Wanderweg im Wald in der Nähe von Coquitlam
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Verloren in der Wildnis

Annette Poitras plant, nur eine Stunde unterwegs zu sein, doch plötzlich liegt sie hilflos im Wald.

Ausgabe: September 2019 Autor: Katherine Laidlaw

Als Annette Poitras wieder zu sich kam, war sie ganz benommen. Zwei Paar Hundeaugen schauten die 56-Jährige fragend an. Nur Augenblicke zuvor – oder waren es Stunden? – war sie über den Schotterpfad am Eagle Mountain gewandert. Sie befand sich zehn Autominuten von ihrem Zuhause in Coquitlam, 32 Kilometer östlich von Vancouver entfernt in der Provinz British Columbia in Kanada. Dort lebte sie mit ihrem Mann Marcel und ihrer 20-jährigen Tochter Gabrielle. Die professionelle Hundeausführerin hatte drei Hunde dabei: Roxy, einen Boxer, Bubba, eine Kreuzung zwischen Pudel und Mops, und Chloe, ihren eigenen schwarz-weißen Border Collie. Plötzlich versperrte ihr ein umgestürzter Baum den Weg. Der ein Meter dicke Stamm lag quer über einer feuchten Moosfläche. Annette musste darüber klettern. An diesem Morgen trug sie nur Gummistiefel. Sie rutschte aus und schlug mit Rücken und Kopf hart auf dem Stamm auf, bevor sie zu Boden fiel. Ein heftiger Schmerz durchzuckte Annette. Dann wurde alles um sie herum schwarz.

Als sie aufwachte, spürte sie von der linken Achselhöhle bis hinunter zur Wade einen pochenden Schmerz. Bestimmt hatte sie sich eine Rippe gebrochen. Vorsichtig versuchte Annette sich aufzurappeln. Roxy und Chloe waren bei ihr geblieben, doch der 13-jährige Bubba hatte sich aus dem Staub gemacht. Sie wusste nicht, wie spät es war oder wie lange sie hier ohnmächtig gelegen hatte. Langsam wurde es dunkel und kälter. Aber ohne Bubba wollte Annette den Heimweg nicht antreten.

Noch benommen vom Sturz suchte Annette nach Bubba und kämpfte sie sich durch das Unterholz. Inzwischen musste es Abend sein. Im dichten Wald war es fast schwarz. Mittlerweile orientierungslos konnte sie sich nicht mehr daran erinnern, aus welcher Richtung sie gekommen oder wie viel Zeit vergangen war. Ihr Handy war weg. Es musste beim Sturz herausgefallen sein. Panik überkam sie. Auf eine Nacht im Freien war sie nicht vorbereitet.

Der 20. November 2017 hatte wie jeder andere Tag begonnen. Es war sieben Grad kalt, ein Sturm war angekündigt. Gegen Mittag packte sie Roxy, Chloe und Bubba ins Auto. Sie rief Marcel einen kurzen Gruß zu und schloss die Haustür hinter sich. Kurze Zeit später parkte sie am Rand der Zufahrtsstraße zum Wasserwerk am Eagle Mountain, einem Waldgebiet. Annette hatte niemandem gesagt, wohin sie fuhr. Sie wollte ja nur eine Stunde unterwegs sein. Marcel Poitras machte sich keine Sorgen, als sie auch am Nachmittag noch nicht zurück war. „Na, alles klar?“, textete er per SMS. Als sie nicht antwortete, rief er sie an und sprach auf ihre Sprachbox. Wahrscheinlich brachte sie gerade Roxy und Bubba zurück oder kaufte noch etwas fürs Abendessen ein, sagte er sich. Doch als es um halb sechs zu dämmern begann und er seine Frau nicht erreichte, wurde ihm klar, dass etwas passiert sein musste. Mit seinem Auto fuhr er sie suchen. Als er schließlich am Eagle Mountain um die Kurve der Zufahrtsstraße zum Wasserwerk bog, stockte ihm der Atem: Im Licht der Scheinwerfer erkannte er das Auto seiner Frau. Er stieg aus und ging zum Pfad. Es war stockdunkel. Marcel rief nach Annette und pfiff nach den Hunden. Keine Antwort. Kurz nach 18.30 Uhr wählte er den Notruf.

Eine Suchmeldung wurde ausgegeben: Hundeausführerin vermisst, 56, weiblich. „Das dürfte ziemlich einfach sein“, meinte Aidon Pyne, ein freiwilliger Helfer vom örtlichen Such- und Rettungsdienst. „Wahrscheinlich hat sie sich den Knöchel verstaucht.“ Kurz danach begann die Suche. Sie blieb erfolglos. Mittlerweile war es nach Mitternacht. Es regnete, und die Temperaturen lagen nur wenige Grad über null. Um drei Uhr morgens alarmierten die Helfer weitere Rettungsteams in der Nähe. Bei Tagesanbruch würden sie ihre Suche auf den Wald um das Wassereinzugsgebiet ausdehnen.

Der Rettungstrupp stellte die Suche für diese Nacht ein.

Indessen sank Annette an einem umgestürzten Baum zu Boden. Sie zitterte vor Kälte, war dehydriert und völlig erschöpft. Es war knapp über null Grad und regnete ununterbrochen. Als das Morgenlicht endlich durch die Bäume fiel, fühlte sich Annette, als hätte sie kein Auge zugetan. Nur mühsam kam sie auf die Beine, frierend und völlig durchnässt, ihre blonden Haare klebten am Kopf. Roxy und Chloe waren die ganze Nacht bei ihr geblieben. „Marcel wird mich finden“, war Annette überzeugt. „Er kennt die Wege, die ich normalerweise gehe.“ Dann rief sie wieder nach Bubba. Wie aus dem Nichts tauchte er zwischen den Bäumen auf. „Na endlich!“, rief die 56-Jährige. Aber ihre Erleichterung hielt nicht lange an. Denn sie musste zurück auf den Weg. Außerdem verschlechterte sich das Wetter zusehends, der Wind nahm zu, und der Regen peitschte ihr ins Gesicht.

Annette ahnte nicht, dass sie immer tiefer in den Wald hineinging. Die Hunde folgten ihr dicht auf den Fersen. Plötzlich hörte sie über sich das Dröhnen von Hubschraubern – sie suchten nach ihr! Annette band ihre pinkfarbene Regenjacke an einen Stock und schwenkte diese provisorische Fahne. Die Hubschrauber flogen weiter. Gegen 18 Uhr, fast 24 Stunden, nachdem Marcel Poitras seine Frau als vermisst gemeldet hatte, sammelten sich 50 niedergeschlagene Helfer wieder am Parkplatz. Sie hatten in strömendem Regen und beißend kaltem Wind mehr als zwölf Stunden lang 15 Quadratkilometer abgesucht. Die Hubschrauber, seit Stunden in der Luft, waren zurückgekehrt, ohne sie entdeckt zu haben. Als sich das Wetter weiter verschlechterte, blieb ihnen keine andere Wahl, als die Suche einzustellen.

Unterkühlt und dehydriert, aber am Leben

Schweren Herzens und verzweifelt fuhr Marcel nach Hause. Im Wald legt sich Annette nass und erschöpft in eine kleine Mulde unter einigen Farnen. Roxy legte sich neben sie, gemeinsam zitterten sie vor Kälte. Quälend langsam vergingen die Minuten. Die Hundeausführerin dachte an ihre Familie. „Ich will noch nicht sterben“, sagte sie laut. Am nächsten Morgen nieselte es nur noch, und die Sonne lugte durch die Wolken. Begierig auf Wasser und Wärme nagten die Hunde an Stöcken und leckten sich. Annette war zu schwach, um aufzustehen. „Bitte findet mich“, flüsterte sie, als ein Hubschrauber über sie hinwegflog. Um sechs Uhr war Aidon am Treffpunkt. Der Wetterwechsel und die vielen Helfer stimmten ihn zuversichtlich. Im Abstand von 30 Metern suchten sie zu fünft das Gebiet systematisch ab. Während einer kurzen Pause, in der sie sich neu orientierten und aufstellten, blies Darren Timmer, der Teamleiter, dreimal in seine Pfeife. Unmittelbar danach hörten sie schwach, aber eindeutig Hundegebell. Aidon und Darren schauten sich an. „Wartet hier“, sagte Darren und lief in Richtung des Gebells. Darrens Pfeifen war so leise, dass Annette dachte, sie hätte es sich nur eingebildet. Aber Roxy begann zu bellen. Wieder hörte Annette die Pfeife. „Hallo“, schrie sie. „Hallo! Hier bin ich!“ Innerhalb weniger Minuten war Darren bei ihr. „Ich bin bei der gesuchten Person“, funkte er an sein Team, das vor Freude in lauten Jubel ausbrach. Annette Poitras lag tief im Wald, anderthalb Kilometer von der Stelle, an der sie gestürzt war, und nur 200 Meter von einem Bach entfernt. Sie war so unterkühlt und dehydriert, dass er zunächst keinen Puls fühlte. „Ich lebe noch“, versicherte sie schwach. Die steifen und völlig durchnässten Kleider musste man ihr vom Leib schneiden. Danach wickelten die Helfer sie in ein kleines Notfallzelt. Aidon fällte einige Bäume, damit der Rettungshubschrauber mehr Platz hatte. Nach einer halben Stunde konnten die Helfer Annette vorsichtig transportieren.

Im nahe gelegenen Golfklub, der als Kommandozentrale diente, wartete Marcel zusammen mit Verwandten und Freunden. Ein Polizeibeamter nahm ihn beiseite und sagte, dass seine Frau am Leben sei. Marcel stiegen Tränen in die Augen, und er hob den Daumen. „Meine düsteren Gedanken waren wie weggeblasen.“

 


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