Symbolfoto: Ein Auto liegt nach einem Unfall im Graben.
Symbolfoto: © istockfoto.com / TACrafts
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Spannung

Hilfe, hört mich jemand?

Die Bremsen von Corines Wagen versagen, er überschlägt sich und kommt von der Straße ab.

Ausgabe: September 2020 Autor: Lisa Fitterman

Um ihren Freund nicht zu wecken, zieht Corine Bastide die Tür zu seiner Wohnung leise hinter sich zu. Um 23 Uhr ist es immer noch schwül, nachdem die Temperatur tagsüber auf 31 Grad geklettert war. Corine hatte mit ihrem Ex-Mann wegen ihrer drei Söhne gestritten und fand keine Ruhe. Nun will sie nach Hause ins belgische Dorf Wanze. Das sind von Lüttich aus 36 Kilometer auf der Autobahn. Es ist wenig Verkehr am 23. Juli 2019. Die Hände fest am Lenkrad, denkt Corine immer wieder an ihre Söhne: der 18-jährige Hadrien, ein begeisterter Leichtathlet, der beruflich Opfern von Verbrechen helfen will, der 16-jährige erfolgreiche Hochspringer Audric und der zwölfjährige Dorian „Dodo“, ebenfalls ein vielversprechender Sportler.
In solche Gedanken versunken merkt Corine nach 20 Minuten, dass ihr Auto anfängt zu ruckeln. Da ist die Ausfahrt Saint-Georges-sur-Meuse. Sie wechselt auf die Abbiegespur und tritt einige Male auf die Bremse – erst sachte, dann kräftiger. Nichts passiert! Ihr kleiner grauer Fiat Bravo Kombi wird immer schneller. Plötzlich gerät er ins Schleudern, prallt gegen die Leitplanke und überschlägt sich. Dann rutscht er einen steilen Abhang hinunter. Ein schreckliche Knirschen von Metall auf Metall, das Splittern von Glas. Stille.
Desorientiert liegt Corine auf dem Rücken. Irgendwie gelingt es ihr, sich abzuschnallen. Irgendwo hört sie ihr Handy klingeln. Bin ich am Leben? Bitte helft mir! Hat jemand gesehen, wie ich von der Straße abkam? Ich muss an meine Jungen denken. Das wird mich am Leben halten. Kurz darauf wird sie bewusstlos.

 

Tag eins

Das Klingeln ihres Handys weckt Corine. Automatisch tastet sie danach, bis sie von der Wirklichkeit eingeholt wird. Sie liegt auf dem Dachhimmel ihres Autos, über ihr hängt der Fahrersitz. Durch die zerborstene Windschutzscheibe ragt ein Ast. Ich hatte einen Unfall. Ich lebe. Geborstenes Glas glitzert um sie herum. Der Inhalt ihrer Handtasche ist überall verstreut.
Sie stöhnt auf, als sie versucht, sich zu bewegen. Corine liegt auf unzähligen Glasscherben, die sich in ihr Fleisch schneiden. Noch weiß sie nicht, dass ihr Rückgrat mehrfach gebrochen und ihre ganze linke Seite gelähmt ist. Irgendjemand muss mich doch sehen. Der Verkehrslärm ist so nah. „Helft mir!“, schreit sie, so laut sie kann. „Ich bin hier unten!“ Corine ruft, bis ihr die Stimme versagt. Niemand hört sie, obwohl sie nur zwei Meter von der Ausfahrt entfernt liegt. Der Verkehrslärm übertönt ihr Rufen. Das Auto ist im Unterholz kaum zu sehen. Immer wieder klingelt ihr Handy. Sicher versucht David, sie zu erreichen. Vielleicht auch Hadrien, mit dem sie täglich spricht oder schreibt. Zwei Stunden später ist der Akku leer, und das Telefon verstummt. Sie liegt da und wartet. Es ist nach Mittag und noch heißer als am Vortag. Am frühen Abend döst sie ein. Währenddessen ruft David bei Hadrien an. „Hast du von deiner Mutter gehört?“ „Nein“, sagt Hadrien. „Was ist los?“

 

Tag Zwei

Der heißeste Tag der Woche bricht an. Trotz tauber Gliedmaßen spürt Corine eine neue Entschlossenheit. Heute wird sie sich selbst helfen. Sie muss sich aus dem Wrack befreien, die Böschung hochkämpfen und ein vorbeifahrendes Auto anhalten. „Bitte rufen Sie den Vater meiner Kinder an“, wird sie ihrem Retter sagen. „Sie sollen wissen, dass es mir gut geht.“ Der Vater ihrer Kinder ist Stéphane. 23 Jahre lang lebten sie zusammen, nachdem sie vor mehr als einem Vierteljahrhundert von Mauritius nach Belgien gezogen war. Wie kann sie aus dem Auto entkommen?
Sie hat eine Idee: Sie wird den Sicherheitsgurt wie ein Seil benutzen, um sich daran durch die zersplitterte Frontscheibe zu hieven. Unter mörderischen Schmerzen zieht sie ihren Körper vorwärts. Bei jeder Bewegung graben sich die Glassplitter tiefer in ihren Rücken und ihre Beine. In 15 Minuten schafft sie gerade einmal ein bis zwei Zentimeter.

„Komm schon, du schaffst das!“, sagt sie laut. Als sie ihren Kopf endlich nach draußen streckt, steht die Sonne hoch am Himmel. Durch das Blätterdach der abgeknickten Zweige sieht sie blauen Himmel. Sie dreht den Kopf und blickt nach unten. Das Auto liegt auf einem schmalen Sims, oberhalb knorriger Wurzeln und scharfkantiger Felsen. Wenn ich mich hier rausschiebe, stürze ich wahrscheinlich in die Tiefe und breche mir womöglich das Genick. Entmutigt sinkt sie zurück, um ihre Kräfte zu sammeln und wieder in den Innenraum zu kriechen. Als sie das geschafft hat, wird es Nacht. Morgen ist ein neuer Tag. Inzwischen rufen Hadrien und David alle Bekannten an. Aber niemand hat von Corine gehört.
„Nicht einmal auf Facebook steht etwas“, meint Hadrien. „Ein Morgen, ohne einen Post von ihr – da muss etwas Schlimmes passiert sein. Wir sollten die Polizei verständigen.“ Abends erfahren sie, dass Corines Handy zuletzt in der Gegend von Saint-Georges-sur-Meuse Empfang hatte. Sie könnte überall sein. Vielleicht wurde sie entführt. Oder sie ist tot.

 

Tag drei

Es ist unverändert heiß, keine Wolke steht am Himmel. Corine versucht mit dem Mut der Verzweiflung, sich mit den Schultern gegen eine Tür zu stemmen, um die andere mit den Füßen aufzudrücken. Wieder und wieder. Doch sie ist zu schwach und die Türen sind so beschädigt, dass sie nicht nachgeben.

 

Tag vier

Am nächsten Morgen regnet es. Ihr Kleid ist völlig durchnässt. Die Zeit hat sich für Corine auf hell und dunkel, Tag und Nacht reduziert – der Unterschied zwischen Leben und Sterben. Sie liegt nur da und lauscht dem Verkehr, dem Regen und dem Wind. Auf Facebook bittet Hadrien jeden, der etwas gesehen hat, sich bei ihm oder bei der Polizei zu melden. Als Nächstes plant die Familie, überall Suchplakate aufzuhängen.

 

Tag fünf

Ein Wolkenbruch hat das Auto in eine Badewanne verwandelt. Halb eingetaucht liegt Corine da, ihr langes Haar umrahmt den Körper. Sie versucht, Regenwasser zu sammeln – erst in einer leeren Kaugummischachtel, doch die Pappe weicht durch. Sie nimmt einen Ast ins Visier, der ins Auto ragt. Vorsichtig hebt sie den Kopf, öffnet den Mund und zieht einen Zweig mit der rechten Hand zu sich heran. Sie saugt das Wasser von den Blättern – genug, um ihren Mund zu befeuchten. Die Schnittwunden brennen wie Feuer. Inzwischen zittert sie unkontrolliert, weil es kälter geworden ist und sie in dem durchnässten Kleid fröstelt. Seit fünf Tagen hat sie nichts gegessen und nur das bisschen Regenwasser getrunken. Allmählich ist ihr hungernder Körper unterkühlt. „Du darfst nicht einschlafen, sonst erfrierst du“, sagt sie laut. „Bitte, findet mich schnell. Ich weiß nicht, wie lange ich noch durchhalte.“

 

Tag sechs

Die Sonne scheint wieder, eine leichte Brise weht. Corine ist am Ende ihrer Kräfte. Am Nachmittag wollen die Eltern eines Freundes von Hadrien, Laurence Lardinois und ihr Mann Olivier Lechantre, Besorgungen machen. Als sie langsam auf die Ausfahrt Saint-Georges-sur-Meuse zufahren, entdeckt Laurence vom Beifahrersitz aus rechts unten an der Böschung etwas Ungewöhnliches. Es sieht aus wie ein umgestürztes Auto – mit Pflanzen und Schlamm bedeckt, als läge es schon lange dort. „Das könnte Corine sein“, sagt sie zu ihrem Mann. „Lass uns nachsehen.“ Sie halten an und klettern vorsichtig die Böschung hinab. Olivier geht voraus. Da hören sie eine schwache Stimme.
„Hilfe“, ruft Corine. „Ich bin hier unten!“
„Sind Sie das, Corine?“
„Ja! Woher kennen Sie meinen Namen?“
„Alle suchen nach Ihnen!“

Laurence ruft sofort die Polizei. Zehn Minuten später landet auf dem angrenzenden Feld ein Hubschrauber, um Corine nach Lüttich ins Krankenhaus zu bringen. Die Retter müssen unzählige Äste absägen und die Autotür aufbrechen, um sie bergen zu können. Im Krankenhaus diagnostizieren die Ärzte mehrere Frakturen an der Wirbelsäule, eine Lähmung der linken Körperhälfte und einen kollabierten Lungenflügel.

Als Corine nach der Operation aufwacht, sind David und ihre Söhne bei ihr. „Du hast uns vielleicht einen Schrecken eingejagt“, sagt David. Hals und Rücken werden von einem Korsett gestützt, ihr ganzer Körper ist übersät von Wunden. Corine weint. Dann dreht sie den Kopf zu ihren Söhnen. Die würden ihre Mutter am liebsten drücken und sie nie mehr loslassen – dürfen aber nicht. „Der Gedanke an euch hat mich die ganze Zeit am Leben gehalten“, gesteht Corine.

 


Mehr zu diesem Thema

Aus der
aktuellen
Ausgabe

Helden des Alltags

Anneke hört einen Knall, sieht einen Feuerschein: Ein brennendes Auto! Und darin sitzt ihr verletzter Bruder Niklas.
...mehr
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Helden des Alltags

Ein Auto fängt Feuer. Hans-Peter und Sonja Zuch retten die verletzte Fahrerin.

...mehr
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Helden des Alltags

Überfall auf eine Tankstelle: Waldemar Meisner verfolgt und stoppt die Täter.

...mehr
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Spannung

Molei überlebte den Unfall, aber würde sie jemals wieder dieselbe sein? Ihr Freund ist fest entschlossen, jede Chance zu nutzen

...mehr

 

RD Abbinder
RD Abbinder
RD Abbinder

Reader's Digest Deutschland: Verlag Das Beste GmbH - Vordernbergstraße 6, 70191 Stuttgart