Auf Messers Schneide
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Aus der
aktuellen
Ausgabe

Spannung

Auf Messers Schneide

Cari liegt auf der Intensivstation. Ihrem Mann Ron ist bewusst, dass sie sich vielleicht zum letzten Mal in die Augen sehen ...

Ausgabe: Oktober 2014 Autor: Nicholas Hune-Brown

Als die Feuerwehrleute im Eisstadion eintreffen, steht Ron McLean auf dem Eis. Es ist ein Dienstag im Oktober 2012. Er arbeitet als Fernsehmoderator für die Sendung Hockey Night in Canada. Die Feuerwehrleute kommen auf ihn zu und teilen ihm mit, dass ein Rettungswagen seine Frau ins Krankenhaus gefahren habe. Sie hatte gebeten, ihn zu informieren. Während Ron sein Auto vom Parkplatz des Eisstadions manövriert, rammt er beinahe einen Pkw. Er weiß, dass Cari sich in letzter Zeit nicht gut gefühlt hat. Das Ehepaar lebt in Oakville, einem Vorort der kanadischen Stadt Toronto. Ron verliebte sich während des letzten Highschooljahres in die zwei Jahre jüngere Basketballspielerin. Langsam eroberte er ihr Herz, und seit 1978 sind sie ein Paar. Nun befürchtet er das Schlimmste.

Cari war schon immer sehr sportlich. Als sie im Herbst 2012 nicht mehr mit ihrer Laufgruppe Schritt halten konnte, schrieb sie es ihrem Alter und fehlender Kondition zu. Sie war vor Kurzem 50 geworden und hatte den Sommer über entspannt, anstatt zu trainieren. Vielleicht hatte sie sich einen Virus eingefangen. Ihr fielen eine Reihe von möglichen Gründen ein für ihre Kurzatmigkeit und ihre Schwäche.

Ein Wadenkrampf

Am Montag nach dem Feiertag Thanksgiving spürt Cari einen Krampf in der rechten Wade. Nachdem Ron das Haus verlassen hat, lässt sie sich ein Bad ein. Sie hofft, das werde den Wadenkrampf lösen. Dann wird ihr plötzlich übel, und sie muss sich übergeben. Mit großer Mühe schafft sie es, sich aus der Badewanne zu hieven. Der Blick in den Spiegel versetzt ihr einen Schock: Ihr Gesicht ist schweißnass und kreidebleich. Neben dem Badezimmer liegt das Schlafzimmer. Sich bis zu ihrem wenige Schritte entfernten Bett zu schleppen scheint ihr in ihrem Zustand ausgeschlossen. Also macht sie sich mit Handtüchern ein Lager auf dem Boden. Sie legt sich darauf und rollt sich wie ein Fötus zusammen. Dann ermahnt sie eine innere Stimme: "Steh auf und wähle die Notrufnummer." Cari kriecht auf allen vieren Stufe für Stufe die Treppe hinunter, wo ihr Handy liegt. Als sie schließlich die Notrufnummer gewählt hat, fragt man sie, ob der Patient noch atme. "Ich bin der Patient", antwortet Cari mit schwacher Stimme. "Mir geht es ziemlich schlecht."

Dr. Mangesh Inamdar wird von einer Krankenschwester auf die Intensivstation gerufen. Als die Rettungssanitäter Cari ins Zimmer schieben, weiß Dr. Inamdar sofort, dass diese Frau in Lebensgefahr schwebt. Ihr Gesicht ist erschreckend fahl, ihr Puls kaum noch tastbar. Doch die größte Sorge bereitet ihm ihr Blutdruck. Der systolische Wert sollte bei 120 liegen, ihrer liegt nur bei 60. Ein derart niedriger Blutdruck kann auf mehrere Ursachen hinweisen: ein Riss in der Aorta, innere Blutungen, Flüssigkeit im Herzbeutel, septischer Schock oder ein schwerer Herzinfarkt. Die Diagnose, die sich Dr. Inamdar allerdings aufdrängt, ist eine massive Lungenembolie.

Diagnose Lungenembolie

Von einer Lungenembolie spricht man, wenn ein Blutgerinnsel (in der Regel bildet sich dieses in der Wade) durch das Gefäßsystem bis zur Lunge wandert, wo es dann die Blutgefäße zur Lunge verstopft. Die Folgen sind katastrophal, und der Tod tritt zumeist sehr schnell ein. Viele Betroffene sterben noch zu Hause oder spätestens auf dem Weg ins Krankenhaus. Dem Arzt war in seinen 14 Jahren als Intensivmediziner noch kein einziger Patient begegnet, der eine Lungenembolie überlebt hatte. Im Verlauf der Untersuchung kommen Dr. Inamdar Zweifel. Bei einer Lungenembolie hat der Patient in der Regel eine Schwellung in der Wade. Caris Waden erscheinen aber symmetrisch. Ein weiterer sicherer Hinweis sind Atembeschwerden, doch Cari versichert, sie habe keine Schmerzen in den Lungenflügeln. Sie ist zwar kurzatmig, aber das kann an einer Erkältung liegen, außerdem hat sie sich übergeben – Symptome, die auf eine Virusinfektion hindeuten.

Dr. Inamdar ist verwirrt. Eine Computertomografie hätte die Antwort geben können, doch Caris Zustand ist viel zu instabil, als dass sie die Intensivstation verlassen könnte. Auch niedrige Blutsauerstoffwerte weisen auf eine massive Lungenembolie hin. Am sichersten misst man diesen Wert mittels eines Pulsoxymeters, das auf die Fingerspitze geklemmt wird. Doch Cari trägt Gelnägel, die sich nur entfernen lassen, indem man sie 15 Minuten lang in Aceton taucht. Weil Caris Puls kaum noch messbar ist, kann man ihr auch kein Blut am Handgelenk abnehmen, um den Sauerstoffgehalt zu testen. Bleibt nur die Möglichkeit, das Pulsoxymeter an Caris’ Ohrläppchen zu befestigen.

Die Messung erbringt ein beängstigendes Ergebnis. Bei trainierten Menschen wie Cari kann der Sauerstoff-gehalt des Blutes durchaus bei bis zu 99 Prozent liegen. Das Pulsoxymeter an Caris Ohrläppchen zeigt hingegen nur 30 Prozent an. Ein Wert, der Leben im Grunde ausschließt. Dr. Inamdar weiß nicht, wie er das Ergebnis einschätzen soll. Cari liegt mittlerweile seit zehn Minuten auf der Intensivstation und ist bei Bewusstsein, während um sie herum Krankenschwestern Venenzugänge legen und ihre Vitalfunktionen überprüfen. Weil der Wert derart niedrig ist, kann die Messung theoretisch falsch sein. Falls der Wert jedoch korrekt ist, könnte Cari jeden Augenblick einen Atemstillstand erleiden.

Als Ron auf der Intensivstation eintrifft, ist seine Frau umgeben von medizinischem Personal. Cari macht einen erschöpften Eindruck und hat zahllose Venenzugänge in beiden Armen, die mit Infusionsbeuteln verbunden sind. Als sie sich plötzlich vornüber in eine Schüssel übergibt, rutschen alle Zugänge heraus. Dennoch fühlt sich Ron seltsamerweise erleichtert. Inmitten der piepsenden Geräte und geschäftigen Krankenschwestern stehend, überkommt ihn ein Gefühl der Ruhe. Als ihn Dr. Inamdar mit Fragen bombardiert, antwortet er so schnell und präzise wie möglich. "Wie bei der Livemoderation eines Eishockeyspiels", denkt er. "Hilf, wo du kannst, und lass dann die Fachleute ihre Arbeit machen." Ab und zu streckt er die Hand aus und berührt den Arm seiner Frau. "Du machst das großartig", sagt er. "Alles wird gut."

Entscheidung über Tor oder Leben

Dann verschlechtert sich Caris Zustand ohne Vorwarnung. Ihr ganzer Körper beginnt stark zu zittern. Dr. Inamdar weiß, dass 70 Prozent aller Patienten, die einer Lungenembolie erliegen, innerhalb der ersten Stunde sterben. Setzt sich Caris Körper gegen die Embolie so vehement zur Wehr? Er muss umgehend handeln. Eine Lungenembolie behandelt man mit einem Antigerinnungsmittel, einem Enzym, das Blutgerinnsel auflösen kann. Mit etwas Glück werden so die zur Lunge führenden Gefäße wieder freigespült. Leidet Cari allerdings an inneren Blutungen, würde sie verbluten, und Dr. Inamdar hätte keinerlei Möglichkeit, das zu verhindern. Liegt er also mit seiner Vermutung richtig, kann er sie mit dem Antigerinnungsmittel retten. Liegt er falsch, würde es sie umbringen. In seinem verzweifelten Versuch, zusätzliche Informationen einzuholen, führt Dr. Inamdar eine Ultraschalluntersuchung durch. In Caris Bauchraum ist keine Blutansammlung zu erkennen, was innere Blutungen ausschließt. Dann richtet er seine Aufmerksamkeit auf Caris Herz. Die rechte Herzkammer erscheint im Vergleich zur linken etwas vergrößert, symptomatisch für eine Lungenembolie. Das gibt den Ausschlag: Der Arzt entscheidet, das Antigerinnungsmittel zu verabreichen.

Während die Krankenschwestern zügig die Verabreichung vorbereiten, eilt Dr. Inamdar zum Computer. Lungenembolien werden so selten behandelt, dass sich das Verfahren sozusagen noch im Forschungsstadium befindet. Der Arzt greift zu einer ungewöhnlichen Maßnahme: Er sucht auf Google nach den Stichworten "Antigerinnungsmittel und massive Lungenembolie". Nachdem er einige medizinische Studien überflogen hat, beschließt er, seiner Patientin die komplette Dosis auf einmal zu geben. Um das Medikament in kleinen Dosen zu verabreichen, bräuchte er laut den Studien zwei Stunden Zeit. "Ich hatte keine zwei Stunden", erinnert sich Dr. Inamdar. Mit Beginn der Behandlung gibt es kein Zurück. Ron weiß nicht, was eine Lungenembolie ist und was dabei passiert. Doch als Dr. Inamdar seine Anweisungen gibt, wird Ron klar, dass die Situation viel kritischer ist, als er bis dahin gedacht hat.

Seit 40 Minuten liegt Cari nun auf der Intensivstation. Die Augen aller sind auf das Überwachungsgerät neben ihrem Bett gerichtet. Ron weiß nicht, auf welche Zeichen er achten soll, also blicken er und Cari einander unverwandt in die Augen. Beide wissen, dass sie sich möglicherweise zum letzten Mal sehen. Die Geräte piepsen, und Caris Vitalfunktionen flackern in Wellen über den Bildschirm. Endlich breitet sich auf dem Gesicht einer Krankenschwester ein Lächeln aus. "Das ist ein gutes Zeichen", sagt die Schwester ermutigend zu Cari. Ihr Blutdruck steigt allmählich an, und auch ihr Blutsauerstoffgehalt zeigt eine Tendenz nach oben. Sie ist auf dem Weg der Besserung.

Blutgerinsel in der Lunge

Am selben Abend ist Caris Zustand stabil, und Dr. Inamdar ist sich sicher, dass sie das Schlimmste überstanden hat. Er lässt ein Computertomogramm anfertigen, das ein Blutgerinnsel in ihrer Lungenarterie und weitere kleinere in den Lungenflügeln zeigt – genügend Befunde, um ihren Fall zu rekonstruieren. Auf einem Flug nach Vietnam im April 2012 musste sich in Caris Wade ein Blutgerinnsel gebildet haben. Anschließend löste sich der Blutpfropf und wanderte allmählich durch die Venen bis zur Lunge hinauf, was ihr Schwächegefühl und ihre Atemprobleme erklärte. Als Ron und Cari die CT-Aufnahmen betrachten, muss Dr. Inamdar nicht aussprechen, was allen bewusst ist: Sie hatte großes Glück. "Ich sehe die Dinge seitdem mit anderen Augen", sagt sie. "Es fühlt sich an, als sei ich zugleich winzig klein und riesengroß. Klein im Sinne von: Es geht im Leben um das Hier und Jetzt, den Augenblick. Gleichzeitig kann ich die Größe all dessen, was mich umgibt, besser wertschätzen. Mein Leben ist lediglich ein kleines Flämmchen, es flackert nur eine Zeit lang. Jetzt kann ich es viel besser verstehen."

Das Ehepaar redet oft über jenen Abend im Oktober 2012. Cari erzählt gern, wie sie am folgenden Morgen mithörte, was der Kardiologe der Frühschicht sagte, als er ihre Krankenakte studierte. "Er hat was gemacht?", hatte der Herzspezialist ungläubig ausgerufen, als er erfuhr, was Dr. Inamdar getan hatte. Ron hingegen beschreibt lieber den Augenblick, als der Intensivmediziner diese mutige und schwerwiegende Entscheidung fällte: "Seine Arme waren verschränkt – seine Haltung drückte Verzweiflung und gleichzeitig Entschlossenheit aus. Er wusste, dass er ein großes Risiko einging, aber ihm blieb keine andere Wahl. Dafür bin ich ihm ewig dankbar."

 


 

RD Abbinder
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