Unfall auf der Baustelle. Stefan Kieper rettet einen Schwerverletzten
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Unfall auf der Baustelle. Stefan Kieper rettet einen Schwerverletzten

Konzentriert bedient Stefan Kieper die Steuerhebel seines Krans. Er steht nahe dem Berliner Hauptbahnhof. Am Lasthaken hängt eine Betonplatte, fünf Tonnen schwer.

Ausgabe: Juni 2018 Autor: David Krenz

Auf der Baustelle unweit des Berliner Hauptbahnhofs setzen Kieper und seine Kollegen eine zusätzliche Etage auf ein Gebäude. Die Platte punktgenau auf der Stahlkonstruktion zu platzieren, erfordert Fingerspitzengefühl. Zumal Kieper vom Führerstand des Autokrans aus das Gebäudedach nicht sehen kann. Von dort geben Arbeiter dem 34-Jährigen darum Handzeichen. Geschafft!

Kieper schwenkt den Kran, um eine weitere Platte anzuheben. Dabei dreht er dem Gebäude den Rücken zu. Es sind nur noch ein paar Tage bis Weihnachten, doch der Winter lässt Milde walten, und so steht Kiepers Kabinentür offen. Von draußen dringen das Brummen des Motors, die Pfiffe der Vorarbeiter und das Gedudel eines Radios zu ihm herein. Plötzlich kracht irgendetwas scheppernd gegen den Kran. Wieder und wieder, ein Prasseln, als würde es Stahlkugeln hageln. Sekunden später grollt Donner vom Gebäude. Ein Mensch schreit. Panik liegt in seiner Stimme. Instinktiv will Kieper vom Kran springen – es sind nur zwei Meter hinunter in einen Sandhaufen – aber dann blickt er doch über die Schulter und erkennt, dass alles, was vom Gebäude stürzen konnte, bereits am Boden liegt. Auch das Baugerüst ist eingesackt, wie ein Mikado-Spiel aus Metallstangen liegt es auf und um den Kran herum. Ein wenig benommen vom Lärm klettert der 34-Jährige aus der Kabine.

Am Fuß des Gebäudes wallt eine Staubwolke

Aus ihr ragen Trümmer der Hauswand und Bauteile der neuen Etage. Und noch immer sind da diese Schreie. Sie kommen von einem Bauarbeiter, der in sechs Meter Höhe in der Luft baumelt. Sein rechtes Bein ist unter einer eingestürzten Deckenplatte eingeklemmt. Nur sie bewahrt ihn vor dem Absturz – und potenziert gleichzeitig die Gefahr: Wer schwer verletzt lange kopfüber hängt, dem droht der Tod. Nie zuvor hat Kieper einen Menschen so verzweifelt schreien hören.  Ihm ist klar: Er muss schnell handeln, den Eingeklemmten irgendwie entlasten. Dafür braucht er seinen Kran. Der aber ist manövrierunfähig. Wie ein Käfig umgibt ihn das eingestürzte Gerüst. Die Kollegen machen sich daran, es mit Schraubenschlüssel und Hammer zu demontieren.

Mit bloßen Händen legt Kieper den Kran frei. Er braucht ihn, um den Verletzten zu sichern

So viel Zeit haben wir nicht, denkt Kieper. Stattdessen lässt er seine Muskeln spielen. Mit bloßen Händen zerrt er das Metall vom Kran. Jetzt zahlt sich aus, dass er viermal die Woche mit Hanteln trainiert. Stange um Stange fliegt in den Staub. „Ich war voller Adrenalin“, erzählt er. „Es war, als würde jeder schmerz­erfüllte Ruf weitere Kräfte in mir frei­setzen.“ Endlich lässt der Kran sich wieder drehen. Kieper hastet zum Schlupf, einer Rundschlinge, mit der Paletten angehoben werden. Er befestigt ihn am Kranhaken, klettert in die Kabine, umfasst die Steuerknüppel. Dann fährt er den Teleskoparm des Krans aus und schwenkt die Schlinge vorsichtig zum Verletzten. Der Mann greift danach wie ein Ertrinkender nach dem Rettungsring. Er legt sich den Schlupf um die Brust. Jetzt trägt der Kran sein Körpergewicht, Bein und Rücken sind entlastet.

Wenig später ertönen Martinshörner, die Feuerwehr rückt mit mehr als 20 Fahrzeugen an.

Über eine Drehleiter und ein Nebengebäude nähert sich der sogenannte Höhenrettungstrupp dem Verletzten. Einer der Retter klinkt den Kranhaken in das Stahlgeflecht der Platte ein, die auf dem Bein des Mannes liegt.  Normalerweise nutzt die Feuerwehr bei Einsätzen ausschließlich eigenes Personal und Fahrzeuge. Aber für einen zweiten Kran fehlt der Platz – und sie brauchen ihn auch nicht. Souverän hebt Stefan Kieper die Platte an und sichert so die Arbeit der Feuerwehrmänner. Sie lassen durchblicken, dass sie einen wie ihn gut gebrauchen könnten. Auch wenn ihm das schmeichelt: „Rettungseinsätze mitten in der Nacht, schlimme Unfälle, ständig Blut und Leid, das wäre nicht mein Leben“, sagt Kieper, der vier Jahre bei der Bundeswehr war, bevor er in der Baubranche angefangen hat. „Ich freue mich, einen geregelten Feierabend zu haben.“ Den verbringt er meist mit Freundin Sophie.

Würdigung durch die Berliner Feuerwehr

Heute funkelt auf dem Fernsehtisch der gemeinsamen Wohnung eine Statuette mit der Aufschrift „Engel der Großstadt“. Eine Würdigung der Berliner Feuerwehr. „Herr Kieper hat wesentlich zum Über­leben des Bauarbeiters beigetragen“, erklärt Branddirektor Philipp Klein. Wie Kieper hörte, führte wohl ein Planungsfehler zum Einsturz auf der Baustelle. Die Schuldfrage muss das Gericht klären. Zum Glück konnte der verunglückte Kollege bald wieder in seine Arbeitsmontur schlüpfen. „Damit ist die Sache für mich abgehakt“, sagt sein Retter.


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