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Symbolfoto: Ein Kind mit gelber Regenhose läuft durch den Schlamm.
© iStockfoto.com / FroggyFrogg
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Spannung

Zwei Kinder allein in den Bergen Kanadas

Um Hilfe zu holen, muss Brandon Hoogstra seine Kinder zurücklassen. Wird er sie wiederfinden?

Ausgabe: August 2021 Autor: Gary Stephen Ross

Den Burke Mountain in der Nähe von Coquitlam in der kanadischen Provinz British Columbia hatte Brandon Hoog­stra schon früher bestiegen. Er kannte den Weg zum Gipfel. Als er im Mai 2019 seine nächste Wanderung plante, wollten zwei seiner Kinder, die sechsjährige Ezri sowie der siebenjährige Oliver, unbedingt mit auf den Berg. Brandon und seine Frau Claire waren dagegen. Die Strecke schien ihnen zu weit – rund elf Kilo­meter. Selbst bei gutem Wetter wäre das für die Kinder zu anstrengend. Außerdem litt Brandon unter einer leichten autistischen Störung. Er war manchmal unbeholfen im Umgang mit anderen und neigte zu unberechenbaren Entscheidungen.
Ezri und Oliver quengelten so lange, bis die Eltern schließlich nachgaben. Kurz nach acht Uhr an einem schönen Sonntagmorgen ging es los. In seinen Rucksack hatte Brandon sein Handy, Müsliriegel, mehrere Packungen Apfelmus, Äpfel, Wasserflaschen und Angelzeug gepackt. Die Flaschen würden sie an den klaren Bergbächen wieder auffüllen.
Brandon hatte eine abwechslungsreiche Route für die Bergtour geplant. Der Aufstieg verlief reibungslos. In Gipfelnähe lag noch dicker Schnee auf dem Wanderweg. Aufgeregt rannten die Kinder über den knisternden Firn. Auf dem Gipfel teilten sich Oliver und Ezri den letzten Riegel. Währenddessen schaute sich Brandon um. Sein Handy zeigte 13.30 Uhr an. Er hatte keinen Empfang. Sie würden eine Stunde pausieren, beschloss er, und sich dann auf den Rückweg machen. Sie entschieden sich, über eine unbekannte Route auf der Bergrückseite abzusteigen. Nach einer Weile merkte Brandon, dass der Weg nur noch ein Tierpfad war, der an einem Wasserlauf entlangführte. Das Wasser schien freundlich zu murmeln, und sie folgten ihm weiter abwärts. Es war ein klarer Tag gewesen. Als am Nachmittag die Sonne hinter dicken Wolken verschwand, begannen sie zu frieren. Brandon versuchte, Feuer zu machen, doch die nassen Zweige wollten nicht brennen.

Verirrt!

Sie beschlossen, weiter bergab zu gehen. Eine halbe Stunde lang kletterten sie konzentriert nach unten, bis sie an einer Felskante standen. Aus dem Flüsschen wurde ein rauschender, sechs Meter hoher Wasserfall. Brandon hätte sich ohrfeigen können, weil er für den Abstieg eine unbekannte Strecke gewählt hatte. Diese Gegend hatte er sich vorab nicht genauer angeschaut, und er hatte keine Karte dabei. Sie fassten sich an den Händen und stiegen Schritt für Schritt weiter hinunter. Schließlich meinte Brandon: „Es ist zu steil. Wir müssen auf dem Hintern rutschen.“ Zentimeterweise ließen sie sich hinabgleiten und hielten sich dabei weiter an den Händen. So kamen sie ganz gut voran, bis sie eine etwa zehn Meter hohe schroffe Felswand erreichten, an der sich der Fluss in einen tosenden Wasserfall verwandelte. Die Gischt durchnässte die beiden Kinder und ihren Vater. Quälend langsam kamen sie voran, bis Oliver auf einem losen Felsbrocken ausrutschte und alle drei den Halt verloren. Wie in Zeitlupe sah Brandon, dass sein Sohn mit dem Kopf gegen einen Felsen prallte. Dann schlug ers selbst mit dem Kopf auf den Steinen auf. Benommen spürte er, dass er eine Platzwunde auf der Stirn hatte.
„Papa, hilf mir!“
Oliver rutschte ins Wasser und wurde mitgerissen. Mit einem verzweifelte Hechtsprung bekam Brandon ihn zu fassen. Doch einer von Olivers Schuhen schwamm davon. Brandon wischte sich das Blut aus den Augen und versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen. Oliver weinte und zitterte, schien aber heil geblieben. Ezri heulte, wirkte aber ebenfalls unversehrt. Brandon selbst fühlte sich zwar durcheinander, hatte aber offenbar nur die Wunde auf der Stirn. Der Rucksack lag sechs Meter weiter zwischen den Felsen. Er fand es sinnlos, ihn zu holen.
Als er die Kinder beruhigt hatte, sagte er: „Ihr bleibt hier, ich suche einen Weg. Ich bin gleich wieder da.“
Flussabwärts wurde das Gelände ebener. Offenbar hatten sie das Schlimmste hinter sich. Er kletterte zu den Kindern zurück, um ihnen die gute Nachricht zu verkünden. „Ich hab auch einen Schuh ver­loren“, jammerte Ezri.„Süße“, sagte Brandon, „wenn ihr beide nur einen Schuh habt, brauche ich meine auch nicht.“ Er zog seine Schuhe aus und warf sie fort, so weit er konnte. Und weiter ging es bis sie ein Plateau an einem 30 Meter hohen Wasserfall erreichten. Da wurde ihm klar: Sie hatten ein ernstes Problem. Es wurde immer kälter, sie waren durchnässt und erschöpft. Und Brandon hatte keine Ahnung, wo sie sich befanden. Brandon begriff: Wenn er seine Kinder retten wollte, musste er allein losgehen und Hilfe holen.

Die Kinder bleiben alleine in der Wildnis zurück

„Oliver, Ezri“, sagte er, zog seinen grauen Kapuzenpullover aus und wickelte die beiden hinein. „Ihr bleibt hier, ganz gleich, was passiert. Habt ihr verstanden? Ich hole nette Menschen, die euch hier wegbringen. Die kommen mit dem Hubschrauber.“ Er küsste sie auf die Stirn. „Ich hab euch lieb. Rührt euch nicht von der Stelle.“ „Ja, Papa.“ Brandon schaute die Felswand hinunter und machte sich an den Abstieg. Irgendwie gelang es ihm, sich mehrere Kilometer durch schwieriges Gelände hinunter zu kämpfen. Entkräftet und blutend, mit schrundigen nackten Füßen, kam er aus dem Wald und stieß auf eine Familie, die sich auf einer Wanderung befand. Sie wählten den Notruf. „Ihren Kindern geht es bestimmt gut“, versuchte der Mann, Brandon zu beruhigen.

Gegen 16 Uhr beschlich Claire zu Hause in Coquitlam ein ungutes Gefühl. Brandon hatte zurück sein wollen, bevor es dunkel wurde. Um 17 Uhr klingelte ihr Telefon. Erleichtert griff sie danach. Das musste Brandon sein, der ihr sagen wollte, wann sie zurück sein würden. Doch es war die Leitstelle des Rettungs- und Suchdienstes von Coquitlam.
„Mrs. Hoogstra? Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass Ihr Mann und Ihre Kinder verunglückt sind.“
„Oh mein Gott! Sind sie verletzt?“
„Ihr Mann hat eine Kopfwunde, doch die Kinder leben, hat er gesagt. Wir holen sie mit dem Hubschrauber. Das ist alles, was wir derzeit sagen können. Ich halte Sie auf dem Laufenden, sobald ich mehr weiß.“
Gegen 20 Uhr meldete sich die Leitstelle erneut bei Claire. „Ihr Mann ist im Eagle Ridge Hospital. Er scheint so weit in Ordnung.“
„Gott sei Dank!“
„Aber wir haben Probleme, Ihre Kinder zu orten.“
„Was?“ Claire hielt sich am Küchentisch fest. „Sind sie denn nicht bei ihm?“
„Er hat es nach unten geschafft, aber er musste sie zurück­lassen.“
Claire verschlug es die Sprache.
Gegen Mitternacht brachte die Polizei Brandon nach Hause, damit er sich umziehen konnte. Sie hatten im Krankenhaus seine Wunde genäht und ihn auf innere Verletzungen untersucht. „Es tut mir so leid, was ich den Kindern angetan habe …“, sagte er schluchzend zu seiner Frau.

Endlich gefunden!

Al Hurley und Bill Papove, zwei erfahrene Mitglieder des Such- und Rettungsdienstes von Coquitlam, waren derweil von einem Hubschrauber kurz vor Einbruch der Dunkelheit auf halber Höhe am Berg abgesetzt worden und suchten nach den Kindern. Um 4.30 Uhr stiegen die beiden ins weiter unten eingerichtete Basis­lager ab. Brandon war inzwischen dort eingetroffen und half ihnen dabei, seine Route so gut wie möglich nachzuzeichnen.  
Ein weiteres Mitglied des Rettungsteams meldete: die Suchmannschaft hatte einen blauen Schuh gefunden. 20 Minuten später kam er erneut herein und rief: „Wir haben Ihre Kinder!“ Brandon sprang auf, lachte und weinte zugleich.
Bald kündigte ein Rotorengeräusch den nahenden Hubschrauber an. Oliver hing an einem langen Seil zwischen zwei Rettern. Wenig später brachte der Hubschrauber auch Ezri. Die Kinder wurden im Krankenhaus gründlich untersucht. Wie sich herausstellte, ging es ihnen gut. Sie waren nur unterkühlt und hungrig. Als Brandon gegangen war, hatten sich die Kinder eine Weile unterhalten. Kurz bevor es dunkel wurde, hatten sie einen Hubschrauber gehört. Sie waren so erschöpft, dass sie bald einschliefen – eng aneinander gekuschelt, um sich zu wärmen.
Die Kinder hatten Wort gehalten und die ganze Nacht an Ort und Stelle ausgeharrt. „Sie waren danach nicht einmal besonders verängstigt“, erzählte Claire später. „Im festen Vertrauen auf die Retter, die Brandon ihnen angekündigt hatte, hatten sie auf den Hubschrauber gewartet.“

Zwei Monate nach der Rettung, im Juli 2019, zogen die Hoogstras in den US-Bundesstaat Washington gleich hinter der Grenze zu British Columbia. Oliver und Ezri gehen immer noch gern mit ihrem Vater wandern, wenn auch lieber kürzere Strecken. Die Geschwister erinnern sich natürlich noch daran, wie sie sich in jener kalten Nacht auf dem Burke Mountain zusammengekauert hatten, wirken aber ansonsten unbeschwert. Bei Brandon ist das anders. Er wird regel­mäßig von Erinnerungen heimgesucht.


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