Geburthelfer in Uniform
© Heinz Heiss
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Helden des Alltags

Geburthelfer in Uniform

Zwei junge Polizisten helfen einer Frau, ihr Kind zur Welt zu bringen.

Ausgabe: März 2018 Autor: Markus Heffner

Ein paar Stunden Nachtschicht liegen an diesem Donnerstag im November letzten Jahres noch vor Robin Gabauer und seinem Kollegen Turgut Coskuner. Gegen 1.45 Uhr haben die beiden Polizisten einen betrunkenen Obdachlosen in der städtischen Notunterkunft von Böblingen bei Stuttgart abgeliefert. Gerade wollen sie wieder in ihren Streifenwagen steigen, als sie plötzlich eine Frau schreien hören. „Die Schreie kamen aus dem Flüchtlingsheim direkt neben der Notunterkunft. Wir waren sofort alarmiert, wussten aber im ersten Moment nicht, was los ist“, erinnert sich Polizeimeister Gabauer.

Ein chaotisches Bild 

Noch bevor die beiden ins Haus eilen können, um nach der Frau und dem Grund ihrer Schreie zu suchen, fliegt die Eingangstür auf. Ein Mann tritt heraus. „Er hat uns sofort entdeckt und aufgeregt in gebrochenem Deutsch gerufen, dass eine Frau gerade ein Kind bekommt“, erzählt Coskuner. Der 27-jährige Polizeikommissar und sein 24 Jahre alter Kollege zögern keine Sekunde. Zufällig ist noch ein zweiter Streifenwagen vor Ort. „Einer der Kollegen hat über Funk den Rettungsdienst alarmiert und ist unten an der Tür geblieben, um den Notarzt in Empfang zu nehmen. Wir sind rein in die Unterkunft“, sagt Gabauer. Er, Coskuner und eine Kollegin aus dem zweiten Wagen folgen den Schreien die Treppe hinauf in den oberen Stock des Flüchtlingsheims.

Die schwangere Frau ist zwischen Wand und Bett eingeklemmt

Dort angekommen bietet sich den Beamten ein chaotisches Bild: Am Ende des Flurs, vor einem Zimmer, wimmelt es von Menschen. Alle reden durcheinander, dazwischen ertönen immer wieder die Schreie der Frau. Sie kommen aus diesem Zimmer. Die Beamten betreten den kleinen Raum. Auch hier drängen sich Männer und Frauen, auf dem Boden spielen Kinder. In all dem Chaos fällt Coskuner ein etwa dreijähriges Mädchen auf. Die Kleine zittert am ganzen Körper. Es ist die Tochter der Frau, die zwischen Bett und Wand eingeklemmt am Boden liegt und immer wieder vor Schmerzen aufschreit. „Ich habe zu meiner Kollegin gesagt, dass sie das Kind in den Arm nehmen und sich draußen um es kümmern soll“, erzählt Coskuner.

Die Frau lässt sich nicht bewegen

Mit Gabauer sorgt er dann dafür, dass alle anderen den Raum verlassen, damit sie der Frau in Ruhe helfen können. Diese liegt vor Schmerzen gekrümmt am Boden und ist trotz allem Bemühen kein Stück zu bewegen. „Wir haben zunächst versucht, sie in eine andere Position zu bringen, weil sie mit dem Kopf zu uns und den Füßen zur Wand lag“, berichtet Gabauer. Seine Freundin ist Hebamme und wie es der Zufall will, hatten sich die beiden wenige Wochen zuvor darüber unterhalten, was bei einer Geburt zu tun ist. In der Theorie ist dem jungen Mann daher so manches klar. Was es bedeutet, das Wissen in die Praxis umzusetzen, erfährt er in dieser Nacht. Alle Versuche, die Gebärende zu drehen oder vorsichtig aus dem Spalt zwischen der Wand und dem Bett zu ziehen, sind vergeblich. „Wir sind einfach nicht richtig an sie herangekommen“, sagt Gabauer. Also schnappt sich Coskuner eine Decke, die im Zimmer liegt, und platziert sie zwischen den Beinen der Frau. Später erfährt er, dass sie 21 Jahre alt ist, aus Gambia kommt und sich wenige Stunden vorher gegen den ausdrücklichen Rat der Ärzte selbst aus dem Krankenhaus entlassen hat.
Der seit Kurzem verheiratete Polizeikommissar kommt gerade noch dazu, ein zweites Tuch über die Frau zu legen, als diese „Baby kommt, Baby kommt“ ruft. „Gleich darauf lag das Baby auf der Decke und hat zu schreien begonnen“, erzählt Gabauer. Er wickelt das Neugeborene vorsichtig in die Decke, um es warm zu halten.

Die beiden Männer können kaum glauben, wie schnell und unkompliziert die Geburt abgelaufen ist.

„Es ist fast kein Blut geflossen“, sagt Gabauer, der sich im selben Moment an die Worte seiner Freundin erinnert, dass als Nächstes die Nabelschnur durchtrennt werden muss. „In dem Zimmer war aber nichts zum Schneiden.“ Zum Glück treffen wenige Augenblicke später die Rettungskräfte ein. Notarzt und Sanitäter kümmern sich um die erschöpfte Mutter und ihren neugeborenen Sohn. Erst jetzt begreifen die beiden Polizisten, was da gerade passiert ist. „Ich liebe Kinder und war erfüllt von einem unglaublichen Glücksgefühl“, erzählt Coskuner. „Diesen Einsatz werde ich sicher niemals vergessen.“ „So etwas passiert einem wohl kein zweites Mal“, ergänzt Gabauer.

Am Morgen erzählt er seiner Mutter und seiner Freundin von der besonderen Nachtschicht. „Beide waren sehr stolz auf mich – und ich bin es auch ein bisschen“, sagt er. Noch größer ist die Freude bei den beiden Geburtshelfern in Uniform, seit sie wissen, dass es dem Neugeborenen bestens geht. Auf Facebook haben die Beamten seither zahlreiche Gratulationen und Glückwünsche entgegengenommen. Auch der Ludwigsburger Polizeipräsident Frank Rebholz hat sie jüngst zu ihrem „vorbildlichen Einsatz“ beglückwünscht. Die Kollegen im Polizeirevier haben übrigens einen Spitznamen für Gabauer und Coskuner, den sie nun immer zu hören bekommen, wenn sie gemeinsam unterwegs sind: die Hebammen-Streife.


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