Zwei Herzen im Takt
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Aus der
aktuellen
Ausgabe

Spannung

Zwei Herzen im Takt

Eine Liebesgeschichte mit ungewöhhnlichem Beginn...

Ausgabe: Dezember 2015 Autor: Lia Grainger

Jannicke Bergman und Andreas Olesen lernten sich beim Tanzen kennen

Jannicke Bergman tanzte, als sie ihn erblickte. Er war weit von ihr entfernt, auf der anderen Seite der vollen Tanzfläche: sein Gesicht war zur Grimasse verzogen, und sein Körper zuckte eigenartig. Bergman sah ihn nur für den Bruchteil einer Sekunde, ehe ihr Tanzpartner sie zurückdrehte. Aber das reichte aus, um blitzschnell zu handeln – so, als ob das Leben des Mannes davon abhinge.

Der 14. Juni 2012 war ein warmer Sommertag in Göteborg, der Abend schien geradezu dafür geschaffen, um im großen hölzernen Musikpavillon des Liseberg-Freizeitparks zu tanzen.

Bergman tanzte gern. Sie liebte auch ihren Beruf als Krankenschwester, bei dem sie sich um junge Mütter und ihre Kinder kümmerte, aber Tanzen war ihre Leidenschaft. Deshalb belegte sie zahlreiche Kurse – von Swing über Salsa bis zu Volkstänzen.

Sie war 46, wirkte aber mindestens zehn Jahre jünger. Beim Tanzen hatte schon so mancher Mann einen Blick auf sie geworfen, aber Bergman war nicht an einer Beziehung interessiert. Ihre drei Kinder waren fast erwachsen, und seit deren Vater weg war, genoss Bergman ihre Unabhängigkeit.

Andreas Olesen hatte schon die ganze Woche über Schwindelanfälle gehabt, sie aber nicht weiter beachtet. Schließlich war er erst 39, und erst vor Kurzem hatte eine Untersuchung ergeben, dass er gesund war. Warum also sollte er sich Gedanken machen?

Olesen arbeitete bei einem internationalen Unternehmen in der Kundenbetreuung und sprach beruflich jeden Tag mit Augenoptikern aus ganz Europa – in fünf verschiedenen Sprachen. Er hatte nie geheiratet und erst kürzlich eine Beziehung beendet. Vor zwei Monaten hatte er mit dem Tanzen angefangen und Karin, eine Frau aus dem Kurs, hatte ihn nach Liseberg eingeladen.

Die Musik lockte die beiden auf die Tanzfläche. Dort passierte es schlagartig. Olesen schwankte, alles um ihn herum verschwamm, und dann umgab ihn Dunkelheit.

Bergman starrte auf den bewusstlosen Mann in ihren Armen. Seine Haut verfärbte sich von Rot zu einem erschreckenden Blauton. Als sie nach seinem Puls suchte, fühlte sie nichts. Bergman wandte sich an Karin, die mit aufgerissenen Augen dabeistand.

"Hat er Drogen genommen?", fragte sie. "Ist er krank?"

"Ich weiß es nicht, ich weiß es nicht." Mehr bekam die entsetzte Frau nicht heraus.

Ohne zu zögern drehte Bergman den Mann auf den Rücken und begann mit einer Herz-Lungen-Reanimation. 30 Druckeinheiten auf den Brustkorb, zwei Atemspenden. Jede Einheit kam ihr wie eine Ewigkeit vor. Noch einmal 30 Kompressionen, dann wieder zweimal Beatmen. Bergman drückte fest zu, brach Olesen dabei sogar ein paar Rippen. "Stirb mir jetzt bloß nicht!", keuchte sie.

Um sie herum hatte sich eine Menschenmenge versammelt. Bergman war bereits der Erschöpfung nahe. Da sprang ein Mann ein und löste sie ab. Endlich kam ein Krankenwagen, und Rettungssanitäter übernahmen die Versorgung. Aber Bergman blieb an der Seite des Fremden. Während sie seine Hand hielt, sagte sie immer wieder: "Alles wird gut. Ich weiß es."

"Er kann sie nicht hören", sagte einer der Sanitäter.

"Doch, das kann er, davon bin ich überzeugt", erwiderte sie, während man ihn in den Rettungswagen schob.

Dann war er weg. Bergman saß regungslos da. Ihr T-Shirt war von Schweiß durchnässt. Ihre Freunde kamen zu ihr, um sie zu trösten: aber sie scheute jegliche Berührung.

"Ich habe zu spät angefangen", warf sie sich vor. "Bestimmt ist sein Gehirn geschädigt."

Bergman lebte in einem bescheidenen Häuschen in Floda, einer kleinen Gemeinde etwa 20 Autominuten von Göteborg entfernt. An jenem Abend ging sie zu Hause in ihrem Wohnzimmer unruhig auf und ab. In ihrer Vorstellung saß der Mann im Rollstuhl, und sie fütterte ihn mithilfe eines Strohhalms.

Ohne zu zögern beginnt Bergman mit der reanimation. 30 Druckeinheiten auf den Brustkorb, zwei Atemspenden

Bergman rief im Krankenhaus an und bat darum, den Verwandten des Mannes ihre Telefonnummer mitzuteilen. Am nächsten Morgen rief Britt-Marie, Andreas Olesens Mutter, an. Sie sagte, ihr Sohn lebe und die Ärzte hätten zur Verlangsamung der Herz- und Hirnfrequenz seinen Körper auf 32 Grad heruntergekühlt. Damit wolle man den Organen Gelegenheit zur Regeneration geben.

Es werde noch einige Tage dauern, ehe man versuchen werde, ihn aufwachen zu lassen. Olesen hatte einen Herzstillstand erlitten, und seine Überlebenschancen lagen bei 50 Prozent. Sollte er überleben, war eine ernsthafte Hirnschädigung sehr wahrscheinlich.

Trotzdem war Bergman erleichtert. Er lebte! Während der folgenden Tage rief Britt-Marie täglich bei ihr an. Schließlich, nach fünf langen Tagen, kam der erlösende Anruf: "Er ist aufgewacht, und es ist alles in Ordnung."

Bergman schrie und tanzte vor Freude. Schon am folgenden Tag klingelte ihr Telefon wieder. "Hallo Jannicke." Die Stimme war ihr fremd. "Hier ist Andreas. Ich möchte mich bei dir bedanken."

Als Bergman zu sprechen begann, unterbrach Olesen sie: "Deine Stimme kenne ich! Sind wir uns schon mal begegnet?" Nein, sie waren sich davor noch nie begegnet. Aber der Sanitäter hatte Unrecht gehabt: Olesen hatte sie tatsächlich hören können.

"Kannst du mich besuchen?", fragte Olesen. Sie versprach, es schon am folgenden Tag zu tun.

Auf dem Weg zum Krankenhaus war Bergman unkonzentriert. Ihre Tochter Amanda saß im Auto neben ihr und redete, aber die 46-Jährige dachte nur an Olesen. "Warte hier, in einer halben Stunde bin ich zurück", sagte sie zu Amanda.

Vor der Intensivstation hielt Bergman kurz inne, atmete tief durch und betrat dann das Zimmer. Als er sie erblickte, versuchte Olesen aus dem Bett aufzustehen, geriet aber ins Schwanken. "Leg dich besser wieder hin", sagte Bergman lächelnd, ging zu ihm und umarmte ihn.

Aufgrund einer Lungenentzündung musste Olesen oft husten, was stechende Schmerzen an den gebrochenen Rippen verursachte. Die verabreichten Medikamente riefen Halluzinationen hervor. Aber all das konnte Olesen jetzt verdrängen. Und er war sich sicher, dass alles wieder gut werden würde.

Von seiner Mutter hatte er erfahren, dass Bergman einen Hund namens Meja besaß. Olesen hatte seinen eigenen Hund durch die vor Kurzem gelöste Beziehung verloren, und die beiden besprachen nun, irgendwann gemeinsam einen Spaziergang mit Meja zu machen. Schneller als gedacht waren 30 Minuten um, und Bergman musste gehen.

"Kommst du morgen wieder?", fragte Olesen. Ohne zu zögern versprach sie es.

In den folgenden Tagen erfuhr Olesen von seinen Ärzten, welch unglaubliches Glück er gehabt hatte. Die Wahrscheinlichkeit, außerhalb eines Krankenhauses einen Herzstillstand zu überleben, liegt in Schweden bei unter 8 Prozent.

Olesen war auf der Tanzfläche praktisch tot gewesen: sein Herz hatte mehrere Minuten lang nicht geschlagen. Einzig Bergmans schnelle Reaktion hatte seinen Blutkreislauf in Gang gehalten, sodass sein Gehirn versorgt wurde, bis die Sanitäter mit dem Defibrillator sein Herz wieder zum Schlagen brachten. Sie hatte wirklich sein Leben gerettet.

Den Ärzten war es ein Rätsel, was den Herzanfall verursacht hatte. Für den Fall, dass in Zukunft ein weiterer passierte, implantierten sie ihm einen Kardioverter-Defibrillator in die Brust. Sollte es noch einmal einen lebensbedrohlichen Vorfall geben, würde das Gerät automatisch einen elektrischen Impuls an das Herz abgeben und so den natürlichen Rhythmus wiederherstellen.

Zu Hause stellen sich Bergman und Olesen weiterhin gemeinsam den alltäglichen Herausforderungen

Nach zwei Wochen konnte Olesen das Krankenhaus verlassen. Bergman besuchte ihn weiterhin häufig, jetzt natürlich in seiner Stadtwohnung. Sie aßen fast jeden Abend zusammen und lernten ihre jeweiligen Familien kennen. Ihre Zuneigung war offensichtlich, aber noch sprach keiner von beiden das Wort Liebe offen aus.

Als sie Olesen eines Abends zu seiner Wohnung fuhr, stieg Bergman aus, um ihm beim Tragen der Taschen zu helfen. Er benutzte einen Gehstock und es fiel ihr schwer, ihn in diesem Moment allein zu lassen. Als sie oben am Ende der Treppe angekommen waren, drehte Olesen sich zu ihr um. Er schaute die Frau an, die seit ein paar Wochen nicht mehr aus seinem Leben wegzudenken war. Dann küsste er sie.

Als Bergman zu ihrem Auto zurückging, dachte sie nur eines: "Ja!"

Nach einem Monat zog Olesen zu Bergman in das Häuschen in Floda. Er brauchte noch viel Pflege. Häufig vergaß er ganz grundlegende Dinge – zu essen oder seine Medikamente zu nehmen. Seit dem Anfall war er auch besonders licht- und lärmempfindlich. Er konnte auch nicht in seinen Beruf zurückkehren, und Bergman sah, wie ihn das ruhelos machte.

"Dies war das beste Jahr meines Lebens", sagt Olesen zu Bergman. "Ich bin dir so dankbar für alles."

Dann fand sie ihn eines Tages im Schuppen, wo er große Kisten mit allem möglichen in die Einfahrt räumte."Was machst du denn da?", fragte sie erstaunt.

"Ich entrümpele meine Werkstatt", erwiderte er.

Der Schuppen wurde für Olesen zur Tischlerwerkstatt. Dort begann er, eine große Terrasse für den Garten zu planen. Wenn Bergman von der Arbeit nach Hause kam, fand sie ihn meist in seiner Werkstatt. Er war dann völlig in seine Tätigkeit versunken und nahm sie kaum wahr.

Er machte das oft, "in sich hineingehen", wie er es nannte – ein Schutzmechanismus, den er seit dem Herzanfall entwickelt hatte. Er gab sich der jeweiligen Aufgabe hin, vergaß dabei die Zeit und die Menschen um ihn herum – sogar Jannicke Bergman.

An einem Tag Ende Mai, drei Wochen bevor sich der Vorfall auf der Tanzfläche des Liseberg-Parks jährte, hatte Olesen gerade eine Pause eingelegt, als plötzlich in seiner Brust etwas zu explodieren schien.

Es dauerte einen Augenblick bis er begriff, was los war: Sein Defibrillator musste einen elektrischen Impuls gesetzt haben. Und dann feuerte das Gerät noch einmal, schickte 900 Volt durch sein Herz, und Olesen fiel auf den Boden des Esszimmers.

Vom Schlafzimmer aus hörte Bergman einen Schrei und lief hinüber. Olesen lag ausgestreckt da, seine Beine zuckten und seine Augen traten hervor. Sie ergriff das Telefon und wählte die Notrufnummer, erreichte aber niemanden.

Olesen war bei Bewusstsein. "Er feuert nochmal!", rief er mit weit aufgerissenen Augen.

Bergman schleppte ihren Freund zur Haustür und rief draußen einem Nachbarn zu, er solle einen Krankenwagen rufen. Da spürte sie, wie Olesen nach ihrer Hand griff. "Dies war das beste Jahr meines Lebens", sagte er. "Ich bin dir so dankbar für alles, was du für mich getan hast."

In diesem Augenblick wurde Bergman klar, dass sie nicht ohne Olesen leben konnte.

Noch 25-mal setzte der Defibrillator einen Impuls, ehe Olesen im Krankenhaus ankam und ein Kardiologe das Gerät endlich ausschalten konnte. Wie sich später herausstellte, hatte Olesen seit drei Tagen vergessen, seine Medikamente gegen Herzrhythmusstörungen einzunehmen.

Der Herzschlag war unregelmäßig geworden und hatte das Gerät aktiviert, sodass der erste Impuls gesetzt wurde, um den Herzschlag zu normalisieren. Stattdessen hatte er aber das Herz zum Rasen gebracht und damit einen Elektrostoß nach dem anderen ausgelöst. Nachdem der Kardiologe die Einstellungen des Defibrillators korrigiert hatte, wurde Olesen nach Hause entlassen.

Bergman war erschöpft nach dem Jahr, in dem sie für ihn gesorgt hatte, und Olesen selbst hatte schreckliche Angst davor, dass der Defibrillator wieder aktiv würde. Bergman nahm Urlaub, um ihn zu unterstützen – und auch um sich selbst eine dringend nötige Auszeit zu gönnen.

Anfangs zog sich Olesen zurück, lebte in ständiger Angst vor dem Gerät in seiner Brust. Aber ganz allmählich trat eine Veränderung ein. Mal unternahmen sie eine kleine Fahrradtour im Sonnenschein, ein anderes Mal machten sie im nahe gelegenen Park ein Picknick. Sie tanzten, gingen mit Freunden essen und blieben abends lange auf, um miteinander über ihre Ängste und Träume zu sprechen.

In der Woche von Bergmans 50. Geburtstag machte das Paar Urlaub auf den Kanarischen Inseln. Als sie an ihrem Geburtstag morgens erwachte, stand Olesen schon fertig angezogen mit einem Blumenstrauß und einem Champagnerglas da, ein Frühstückstablett neben sich.

Und das war noch nicht alles. Aus seiner Tasche zog er einen filigranen Ring hervor. Den Schmuck aus Weiß- und Rotgold hatte er von seiner Großmutter geerbt. Mit einem schüchternen Lächeln ging Andreas Olesen auf die Knie. Jannicke Bergman stockte der Atem. Dann sagte sie "Ja".

Vergangenen Herbst wollte das Paar in die Champagne reisen, um einen Ort für die Hochzeit zu suchen. Allerdings traten bei Andreas Olesen wieder Herzprobleme auf, und die beiden mussten die Reise verschieben.


 

RD Abbinder
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