Clever & stark: Elefanten bewahren Brücke vor Einsturz
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Spannung

Clever & stark: Elefanten bewahren Brücke vor Einsturz

Dass Elefanten kluge Tiere sind, ist bekannt. Aber hätten Sie gedacht, dass es ihnen gelingt, eine Brücke vor dem Einsturz zu bewahren?

Ausgabe: Mai 2015 Autor: Vicki Constantine Croke

Weil ihn Elefanten faszinierten, zog der Brite James Howard Williams in den 1920er-Jahren nach Myanmar. Als Forstgehilfe konnte er mit diesen Tieren arbeiten. Kurz nachdem er seine Tätigkeit bei der Bombay Burmah Trading Corporation angetreten hatte, beobachtete er einen Elefantenbullen, der mehrere schwere Baumstämme mithilfe seiner Stoßzähne und seines Rüssels transportierte. Als der Bulle einen steilen Hügel hinaufkletterte, drohte das Holz nach hinten über seinen Kopf zu rollen.

Vorsichtig legte der Elefant die Stämme ab und griff mit seinem Rüssel nach einem Bambusstab. Diesen nahm er in sein Maul und positionierte ihn wie einen Sperrriegel. Danach hob er die Stämme, die nun gesichert waren, wieder auf.

Das überzeugte Williams davon, dass Elefanten die intelligentesten Tiere der Welt waren. Denn sie sind in der Lage, Probleme zu lösen, und sie erwerben ständig neue Fähigkeiten, weil ihr Gehirn, wie unseres, dazu ausgelegt ist, ein Leben lang zu lernen. "Der Elefant hört nie auf zu lernen, weil er immer denkt", erklärte Williams.

Eine von Williams' Lieblingsgeschichten trug sich Ende der 1920er-Jahre zu. Es war Anfang Juni, der Beginn der Monsunsaison in Burma. Williams wartete darauf, dass der einsetzende Regen 2000 Teakholzstämme lockerte. Sie lagen aufgereiht in einem ausgetrockneten Flussbett, der kleinste ganz vorn und der größte mit knapp zwölf Metern Länge hinten.

Es gab jedoch ein Problem bei dem Transport: Die drohende Holzlawine lag rund zwölf Kilometer oberhalb einer teuren neuen Eisenbahnbrücke, die über den Fluss verlief. Wenn die Stämme mit hoher Geschwindigkeit stromabwärts trieben, könnten sie auf die Stützpfeiler der Brücke prallen und diese einstürzen lassen.

Williams hatte eine Idee: Er glaubte, Poo Ban und Poo Gyi, zwei große und kräftige Elefanten, welche die Elefantenreiter als lane bah these (weise, alte Tiere) bezeichneten, könnten helfen. Er war überzeugt, sie würden lernen, flussaufwärts gerichtet im Wasser vor der Brücke zu stehen, um so die Stämme von den Pfeilern weg in die Mitte des Flusses zu lenken.

Poo Ban und Poo Gyi wurden zum Fluss gebracht. Ihre Reiter gaben Kommandos, als ein paar Probestämme den Fluss hinabtrieben. Die Reiter riefen "Kommt von links" oder "Kommt von rechts". Sofort lenkten die Elefanten die Baumstämme um. Mit lässiger Eleganz führten die Dickhäuter die Befehle aus, fingen jeden einzelnen Baumstamm mit ihren Stoßzähnen oder Rüsseln ab und schoben sie geschickt in die Flussmitte. Der Plan schien aufzugehen, angesichts der bevorstehenden Menge an Teakholz aber war vermutlich ein zweites Team zur Entlastung erforderlich.

Die Hitze war drückend. Donner grollte in der Ferne, doch der Regen ließ auf sich warten. Zwei Wochen später begann es endlich zu regnen, und das Flussbett füllte sich. Williams erhielt über ein Feldtelefon die Meldung: "Heftige Regenfälle haben den Oberlauf anschwellen lassen: Stämme bewegen sich im Sandbett." Die Teakstämme waren unterwegs.

Um drei Uhr nachmittags bemerkte Williams, dass sich die Farbe des Wassers verändert hatte – Schlamm und Geröll hatten es "braun wie Schokolade" gefärbt. Dies war das Signal, dass der entscheidende Moment bevorstand. In wenigen Stunden würde die Nacht hereinbrechen, und ein solches Vorhaben ging man besser bei Tageslicht an.

Die Spannung wuchs, als Dorfbewohner sich am Ufer versammelten. Sie wollten das Spektakel miterleben. Niemand durfte auf die Brücke, um die Elefanten nicht abzulenken. Poo Ban und Poo Gyi wurden ins Wasser beordert. Sie schienen nicht nervös zu sein, Williams fand sie sogar gelassen.

Langsam, fast majestätisch wateten sie in den braunen Fluss. Mit jeder ihrer Bewegungen spritzte das Wasser hoch und ließ zunächst ihre Beine und schließlich ihren Bauch schlammig werden. Ihre Reiter brachten die Tiere vor je einem Brückenpfeiler in Position. An ihrem Platz angekommen, stiegen die Männer ab und bezogen auf den Pfeilern Posten, um den Elefanten Anweisungen geben zu können.

Bald vernahmen alle das Donnern der aufeinanderprallenden Teakstämme. Die Elefanten standen da wie Torhüter, bereit für das entscheidende Spiel. "Voller Anmut und Leichtigkeit lenkten Poo Ban und Poo Gyi jeden einzelnen Stamm mit ihren Stoßzähnen schubsend ab", erklärte Williams. Die Stämme drehten sich und trieben Richtung Flussmitte. Die Dickhäuter machten ihre Sache gut.

Doch dies war erst der Anfang. Nach den kleineren Stämmen nahm der Fluss an Geschwindigkeit zu. Nach und nach tauchten die größeren Stämme auf. Die Elefanten blieben gelassen stehen. Aufgeregt verfolgte Williams das Geschehen. Alles Holz, das der Brücke zu nahe kam, wurde von den Tieren geschickt in die Mitte der Strömung abgelenkt.

Williams war nicht der Einzige, den die Dickhäuter begeisterten. Das Getöse der Baumstämme und die Begeisterungsrufe der Zuschauer schienen die Dickhäuter anzufeuern. Alles klappte wie geplant. Doch Williams blickte besorgt zum Himmel. Wann würde es dunkel werden? Und wie lange würden die Elefanten durchhalten? Langsam mussten sie erschöpft sein. Er überlegte, sie auszuwechseln.

Inzwischen lenkten Poo Ban und Poo Gyi die Stämme längst nicht mehr mit spielerischer Leichtigkeit um. Vielmehr hievten sie das Holz konzentriert Richtung Flussmitte. Die Elefanten hatten ihre Taktik geändert: Sie streckten ihre Rüssel aus, um ankommende Stämme frühzeitig zu erreichen und abzustoppen, bevor sie sie mit Muskelkraft zur Seite drückten. Würde Williams die anderen beiden Elefanten jetzt ins Wasser schicken, könnten sie sich gegenseitig behindern. Mittlerweile sorgte er sich, wie lange die zwei noch durchhalten würden.

In diesem Moment begannen die Dickhäuter sich beinahe synchron umzudrehen und flussabwärts zu schauen. Aufgeregt schrien ihre Reiter, aber die Tiere achteten nicht auf sie, sondern "sprachen" miteinander.

Sie "desertierten nicht, wie ich befürchtet hatte", so Williams. "Sie stemmten ihre Vorderfüße in den sandigen Untergrund und fingen an zu tanzen. Die Stämme prallten von ihren Körpern ab".

Die Menge brach in Jubel aus. Die Elefanten nutzten ihre kräftigen Körper, um die Stämme abzulenken. Dabei waren sie so geschickt, dass sie den Aufprall abmilderten, indem sie mit der Bewegung der Holzstämme mitgingen. Als nur noch ein paar vereinzelte Stämme den Fluss heruntertrieben, ersetzte sie Williams durch das zweite Team. "Es war ein Triumph für die Elefanten", meint Williams, "und nicht ein Stamm hat die Brückenpfeiler beschädigt."


 

RD Abbinder
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