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Ein brauner wird repariert.
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Aus der
aktuellen
Ausgabe

Helden des Alltags

Teddybärchirugin, Golfballtaucher? Mehr als nur ein Job!

Lamas scheren oder nach Kuhschellen schmieden? Auch mit diesen Berufen kann man Geld verdienen!

Ausgabe: November 2021 Autor: Tim Hulse

Der Kuhschellenschmied

Das Läuten von Kuhschellen gehört zu den bayerischen Alpen wie Lederhosen und Bier. Die Schellen allerdings erfüllen eine ernsthafte Aufgabe. Dank ihrer Hilfe weiß der Hirte bei schlechter Sicht nicht nur, wo die Kühe sind. Er kann auch einzelne Tiere ausmachen, denn jede Schelle hat ihren eigenen Klang. Solche Schellen werden nur noch von wenigen Betrieben geschmiedet, darunter der Familienbetrieb der Brüder Bertele in Bihlerdorf im Oberallgäu. Die Schmiede wurde 1912 von ihrem Urgroßvater gegründet, der alle möglichen Schmiedearbeiten erledigte. Kuhschellen wurden erst um etwa 1980 ins Repertoire aufgenommen.
„Die Idee kam mir während des sogenannten Klausentreibens, einer alten Dezember-Tradition hier im Alpenraum, bei der angeblich böse Geister vertrieben werden sollen“, erklärt Gerhard Bertele. „Junge Männer legen sich Tierfelle um, hängen sich Kuhschellen an den Gürtel und laufen durch die Straßen. Ich dachte mir, es wäre gut, im Winter, wenn wir nicht so viele Aufträge haben, Kuhschellen herzustellen. Wir schmieden sie für die Hirten in der ganzen Umgebung.“ Eine Schelle von Hand herzustellen, dauert zwischen zwei und acht Stunden. Zuerst erhitzt der Schmied zwei Eisenplatten, bis sie weich werden, anschließend hämmert er sie halbkreisförmig aus. Für eine einzige mittelgroße, etwa 2,5 Kilogramm schwere Schelle mit 45 Zentimeter Durchmesser benötigt er mehr als 25. 000 Hammerschläge. Anschließend hängt er den Klöppel ein, verbindet die beiden Hälften und bestreicht sie mit Klarlack, damit das Metall nicht rostet. „Neben Kraft und Ausdauer braucht man auch gute Ohren und einen sicheren Blick“, sagt Bertele, der drei Gesellen und zwei Auszubildende beschäftigt.
Es gibt runde, ovale und längliche Kuhschellen. Jeder Schmied hat seine Lieblingsform. Berteles Schellen sind länglich. „Aber auch der Klang ist sehr wichtig“, sagt er. „Eine Schelle muss tief, laut und harmonisch klingen.“ Die Herstellung von Kuhschellen sei in vielerlei Hinsicht befriedigend, fügt er hinzu: „Wenn man die fertige Schelle in der Hand hält, empfindet man einen gewissen Stolz. Außerdem halten wir eine wichtige Tradition aufrecht. Die Alpwirtschaft muss erhalten bleiben. Ohne das grasende Vieh auf den hügeligen Weiden würde die Umwelt anders aussehen. Mit unseren Kuhschellen tragen wir einen kleinen Teil zum großen Ganzen bei.“

 


Die Teddybärchirurgin

Aimee Whyte hat in ihrem Arbeitsleben schon viele grausige Dinge gesehen. Verstümmelte Hände und Füße, fast abgetrennte Arme und Beine, Köpfe ohne Gesicht. „In neun von zehn Fällen war der Täter ein eifersüchtiger Hund. Die Tiere scheinen am liebsten mitten ins Gesicht zu beißen“, berichtet sie. „Solche Fälle haben wir oft.“ Glücklicherweise fließt bei diesen schrecklichen Ereignissen kein Blut, denn Whyte ist eine von fünf Teddybär-Chirurginnen am Spielzeugkrankenhaus Leith Toy Hospital im schottischen Edinburgh. Dorthin kann man Plüschtiere und Puppen zur Reparatur und Auffrischung schicken. Hoffnungslose Fälle gibt es nicht. „Keiner ist so kaputt, dass wir ihn nicht in Ordnung bringen können“, sagt Whyte. „Ich habe noch nie einen Bären abgewiesen.“
Pro Woche werden etwa zehn Teddybären eingeliefert. Jeder bekommt eine Patientenkarte und wird mit Namen angesprochen. „Viele ältere Teddys brauchen Flicken, weil das Gewebe schon so abgenutzt ist. Manche müssen wir sogar komplett neu überziehen“, erklärt Whyte. „Wenn Gelenke in Ordnung zu bringen sind, müssen wir die Bären auseinandernehmen.“ Whyte arbeitet seit Anfang 2019 im Toy Hospital. Damals hatte die ausgebildete Kostümbildnerin gerade die Arbeit an einer Theaterproduktion in Glasgow beendet. „Ich sollte nur einen Tag aushelfen, aber dann wollte ich nicht mehr weg“, sagt sie. „Wenn ich erzähle, was ich mache, muss ich es jedes Mal erklären. Viele wissen gar nicht, dass es meinen Beruf gibt.“ Die Besitzer der Teddybären, die Whyte behandelt, wissen ihre Arbeit zu schätzen. „Meist sind es Erwachsene“, sagt sie. „Für sie ist der Teddy nicht nur ein Spielzeug. In der Regel hat er sie ihr ganzes Leben lang begleitet – sie sind mit ihm aufgewachsen und haben ihn beim Auszug aus dem Elternhaus mitgenommen. Es gibt jedes Mal Tränen, wenn sie den Teddy zurückbekommen.“ (Foto: © iStockfoto.com / by-studio)


Der Golfballtaucher

Als Patrick Schönemann neun Jahre alt war, legte sein Vater sich ein neues Hobby zu – golfen. Damit der Sohn dabei sein konnte, kaufte Vater Schönemann dem Junior einen eigenen kleinen Schläger. Doch Patrick war nicht so sehr am Golfspiel interessiert. „Ich fand es viel interessanter, Bälle zu suchen, die im Wald gelandet waren“, erzählt der Schwede lachend. Bald war die Suche nach Golfbällen zu seiner Leidenschaft geworden. Jedes Wochenende fuhr er mit dem Fahrrad zum Golfclub in seiner Heimatstadt Göteborg, sammelte Bälle ein und verkaufte sie für ein Taschengeld an die Spieler. Nach einer Weile erweiterte er sein Suchgebiet auch auf die Teiche des Golfplatzes. Im flachen Wasser watend tastete er mit den Füßen nach Bällen. Doch die in der Tiefe verborgenen Schätze blieben für ihn unerreichbar, was ihn ärgerte. Darum machte er mit 18 Jahren den Tauchschein und kaufte sich eine Ausrüstung.
Jahrelang blieb das Tauchen nach Golfbällen für Schönemann eine Freizeitbeschäftigung, mit der er ein wenig Geld dazuverdiente. Erst als er mit einem von ihm gegründeten Unternehmen keinen Erfolg hatte, sah er es plötzlich als möglichen Beruf an. „Ich war 30, hatte hohe Schulden und fragte mich, wie ich möglichst schnell möglichst viel Geld verdienen könnte“, sagt er. So gründete er mit einem Freund eine Firma, die nach Golfbällen taucht: Golfballdivers.se. Das war vor fünf Jahren. Heute tauchen Schönemann und sein Team auf Golfplätzen in ganz Skandinavien Deutschland, der Schweiz und Polen. „In jedem Teich finden wir von rund 500 bis zu mehreren Tausend Bällen“, berichtet er. Doch das ist nicht alles, was sie ans Tageslicht holen. Neben weggeworfenen Schlägern hat Schönemann schon Handys, Schlittschuhe, eine Pfanne und sogar eine Registrierkasse aus dem Wasser gezogen.
Die Bälle verkauft die Firma an Online-Händler. „Wir müssen hart für unser Geld arbeiten“, sagt Schönemann. „Mir macht der Job dennoch Spaß. Jeder Tag ist neu: ein anderer Golfplatz, neue Teiche. Aber fragen Sie mich im Dezember nochmal. Bei zwei Grad und Schneefall fällt meine Antwort vielleicht anders aus!“


Der Lego-Baumeister

Der siebte Geburtstag seiner Tochter veränderte Dirk Denoyelles Leben. „Sie bekam ihre erste Schachtel mit Lego-Bausteinen“, erinnert sich der Belgier. „Ich hatte als Kind auch Lego, aber dann wurde ich erwachsen, ging aufs College, lernte meine Frau kennen. Ich hatte die Bausteine völlig vergessen. Plötzlich tauchten sie wieder auf. Ich spielte ein wenig mit ihnen herum und bemerkte, dass ich das doch anscheinend ganz gut konnte.“
Damals war Denoyelle, der in Antwerpen lebt, ein erfolgreicher Bühnenkomiker und die Bausteine brachten ihn auf eine Idee: „Seit Langem schon hatte ich den belgischen Künstler Willem Vermandere parodiert. Er ist Sänger und Bildhauer. Ich sagte mir, warum baust du nicht seinen Kopf aus Legosteinen?“
Auf der Bühne präsentierte der Komiker den Kopf als angebliches Selbstporträt, das Denoyelle alias Vermandere in einer neuen Kunstform namens digitalistischer Kubismus angefertigt habe. „Zu meiner großen Überraschung waren die Leute ganz begeistert!“ Die Saat war gepflanzt. Denoyelle fertigte weitere lebensgroße Köpfe von Prominenten für seine Auftritte an: Komiker wie Laurel und Hardy und John Cleese, aber auch belgische Berühmtheiten und sogar einen Hollywoodstar – auf seinen George Clooney ist er besonders stolz.
Heute widmet der Belgier der Lego-Kunst mehr Zeit als seinen Auftritten als Komiker. Zudem betreibt er eine kleine Firma namens Amazings, die Originalkunstwerke aus Lego-Bausteinen für Ausstellungen und Museen herstellt. Neben den dreidimensionalen Büsten baut Denoyelle auch Mosaike. Sein liebstes Kunstwerk ist eine fünf mal 3,6 Meter große Adaption des Rubens-Gemäldes Anbetung der Heiligen Drei Könige. Darauf sind Einstein, Gandhi, Martin Luther King und Denoyelles Frau Amaya zu erkennen. Der Lego-Baumeister aus Antwerpen liebt seine Arbeit. „Es ist wunderbar, wenn man ein Hobby zum Beruf machen kann“, sagt er. „Für mich geht es im Leben um Freude, Ruhm und Reichtum – genau in dieser Reihenfolge.“


Die Lama-Schererin

Eve Kastner begeistert sich für ungewöhnliche Tiere. Auf ihrem Hof in der Dordogne züchtet die Französin amerikanische Zwergesel und Zwergmaultiere. Daneben übt sie noch ein zweites Handwerk aus: Sie schert Lamas und deren kleinere Verwandte, die Alpakas. Diesen Beruf hat Kastner im Jahr 2015 entdeckt. Damals schenkte die Familie Kastners Vater zwei Alpakas zum 50. Geburtstag. Wie Schafe haben Lamas und Alpakas keinen natürlichen Fellwechsel, sie müssen geschoren werden. „Unterlässt man das, können die Tiere in Zeiten extremer Hitze sogar sterben“, sagt Kastner. „Sie nicht zu scheren, gilt als Tierquälerei.“ Die Schur schützt auch vor Parasitenlarven, die in der dichten Wolle schlüpfen und sich dann in die Haut bohren.
Vor sechs Jahren sah Kastner zu, wie die Alpakas ihres Vaters geschoren wurden. Das brachte sie auf die Idee, selbst Hand anzulegen. Der Scherer war bereit, ihr das Handwerk beizubringen. Heute reist Kastner zu mehr als 100 Kunden in ganz Frankreich. Während der Schur müssen die Tiere etwa 20 Minuten lang am Boden festgehalten werden. Kaster gibt zu, dass ihnen dies Stress verursacht, aber nur so kann die Prozedur sicher ablaufen. „Entweder rede ich den Lamas und Alpakas gut zu oder ich lasse den Besitzer beruhigend auf sie einreden“, sagt sie. „Das hilft meistens.“
„Die Arbeit ist körperlich sehr anstrengend“, erzählt Kastner weiter. „Ich wurde noch nie ernsthaft verletzt, aber ein gewisses Risiko besteht immer. Wenn die Tiere sich sehr heftig wehren, droht schon die Gefahr, einen Tritt abzubekommen. Zugleich muss man sich beim Scheren voll konzentrieren. Alle Bewegungen müssen kontrolliert ausgeführt werden, damit man die Tiere nicht verletzt.“ Wenn Kastner anderen Menschen von ihrem Beruf erzählt, sind diese vor allem überrascht darüber, wie viele Lamas und Alpakas es in Frankreich gibt.

Für all jene, die auf die Tiere treffen, hat sie einen guten Rat: Verscherzen Sie es sich niemals mit einem Lama oder Alpaka. „Wenn sie sich ärgern, spucken sie Sie an. Das geht ganz schnell“, sagt Kastner und lacht. „Einmal habe ich vergessen, mein Autofenster zu schließen, und ein Alpaka spuckte mit aller Kraft hinein. Der Schleim war überall verteilt und roch ekelhaft! Aber ich liebe diese Tiere. Meistens sind sie sehr elegant und friedfertig.“





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RD Abbinder
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