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Der Pic d'anie in den französischen Pyrenäen im Baskenland.
© istockfoto.com / Otaliruna
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Spannung

Gefangen in der Felsspalte

Beim Schneeschuhwandern in den Pyrenäen stürzt Yannik Niez in eine tiefe Felsspalte. Niemand weiß, wo er sich befindet.

Ausgabe: Mai 2020 Autor: Lisa Fitterman

Freitag, 20. Mai 2019. Yannick Niez wirft seine Schneeschuhe und seinen Rucksack ins Auto. Es ist ein sonniger Tag, kurz vor zehn Uhr in Poey-d’Oloron, einem Dorf nahe der spanischen Grenze. In der Ferne wirkt der Gipfel des Pic d’Anie in den französischen Pyrenäen wie ein Gemälde in zarten Schattierungen. Doch Niez weiß, dass die Bedingungen am 2504 Meter hohen Berg tückisch sind. Wenn der Wind dreht, kann das Wetter rasch umschlagen. 

Dieser Morgen ist wolkenlos, und da Yannik Niez einen Tag frei hat, möchte er den Schnee ausnutzen, bevor ihn die Frühlingssonne wegtaut. Vom kleinen Bauernhaus seiner Eltern aus sind es 50 Kilometer mit dem Auto. Yannick vergisst ganz, seinen Eltern eine Nachricht zu hinterlassen, damit sie wissen, was er vorhat. Yannik Niez ist hochgewachsen, hat dunkles Haar und einen ernsthaften Gesichtsausdruck. Der 42-jährige geschiedene Vater lebt seit zwei Jahren bei seinen Eltern. Er vermisst seinen Sohn, den siebenjährigen Yaël, doch grundsätzlich macht es ihm nichts aus, allein zu sein. Wie oft er schon hier war! Auf rund 1650 Metern Höhe parkt Niez sein Auto. Es ist das Einzige weit und breit. Er schnallt sich die Schneeschuhe an, zieht den Reißverschluss seiner leichten Regenjacke zu und nimmt den Rucksack auf den Rücken. Es ist fünf Grad warm, doch es liegen noch rund 30 Zentimeter nasser Frühlingsschnee. Darunter befindet sich Kalkstein mit Rissen und tiefen Einschnitten oder Spalten, die durch ablaufendes Wasser und Kalkablagerungen entstanden sind.

 

Der Boden gibt nach!

Der erfahrene Schneeschuhgeher geht los. Er weiß, wo er hintreten muss, und erkennt die Spalten unter dem Schnee. Bald schon rinnt ihm der Schweiß übers Gesicht. Wie gut sich das anfühlt. Er will ein paar Stunden hier oben verbringen. Nach einer anstrengenden Stunde pausiert Niez gegen Mittag auf einer Anhöhe. Erfrischt macht er sich wieder auf den Weg. Es geht abwärts, dann wieder hinauf. Sein Blick scannt ständig den Boden vor ihm ab. Dann plötzlich gibt der Schnee unter ihm nach, und er fällt und fällt ... Niez landet mit dem Rücken auf einem Schneehaufen. Seine Schneeschuhe zeigen im rechten Winkel nach oben. Über sich sieht Niez Felswände hoch aufragen. Sie sind von glitzerndem Eis überzogen. Yannick Niez ist auf einer Schneebrücke gelandet, einem 1,5 Meter breiten Vorsprung in zwölf Metern Tiefe. Er kann nicht sehen, wie tief die Spalte ist. Prüfend krümmt Niez seine Finger und Zehen, lässt die Handgelenke kreisen, bewegt Rumpf, Schultern und Hals. Er zittert zwar, doch ihm fehlt sonst nichts. „Also gut“, sagt er sich. „Ruhe bewahren. Du kommst hier schon raus.“

 

Kein Handy-Empfang

Vorsichtig greift Niez mit der Hand in seine Tasche und zieht sein Handy heraus. Er befindet sich aber so tief unten, dass er keinen Empfang hat. Mit den Händen streicht er über die Felswand auf der Suche nach Halt, um hinaufzuklettern. Doch das erscheint aussichtslos: Die eisige, angetaute Wand ist rutschig und voller rasiermesserscharfer Grate. „Hilfe!“, ruft Yannick Niez verzweifelt. „Ich bin hier unten!“ Nichts. Der 42-Jährige weiß: Sein Auto war das einzige auf dem Parkplatz. Es ist unwahrscheinlich, dass sonst noch jemand unterwegs ist. Er streift das trockene T-Shirt über, das er im Rucksack hatte, zieht die Jacke wieder an und schlingt die Arme um seinen Körper. Es wird langsam dunkel. Niez zieht sich die Kapuze seiner Jacke über den Kopf, rollt sich zusammen, stemmt sich mit den Stiefeln gegen die eine Wand der Gletscherspalte und stützt Kopf und Schultern gegen die andere. Beim Einschlafen fragt er sich: „Wann werde ich wohl vermisst?“

 

Samstag, 21. Mai

Yannicks Eltern, Georges Niez und seine Frau Georgette, sitzen im Esszimmer. Sie bemerken, dass das Auto ihres Sohnes nicht vor dem Haus steht. Georges macht sich keine Sorgen, Yannick bleibt schließlich immer mal wieder ein, zwei Tage weg, ohne Bescheid zu sagen. Am nächsten Morgen wollen die Eltern mit dem Zug nach Toulouse fahren, wo ihrer jüngerer Sohn David lebt und Georgette einen Arzttermin hat. Die Stunden vergehen ohne ein Zeichen von Yannick. Nachmittags fällt Georgette ein, dass ihr Sohn ein paar Tage zuvor auf den schneebedeckten Pic d’Anie in der Ferne gezeigt hatte. „Vielleicht ist er ja dort?“, überlegt sie. Sie rufen Yannicks Ex-Frau an, doch sie hat auch nichts von ihm gehört. Um 20.20 Uhr melden sie ihren Sohn bei der Polizei in Oloron-Saint-Marie als seit etwa zehn Uhr am Vortag vermisst melden. „Warten Sie ab“, sagt man ihnen. „Fahren Sie morgen wie geplant nach Toulouse. Wir leiten zwar gleich die Fahndung nach Yannicks Wagen ein.“
An dem Morgen, als Georgette und Georges Niez feststellen, dass ihr Sohn nicht zu Hause ist, erwacht dieser fröstelnd in der Felsspalte. Der Wind pfeift und es schneit heftig. „Ich muss mich warm halten“, denkt Yannick Niez. Mit steifen Fingern schnürt er seine Stiefel auf und merkt, dass seine Füße angeschwollen sind, weil er sich nicht bewegt hatte. Also steht er auf und läuft hin und her, so gut das auf dem engen Raum möglich ist. Er sammelt eine Handvoll Schnee, wartet, bis dieser geschmolzen ist, und trinkt. Er schält eine der beiden Bananen, die er noch im Rucksack hat. Das ist sein ganzer Vorrat. Er teilt ihn sich gut ein. „Bei diesem Wetter werden sie heute nicht nach mir suchen. Aber vielleicht ist ja ein Langläufer oder Schneeschuhwanderer unterwegs“, hofft er. Niez ruft um Hilfe, doch der Wind schluckt seine Stimme. Er versucht wieder zu klettern. Mit blutigen Fingern und Knöcheln gibt er schließlich auf und setzt sich hin. Er denkt an seine Eltern, seinen Bruder, vor allem aber an seinen Sohn Yaël. „Man wird mich finden“, sagt er laut. „Für mich ist es noch zu früh zum Sterben.“

 

Sonntag, 22. Mai

Nach Ermittlung des letzten Mobilfunkmasts, mit dem Niez’ Handy verbunden war, dauert es sechs Stunden, bis alle Parkplätze in der Reichweite der Funkzelle überprüft sind und die Polizei schließlich sein Auto entdeckt. Es steht am Ausgangspunkt mehrerer Routen. Inzwischen ist es zwei Uhr. Später am selben Morgen teilt die Polizei Georges und Georgette Niez mit, dass die Suche offiziell erst Montagmorgen eingeleitet würde. Sie wollen abwarten, ob Niez sich zum Dienst in der Fabrik meldet. Georgette ist außer sich. „Mein Sohn ist da irgendwo auf dem Berg, und ich kann nur abwarten?“ In seiner Spalte wartet Yannick Niez ebenfalls – den ganzen Sonntag. „Was, wenn sie gar nicht nach mir suchen?“, fragt er sich. Er muss weiter versuchen, sich selbst zu befreien. Er macht, was ihm in den letzten 47 Stunden zum Lebensinhalt geworden ist: Er trinkt geschmolzenen Schnee, kaut kleine Bananenstückchen, formt die Hände zum Trichter und ruft um Hilfe,  versucht, hinauszuklettern, scheitert und döst vor sich hin. Das tut er im Wechsel den ganzen Tag, bis es so dunkel ist, dass er nur noch schlafen kann.

 

Montag, 23. Mai

Eine 30-köpfige Suchmannschaft aus Polizisten und Feuerwehrleuten sucht den ganzen Tag nach Yannick ohne ihn zu finden. Als Georges und Georgette Niez erfahren, dass Yannick nun offiziell als vermisst gilt, fahren sie mit David von Toulouse so schnell wie möglich zum Berg. Sie kommen am Nachmittag an. Georges Niez fragt einen Koordinator der Suchaktion: „Was geschieht nun?“ „Wir schicken einen Hubschrauber hoch“, erklärt Major Didier Péricou, ein Polizeibeamter mit Spezialausbildung zum Bergretter. Der Pilot überfliegt das Gebiet eine Stunde lang, findet jedoch keine Anhaltspunkte – weder eine Bewegung noch Schneeschuhabdrücke. Die Suche wird für diesen Tag eingestellt, und gegen 20 Uhr kehren Georges, Georgette und David Niez in das Haus in Poey-d’Oloron zurück, sitzen im Esszimmer und starren auf das Telefon. Für den Vermissten ist der vierte Tag in der Felsspalte wie die anderen zuvor: Yannick Niez ruft um Hilfe und trinkt geschmolzenen Schnee. Ihm wird immer kälter.

 

Dienstag, 24. Mai

Yannick Niez erwacht aus unruhigem Schlaf. Es waren vier lange Tage, und er kennt gar kein anderes Gefühl mehr, als kalt und verkrampft zu sein. Entschlossen weigert der 42-Jährige sich jedoch, aufzugeben oder zu akzeptieren, dass er sterben könnte. Er hört noch immer den Wind, doch zum ersten Mal, seit er in die Spalte gestürzt ist, sieht er blauen Himmel. Am späten Vormittag hört er Stimmen. Niez richtet sich mühevoll auf und ruft, so laut er kann: „Ich bin hier unten!“ Keine Reaktion. Yannick Niez setzt sich wieder hin, döst ein, wird aber von einem Geräusch geweckt. Schrapp, schrapp, schrapp … ein Hubschrauber! Er schreit und winkt mit den Armen. „Ich bin hier – hier, hier!“ Doch der Hubschrauber dreht ab und fliegt davon.

 

Mittwoch, 25. Mai

Ein sonniger Tag bricht an, und der Schnee ist geschmolzen, als sich die Suchmannschaft um acht Uhr sammelt. Alle wissen, dass die Chancen, Niez lebend zu finden, nach fast fünf Tagen gering sind. In Zweierteams ziehen sie los und schauen in Felsspalten, die der Schnee zuvor verdeckt hatte. Irgendwann hört Yannick Stimmen direkt über sich. „Ich bin hier unten!“, ruft er. Die Stimmen verstummen. Dann hört er: „Yannick? Yannick Niez?“ „Ja, ich bin hier unten!“
Am Nachmittag treffen Georgette und Georges mit dem kleinen Yaël im Krankenhaus ein, wo der Gerettete wegen Unterkühlung behandelt wird. Als er seinen Sohn in die Arme nimmt, sieht Yannick Niez erschöpft aus. „Sag uns in Zukunft bitte immer, wo du hingehst“, ermahnt ihn seine Mutter.

 

 

 


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