Zwei Männer umarmen sich lächelnd.
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Familien-Zuwachs dank DNA-Test: Brüderliche Bande

Viele Menschen erforschen ihren Familienstammbaum inzwischen mit DNA-Tests. Die Ergebnisse können Leben auf den Kopf stellen.

Ausgabe: Mai 2020 Autor: Claire Nowak

Walter Macfarlane, 76, und Alan Robinson, 74, sind seit mehr als 60 Jahren befreundet. Sie wuchsen nur wenige Kilometer voneinander entfernt in Honolulu auf Hawaii auf und kennen sich seit der sechsten Klasse. In der High School spielten sie zusammen Football. Sie stehen sich so nahe, dass die Kinder des jeweils anderen sie Onkel nennen. Ihre Überraschung war groß, als sie erfuhren, dass sie Halbbrüder sind. Wie so oft spielte der Zufall eine Rolle.

Wer ist mein Vater? Der DNA-Test

Walter, ein pensionierter Mathe- und Sportlehrer, hatte eine komplizierte Familiengeschichte. Seine Mutter hatte ihn ledig und sehr jung im Zweiten Weltkrieg geboren. Da sie das Kind nicht allein großziehen konnte, gab sich seine Großmutter als seine Mutter und seine Mutter als seine Schwester aus. Die Wahrheit erfuhr Walter erst nach seinem High-School-Abschluss. Und selbst dann verriet ihm seine Mutter den Namen des Vaters nicht. Als 2016 kommerzielle DNA-Tests immer beliebter wurden, schlug Cindy Macfarlane-Flores ihrem Vater Walter vor, sein Glück damit zu versuchen. Beim Abrufen der Ergebnisse auf der Website ancestry.com fiel Cindy auf, dass ein Benutzer namens „Robby737“ und ihr Vater genug gemeinsame DNA hatten, um Halbbrüder zu sein. Der Benutzername ließ ihre Mutter sofort an Walters Freund Alan Robinson denken. Dessen Spitzname lautete Robby, und früher flog er für die Aloha Airlines oft eine Boeing 737. Walter rief seinen Freund an, und der bestätigte, dass er Robby737 war. „Ich versuchte, ganz cool zu bleiben“, berichtet Walter Macfarlane. „Dann sagte ich, als sei es das Normalste von der Welt: ‚Ich glaube, wir sind Brüder‘.  Woraufhin er antwortete: ,Ja, klar‘“. „Ich nahm ihn nicht ernst“, sagt Alan Robinson. „Wir kannten uns so lange, ich dachte, er macht einfach Witze.“ Als Baby war er von Norma und Lawrence Robinson adoptiert worden. Vor einigen Jahren hatte er DNA-Tests machen lassen, um mehr über seine Herkunft und mögliche Krankheitsrisiken zu erfahren. Mit seinem Freund hatte Alan nie darüber gesprochen. Schon bald verglichen die beiden Männer ihre Testergebnisse und stellten fest, dass sie mehrere identische X-Chromosomen und damit dieselbe leibliche Mutter hatten. „Wenn meine Daten nicht gespeichert gewesen wären, hätten wir das nie erfahren“, sagt Alan. „Es sollte wohl so kommen.“

Doch eine Person hatte ganz offensichtlich alles getan, um genau dies zu verhindern: ihre Mutter. Walters Mutter hieß Genevieve K. Paikuli, aber in Alans Geburtsurkunde war Geraldine K. Parker eingetragen. Die identischen Initialen stützten die Annahme der beiden Männer, dass Genevieve ein Pseudonym benutzt hatte, als sie ihr Kind zur Adoption freigab. Alan Robinson glaubte auch, dass seine Adoptiveltern wussten, dass Genevieve seine leibliche Mutter war, und es ihm auf ihren Wunsch hin nicht gesagt hatten. Keiner der Brüder versteht, warum ihnen nie jemand erzählt hat, dass sie miteinander verwandt sind. Sie führen es auf die gesellschaftlichen Normen jener Zeit zurück, auf die chaotischen Zustände nach dem Angriff auf Pearl Harbor und auf die Wirren des Zweiten Weltkriegs. „Wir wissen nicht, was damals genau geschehen ist, aber [wir hegen] keinen Groll“, sagt Walter. „In jener Zeit hatte man bestimmt gute Gründe dafür, so damit umzugehen.“

 

Es gibt noch mehr Brüder und Schwestern!

Dank ihrer DNA-Tests und Cindys Nachforschungen wissen sie nun auch, wer ihre Väter sind – beide waren Soldaten vom US-Festland, die in Hawaii stationiert waren. Und diese Entdeckungen führten zu weiteren: Walter Macfarlane fand heraus, dass er noch vier weitere Halbbrüder hat, und er war auch schon in Kalifornien, um sie kennenzulernen. Alan Robinson fand zwei Halbschwestern sowie einen Halbbruder. „Es ist einfach unfassbar“, sagt Walter. 

Nachdem die Suche nach weiteren Verwandten abgeschlossen war, wollen die beiden Männer nun die verlorene gemeinsame Zeit wieder aufholen. Nach der High School hatten sie sich aus den Augen verloren, und auch wenn sie die Verbindung später wieder aufnahmen, sahen sie sich nicht oft, weil jeder von ihnen mit der eigenen Familie beschäftigt war. „Wenn wir früher gewusst hätten, dass wir Brüder sind, hätten wir den Kontakt gehalten“, sagt Walter. So wie jetzt. Wie schon als Kinder leben sie immer noch etwa acht Kilometer voneinander entfernt in Honolulu. Jede Woche telefonieren sie miteinander und treffen sich regelmäßig zum Essen. Sie planen sogar, eine Kreuzfahrt zusammen zu machen. „Unsere Mutter wurde 92 Jahre alt“, sagt Walter Macfarlane. „Uns bleiben hoffentlich noch ein paar Jahre. Wir haben offenbar gute Gene.“

 


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RD Abbinder
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