Markus Angenvorth: auch im wahren Leben ein Held
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Markus Angenvorth: auch im wahren Leben ein Held

Als Schauspieler kennt Markus Angenvorth dramatische Szenen zur Genüge. An diesem heißen Sommertag hat das Schicksal ihm auch im richtigen Leben eine solche zugedacht.

Ausgabe: Oktober 2017 Autor: Markus Heffner

Am Abend hat der 49-Jährige eine Vorstellung auf dem Stuttgarter Theaterschiff, auf dem er während seines Engagements auch wohnt. Bis dahin will er einen gemütlichen Nachmittag verbringen. Er sitzt vor seiner Kajüte mit Blick auf den Neckar und liest. Plötzlich hört er laute Hilfeschreie. Zuerst denkt Angenvorth, die Rufe kämen vom Ufer. Schnell läuft er auf die andere Seite des Bootes. Am Ufer allerdings benötigt niemand Hilfe. Aber zwischen Kaimauer und dem Rumpf des Schiffs paddelt ein Mann hilflos im Wasser. Er ist nur mit einer Unterhose bekleidet. Auf seiner Brust kleben EKG-Elektroden, wie sie bei Herzuntersuchungen verwendet werden. Angenvorth, der eine Ausbildung zum Krankenpfleger absolviert hat, bevor er sich der Schauspielerei zuwandte, erkennt sie sofort. „Mein erster Gedanke war, der ist bestimmt aus dem Krankenhaus abgehauen“, erzählt Angenvorth. Später wird er erfahren, dass er mit dieser Einschätzung richtig lag. Ein Kellner, der im Restaurant des Theaterschiffs arbeitet, ist ebenfalls herbeigeeilt. Gemeinsam versuchen die beiden, dem Mann im Wasser ein Ruder zu reichen, an dem er sich festhalten soll. Angenvorth sieht die Panik in den Augen des Mannes. Er bemerkt auch, dass dieser immer schwächer wird.

Die Kaimauer, neben der er treibt, ist viel zu glitschig, um daran Halt zu finden. „Er hatte keine Chance, selbst aus dem Wasser zu kommen“, erzählt der Schauspieler. Immer wieder spricht er den Mann im Wasser an, versucht ihn zu be­ruhigen. Ein weiterer Mitarbeiter des Theaterschiffs hat bereits den Notruf gewählt. Die Rettungskräfte sind also auf dem Weg. Mit schwacher Stimme erzählt der Mann im Wasser noch, dass er Bernd heißt, gern Countrymusik hört und obdachlos ist. Dann reagiert er nicht mehr.

Seine Augen sind geschlossen, sein Mund steht offen – er ist ohnmächtig und droht unterzugehen.

Markus Angenvorth zögert keine Sekunde. Er hangelt sich an einem der Drahtseile, mit denen das Schiff am Ufer vertäut ist, ins Wasser. Mit der linken Hand hält er sich selbst fest, mit dem rechten Arm packt er Bernd unter der Schulter. Geruch von Alkohol steigt Angenvorth in die Nase. Er weiß, falls es ihm nicht gelingt, den Ohnmächtigen fest­zuhalten, wird dieser ertrinken. Zwischendurch kommt Bernd kurz zu sich, verliert dann aber erneut das Bewusstsein. Angenvorth packt ihn noch etwas fester. Er selbst umklammert weiter mit einer Hand das Schiffstau und hofft, dass seine Kräfte nicht schwinden.

Endlich tauchen Rettungsschwimmer der DLRG im Neoprenanzug neben ihm auf.

Fast gleichzeitig trifft die Feuerwehr ein, lässt eine Leiter ins Wasser. Nun geht es darum, den knapp 1,80 Meter großen, etwas untersetzten Mann auf die Mauer zu befördern. Kein leichtes Unterfangen. So gut er kann, hilft Angenvorth den Rettungsschwimmern, den Ertrinkenden so auf der Leiter zu fixieren, dass ihn die Feuerwehrmänner aus dem Wasser ziehen können. Dem Schauspieler kommt das alles wie eine Ewigkeit vor – in Wahrheit sind aber nur ein paar Minuten vergangen, seit er die ersten Hilfeschreie gehört hat. Dann ist es geschafft. Sanitäter laden Bernd in den Rettungswagen und bringen ihn ins Krankenhaus.

Von der Polizei erfährt Angenvorth später, dass er einen stadtbekannten Obdachlosen gerettet hat.

Der Mann war an diesem Tag während einer Untersuchung aus dem Krankenhaus verschwunden. Ob er verwirrt war, die Geduld verlor oder sich auf die Suche nach Alkohol machte, ist nicht klar. Vermutlich wollte er sich der großen Hitze wegen im Neckar abkühlen. Dass er dieses Bad überlebt hat, verdankt er auch Markus Angenvorth.
Dem scheint die Heldenrolle auf den Leib geschrieben zu sein. Schon einmal reanimierte er einen Zuschauer, der während einer Vorstellung im Alten Schauspielhaus Stuttgart zusammengebrochen war. Seinem jüngsten Heldenstück würde er gern eine Szene hinzufügen. „Ich möchte mich mit Bernd noch einmal unter normalen Umständen unterhalten und fragen, wie es ihm jetzt geht“, sagt Angenvorth. „Das gehört für mich einfach dazu.“

 

 


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