Der Rettungshubshrauber Helimed 1 der Air Ambulance Victoria. Ein ähnlicher Hubschrauber fand Sam im Unterholz neben der Straße.
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Spannung

Rettet meinen Sohn!

Ein junger Autofahrer verunglückt im australischen Busch – werden die Retter ihn rechtzeitig finden?

 

Ausgabe: Oktober 2019 Autor: Helen Signy

Es war halb fünf Uhr morgens. Das Leben konnte nicht besser sein. Sam Lethbridge hatte im Oktober 2017 seinen Führerschein gemacht und besaß seit vier Monaten ein eigenes Auto, einen Hyundai ix35. Und am vergangenen Freitag hatte er seinen Ausbildungsvertrag bei einem Fachbetrieb für Elektro- und Klimatechnik unterschrieben. Nachdem er dies mit seinen Freunden gefeiert hatte, befand er sich nun auf dem ihm wohlbekannten Weg nach Hause. Weil Sam leidenschaftlich gern boxte, Fußball spielte und ins Fitnessstudio ging, war er körperlich topfit. Während er fuhr, trank er immer wieder einen Schluck aus einer großen Flasche Wasser, die er immer bei sich hatte. Eine Gewohnheit, die ihm das Leben retten sollte.

Tony und Leigh, Sams Eltern, waren für ein Wochenende nach Canberra gefahren. Sams ältere Geschwister, der 21-jährige Luke und die 19-jährige Megan, waren zu Hause. Sam hatte ihnen von seinen Plänen für den Abend erzählt. Seiner Freundin hatte er im Laufe des Abends eine Textnachricht geschickt: „Wir sehen uns morgen um zwölf.“ Dicht belaubte Bäume säumten die Straße, weit und breit war kein anderes Auto zu sehen. Mittlerweile war Sam sehr müde, aber zum Glück waren es nur noch zehn Minuten bis nach Hause. Er bremste an einem Verkehrsschild, das Tempo 80 anzeigte. Während die Scheinwerfer einen Lichtkegel ins Dunkel warfen, fiel es es dem jungen Mann immer schwerer, die Augen offen zu halten.

Plötzlich übermannte ihn der Schlaf. Das Auto kam von der Straße ab und streifte dabei einen Betonpfosten, der die Fahrertür abriss. Dann stürzte das Fahrzeug die Böschung hinunter. Die Airbags gingen auf, das Auto überschlug sich zweimal, bis es etwa 20 Meter unterhalb der Straße auf den Rädern zu stehen kam. Die dichte Vegetation hatte das Fahrzeug regelrecht verschluckt. Es gab keine Reifenspuren auf der Straße, nichts wies darauf hin, dass hier ein Unfall passiert war. Sam saß aufrecht im Fahrersitz, seine Beine waren unter dem Lenkrad eingeklemmt. Sein rechter Ellenbogen und sein rechtes Bein waren verletzt. Er verlor immer wieder kurz das Bewusstsein, weil er seinen Kopf angeschlagen hatte. Das Handy war im Fußraum des Autos gelandet – für ihn unerreichbar.

Wo ist unser Bruder?

Megan und Luke Lethbridge machten sich am Vormittag allmählich Sorgen um ihren Bruder. Ihre Anrufe und Textnachrichten blieben unbeantwortet. Als Sams Freundin ihnen mitteilte, dass er nicht zur Verabredung erschienen war, wussten sie, dass etwas passiert sein musste. Gegen 18 Uhr beschloss Megan, ihre Eltern anzurufen. Alle wussten, dass Sam niemals so lange wegbleiben würde, ohne jemandem Bescheid zu sagen. Sams Freunde fuhren die Strecke ab. Auch Luke und Megan fuhren mehrfach die Landstraße in beide Richtungen ab, ohne eine Spur zu finden.

Um 21 Uhr hielten es Leigh und Tony nicht mehr länger in Canberra aus. Sie packten ihre Sachen ins Auto und traten die fünfstündige Heimfahrt nach Lake Macquarie an. „Sam ist der Vernünftigste von den dreien“, versuchten sie einander Mut zu machen. Doch je länger die Fahrt durch die Dunkelheit dauerte, desto größer wurde ihre Angst. Etwa gegen halb zwei Uhr bogen sie endlich in die Einfahrt zu ihrem Haus ein. Der Rest der Familie war bereits eingetroffen: Tonys Mutter und sein älterer Bruder Michael sowie dessen Frau Eileen. Megan hatte mittlerweile die Polizei verständigt und ein Formular für vermisste Personen ausgefüllt, doch die Beamten hatten ihr gesagt, dass sie wenig tun könnten.

Suche aus der Luft

Tony sprang sofort wieder ins Auto und fuhr zum Polizeirevier. Dort teilte man ihm mit, dass es sich um ein normales Verhalten für einen 17-Jährigen handle. Er war wahrscheinlich einfach abgehauen. Sollte Sam morgen noch nicht wieder auf­getaucht sein, könne sein Vater ja noch einmal wiederkommen. „Das würde mein Sohn nie tun“, dachte Tony. Ihm war klar, dass die Polizei lediglich nach Vorschrift handelte, aber er konnte nicht einfach herumsitzen und warten. Er musste seinen Sohn selbst finden. Die dichte Vegetation der Umgebung ließ seiner Meinung nach nur eine Form der Suche zu: aus der Luft.

Seit dem Unfall waren mittlerweile mehr als 24 Stunden vergangen. Sam war schwer verletzt, sein Oberschenkelknochen war gebrochen und ragte zehn Zentimeter aus dem Bein heraus. Nur der Druck des Armaturenbretts auf seine Beine hatte bislang verhindert, dass er verblutete. Halb ohnmächtig und unfähig sich zu bewegen, durchlitt Sam die australische Hitze.

Am Montagmorgen, es war kurz nach neun Uhr, saß der Hubschrauberpilot Lee Mitchell mit drei Kollegen im Büro auf dem Flugplatz, als Tony hereinkam. „Hier sind 1000 Dollar. Ich brauche einen Hubschrauber, um nach meinem Sohn zu suchen“, sagte er verzweifelt. Mitchell verstand dessen Angst. Er war in seiner langen Karriere als Hubschrauberpilot viele Sucheinsätze geflogen – keiner davon war gut ausgegangen. Tony Lethbridge wurde bei Flügen immer schlecht, und er wollte die Suche dadurch nicht verzögern. „Ich fahre besser zurück und hole meinen Bruder, er wird dann mitfliegen“, teilte er mit. „Er wohnt nur wenige Minuten die Straße runter – wir sind gleich wieder da.“

Während Tony losfuhr, um seinen Bruder Michael zu holen, schoben Mitchell und seine Kollegen den Helikopter aus dem Hangar und bereiteten den Start vor. Als Michael zehn Minuten später eintraf, war der Hubschrauber startklar. Beim Abheben wurde das leichte Fluggerät von Windböen ergriffen. Ihr Startplatz befand sich wenige Hundert Meter von Sams Zuhause entfernt – am sinnvollsten würde es sein, seine Fahrstrecke bis zum Startpunkt zurückzuverfolgen. Michael betrachtete das Gelände unter ihnen. Die Vegetation war so dicht, dass es nur eine Chance gab, zwischen all den Bäumen einen Hinweis auf Sams Auto zu finden: wenn man senkrecht nach unten blickte. Nach nur acht Minuten fiel Mitchell etwas Weißes auf. Die Wildnis Australiens ist voll von alten Autowracks, doch bei diesem war etwas anders: Sein weißes Dach reflektierte die Sonne. „Ist es das?“, fragte er Michael und manövrierte den Hubschrauber in einer schrägen Flugposition so nahe heran, damit Michael besser hinuntersehen konnte. Als Erstes sah er eine abgerissene Tür und einen Frontschutzbügel – und dann auf einer kleinen Lichtung zwischen den Bäumen Sams Auto.

Da ist Sams Auto!

Sie drehten eine Minute lang Kreise über dem Fahrzeug, um eventuell ein Lebenszeichen zu entdecken. Michael schickte Tony eine Textnachricht, er solle sofort kommen, und gab ihm die Koordinaten von Sams Fundort durch. Es war zu windig, um beim Auto landen zu können, also flog der Pilot den Hubschrauber zu einer stillgelegten Tankstelle in der Nähe, wo er landete und Michael aussteigen ließ. Michael rannte die Straße zurück in Richtung seines Neffen. Mitchell flog zurück und ließ seinen Helikopter über der Unfallstelle schweben, um die Position zu markieren. Dann rief er die Rettungskräfte an.

Michael hatte nicht vorgehabt, als Erster bei Sam einzutreffen. Der Gedanke daran, was er vorfinden könnte, jagte ihm Angst ein. Als er begann, die Böschung hinabzuklettern, vorbei an dem Betonpfosten und den abgerissenen Autoteilen, schienen seine Füße wie durch zähen Brei zu waten. Noch immer konnte er das Auto nicht sehen. Michael warf einen Blick nach oben. Der Helikopter schwebte direkt über ihm. Er kämpfte sich um einen Busch herum, und da war das Auto. Er konnte Sams Kopf sehen – und der bewegte sich. Sam war am Leben! „Ist alles in Ordnung, Kumpel?“, rief Michael, als er zu seinem Neffen hinübereilte. Dort machte er sich ein Bild von Sams Zustand. Auf den ersten Blick erkannte Michael außer ein paar Schnitten an den Fingern keine blutenden Wunden oder Verletzungen. Doch Sams Augen blickten glasig, und er verlor immer wieder kurz das Bewusstsein.

Daheim bei den Lethbridges hatte eine Textnachricht Tonys Handy vibrieren lassen. „Sie haben das Auto gefunden!“, schrie er der Familie zu. Innerhalb von Sekunden waren Tony und Michaels Frau Eileen im Auto. Sie rasten zum angegebenen Fundort und sahen den Hubschrauber, der über der Unfallstelle schwebte. Mit quietschenden Reifen hielten sie an. Alles, was Tony dann sah, war dichtes Grün, keine Spur von einem Auto. „Wo ist er?“, rief er den inzwischen versammelten Schaulustigen zu. Sie zeigten die Böschung hinunter und Tony bahnte sich einen Weg durch das Dickicht, um zu seinem Sohn zu kommen. „Papa ist hier, Kumpel!“, rief er. „Papa ist hier.“ Sam drehte ihm den Kopf zu und lächelte. „Papa, ich hätte echt gern was zu trinken.“

Sam ist am Leben

Es dauerte anderthalb Stunden, bis das Auto so weit gesichert war, dass es die Böschung nicht weiter hinunterrutschen konnte. Um Sam bergen zu können, mussten die Einsatzkräfte das Dach abtrennen. Zwar war Sam bei Bewusstsein, doch sein Blutdruck war extrem niedrig, und er war stark dehydriert. Zudem hatte er eine Menge Blut verloren. Sam hatte schwere Verletzungen erlitten: einen komplizierten Bruch des Oberschenkelknochens sowie Frakturen der Wirbelsäule und des Schlüsselbeins. Dazu war sein Ellenbogen nicht nur ausgekugelt, sondern wies auch einen offenen Bruch auf, und im Gehirn hatte er sechs Einblutungen. Doch er war am Leben.

Bis heute kann Sam sich nicht an den Unfall oder die 29 Stunden erinnern, in denen er im Auto eingeklemmt war. Er hat auch keine Erinnerungen an die vier Tage auf der Intensivstation und nur wenige an die sechs Operationen, die im Laufe der folgenden Wochen vorgenommen wurden. Er hatte enormes Glück: Das Auto hatte den Betonpfosten nicht frontal getroffen, und es war auf den Rädern zum Stehen gekommen, was bedeutete, dass sein weißes Dach aus der Luft entdeckt werden konnte. Darüber hinaus hatte der junge Mann bis kurz vor dem Unfall viel Wasser getrunken, und seine Fitness hatte ebenfalls viel dazu beigetragen, die lange Zeit im Fahrzeugwrack zu überleben. Sam weiß, wie viel Glück er gehabt hat. Es hätte durchaus sein können, dass man ihn nicht rechtzeitig gefunden hätte.


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