Motorradunfall in Wiesbaden: Eugene Gardner schützt die Helfer
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Motorradunfall in Wiesbaden: Eugene Gardner schützt die Helfer

Nach einem Unfall sorgt Eugene Gardner für die Sicherheit der Ersthelfer

Ausgabe: August 2017 Autor: Felix Ehring

Es ist bereits nach 21 Uhr, als Eugene Gardner ins Auto steigt. Der 60-Jährige will nach Hause fahren. Der US-Offizier arbeitet auf der Militärbasis Wiesbaden und wohnt mit seiner Familie in Eltville. Für diese Strecke nimmt er normalerweise die Autobahn. An jenem Juniabend aber fährt er durch die Wiesbadener Innenstadt. Eine Entscheidung, die sich noch für mehrere Menschen auszahlen wird. Es war ein langer, guter Arbeitstag. Ich hatte beste Laune“, erzählt der Soldat. Er steuert seinen Wagen auf die Biebricher Allee, eine der Hauptverkehrsadern der Stadt. Als er an einer Ampel hält, kommt neben ihm ein Motorrad zum Stehen. Die Maschine gefällt Gardner, deshalb mustert er auch den Fahrer. „Ein schlanker junger Mann mit einer schicken Jacke“, erinnert er sich. Die Ampel springt auf Grün, der junge Mann gibt Gas und zieht davon. Gardner verliert ihn aus den Augen.  Doch nur einige hundert Meter weiter bietet sich ihm ein Anblick, der seinen Puls beschleunigt. Wo sich Biebricher Allee und Konrad-Adenauer-Allee kreuzen, liegt das Motorrad auf der Fahrbahn, hinter der Maschine kann Gardner den Fahrer erkennen – mitten auf der Kreuzung. Daneben steht ein Kleinwagen. Gardner ahnt, dass Motorrad und Auto zusammengeprallt sind.

Gardner schnappt sich die Warnweste und springt aus dem Auto.

Er fährt rechts ran, schnappt sich die Warnweste, die er immer griffbereit hält, springt aus seinem Wagen, eilt zur Unfallstelle. Aus den Augenwinkeln nimmt er eine Delle am Rahmen der Frontscheibe des Kleinwagens wahr. Dann steht Gardner vor dem Motorradfahrer. Bewegungslos liegt dieser auf dem Bauch, den Kopf zur Seite gedreht. Neben seinem Helm hat sich Blut auf dem Asphalt gesammelt. Zwei weitere Männer eilen herbei, stehen dann aber unsicher vor dem Verletzten – sie wissen nicht so recht, wie sie helfen sollen. Zudem sind sie selbst in Gefahr, denn auf diese Kreuzung münden fünf Spuren von allen Seiten. Um die Männer herum rauscht der abendliche Verkehr, fast so, als sei nichts geschehen. Die Ampelphasen hier sind kurz, ständig rollen die Autos aus einer anderen Richtung auf sie zu.

„Ich merkte: Einer muss jetzt koordinieren“, erinnert sich Gardner. Also übernimmt er das Kommando. In einer Mischung aus Englisch und Deutsch weist er die anderen beiden Männer an. Der Verletzte soll nicht bewegt werden, um die Kopfverletzung und mögliche Schäden an der Wirbelsäule nicht zu verschlimmern. Einem der beiden Helfer ruft Gardner zu: „Call the Police (Rufen Sie die Polizei)!“ Der zückt sein Handy. Den anderen weist der Offizier an, auf den Verletzten einzureden. So hat Gardner es beim Militär gelernt: Verletzte brauchen Zuspruch, auch wenn sie nicht reagieren. 

Viele Fahrer kurven ohne Rücksicht um die Unfallstelle herum

Gardner selbst übernimmt die gefährlichste Aufgabe: den Verkehr zu stoppen. Denn viele Fahrer kurven einfach um die Unfallstelle herum, quasi auf Tuchfühlung rollen sie an Helfern und dem Verletzten vorbei. „Ein Auto fuhr direkt neben uns über abgesplitterte Karosserieteile. Diese Ignoranz fand ich schlimm“, sagt Gardner. Als ein weiterer Wagen versucht, sich vorbeizuschlängeln, stellt Gardner sich ihm in den Weg. Er schlägt auf die Motorhaube und brüllt verzweifelt: „Stopp!“ Er läuft hin und her – und folgt dabei der Ampelschaltung. In seiner leuchtenden Weste bringt er die Autos zum Abbremsen, verhindert, dass der Verunglückte und die beiden anderen Helfer womöglich überrollt werden. „Bis die Polizei kam, ver­gingen sieben oder acht Minuten. Das waren sehr, sehr lange Minuten“, erinnert er sich.

Endlich hört Gardner die Sirenen.

Aber der Weg auf die Kreuzung ist mittlerweile von Autos blockiert. Die Fahrer haben keine Rettungsgasse gebildet! Gardner gibt den Männern und Frauen Handzeichen, damit sie zu den Seiten ausweichen. Der US-Offizier tut an diesem Sommerabend alles, um den verunglückten Motorradfahrer zu retten. Leider können die Rettungssanitäter dem jungen Mann nicht mehr helfen. Als Trost bleibt Gardner an diesem Abend nur, dass er die anderen Helfer schützen konnte. Als die Polizei die Kreuzung gesichert hat, fragt Gardner einen der Beamten, ob er den Unfallort verlassen darf. Er darf. Zu Hause wartet bereits seine Familie auf ihn. Gardner lässt sich aufs Sofa fallen und berichtet seiner Frau und den vier Kindern von den dramatischen Minuten. Dem Offizier, der schon in Afghanistan und im Irak im Einsatz war, kommen dabei die Tränen.

Ein halbes Jahr später wird Gardner erneut zum Retter.

Im Februar 2016 dreht sich auf einer Autobahn bei Regen und schlechter Sicht ein Wagen direkt vor ihm und bleibt auf der Fahrbahn stehen. Gardner parkt schützend vor dem Pkw und schafft es, die folgenden Autos rechtzeitig zum Abbremsen zu bringen. Die zwei Insassen des Unfall­wagens kommen leicht verletzt davon. Für diese Tat verlieh der Ministerpräsident des Landes Hessen Eugene Gardner die Rettungsmedaille und erwähnte dabei auch die Unfallhilfe in Wiesbaden. "Deutschland war immer gut zu mir“, sagt Gardner. „Ich gebe gern etwas zurück.“

 


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