sagt die 40-Jährige. „Ich wusste nicht, wie sich Gemeinschaft anfühlt. Aber jetzt habe ich Freunde und einen Teilzeitjob.“ Ihre Worte sind der Beweis dafür, wie die Mütterschulen das Selbstbewusstsein stärken und die soziale Einbindung der Mütter verbessern können, um ihre Kinder zu schützen. „Wenn ich die Warmherzigkeit und das Selbstbewusstsein unserer Absolventinnen erlebe, weiß ich, dass sie Extremismus und Gewalt entgegenwirken können, allein durch ihre veränderte Haltung“, erklärt Edit Schlaffer. 

 

Seit 1996 würdigen die Chefredakteure der europäischen Ausgaben von Reader's Digest Menschen, die Vorbildliches leisten:

  • 2017 Boyan Slat, Niederlande, will die Weltmeere reinigen
  • 2016 Laura Kövesi, Rumänien, bekämpft Korruption in ihrem Land
  • 2015 Felix Finkbeiner, Deutschland, setzt sich für Umweltschutz ein
  • 2014 Thomas Minder, Schweiz, kämpft gegen die „Abzockerei“
  • 2013 Agnieszka Romaszewska, Polen, gründete unabhängigen TV-Sender
  • 2012 Isabel Jonet, Portugal, verteilt Nahrungsmittel an Bedürftige
  • 2011 Monika Hauser, Schweiz/Italien, gründete „Medica Mondiale“
  • 2010 Iana Matei, Rumänien, hilft Sexsklavinnen in ihrer Heimat
  • 2009 Joachim Franz, Deutschland, macht auf AIDS aufmerksam
  • 2008 Maria Nowak, Polen/Frankreich, vermittelt Mikrokredite
  • 2007 Dr. Ruedi Lüthy, Schweiz, gründete eine AIDS-Ambulanz
  • 2006 Ayaan Hirsi Ali, Niederlande, setzt sich für Frauenrechte ein
  • 2005 Lleonid Roshal, Russland, hilft bedürftigen Kindern
  • 2004 Peter Eigen, Deutschland, gründete „Transparency International“
  • 2003 Šimon Pánek, Tschechien, gründete „People in Need“
  • 2002 Eva Joly, Norwegen/Frankreich, kämpft gegen Korruption in Europa
  • 2001 Linus Torvalds, Finnland, entwickelte das Betriebssystem Linux
  • 2000 Paul van Buitenen, Niederlande, enthüllte Korruption bei der EU
  • 1999 Dr. Inge Genefke, Dänemark, setzt sich für Folteropfer ein
  • 1998 Pete Goss, Großbritannien, rettete einen Segel-Konkurrenten
  • 1997 Frederic Hauge, Norwegen, schützt das Nordpolarmeer
  • 1996 Pater Imre Kozma, Ungarn, setzt sich für Obdachlose ein

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Unsere bisherigen Preisträger haben das Leben vieler Menschen positiv beeinflusst.

 

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