Wunder-Rettung aus der Unterwasserhöhle
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Wunder-Rettung aus der Unterwasserhöhle

Sie drangen als Erste in die mallorquinische Unterwasserhöhle vor. Doch dann wurde ihr Luftvorrat knapp.

Ausgabe: Juli 2018 Autor: Lia Grainger

Am Vormittag des 15. April 2017 lud Xisco Gràcia Lladó Druckluft-Tanks von seinem Lkw, den er am Höhleneingang der Cova de sa Piqueta geparkt hatte. Gràcia und sein Freund Guillem Mascaró wollten das Unterwasser-Höhlensystem der Insel Mallorca erkunden. Mascaró, ein schlanker 54-jähriger Mallorquiner, war ein routinierter Taucher. Er freute sich auf den Tauchausflug mit Gràcia, einem der erfahrensten Höhlentaucher Mallorcas. Xisco Gràcia breitete eine Karte aus und wies auf eine 900 Meter vom Höhleneingang entfernte Stelle. „Hier gibt es unerforschte Unterwasserkavernen“, sagte er. Der Gedanke, das Höhlensystem als Erster zu sehen, elektrisierte ihn.

Feuchte Luft schlug den beiden Männern entgegen, als sie den felsigen Eingang passierten und ins Dunkel vordrangen. Gràcia befestigte vier Pressluftflaschen an seinem Gürtel und gab drei Flaschen an Mascaró weiter. Der Sauerstoff sollte reichen, um ins Höhleninnere vorzudringen, auf Erkundungstour zu gehen und zum Ausgang zurückzukehren. Für den Notfall hatten sie Vorrat für eine weitere Stunde. Gràcia nahm den Atemregler in den Mund und tauchte unter, Mascaró folgte ihm. Für ihre Orientierung in dem Labyrinth aus Tunneln verwendeten sie Führungsleinen aus Nylon, markiert mit nummerierten Fähnchen – ein altbewährtes Verfahren. Im klaren Wasser konnten sie die Markierungen deutlich erkennen. Doch hinter ihnen trübte es sich durch den aufgewirbelten Schlamm. Nach einer Stunde erreichten sie eine untermeerische Kammer. Noch eine Stunde später stellte Xisco Gràcia auf der Druckanzeige seiner Taucherflasche fest, dass sie nur noch zu einem Drittel gefüllt war. „Wir haben beide noch für höchstens zweieinhalb Stunden Luft“, dachte er. Zeit für den Rückweg.

Die Führungsleine ist weg!

Mithilfe der Führungsleine schwammen sie zurück; das Wasser war immer noch trübe. Der anfänglich breite Gang verengte sich zunehmend. Schlamm wirbelte auf und verwandelte das Wasser ringsum in eine dicke Brühe. Die Taucher bewegten sich entlang der weißen Leine, bis diese unvermittelt an einer Felswand endete. Gràcia tastete nach der Fortsetzung – ohne Erfolg. Er bat Mascaró, zu einem etwa 200 Meter entfernten Hohlraum zu schwimmen, und auf ihn zu warten. Gràcia setzte seine Suche nach der Führungsleine fort. Hin und her schwimmend suchte er die Felswand und den Schlammboden ab. Mit jeder Bewegung wurde die Sicht schlechter.

Als Gràcia das nächste Mal auf seinen Atemregler schaute, erschrak er: „Nur noch Luft für eine Stunde und wir sind noch einen Kilometer vom Ausgang entfernt“, dachte er. Xisco Gràcia schwamm zu der Stelle, wo Mascaró auf ihn wartete. Dort befand sich ein großer Höhlensee in einer breiten Kaverne. Am Ende des Sees ragten spitze Steine aus dem Wasser. Beim Einatmen merkte er, dass die Luft viel mehr Kohlendioxid enthielt, als er angenommen hatte. Vermutlich 2 bis 3 Prozent – deutlich mehr als der normale CO2-Gehalt der Atmosphäre von 0,03 Prozent und potentiell lebensgefährlich.

Gràcia und Mascaró kletterten aus dem Wasser und setzten sich auf die. „Es gibt noch einen anderen Weg nach draußen; allerdings ist er etwas länger“, sagte Gràcia, während er die Route auf einer laminierten Karte mit dem Finger nachzeichnete. „Dort müsste die Führungsleine intakt sein. Mit der Luft in den Flaschen kommt aber nur einer von uns bis zum Höhlenausgang“, stellte er fest. „Du bist kleiner und wendiger und brauchst weniger Luft für den Rückweg als ich“, sagte Gràcia. Mascaró machte sich mit beiden Flaschen auf den Weg. „Hoffentlich sehe ich ihn wieder“, dachte Gràcia, als sein Kamerad wegtauchte. Es war 18 Uhr am Samstag.

Mascaró ist draußen

Knapp eine Stunde später brach Mascaró durch die Wasseroberfläche und sog in tiefen Zügen Luft ein. Er wählte mit zitternden Fingern die Telefonnummer der Grup Nord, des offiziellen Höhlentauchvereins der Insel. Binnen einer Stunde trafen mehrere der besten Höhlentaucher Mallorcas am Höhleneingang ein. Langsam wurde es dunkel. Unter den Tauchern war auch Bernat Clamor, der fast so erfahren war wie Gràcia. „Die Kohlendioxid-Konzentration in dem Hohlraum kann sehr hoch sein. Wir wissen nicht, wie viel Zeit Xisco noch bleibt“, gab Clamor zu bedenken.

Zwei Taucher, die den vorderen Teil der Höhle von früheren Erkundungen kannten, sollten es zuerst versuchen. Mascaró markierte Gràcias Aufenthaltsort auf einer Karte. Die gab er beiden. Zwei Stunden später kehrten sie. Das Wasser war so stark aufgewirbelt, dass die Sicht fast null war, Markierungen kaum erkennbar. „Wir müssen warten, bis das Wasser wieder klar ist“, meinte Clamor. Er wusste, dass es sinnlos war, durch die Schlammbrühe zu tauchen und das Leben der übrigen Taucher aufs Spiel zu setzen.

Die Polizei beschließt, bis zum nächsten Morgen zu warten

Xisco Gràcia war unterdessen schwindlig geworden. Angst überkam ihn: „Was, wenn Guillem tot ist? Niemand weiß dann, wo ich bin.“ Dann dachte er an die anderen Taucher. „Sicher finden sie mich bald“, versuchte er sich einzureden. Vor der Höhle diskutierten Taucher und Höhlenexperten der Insel das weitere Vorgehen. Ein Angehöriger der Guardia Civil leitete nun die Aktion. „Wir warten bis morgen früh mit dem nächsten Taucheinsatz“, verkündete er. Ein Raunen ging durch die Zuhörer. Jeder wusste, in welcher Gefahr Gràcia schwebte. Am Sonntagabend um 21.30 Uhr befand sich Gràcia seit mehr als 30 Stunden in der Höhle. Einer der Taucher murmelte zornig: „Morgen wird es zu spät sein.“

„Endlich!“, dachte Jhon Freddy Fernandez, während er eilig in seinen Neoprenanzug schlüpfte. Fernandez, ein enger Freund Gràcias, wartete seit mehr als 24 Stunden darauf, bei der Suche helfen zu dürfen. Kurz vor Montagmittag war es so weit. Während er durch den ersten Tunnel schwamm, wurde er zuversichtlicher. Das Wasser war sauber genug, um die Markierungen zu erkennen. Er durchtrennte die meisten Leinen – außer der, die zu Gràcia führte. Er arbeitete zügig, und nach zwei Stunden tauchte er freudig am Höhlenausgang auf. „Ich war schon fast bei der Kaverne“, erzählte Fernandez den Wartenden. „Der nächste Taucher müsste es bis zu Xisco schaffen.“Clamor sprang ins Wasser. Weil es nur noch eine Führungsleine gab, gelangte er schnell in den Hohlraum, in dem Gràcia lag. Nun galt es herauszufinden, ob der noch lebte und wie er gerettet werden konnte.

 Endlich Rettung von Außen

„Diese Höhle wird mein Grab sein“, dachte Gràcia verzweifelt. Da hörte er das Geräusch eines Tauchers, der an die Oberfläche kommt. Ein flackerndes Licht fiel auf die Höhlendecke. „Xisco!“, hörte er eine bekannte Stimme rufen. Dann erkannte er seinen Freund Bernat Clamor, der triefend auf ihn zugelaufen kam. Die beiden Männer umarmten sich. „Guillem ist tot, nicht wahr?“ „Nein, er lebt und wartet draußen auf dich!“, antwortete Clamor. „Ich gehe vor, um den anderen zu sagen, dass du lebst. Die nächsten Taucher bringen dir Atemluft und helfen dir heraus“, erklärte Clamor. „Hältst du noch eine Weile durch?“ „Ja“, versicherte Gràcia Lladó.

Vier Stunden später, gegen 20 Uhr am Montagabend, kamen zwei Taucher mit Nitrox-Behältern in die Höhle. Nitrox enthält doppelt so viel Sauerstoff wie normale Luft. Beim Einatmen fühlte Gràcia, wie das Leben in ihn zurückströmte. Sein Kopf wurde klar, und zum ersten Mal seit 58 Stunden konnte er tief Luft holen. Es war wie ein Wunder: Am Montagabend um 23.10 Uhr, 60 Stunden, nachdem er gemeinsam mit Guillem Mascaró die Cova de sa Piqueta betreten hatte, erreichte Xisco Gràcia Lladó aus eigener Kraft den Höhleneingang. Dort begrüßten ihn die Jubelrufe der Wartenden.


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