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Ein Grizzlybär in Kanada
© istockfoto.com / KenCanning
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Spannung

Auge in Auge mit dem Grizzly

Colin Dowler ist allein in der kanadischen Wildnis unterwegs, als plötzlich ein Bär vor ihm steht.

Ausgabe: November 2020 Autor: Omar Mouallem

Seit seiner Kindheit wollte Colin Dowler noch schneller sein, noch größere Höhen erklettern. Wenn er Skifahren ging, wählte er die gefährlichsten Pisten. Wenn er Mountainbike fuhr, suchte er sich das schwierigste Gelände aus. Wenn er nicht einen Anflug von Furcht verspürte, fühlte es sich nicht richtig an. Im Juli 2019 nahm er Urlaub, um den Mount Doogie Dowler zu ersteigen. Der etwa 2000 Meter hohe Gipfel ist Teil des Gebirgszugs Coast Mountains im Südwesten der Provinz British Columbia. Er würde er mit dem Boot zu einer abgelegenen Bucht fahren, dort eine einsame Straße entlangradeln, durch Grizzlyterritorium wandern und im Zelt übernachten – allein. Am Abend vor seiner Tour packte Colin einen Biwaksack ein, ein GPS-Handgerät, eine Wildsalami und ein Taschenmesser mit einer 7,5 Zentimeter langen Klinge.

Als Colin am Sonntag um sieben Uhr das Haus verließ, herrschte gutes Wetter. In der Vergangenheit hatte Colin schon zwei Grizzlys gesehen und war zahllosen Schwarzbären begegnet, aber immer unbeschadet davongekommen. Er kam am Campbell River an, ließ sein Motorboot zu Wasser und fuhr los. Eine Stunde später erreichte er Ramsay Arm, eine schmale Meeresbucht. In der Nähe eines Holzfällerlagers machte Colin sein Boot fest. Weil er selbst einmal in der Forstwirtschaft gearbeitet hatte, wusste er, dass es zum guten Ton gehörte, in der Kantine vorbeizuschauen. „Brauchst du noch etwas?“, fragte ihn Vito Giannandrea, der Koch des Lagers. „Bärenspray“, sagte Colin Dowler. Nachdem er eine Sprühflasche aufgetrieben hatte, bot Vito an, Colin ein Stück mit dem Auto zu fahren. Sie fuhren einen unbefestigten Weg hoch, bis der Wald zu dicht wurde. Colin lehnte sein Mountainbike an einen Strauch, wo er es auf dem Rückweg abholen würde, und Vito machte mit seinem Handy ein Foto von ihm. „Damit wir etwas haben, das wir auf die Suchplakate drucken können, falls du nicht nach Hause kommst“, witzelte er.

 

Plötzlich steht der Grizzly da

Mit dem Bärenspray in der einen Hosentasche und dem Messer in der anderen brach Colin auf. Gegen Abend stellte Colin fest, dass er das Bärenspray verloren hatte. Es musste ihm aus der Tasche gerutscht sein. Er wollte aber nicht riskieren, bei der Suche nach dem Spray von der Dunkelheit überrascht zu werden. Also kroch er in seinen Biwaksack. Am nächsten Morgen suchte er auf dem Weg nach unten erfolglos nach dem Spray. Als er wieder bei seinem Fahrrad war, gab er die Suche auf und fuhr los. Er fuhr um eine Kurve und musste plötzlich scharf bremsen – 30 Meter vor ihm stand mitten auf dem Weg ein Grizzly. „Hey, Bär!“, schrie Colin. Er überlegte, ob es ihm gelingen könnte, umzukehren und zu fliehen. Doch das Tier setzte sich in seine Richtung in Bewegung. Colin riss sich den Rucksack von den Schultern, griff nach einem Trekkingstock und hielt ihn wie ein Schwert vor sich.

Der Bär war etwa fünf Jahre alt, maß von den Hinterläufen bis zur Schnauze fast drei Meter und wog gut 150 Kilogramm. Seine Neugier war geweckt. Der Bär kam näher, bis nur noch zehn Meter zwischen ihnen lagen. Colin stieg vorsichtig vom Fahrrad, was das Tier zu erschrecken schien. Der 45-Jährige hielt das Rad schützend zwischen sich und den Bären. Dieser hielt plötzlich inne und blickte den Mann direkt an. Colin hob langsam den Trekkingstock und drückte die Spitze gegen die Stirn des Bären, genau zwischen dessen Augen. Damit hielt er das Tier in Schach, bis sich die Gummispitze vom Stock löste und auf den Boden fiel. Bevor Colin seinen Versuch wiederholen konnte, kaute der Bär auf dem Stock herum. Colin ließ den Stock zu Boden fallen. In der Hoffnung, dass der Salamiduft ihn ablenken würde, warf er seinen Rucksack neben den Bären. Nach kurzem Schnuppern drehte sich der Bär aber wieder dem Mann zu und hob die Pranke. Den ersten Hieb konnte Colin noch mit seinem Rad abwehren. Doch schnell folgten weitere, kräftigere Schläge.

Colin warf sein Rad auf das Tier, was es jedoch kaum beeindruckte. Stattdessen stürzte es auf ihn zu und packte Colin mit dem Maul, hieb seine Zähne in dessen Bauch und Rücken. Dann hob der Bär Colin hoch und trug ihn zum Wegesrand. Colin leistete keinen Widerstand. Der Grizzly legte ihn neben dem Graben ab und hob den Kopf für den nächsten Biss. Colin versuchte, ihm mit den Fingern in die Augen zu stechen. Aufgebracht schüttelte ihn der Bär, stürzte sich erneut auf Colin. Immer wieder hob der Bär seinen Kopf und schnappte nach dem linken Bein des Mannes. Colins Gedanken rasten. Er wusste, dass Grizzlys Menschen in der Regel nur kurz angreifen und dann in Ruhe lassen. Wann würde das Tier endlich aufhören? Der Bär wandte sich dem anderen Bein zu und biss hinein. Als Colin das Knirschen hörte, schrie vor Schmerzen. Er erinnerte sich an das Messer in seiner Hosentasche. Das Tier hatte sich quer über den Mann gebeugt, sodass seine Brust auf Colins Bauch lag. Dadurch wurden seine Arme an die linke Seite des Körpers gepresst, während sich das Messer auf der anderen Seite befand. Mit aller Kraft gelang es Colin, seine linke Hand zwischen den beiden Körpern hindurch in seine Hosentasche zu schieben. Er zog das Messer heraus und öffnete die Klinge. Colin stach mit dem Messer so schnell und so kräftig wie er konnte in den Hals des Bären. Blut ergoss sich aus der Wunde.

 

Endlich: der Bär trollt sich

Das Tier ließ von ihm ab und trottete langsam davon, eine Blutspur hinterlassend. Während es im Wald verschwand, versuchte Colin seine Verletzungen zu versorgen. Sein Rumpf und seine Beine waren mit Bisswunden übersät. Durch eine gerissene Beinarterie in seinem linken Bein verlor er viel Blut. Er musste unbedingt die Blutung stoppen. Colin schnitt mit dem Messer seinen linken Ärmel ab und band ihn um das Bein. Nachdem er den Stoff festgeknotet hatte, kroch er zu seinem Mountainbike und stieg auf. Er fiel wieder vom Rad herunter, schwang sich erneut darauf, und begann wackelig den Forstwirtschaftsweg hinabzufahren. Blut lief an ihm herunter. Nach etwa 30 Minuten erreichte Colin das Holzfällercamp, wo er vom Rad fiel. „Hilfe! Ich wurde von einem Bären angegriffen“, rief er so laut er konnte. Fünf Männer stürzten aus dem Haus und begannen mit Erste-Hilfe-­Maßnahmen, bis ein Rettungshubschrauber eintraf. Man transportierte ihn ins Vancouver General Hospital. Die Notoperation dauerte sechseinhalb Stunden. Colin hatte mehr als 50 Bisswunden. Insgesamt waren fast 200 Klammern und Stiche nötig.

Ende August 2019 wurde Colin ins Krankenhaus seiner Heimatstadt verlegt und begann mit der Reha und Physiotherapie, mit der sein stark verletztes linkes Bein wieder gekräftigt werden sollte. Am schlimmsten hatte es die Nerven darin erwischt. Ein Facharzt teilte ihm mit, dass der Bär einen Hauptnerv durchtrennt hatte. Es war fraglich, ob er je wieder normal würde gehen können. Der Arzt sagte ihm, dass der Nerv sich möglicherweise regenerieren könne. Im Januar 2020 war die Nervenfunktion bereits ansatzweise wiederhergestellt. Danach war Colin nicht mehr aufzuhalten: Er trainierte hartnäckig auf dem Laufband und mit anderen Geräten. Heute kann er wieder joggen und fährt Mountainbike.

 

 


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