Manuela Simon rettet den kleinen Tim vor dem Ersticken
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Manuela Simon rettet den kleinen Tim vor dem Ersticken

Ein kleiner Junge droht zu ersticken. Manuela Simon weiß, was zu tun ist.

Ausgabe: Januar 2018 Autor: Annette Lübbers

Am Abend des 10. Juli 2017 freut sich Manuela Simon auf ein paar entspannte Stunden vor dem Fernsehgerät mit ihrem Mann Harald. Erst vor acht Tagen ist die 53-Jährige aus Hachenburg im Westerwald aus dem Krankenhaus entlassen worden, wo sie wegen zwei Bandscheibenvorfällen behandelt werden musste. Nun soll sie es nach dem Willen der Ärzte ruhig angehen lassen.
Gerade hat das Paar es sich bequem gemacht, da ertönt draußen ein Schrei. Die Stimme eines Mädchens, es klingt panisch. Manuela Simon tritt ans Fenster, schaut auf die andere Straßenseite. Dort wohnt eine Familie mit drei Kindern, einem sechsjährigen Mädchen, einem dreijährigen Sohn und dem kleinen Tim*, gerade einmal 17 Monate alt. In diesem Moment klingelt es an der Haustür. Zugleich trommelt eine Faust gegen das Holz. Schnell und laut. Manuela Simon ist klar: „Das bedeutet nichts Gutes.“ Sie hastet in den Flur, öffnet die Haustür.

Das Gesicht des kleinen Jungen ist bereits blau angelaufen

Vor ihr steht der Nachbar, im Arm hält er seinen Sohn. „Der Tim, der Tim“, stammelt der Vater verzweifelt und streckt Simon das Kind entgegen. Das Gesicht des Kleinen ist blau angelaufen, er ist bewusstlos, seine Arme und Beine hängen schlaff herunter, er blutet aus dem Mund. Manuela Simon ist Ausbilderin beim Roten Kreuz. Bei diesem Anblick schießt ihr ein Gedanke durch den Kopf: „Da kommt jede Hilfe zu spät.“ „Tim hat was verschluckt“, stößt der Vater verzweifelt hervor. Hinter ihm steht seine Frau, ihr Gesicht ist kreidebleich. „Ich habe ihn geschüttelt. Aber das hat nicht geholfen.“ „Gib ihn mir“, sagt Simon energisch. Der Fremdkörper, der Tims Luftröhre blockiert, muss raus. Ist es womöglich bereits zu spät? Wahrscheinlich atmet der Kleine schon seit mehreren Minuten nicht mehr. Egal – sie muss es versuchen!

Ein kleines, gelbes Maiskorn fliegt aus Tims Mund. Und der Junge tut einen schwachen Atemzug 

Manuela lässt sich auf die Knie sinken, legt Tim mit dem Kopf voran auf ihren linken Arm, das Gesicht zeigt nach unten. Mit der Hand umfasst sie Tims Kinn. Sie senkt den Arm ein wenig und richtet seinen Kopf so aus, dass Nase und Mund des Jungen etwas tiefer liegen als sein Körper. Mit der rechten Hand streicht die Helferin kräftig über Tims Rücken, vom unteren Rückgrat Richtung Schultern. Dieser Reiz soll die tiefliegende Muskulatur entspannen. Mit etwas Glück wird der verschluckte Gegenstand, der die Atemwege blockiert, dann herausfallen. Tatsächlich – im nächsten Augenblick fliegt ein kleines, gelbes Maiskorn aus Tims Mund. Und der Junge tut einen schwachen Atemzug. Simon nimmt ihn hoch. Tim beginnt zu schreien. „Das war ein toller Moment. Ich dachte nur: Schrei so lange und
so laut du willst“, erzählt Manuela Simon und lacht noch beim bloßen Gedanken daran vor Erleichterung und Freude.

Das eben noch bleiche Gesicht des Kindes bekommt schnell wieder Farbe.

Seine Eltern halten ihn, halten sich umschlungen. Manuela Simon bemerkt, dass jemand vor dem Haus auf der Treppe sitzt. Es ist der Großvater des Jungen. Er ist kreidebleich, die Stufen hinauf hat er es nicht mehr geschafft. Harald Simon bringt ihm gerade ein Glas Wasser, als der Notarzt eintrifft. Tims Mutter hatte noch zu Hause den Notruf gewählt. In Hachenburg gibt es zwar ein Krankenhaus, aber keine Kinder­notfallstation. Der Notarzt kommt mit dem Helikopter aus dem rund 45 Kilometer entfernten Siegen. Vom Landeplatz auf einer höher gelegenen Wiese muss der Arzt zu Fuß zu seinem Einsatzort. Heute hatte er Glück, ein Anwohner hat ihn gefahren. Zur Sicherheit wird Tim in die nächste Kinderklinik geflogen. Seine Mutter darf ihn begleiten.

Der Junge hatte wohl versehentlich Popcorn-Mais verschluckt

Später erfährt Manuela Simon, wie es zu dem Notfall kam. „Die Eltern hatten Popcorn gemacht. Der Kleine stibitzte ein Maiskorn und kaute wahrscheinlich schon eine Weile darauf herum“, erzählt sie. „Dann ist er wohl beim Spielen mit seiner Mutter zusammengestoßen – hat vor Schreck das Korn verschluckt und in die Luftröhre bekommen.“ Sie ist glücklich, dass sie dem kleinen Kerl damals helfen konnte. Und damit vielleicht auch anderen. Denn inzwischen hat nicht nur der Vater von Tim einen Erste-Hilfe-Kurs speziell für Kinder absolviert. Auch Freunde und Nachbarn haben sich angemeldet. Darüber freut sich die Retterin noch mehr als über die Ehrung zur „Bürgerin des Jahres“, die sie von der Stadt Hachenburg bekommen hat!

 

* Name von der Redaktion geändert


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