Eine starke Frau
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Ausgabe

Helden des Alltags

Eine starke Frau

Die 41-jährige Aktivistin Ada Colau unterstützt rund 350.000 Familien in Spanien, damit diese ihre Wohnungen behalten dürfen.

Ausgabe: Mai 2015 Autor: Lucy Ash

Die Frau im Schlabberpulli zieht das Publikum in ihren Bann. "Wir verteidigen unser Viertel und unsere Stadt gegen den freien Markt und die politischen Eliten' die uns das Dach über dem Kopf wegverkaufen. Und wir werden es schaffen!" Die Menge auf dem Platz in der katalanischen Hauptstadt Barcelona zollt Beifall.

Die 41-jährige Ada Colau ist eine der bekanntesten Aktivistinnen Spaniens. Während sie spricht' klettert ihr dreijähriger Sohn Luca aufs Podest. Sie lächelt kurz und setzt ihre Wahlkampf rede fort. Schließlich will sie bei der Wahl am 24. Mai Bürgermeisterin von Barcelona werden. Ihre Erfolgschancen mögen gering sein' doch das schreckt sie nicht ab.

Ada Colau wurde nach der Finanzkrise und dem Zusammenbruch des spanischen Immobilienmarkts im ganzen Land bekannt. Sie ist die treibende Kraft hinter der Plattform für Hypothekenopfer (PAH)' einer Bewegung' die sich gegen die spanischen Zwangsenteignungsgesetze richtet. Die Initiative unterstützt rund 350 000 Familien' die ihre Wohnungen räumen mussten' weil sie die Kredite nicht mehr bedienen konnten.

Die durch die Zwangsräumungen ausgelöste Selbstmordwelle ließ Colau aktiv werden. Nach spanischem Recht aus den 1940er-Jahren sind Hypothekenschulden vom Privatkonkurs ausgenommen. Wer Zahlungen nicht leistet' bleibt sie sein Leben lang schuldig.

Kredit geber können Immobilien beschlagnahmen und verkaufen' während der zahlungsunfähige Eigen tümer nicht Konkurs anmelden kann und ihn die Hypothek auch nach der Räumung durch Zinsen und Rechtskosten lebenslang belastet.

Als Ada Colau vor sechs Jahren die ersten Treffen für zahlungsunfähige Hypothekenschuldner veranstaltete' stellte sie verblüfft fest' wie viele Menschen kamen. Noch erstaunlicher aber fand sie ihr Verhalten.

"Wir hatten mit einer wütenden Menge gerechnet"' erzählt sie' "doch die meisten Betroffenen wirkten niedergeschlagen und beschämt. Es war ihnen peinlich' über ihre Probleme zu sprechen. Die Regierung erklärte den Menschen' sie seien für ihre Lage selbst verantwortlich – sie seien selbst schuld. Und so hörten sie das auch täglich im Fernsehen."

Der Fall von Susana Ord¢ßez' Angestellte einer Steuer- und Rechtsanwaltskanzlei' ist typisch. Sie berichtet von unerträglichem Druck ihrer Bank' als sie ihre Hypothek nicht mehr bedienen konnte. Sie war damals mit ihrem zweiten Kind schwanger und hatte gerade ihre Stelle verloren. Ihr Mann' der ein Baugeschäft betrieb' hatte wegen der wirtschaftlichen Lage wenig Aufträge.

"Es hieß' auch wenn ich mich auf der Pla·a Catalußa in Brand steck-te' würde ich meine Schulden nicht los"' erzählt Ord¢ßez. "Sie erklärten mir' wenn ich nicht pünktlich zahlte' würden sie nicht nur meine Wohnung pfänden' sondern das So zialamt würde mir die Kinder wegnehmen! Das dürfen sie natürlich nicht' doch ich war geschockt."

Colaus Name war bald in aller Munde' nachdem sie den Vertreter des Bankenverbandes bei einer Anhörung vor einem Par lamentsausschuss als "Verbrecher" bezeichnet hatte. Das Video verbreitete sich rasend schnell im Internet. Die Zahl von Colaus Twitter-Followern erhöhte sich sprunghaft auf 100 000 und die PAH-Website brach zusammen. Sie hatte den Menschen aus dem Herzen gesprochen' die die Rolle der Banken kritisch sahen und den Eindruck hatten' dass die Schwächsten von der Wirtschaftskrise am stärksten getroffen wurden.

Der Europäische Gerichtshof entschied vor zwei Jahren' dass die spa nische Gesetzgebung gegen den im EU-Recht verankerten Verbraucherschutz verstößt. Eine Petition mit 1'4 Millionen Unterschriften' die im spanischen Parlament eingebracht wurde' führte zu geringen Änderungen' doch PAH sagt' dass auch danach noch die Grundrechte der Kreditnehmer verletzt würden.

Susana Ord¢ßez spricht voll Bewunderung über Colau und nennt sie ihre "Schwester" und "Retterin". Doch nicht alle sehen ihre Arbeit so positiv.Als die Proteste immer mehr öffentliche Beachtung fanden' "erhielt ich Droh-E-Mails"' erzählt Colau. "Eine enthielt ein Foto meines Sohnes mit einer Kugel im Kopf. Dabei stand: 'Bald weißt du' wie es ist' ein totes Kind im Arm zu halten'." Die Absender wurden von der Polizei bislang nicht ermittelt.

Hat sie ihr Engagement nach diesem Vorfall überdacht? "Auf keinen Fall"' sagt sie. "Sich für die Rechte anderer einzusetzen' ist das Beste' was ich meinem Sohn beibringen kann."

Colaus Eltern stammen aus bescheidenen Verhältnissen' heirateten jung und zogen auf der Suche nach Arbeit nach Katalonien. Ihr Vater war im künstlerischen Bereich in einer Werbeagentur tätig' ihre Mutter arbeitete als Verkäuferin.

"Meine Mutter hatte immer Mitgefühl für Menschen in Not' und das hat sie mir und meinen Schwestern vererbt. Eines der größten Probleme unserer Gesellschaft ist' dass die Menschen ihre Gefühle verdrängen. Deshalb finde ich weiblichen Einfluss in der Politik so wichtig."

Viele vermissen diesen Einfluss schmerzlich. Im Sommer 2014 sagte der Bürgermeister der nordwestspanischen Stadt Valladolid' Francisco Javier Le¢n de la Riva' einem örtlichen Radiosender' er habe Angst' mit einer Frau in den Aufzug zu steigen. Schließlich könne sie "sich BH oder Rock vom Leib reißen' schreiend hinausstürmen und behaupten' man habe sie angegriffen".

Darauf reagierten die Menschen in dem Land' in dem Gewalt gegen Frauen nach wie vor ein großes Problem ist' empört. Colau aber hielt es für wirkungsvoller' de la Riva der Lächer lichkeit preiszugeben.

Sie stellte ein Foto ihres BHs auf Twitter' versehen mit dem Hashtag #EscracheDeSujetadores ("BH-Protest"). Innerhalb weniger Stunden hatten 500 Frauen eine BH-Kette durch das Rathaus gespannt und forderten den Rücktritt des Bürgermeisters. Seinen Job konnte er zwar behalten' musste sich aber entschuldigen. Ada Colau ist überzeugt davon' dass die politische Klasse Spaniens feudalistisch' sexistisch und hoffnungslos abgehoben ist.

Colau selbst hat ein Philo sophiestudium absolviert. Mit Mitte 20 spielte sie in der Fernsehserie Dos + Una mit. Sobald sie ihre Kandidatur als Bürgermeisterin bekannt gegeben hatte' erschienen im Internet Berichte über ihre "geheime Vergangenheit" als Schauspielerin.

"Manche Politiker sind korrupt und veruntreuen öffentliche Gelder. Über mich konnten sie offenbar nichts Schlimmeres ausgraben"' sagt Colau.

In der Menge auf dem Platz in Barcelona' auf dem Ada Colau ihre Rede hält' steht ihr Mann Adriá Alemany. Er hat einen Kinderrucksack und einen Spielzeuglaster dabei. "Ich habe versucht' Luca abzulenken' aber er wollte weg von mir. Er sitzt lieber bei seiner Mutter' als mit mir zu spielen."

Alemany ist Volkswirt und verliebte sich in Colau' als er sie bei ihrer Kampagne kennenlernte. Wie er sagt' ist ihr Sohn bei Veranstaltungen im ganzen Land immer dabei. Im Grunde können sie nur so zusammen Zeit als Familie verbringen' erklärt er.

Doch weder er noch Colau können sich ein anderes Leben vorstellen. "Es geht gar nicht um das Bürgermeisteramt. Es geht darum' Menschen zu mobilisieren und ihnen ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen"' meint Alemany. Verschiedene politische Parteien haben wiederholt versucht' Ada Colau für sich zu vereinnahmen und ihr Posten angeboten' aber sie ist nicht interessiert.

Sieht sie sich selbst als Stachel im Fleisch des Establishments? Mit kehligem Lachen entgegnet sie' sie sei wohl mehr "das Sandkorn im Hintern".

Mit ihrer Bewerbung als Bürgermeisterin an der Spitze einer Links-Koalition namens "Guanyem Barcelona" (etwa: lasst uns Barcelona zurück erobern) macht sie den amtierenden Machthabern das Leben noch schwerer. Sie räumt zwar ein' dass der Tourismus das wirtschaftliche Rückgrat der Stadt bildet' doch ihr sind die Rechte der Bürger wichtiger als die der großen Konzerne. Außerdem betont sie' dass viele Stellen in der Tourismusbranche schlecht bezahlt seien und zu viel Geld in ausländische Steuerparadiese fließe.

Sie spricht über die Notwendigkeit einer größeren Rechenschaftspflicht und über ein Ende des Systems' durch das Politiker früher oder später in den Führungsgremien von Banken und Großunternehmen landen. "Ich stehe nicht zur Wahl' um persönlich davon zu profitieren – anders als die meisten spanischen Politiker. Deshalb haben sie Angst. Und das sollten sie auch' denn wir geben nicht auf."


 

RD Abbinder
RD Abbinder
RD Abbinder

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