Ein Mann für alle Fälle
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Stars im Interview

Ein Mann für alle Fälle

Edgar Selge gibt alles – sogar den Playboy. Ein Millionenpublikum eroberte er als Ermittler Tauber im Polizeiruf 110. Privat fällt er gern aus der Rolle

Ausgabe: April 2014 Autor: Tom Volkmann

Schütteres Haar, eckige Bewegungen und blassblaue Augen, die er auf der Suche nach einer verbalen Punktlandung häufig zusammenkneift: Edgar Selge liebt die Herausforderung. In der bissigen Kino-Komödie "Miss Sixty", die am 24. April anläuft, gibt der 66-Jährige den alternden Playboy an der Seite von Iris Berben. "So einen Frauenaufreißer habe ich noch nie verkörpert", feixt Selge. "Dinge zu spielen, die man nicht lebt, macht am meisten Spaß!"

Reader's Digest: Braucht man als Schauspieler ein gewisses Maß an Schizophrenie, um sich ständig in neue Rollen hineinfühlen zu können?
Edgar Selge:
Das kann schon sein, aber ich kämpfe tapfer dagegen (lacht). Die Verrücktheiten, die mein Beruf mit sich bringt, verursachen allerdings fast ständig angespannte Nerven.

Seelische Grenzsituationen sind Ihnen also nicht ganz fremd. Engagieren Sie sich deshalb im BASTA-Bündnis für psychisch Kranke?
Selge:
In unserer Gesellschaft herrscht Angst vor Ansteckung durch seelisch Kranke. Das ist sehr ungerecht. Diese Menschen reagieren vielleicht nur seismografischer auf unsere Leistungsgesellschaft, in der wir uns gegenseitig nur noch danach bewerten, wie viel Kapital wir für einen anderen abwerfen.

Ein Stressfaktor ist auch das Internet. Wie gehen Sie damit um?
Selge:
Natürlich nutze ich das Netz. Ich glaube aber, dass wir noch lernen müssen, mit der virtuellen Welt umzugehen, um nicht darin zu versinken auf Kosten unserer sozialen Kontakte. Außerdem gilt es, das Private neu zu definieren und aus dem Netz herauszuhalten, was uns schützenswert erscheint. Momentan wirkt das Internet wie eine Droge, von der es fast kein Loskommen gibt.

Fühlen Sie sich auch abhängig?
Selge:
Ja. Wenn ich beispielsweise am Wochenende in einer Airport-Lounge auf meinen Flug warte, habe ich stets ein Auge auf mein Handy und den Bundesliga Live-Ticker ...

Ihr Lieblingsclub?
Selge:
Der FC Bayern, obwohl Intellektuelle und Künstler eigentlich eher Dortmund- oder Schalke-Fan sein sollten. Mir gefällt, dass die Bayern beständig guten Fußball spielen. Und mir imponiert der emotionale Auftritt der Vereinsführung.

Als Alt-68er sind Sie mit dem Aufbegehren gegen das Establishment groß geworden. Was empfinden Sie, wenn Sie die eher konsumorientierten Jugendlichen von heute betrachten?
Selge:
Ich habe keineswegs das Gefühl, dass meine Kinder politisch unsensibler sind, als wir es waren. Im Gegenteil: Die junge Generation macht in der Sozialisation vieles gut, was ihre Eltern vergeigt haben.

Sie gelten als Schauspieler, der immer alles aus sich herausholt. Wo können Sie entspannen?
Selge:
Wenn ich mit mir alleine bin, befällt mich schnell eine innere Unruhe. So kommt es, dass ich manchmal ein halbes Jahr ohne freien Tag verbringe. Im Moment finde ich nicht mal die Zeit, zum Arzt zu gehen, um eine Schleimbeutelentzündung behandeln zu lassen. Wenigstens tue ich etwas gegen die Unrast: Ich meditiere.

Sie sind seit mehr als 30 Jahren mit Ihrer Frau liiert. Wie verändert sich die Liebe in so einer langen Zeit?
Selge:
Die Liebe wird immer stärker. So ein langes Zusammenleben ist wie ein System, das man irgendwann nicht mehr hinterfragt. Außerhalb davon kann ich mir kein Leben vorstellen.

Fliegen in diesem System auch mal die Fetzen?
Selge:
Auf jeden Fall. Wir fetzen uns, wir kränken uns, wir sind beide sehr empfindlich ... Daraus entsteht dann jedes Mal ein starkes Bedürfnis nach Versöhnung.

Edgar Selge wird am 27. März 1948 in Brilon/Sauerland geboren. Nach dem Abitur und dem Besuch der Münchner Otto-Falckenberg-Schauspielschule konzentriert er sich zunächst auf die Theaterbühne. Seinen ersten größeren Kino-Auftritt hat er 1997 in Helmut Dietls Erfolgskomödie Rossini. Für seine hinreißende Darstellung des einarmigen Kommissars Tauber in der ARD-Serie Polizeiruf 110 erhält Selge 2007 die Goldene Kamera und den Adolf-Grimme-Preis. Mit seiner Frau Franziska Walser teilt der Klassikliebhaber häufig die Theaterbühne. Das Paar, das in München und Berlin lebt, hat zwei erwachsene Kinder.


 

RD Abbinder
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