Mann bedrängt kleines Mädchen - Carmen Röser rettet es
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Mann bedrängt kleines Mädchen - Carmen Röser rettet es

Ihr Hund Pekka schlägt beim Spaziergang Alarm. Sie holt Hilfe und fotografiert den Mann mit ihrem Handy. Wenig später wird er gefasst.

Ausgabe: März 2017 Autor: Annette Lübbers

Es ist noch nicht ganz hell an diesem Morgen im Januar. Gegen acht Uhr hat Carmen Röser ihren jüngeren Sohn zum Bus gebracht. Der ältere ist zu diesem Zeitpunkt bereits in der Schule. Jetzt macht die 41-Jährige mit ihrem Hund Pekka die gewohnte Runde durch ihr Wohngebiet im Dortmunder Stadtteil Kley. Ein schmaler Weg führt die beiden zwischen einer Wiese rechts und einem Sportplatz links hindurch. Neben dem Sportgelände liegt eine Grundschule, dahinter eine Hauptschule. Ein paar Meter weiter ragen links drei Hügel auf. Vor Jahren ausgebaggertes Erdreich – inzwischen von Gras bedeckt. Am Fuß der Hügel behindern einige Büsche die Sicht.

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Das Gebell ihres Hundes Pekka alarmierte Carmen Röser.

Plötzlich rennt Hund Pekka wild bellend den ersten Hügel hinauf

„Komisch“, denkt Röser. „Was hat er denn?“ Normalerweise ist Pekka doch durch nichts aus der Ruhe zu bringen. Dann entdeckt sie auf halber Höhe des ersten Hügels einen Mann. Er steht mit dem Rücken zum Weg. Groß kommt er Röser vor. Groß und irgendwie bedrohlich. „Wieso steht der Mann so völlig bewegungslos?“, fragt sich die zweifache Mutter. Sie geht ein paar Schritte weiter. Nun verdecken Büsche die Silhouette des Mannes. Pekkas Bellen klingt aggressiv. Seine Besitzerin ruft, und brav kommt der Mischling zurück – mit gesträubtem Nackenhaar.

Der Dortmunderin wird klar: Hier stimmt etwas nicht

Carmen Röser biegt auf einen Pfad ein, der auf den Hügel führt. Jetzt sieht sie den Mann wieder. Aber was ist das? Rechts und links von seinem Körper ragen zwei dünne Ärmchen in die Luft. Die Arme eines Kindes – sechs oder sieben Jahre alt vielleicht. Über dem linken Ärmchen hängen eine pinkfarbene Jacke und die orangefarbene Warnweste, die Kinder auf dem Schulweg manchmal tragen.

Röser hat ein mulmiges Gefühl. Was geht da wohl vor sich?

Sie bückt sich und nimmt den immer noch bellenden Pekka an die Leine. Als sie wieder hochblickt, liegt der Mann auf dem Kind! Carmen Rösers Verstand weigert sich, zu glauben, was sie da sieht. „Hilfe, ich muss sofort Hilfe holen“, schießt es ihr durch den Kopf. Sie beugt sich hinunter und macht Pekka frei. Der rast laut bellend den Hügel hinauf. Röser sprintet die paar Schritte zurück auf den Weg. Zwei Frauen in Begleitung einiger Kinder kommen ihr entgegen. Röser kennt eine der beiden.

„Komm schnell, da wird ein Kind missbraucht.“

Die Frauen blicken sich an. Dann sagt die eine zur anderen: „Nimm du die Kinder und geh weiter zur Schule.“ Röser und ihre Bekannte hasten zurück. In diesem Moment kommt der Mann durchs Gebüsch auf sie zu. Blonde Haare. Vielleicht 18 Jahre alt. Mit einem Mal ist Röser ganz ruhig. „Was haben Sie mit dem Kind gemacht?“, fragt sie. „Nichts. Ich hab nur nach der Uhrzeit gefragt“, erklärt der junge Mann und stottert dabei auffällig.

Plötzlich hat Röser ihr Handy in der Hand. Sie fotografiert den Mann

Später wird sie sich nicht erinnern, überhaupt danach gegriffen zu haben. Sie macht ein Foto vom Gesicht des Mannes. Der reißt seine Hände hoch. „Sie dürfen mich nicht fotografieren“, stottert er. „Wie heißt du?“, fragt die Dortmunderin. Der Mann nennt einen Namen und beteuert immer wieder: „Ich hab nix gemacht.“ Und: „Ich muss jetzt auch zur Schule!“

Röser blickt den Hügel hinauf. Das Kind ist verschwunden

Nervös tritt der junge Mann von einem Fuß auf den anderen. Plötzlich rennt er los. Die Frauen halten ihn nicht auf. Sie haben ja das Foto von ihm. Stattdessen laufen sie zum Schulhof der Grundschule. Dort steht eine Lehrerin. Röser spricht sie an: „Wissen Sie, was gerade auf dem Hügel passiert ist?“ Sie nickt. Die Spaziergängerin mit den Kindern hat Alarm geschlagen. „Wir haben die Polizei schon angerufen“, erklärt die Lehrerin. „Und wo ist das Kind?“ „Das Kind ist drinnen in Sicherheit.“

Wenige Augenblicke später fährt ein Polizeiauto auf den Schulhof

Carmen Röser führt einen der Beamten zu der Stelle, wo der junge Mann kurz zuvor gestanden hat. Sie schildert, was sie gesehen hat, beschreibt den jungen Mann, zeigt dem Polizisten das Foto. Dann erwähnt sie, dass der Täter sagte, er müsse zum Unterricht.

Rösers Hinweise führen die Beamten auf die richtige Spur: Eine Stunde später ist der Mann gefasst

Röser und Pekka beenden an diesem Morgen noch ihre Runde. Zu Hause wartet dann schon ein Anruf der Polizei auf dem Anrufbeantworter: Sie möge doch vorbeikommen und das Protokoll unterschreiben.

Als Anerkennung für ihre Mithilfe dürfen Röser und ihre Söhne später das Polizeipräsidium besichtigen

Das Innenministerium Nordrhein-Westfalen verleiht ihr den Preis für Zivilcourage. „Gott sei Dank habe ich später gehört, dass der Mann seinen Missbrauchsversuch wohl nicht zu Ende gebracht hat“, sagt Röser und streicht ihrem Hund liebevoll über den Kopf. Wer weiß, wie die Geschichte ohne Pekka ausgegangen wäre.


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RD Abbinder
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