Die richtigen Worte
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aktuellen
Ausgabe

Spannung

Die richtigen Worte

Ich wusste nie, wie ich mit meinem Vater reden sollte. Dann fand ich die richtigen Worte.

Ausgabe: November 2015 Autor: Dave Colangelo

Warum ist es so schwierig, mit Vätern Kontakt aufzunehmen? Weil sie so unnahbar scheinen? Mir erging es jedenfalls so. Mein Vater hat nie viel geredet, Alkohol trank er nur selten, sodass wir nie erlebten, dass er nach ein paar Bier einmal aus sich herausging. Er erzählte nichts von sich, wenn wir gemeinsam aßen oder spazieren gingen. Mein Vater war verschlossen und schien nichts daran ändern zu wollen. Dabei wollte ich ihn so gern fragen, welche Hoffnungen er als junger Mann hatte, was seine Träume waren, über Liebe und Enttäuschungen. Mit ihm über meine eigenen Gefühle zu sprechen war unvorstellbar, ebenso wie seine harte Schale zu knacken. Ich hatte mich an sie gewöhnt.

Erst als unlängst meine Beziehung und meine Karriere gleichzeitig ins Schleudern gerieten, beschloss ich, das zu ändern. Ich war 33 Jahre alt und brauchte meinen Vater. Mich beschäftigten ernsthafte Fragen und ich musste wissen, ob er sie sich auch einmal gestellt hatte. Ich wollte wissen, wie er seinen Weg gefunden hatte, denn ich glaubte, meinen verloren zu haben. In einem Moment der Verzweiflung dachte ich, eine E-Mail könnte der Schlüssel sein. So hätte er Zeit, sich darauf einzustellen. Er würde in seinem Büro sitzen – seinem "Kämmerlein", wie meine Mutter es nannte, eine Festung aus Bücherregalen, verstaubten CD-ROMs und Zeitungen. Währenddessen säße ich 20 Minuten entfernt in meiner Wohnung. Dann fing ich an, die ersten Worte zu schreiben und berichtete von den Dingen, die ich bedauerte und die mir Angst machten. Ich bat ihn, mir etwas über sich zu erzählen, das mir helfen würde, eine neue Perspektive für unser beider Leben zu finden.

Zwei Wochen später kam ein eingescanntes, dreiseitiges, stichpunktartiges Dokument mit handschriftlichem Titel: "Mädchen, die ich gern hatte, von Luigi C." Mein Vater, ein 68-jähriger Kommunikationstechniker im Ruhestand und vierfacher Großvater, hatte sein Gedächtnis durchforstet und tatsächlich geantwortet: Es war seine Geschichte über Liebe, Sehnsucht, Selbstzweifel, innere Kämpfe und Beharrlichkeit. Ich erfuhr von Mädchen Nummer eins (über Freundinnen von ihm hatte ich mir noch nie Gedanken gemacht), Angela Scattarelli, die nebenan gewohnt hatte. "Sizilianerin" stand in Klammern neben ihrem Namen. Er hatte "versucht, aber nie den Mut aufgebracht", sich mit ihr zu verabreden. Dennoch hatte sie es nach mehr als 40 Jahren auf die Liste geschafft. Seit ich mich mit meinem Vater austausche, fällt es mir leichter, schwierige Situationen zu meistern. Es hat mein Leben bereichert

Während er als Lagerarbeiter in einem Lebensmittelgeschäft im East End von Toronto arbeitete, traf er sich mit Michelle, einer "englischen" Kassiererin. Seinen ersten Kuss bekam er nach ein paar Verabredungen. Doch er zog den Kürzeren, weil sie zu ihrem Exfreund zurückkehrte. Nach weiteren englischen Mädchen änderte er seine Taktik. Ich hatte den Eindruck, dass es für meinen Vater schwierig gewesen sein musste, sich mit jemandem außerhalb seines Kulturkreises zu verabreden. Obwohl er seit seinem zehnten Lebensjahr in Kanada lebte, waren seine wenigen Freunde überwiegend Italiener. Er und die englischen Mädchen hatten offensichtlich zu unterschiedliche Vorstellungen. Einige Mädchen führte er nur mit Vor- oder Nachnamen auf mit wenigen Einzelheiten. Ihre Schicksale reichten von komisch ("Ich begegnete ihr auf einer Hochzeit wieder, sie war mit einem langen Kerl verheiratet") bis tragisch ("Sie ging nach Italien zurück. Später erfuhr ich, dass sie im Wochenbett gestorben war"). Dann der letzte Eintrag, Nummer zehn: Antonietta Larocca. Ihr hatte er den meisten Platz zugedacht, mit Details, wie sie sich kennengelernt hatten ("durch Tante Antonietta und Onkel Rocco"), dass sie sich im Kino verabredet hatten zu Mach's noch einmal, Sam und die vielen Telefonate von der U-Bahnstation Old Mill nach Feierabend. Die Liste endete mit den Worten: "Antonietta und ich sind, seit wir zusammen sind, immer glücklicher geworden. Nun ist das Jahr 2014, und wir sind immer noch verliebt!"

Die enge Verbundenheit meiner Eltern hatte ich niemals angezweifelt. Sie war ersichtlich in vielen kleinen Gesten wie dem Kuss, den sie sich gaben, wenn sie ihre Weihnachtsgeschenke tauschten (der einzige Kuss, den ich als Kind gesehen habe), oder wie sie über etwas lächelten, was der andere gesagt hatte, selbst wenn sie sich stritten. Und diese liebevollen Worte zu lesen tat mir unendlich gut. Ich beendete das E-Mail-Programm und fing an zu weinen, weil ich mir wünschte, ich hätte mich früher getraut, meinem Vater zu schreiben. Ich war froh, dass ich mich aufgerafft hatte, und ich weinte, weil ich gedacht hatte, ihn zu kennen, und jetzt feststellte, dass ich so vieles nicht wusste. Ich weinte, weil ich ihn nicht schon früher über sein Leben gefragt und nichts von mir erzählt hatte. Ich weinte, weil mich sein Brief so erleichtert hatte. Und ich weinte, weil es so einfach gewesen war: Ich habe nur auf "Senden" gedrückt.

Seitdem haben wir viele E-Mails ausgetauscht. Ich habe ihn nach seiner Kindheit und der Beziehung zu seinen Eltern gefragt. Manchmal frage ich meinen Vater sogar etwas von Angesicht zu Angesicht. Das Schönste ist aber, dass er hin und wieder von sich aus von seinem Leben erzählt. Auch ich erzähle jetzt von mir. Meine Probleme haben sich dadurch nicht gelöst, aber ich habe meinen Vater besser kennengelernt – und liebe ihn noch mehr. Es fällt mir leichter, schwierige Situationen zu meistern, es hat mein Leben bereichert. Ich bin froh, dass ich mich mit meinem Vater austauschen kann.

 


 

RD Abbinder
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