Umut Cam half in Duisburg einer Frau, die mit einem Messer attackiert wurde.
© Frank van Groen
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Helden des Alltags

Gemeinsam gegen den Messer-Mann

Ein Mann verletzt eine Frau mit einem Messer. Umut Cam kommt ihr zu Hilfe.

Ausgabe: November 2019 Autor: Annette Lübbers

Es ist ein ganz gewöhnlicher Dienstagnachmittag im Juni, als sich Umut Cam mit einem Freund auf einem abgelegenen Sportplatz im Duisburger Ortsteil Homberg trifft. Der 19-jährige Deutsche türkischer Abstammung hat gerade die Schule abgeschlossen und sucht nun nach einer Lehrstelle. Die beiden jungen Männer plaudern miteinander, als rund 15 Meter von ihnen entfernt ein etwa 30-jähriger Mann in rotem T-Shirt den Sportplatz betritt. Um die Taille trägt er eine Bauchtasche. Er zerrt eine blonde Frau hinter sich her, wütend auf sie einredend.

Am Rand des Sportplatzes steht eine überdachte Bank. Grob schleift der Mann die Frau dorthin. Was nun vor sich geht, können Cam und sein Freund von ihrem Standort aus nicht erkennen. Den beiden ist unbehaglich. „Lass uns mal nachsehen, ob es der Frau gut geht. Die hat irgendwie verzweifelt ausgesehen“, schlägt Cams Freund vor. Rasch sind sie bei der überdachten Bank. Dort kauert die Frau in der Ecke auf dem Boden und weint. Der Mann mit der Bauchtasche beugt sich über sie. „Geht es Ihnen gut?“, fragt Cam die Frau. „Nein“, antwortet sie. „Ich brauche Hilfe.“ Ihr Begleiter kommt langsam auf die beiden jungen Männer zu. „Beruhigt euch. Hier ist alles gut. Die Frau hat mich betrogen“, sagt er. „Aber deshalb musst du sie ja nicht misshandeln“, erklärt Cams Freund. Die Frau hat sich aufgerappelt, versucht, sich am Mann im roten T-Shirt vorbeizuschieben.

„Mischt euch ja nicht ein. Verpisst euch!“

Ein drohender Unterton liegt jetzt in der Stimme des Mannes. Zugleich packt er die Frau an den Haaren, reißt sie zu Boden. Den Freunden ist klar: Sie können die Frau nicht ihrem Schicksal überlassen. Gemeinsam versuchen sie, den Mann von ihr wegzuzerren. Plötzlich greift dieser in die Bauchtasche. Die Klinge eines Teppichmessers blitzt auf. Entsetzt weichen Cam und sein Freund zurück. Per Handy verständigen sie die Polizei. Währenddessen wendet der Mann sich wieder der Frau zu. Er schreit: „Ich bringe dich um!“ Dann zieht er das Teppichmesser über ihre Schläfe und Wange. Blut fließt. Cam und sein Freund stürzen sich auf den Täter, rammen ihn mit den Köpfen. Er taumelt. Die beiden jungen Männer sprinten los – in verschiedene Richtungen. Sie hoffen, dass der Angreifer ihnen folgt. Dann wäre die Frau in Sicherheit. Es funktioniert.

Der Messer-Mann attackiert Cam und seinen Freund

Doch plötzlich stolpert Cams Freund und stürzt. Sekunden später ist der Täter über ihm, drohend hebt er die Faust mit dem Messer. Bevor er zustechen kann, rammt Cam ihn in vollem Lauf. Gleich darauf verfolgt der Mann mit dem Messer ihn. Cam entdeckt einen dicken Holzpfosten am Boden, zwei, drei Meter lang. Eigentlich zu unhandlich, um ihn als Waffe zu gebrauchen. Der 19-Jährige versucht es trotzdem, doch sein Verfolger weicht dem Stoß aus, entwindet ihm gar den Pfosten. Diesmal eilt Cams Freund zu Hilfe. Jetzt steht der Angreifer zwischen den Freunden, wild schwingt er die Faust mit dem Messer von rechts nach links. Cam spürt den Luftzug an seinem Ärmel, versucht auszuweichen und fällt hin. Sein Freund läuft auf den Täter zu, um ihn abzulenken, verschafft Cam so Gelegenheit aufzustehen. Kaum ist der 19-Jährige auf den Füßen, wendet der Messerstecher sich wieder ihm zu. „Renn!“, ruft Cams Freund. Erneut sprinten die beiden jungen Männer in verschiedene Richtungen.

Der Mann mit dem Messer flüchtet

Als Cam sich kurz umdreht, sieht er den Messerstecher die Waffe ins Gebüsch werfen und verschwinden. Gleich darauf trifft die Polizei ein. Die Freunde schildern den Beamten, was passiert ist, dann fahren sie ins Krankenhaus. Cams Freund hat sich leicht am Bein verletzt. Cam selbst ist mit dem Schrecken davon gekommen. Nur sein Hemd weist am Ellbogen einen langen Schnitt auf.
Der Täter stellt sich knapp eine Woche später. „Die Frau haben wir im Krankenhaus noch einmal gesehen. Sie hat sich bei uns bedankt – und konnte auch schon wieder lächeln“, erzählt Cam. „Der Arzt sagte, sie habe Glück gehabt. Wenn der Schnitt tiefer gegangen wäre, hätte es schlimm ausgehen können.“


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RD Abbinder
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