Miteinander Füreinander
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Helden des Alltags

Miteinander Füreinander
Die Flüchtlingskrise hält Europa in Atem. Freiwillige helfen auf der griechischen Insel Lesbos in vorbildlicher Weise.
Ausgabe: Mai 2016 Autor: Craig Stennet

Fade, ein Telekommunikationsmanager aus Damaskus in Syrien, pflegt im Flüchtlingslager Pikpa ein Gemüsebeet. "Ich lege diesen Garten für die Menschen an, die nach mir kommen", sagt er, und lockert in der Morgensonne die Erde auf. "Meine Familie und ich werden zur Erntezeit längst weg sein, doch die Flüchtlinge, die dann hier sind, haben vielleicht etwas davon."

"Ich hatte ein Haus mit etwas Land und Pferden, doch der Krieg hat alles verändert", fährt Fade, 40, fort. "Wenn ich hier sitze, bin ich in Gedanken immer noch in Syrien, bei unseren Freunden, die nicht fliehen konnten. Ich weiß, dass Europa nicht das Paradies ist. Sobald der Krieg vorbei ist, gehe ich mit meiner Familie zurück – Wir gehören nach Syrien. Doch jetzt brauchen wir erst einmal Sicherheit."

"Letzte Woche ging es hier zu wie im Krieg. Wir hatten 20.000 hungrige, erschöpfte Flüchtlinge."

Efi Latsoudi, freiwillige Helferin

PIKPA ist der Name eines Ferienheims für Kinder, das 1938 eingerichtet wurde und nur ein paar hundert Meter von der Ägäisküste entfernt auf der griechischen Insel Lesbos liegt. Die Einrichtung war lange geschlossen, bis im September 2012 einige Freiwillige mit Nichtregierungsorganisationen ein Selbsthilfenetzwerk einrichteten. Ursprünglich sollte es die sozialen Folgen des Bankenzusammenbruchs in Griechenland von 2009 abmildern helfen. Die Gruppe nannte sich The Village of Altogether – das Dorf für alle.

Mitglieder der Gruppe sprachen den Bürgermeister von Mytilini an, der größten Stadt auf Lesbos. Sie erkundigten sich, ob die Einrichtungen von Pikpa zur Unterbringung von Flüchtlingen genutzt werden könne, die aus kriegsgeschüttelten Ländern wie Syrien, Afghanistan und dem Irak an Griechenlands Küste landen.

Inzwischen dient das Lager als Zufluchtsort und "Zentrum der Gastfreundschaft" nach dem Grundsatz, dass alle Menschen mit Würde zu behandeln sind. Die autonome Gruppe erhält keine finanzielle Unterstützung vom griechischen Staat oder von der EU. Ihr gehören mehr als 100 Mitglieder an, den aktiven Kern bilden jedoch nur zehn bis 15 Personen.

Diese geben den Bedürftigsten Unterkunft. Wenn möglich, werden Behinderte, Verwundete, Ältere, Schwangere, alleinstehende Frauen mit Kindern und Familien mit Kleinkindern nach Pikpa verwiesen. Helfer sorgen für Lebensmittel, Kleidung, medizinische Hilfe und Rechtsberatung. Vor allem aber heißen sie jeden herzlich willkommen.

Efi Latsoudi aus Mytilini arbeitet schon lange ehrenamtlich bei Village of Altogether mit. Sie telefoniert mit dem Handy und koordiniert gleichzeitig die Ausgabe trockener Kleidung an Neuankömmlinge. "Letzte Woche ging es hier zu wie im Krieg", berichtet sie. "Wir hatten 20.000 hungrige, erschöpfte Flüchtlinge und keinerlei Informationen von den Behörden, wo sie hin sollten und wie sie ordnungsgemäß zu registrieren seien."

Jeder Flüchtling, der nach Griechenland kommt, muss sich zunächst als rechtmäßiger Flüchtling registrieren lassen, bevor er in andere europäische Länder weiterreisen kann.

"Die Situation hier ändert sich laufend. Dass es keine Informationen gibt, versetzt die Menschen in Angst. Im Grunde ist es ganz einfach: Man braucht einen festen Plan zur Verwaltung und Bearbeitung aller Fälle, und an den muss man sich halten", sagt Latsoudi.

Die Insel mit ihren 80.000 Einwohnern nimmt immer noch täglich rund 1000 neue Flüchtlinge auf. Solange der Krieg im Nahen Osten andauert, ist kein Ende in Sicht. Tatsächlich erlebt Europa gerade die größte Völkerwanderung seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

Dimitria Ippioty ist eine 25-jährige Krankenschwester, die freiwillig hier Dienst tut. Sie ist sieben Tage die Woche rund um die Uhr abrufbereit. "Ich glaube nicht, dass diese Menschen ihre Heimat verlassen wollten. Sie hatten keine Wahl", sagt sie auf die Frage nach ihrem Motiv. "Es herrscht Krieg. Die einzige Lösung ist, diesen Kriegen irgendwie Einhalt zu gebieten, damit die Menschen wieder nach Hause können. Bis dahin müssen wir alles tun, um zu helfen."

Sie untersucht einen alten Mann, der vor Kurzem auf Lesbos angekommen ist, und fügt hinzu: "Wir haben hier viele, die sich auf der ˆberfahrt verletzt haben. Andere sind traumatisiert von dem, was sie gesehen und erlebt haben, nicht zuletzt durch die unmenschliche Behandlung auf ihrer Flucht."

Da ist zum Beispiel der sechsjährige Abdul Masavee mit seiner Schwester, seinen Eltern und seiner Großmutter. Die Familie stammt aus Bamiyan im zentralen Hochland Afghanistans. Sie überquerte die Ägäis von der Türkei aus in einem Schlauchboot, das sich nach Aussage eines Helfers "während der ˆberfahrt in seine Bestandteile auflöste". Das Boot war so überladen, dass sich Abdul im Gedränge sogar das Bein brach.

Heute sitzt er in einem Rollstuhl und fährt mit seiner Familie an den Strand zum Baden. Dabei sieht Abdul so unbeschwert aus, dass man das Leid fast vergessen könnte, das er und seine Familie ertragen mussten.

Gewöhnlich tauchen die ersten Boote aus der Türkei gegen sieben Uhr morgens am Horizont auf. Deshalb haben der 42-jährige Schuldirektor Joel Johansson aus Schweden und Angelos Bilios, Fluglotse aus Athen, um fünf Uhr Mytilini verlassen und steuern einen hochgelegenen Punkt an der Küste bei Molivos an. Von dort aus versuchen die Freiwilligen, ankommende Boote zu orten.

Beide Männer opfern ihren Urlaub für ihre ehrenamtliche Tätigkeit in Pikpa. Mit einer kleinen Gruppe anderer Freiwilliger suchen sie die Meerenge zwischen Griechenland und der Türkei ab. Auch das britische Paar Eric und Philippa Kempson ist dabei – wie jeden Morgen seit acht Monaten.

Hege Bjornebye und Katrine Vatne aus Norwegen sind bereits am Strand von Limantziki und winken mit orangefarbenen Schwimmwesten, um den Booten Orientierungshilfe zu geben. "Offenbar ist das illegal", sagt Bjornebye mit ironischem Unterton und meint damit griechische Gesetze, die jede Hilfe bei der ˆberfahrt von Flüchtlingen untersagen, selbst in dieser Form.

Drei Boote landen in rascher Folge an. Wie üblich werden die Kinder zuerst ans Ufer gebracht. Dann klettern die Erwachsenen aus dem Boot. Johansson verteilt Trinkwasser und erkundigt sich, ob einer der Syrer und Afghanen Englisch spricht. Er hat Glück und kann wichtige Informationen vermitteln.

Einen Augenblick lang herrscht am Strand Jubel und Erleichterung. Der 22-jährige Syrer Hassat Abdul Haman fällt auf die Knie und dankt Gott für die sichere ˆberfahrt. Andere weinen. Haman ist mit einer Gruppe über Kurdistan und die Türkei hierher geflohen. Sein Vater und sein Bruder wurden im Syrienkrieg getötet.

Kinder spielen auf dem Gelände des ehemaligen Ferienheims Pikpa in Mytilini. Heute bietet es besonders bedürftigen Flüchtlingen Zuflucht

Hege Bjornebye fasst zusammen, was viele der freiwilligen Helfer empfinden: "Wir haben ihnen nur in Freundschaft die Hand gereicht, und dafür sind sie so dankbar."

Von hier aus müssen die Flüchtlinge vier Kilometer weit zur ersten Sammelstelle gehen, wo Lebensmittel und Kleidung verteilt werden. Mit etwas Glück geht es von dort aus mit dem Bus weiter nach Oxi, zum nächsten Anlaufpunkt.

Die Busverbindung ist noch ziemlich neu und dem Umstand zu verdanken, dass inzwischen auch größere Hilfsorganisationen wie "ActionAid" und "Ärzte ohne Grenzen" auf die Insel kommen. Zuvor mussten alle – Männer, Frauen, Kinder, Behinderte und Verletzte – aus eigener Kraft die 40 Kilometer nach Moria zurücklegen, wo sie registriert wurden, und dann zum Hafen von Mytilini, von wo aus es auf das griechische Festland ging.

Unglücklicherweise gelangen nicht alle Boote heil ans Ufer. Nach Schätzungen der Internationalen Organisation für Migration sind von über einer Million Männer, Frauen und Kinder, die 2015 illegal – meist auf dem Seeweg – nach Europa eingereist sind, 3692 gestorben oder werden vermisst. Mahnmal für die Opfer ist der Friedhof Panteleimos auf einem Hügel über dem Hafen von Mytilini. Hier werden die Toten begraben, die das Meer auf Lesbos anspült.

"Das mit den Gräbern ist am schlimmsten", sagt Efi Latsoudi. "Wir möchten die Menschen gern würdevoll bestatten. Aufgrund der prekären Finanzlage Griechenlands müssen die Flüchtlinge die Gräber für die Ertrunkenen aber selbst ausheben. Wir haben vor Ort einen Bestatter gefunden, der die Leichen kostenlos zum Friedhof befördert, und die Flüchtlinge halten manchmal eine Zeremonie ab."

Die meisten Gräber sind anonym, da gewöhnlich bei den angetriebenen Leichen keine Papiere gefunden werden. "Seit 2009 nimmt das Krankenhaus DNA-Proben, sodass man sie vielleicht später noch identifizieren kann", ergänzt Efi Latsoudi.

In PIKPA geht es mittlerweile etwas fröhlicher zu. Die Kinder spielen auf den Schaukeln und Karussells des Ferienlagers, die Erwachsenen putzen und räumen auf, um das Lager in Ordnung zu halten, und bereiten dann das Abendessen zu.

Die dreijährige Norsarine Masavee entdeckt beim Durchstöbern des gespendeten Spielzeugs eine Spieluhr. Als sie sie öffnet, erklingt ausgerechnet die Melodie von Beethovens Ode an die Freude.

Als die Klänge der offiziellen EU-Hymne durch das Lager schallen, spricht Joel Johansson leise aus, was viele denken, die diesen Flüchtlingsexodus biblischen Ausmaßes miterleben: "In Wirklichkeit geht uns das alle an."


 

RD Abbinder
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