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Frank Simon
© Jens Nieth
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Helden des Alltags

Eine Sache von Sekunden

Ein Motorradfahrer verunglückt auf der Autobahn. Frank Simon handelt sofort.

Ausgabe: Februar 2020 Autor: Annette Lübbers

An einem Wochentag gegen Mittag auf der Bundesautobahn A 3 unterwegs zu sein, ist oft kein Vergnügen. Lkw reiht sich an Lkw, gerade auf der rechten Spur geht es oft nur im Schneckentempo voran. Umso mehr genießt Frank Simon an jenem Montag im April den zügig dahinrollenden Verkehr. Außerdem ist sein Feierabend nicht mehr allzu weit. Der 49-jährige Berufskraftfahrer, der für eine Spedition in seiner Heimatstadt Menden im Sauerland unterwegs ist, muss nur noch 24 Tonnen Harz zu einem Kunden im Kölner Raum bringen. Dort wird für ihn heute Endstation sein. Mit seinem 40-Tonner passiert Simon gerade die Anschlussstelle Bad Camberg in Hessen in nördlicher Richtung, als er aus dem Augenwinkel ein älteres Geländemotorrad bemerkt. Auf der Spur links von ihm ist es im Begriff, ihn zu überholen. Der Fahrer trägt dunkle Motorradkluft und einen Helm. Sein Tempo ist moderat, Simon schätzt es auf vielleicht 95, maximal 100 Kilometer pro Stunde. Das Motorrad ist eben an seinem Lkw vorbei, da passiert es: Ein Pkw zieht plötzlich von der Fahrbahn links außen auf die mittlere Spur – und das, obwohl sich dort der Motorradfahrer befindet.

Simon erschrickt. Sein erster Gedanke: „Mensch, der sieht den Motorradfahrer nicht. Der ist bestimmt im toten Winkel.“ Sofort nimmt er den Fuß vom Gas. Da sieht er auch schon, wie der Pkw mit der Beifahrerseite das Motorrad touchiert. Die Maschine schwankt bedrohlich. Der Autofahrer reißt sein Fahrzeug zurück nach links, kommt ins Schleudern, fängt sich aber. Auch der Motorradfahrer bringt seine Maschine schnell wieder unter Kontrolle. „Noch mal gut gegangen“, sagt sich Simon erleichtert. Gleich darauf bleibt ihm vor Schreck fast die Luft weg. Der Pkw zieht erneut nach rechts, und dieses Mal berührt die Front des Autos das Hinterrad des Motorrads. Das Zweirad kippt zur Seite. Fahrer und Gefährt stürzen auf die Fahrbahn und schlittern kreiselnd auf die rechte Spur, auf Simons Spur.

 

Jetzt geht es um Sekunden

Der Berufskraftfahrer packt sein Lenkrad fester. Hebt den Fuß vom Gaspedal. Tritt die Bremse voll durch. Schaltet gleichzeitig den Warnblinker an. Simon weiß: Der Lkw hat fünf Achsen und zehn Bremsen. Damit steht der 40-Tonner schneller als so mancher Pkw. Trotzdem, es wird eng, sehr eng. Simon trifft eine Entscheidung: Bevor er den Motorradfahrer überrollt, wird er seinen 40-Tonner auf die Mittelspur ziehen. Auch wenn er damit vielleicht einen Pkw gefährdet. Denn der hat – anders als der Mann auf der Fahrbahn – wenigstens eine Knautschzone.
Der Lkw kommt rechtzeitig zum Stehen. Wenige Meter vor dem verunglückten Motorradfahrer, der fast bis zum Standstreifen gerutscht ist. Der Mann liegt halb unter seiner Maschine. Simon lässt den Motor laufen. Ein kurzer Blick aus dem Fenster, dann öffnet er die Tür, springt aus der Fahrerkabine und läuft zu dem Verunglückten. Dessen linkes Bein ist eingeklemmt, er nestelt am Kinnriemen seines Helmes. „Lassen Sie das besser“, sagt Simon. „Vielleicht hat Ihr Genick was abbekommen.“

„Mir tut nur die Hüfte weh“, erklärt der Mann mit gefasster Stimme. „Und meine Beine kann ich auch fühlen. Ich muss sofort meine Frau anrufen.“ Zwei Autos haben auf dem Standstreifen angehalten. Drei Personen eilen herbei. Simon wägt ab: Wenn der Mann innere Verletzungen hat, dann stirbt er vielleicht noch an der Unfallstelle – ohne mit seiner Frau gesprochen zu haben. Das darf nicht sein! Langsam zieht Simon dem Verunglückten den Helm ab, während einer der anderen Helfer dem Mann den Kopf stützt. Der Motorradfahrer – ein Mann zwischen 50 und 60 Jahren – deutet auf eine Tasche seiner Jacke und bittet Simon, das Handy herauszuziehen. Gleich darauf spricht er mit seiner Frau.

Währenddessen heben Simon und ein Helfer das Motorrad hoch und bocken es auf dem Standstreifen auf. Simon bettet den Verunglückten noch schnell in die stabile Seitenlage, läuft dann zurück zu seinem Lastwagen. Er springt hinein, löst die Bremse und richtet sein Gefährt ganz langsam so aus, dass es die rechte und die mittlere Spur blockiert. „Ich musste verhindern, dass ein Autofahrer den Lkw überholt und sofort wieder auf die rechte Spur einbiegt. Denn da lag ja der Motorradfahrer, den wir so wenig wie möglich bewegen wollten“, erzählt Simon. „Wir wussten ja nicht, welche Verletzungen er davongetragen hatte.“

 

Wer die Polizei gerufen hat, weiß Simon nicht

Aber etwa zehn Minuten nach seiner Vollbremsung ist der erste Polizeiwagen da. Simon schildert einem der Beamten den Unfallhergang. Erst jetzt bemerkt er, dass auch das Fahrzeug des Unfallverursachers auf dem Seitenstreifen steht. „Später hat mir die Polizei erzählt, dass dieser sich schuldlos wähnte“, erinnert sich der Retter. Wenige Minuten später kommt  auch der Krankenwagen. Der Arzt gibt nach einer kurzen Untersuchung Entwarnung: Der Motorradfahrer ist noch mal mit dem Schrecken davongekommen. Eine Stunde nach dem Unfall ist Frank Simon wieder auf der A 3 unterwegs. Schließlich wartet ein Kunde auf 24 Tonnen Harz.


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RD Abbinder
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