12 überraschende Dinge, die Sie (vermutlich) nicht über China wissen
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12 überraschende Dinge, die Sie (vermutlich) nicht über China wissen

Fast ein Viertel der Weltbevölkerung lebt in China, das Land ist im Begriff, die größte Volkswirtschaft der Welt zu werden, und es produziert einen sehr großen Teil der Produkte, die wir jeden Tag benutzen. Aber für viele Menschen in Europa bietet das Reich der Mitte weiterhin ein rätselhaftes, exotisches, ja sogar beängstigendes Bild.

Autor: DasBeste-Redaktion
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Ich besuche das Land seit vier Jahren regelmäßig – beruflich und privat –, und die häufigsten Fragen, die mir in meiner Heimat gestellt werden, sind: Wie ist China wirklich? Werden die Chinesen sehr stark gegängelt? Müssen sie alle die gleiche Uniform tragen? Dürfen sie Häuser und Autos haben?

Hier ist meine Liste der Dinge, die mich an diesem unglaublichen Land am meisten erstaunen:

  1. WO DIE ZEIT STILLSTEHT

    Mit einer Breite von mehr als 4000 Kilometern sollte China drei verschiedene Zeitzonen von Osten nach Westen haben. Aber seit der Machtübernahme der Kommunisten im Jahr 1949 hat es als Zeichen der nationalen Einheit nur eine – die Peking-Zeit. Das bedeutet, dass ganz im Westen die Morgendämmerung im Winter erst um 10 Uhr einsetzt und Büroangestellte und Schulkinder die ersten zwei Stunden des Tages im Dunkeln verbringen müssen. Aber viele Leute versuchen, nach einer biologisch angenehmeren – aber inoffiziellen – lokalen Zeit zu leben. So kann man in den Ferien erleben, dass Kinder das Nachtprogramm im Fernsehen ansehen, während sie gleichzeitig zu Abend essen.

  2. MEGA-STADT

    Haben Sie je von Chongqing gehört? Ich nicht, bis ich anfing, nach China zu reisen. Es ist die größte Stadt der Welt – ein gewaltiges Zentrum für Auto- und Motorradproduktion, Lebensmittelverarbeitung, Chemie- und Textilindustrie, Maschinenbau und Elektronik. Nur China kann eine Stadt mit 31 Millionen Einwohnern haben, von der so wenige Ausländer wissen, dass es sie überhaupt gibt. Das Land wird bis zum Jahr 2025 219 Städte mit mehr als einer Million Einwohner haben. Zum Vergleich: In Europa sind es heute 35.

  3. HUMORVOLLE INDIVIDUALISTEN

    Die Chinesen sind alles andere als die fügsamen, roboterhaften Konformisten, die sich einige bei uns vorstellen. Eines der besten Bilder, die ich in dem Land gemacht habe, zeigt einen etwa neunjährigen Jungen, der in einem Superman-Kostüm seinen weißen Pudel im Stadtzentrum Gassi führt. Von der Dame mittleren Alters, die ebenfalls einen Pudel Gassi führte – in diesem Fall war der Hund von der Schnauze bis zum Schwanz mit pinkfarbenen Punkten übersät –, habe ich leider kein Bild.

    Die Chinesen sind gesellig, geschwätzig und auch in der Öffentlichkeit streitlustig, haben einen ausgezeichneten Sinn für Humor, erzeugen jede Menge Avantgardekunst, hupen beim Autofahren und beschweren sich oft über Bürokratie und schlechten Kundenservice.

  4. TOTAL VERNETZT

    China ist der größte Mobilfunkmarkt der Welt, mit 900 Millionen Einwohnern, die ein sho ji (Handgerät) besitzen – das ist nahezu jeder Erwachsene des Landes, genau wie im Westen. Aber chinesische Städter verbringen außerdem durchschnittlich 70 Prozent ihrer Freizeit im Internet, verglichen mit etwa 30 Prozent in Großbritannien.

    Die Regierung beschäftigt zur Überwachung des Internets angeblich rund 50 000 Mitarbeiter. Politischer Widerstand gegen die Regierung wird unterdrückt. Aber die Kontrolle ist nicht leicht durchzuführen, und es gibt in China 200 Millionen Blogger, von denen sich viele über die Behörden beschweren.

    Der Zugriff auf westliche soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter ist Chinesen zwar verboten, aber ihre nationalen Pendants – Sina Weibo und Tencent für Twitter; Renren und Kaixin für Facebook – sind inzwischen ebenso mächtig. Als im Juli 2011 in der Provinz Zhejiang zwei Züge zusammenstießen und 40 Menschen starben, versuchten die Behörden, Einzelheiten zu zensieren. Aber einige Personen posteten noch aus den Trümmern heraus Nachrichten auf Sina Weibo.

    Premierminister Wen Jiabao besuchte erst Tage später den Unglücksort und rechtfertigte sein spätes Kommen damit, dass er krank gewesen sei. Dies wird als der erste derartige politische Triumph des sogenannten Social Networking in China angesehen.

  5. GEBRATENER REIS

    Die „typisch“ chinesischen Gerichte, die wir im Westen kennen, sind begrenzte Versionen des kantonesischen Essens aus Hongkong. So etwas wie Schweinefleisch süß-sauer ist den meisten Chinesen unbekannt – und gebratenen Reis gibt es zum Frühstück. Tatsächlich bezeichnet die Mutter eines chinesischen Freundes Süß-sauer als „Schweinefleisch für Ausländer“.

    Es gibt mindestens acht wichtige Küchen innerhalb Chinas und Tausende lokale Variationen. So gibt es neben dem uns bekannten kantonesischen Essen auch die scharfe Hunan- und Sichuan-Küche, Anhui (mit viel Bambus und Pilzen), Fujian (eine große Meeresfrüchte-Küche), Shandong (Erdnüsse, Getreide und Essig), Jiangsu (süß, mit viel geschmortem und gedünstetem Fisch) und Zhejiang (wenig Öl und Fett, mit Betonung auf dem frischen Geschmack).

    Chinesen lieben interessante Texturen, also essen sie gern Dinge wie Fischköpfe, finden aber das weiße Fleisch des Körpers langweilig. Hamburger und Steaks gelten wegen ihres einheitlichen Geschmacks schlicht als eklig. Und Hähnchenbrust ist für den chinesischen Gaumen so uninteressant, dass es das billigste Fleisch im Supermarkt ist und deshalb meist für die Haustiere gekauft wird.

    Westliche Küchen, wie etwa die italienische und im kultivierten Schanghai die französische, sind eher eine modische Erscheinung. Und obwohl es in den Städten an jeder Ecke Kaffeehäuser gibt, mögen nur wenige Leute Kaffee wirklich. Kentucky Fried Chicken dagegen ist ein Hit, es gibt etwa 2000 Filialen – die größte Anzahl außerhalb der USA. Und natürlich sind die Chicken Wings viel beliebter als die lang-weilige Brust.

    China wird inzwischen auch zu einem riesigen Markt für feine Weine, aber die Leute trinken einen klassischen Jahr-gang oft gemischt mit grünem Tee oder sogar Cola. Flaschen, die Hunderte Euro kosten, bleiben häufig ungeöffnet als Geschenke im Umlauf.

  6. GLAUBEN

    Offiziell ist China atheistisch, aber der christliche Glaube erlebt einen gewaltigen Auf-schwung. Es gibt geschätzte 54 Millionen aktive Kirchgänger in dem Land – mehr als etwa in Italien –, etwa 40 Millionen Protestanten und 14 Millionen Katholiken. Ab und zu unterbricht die Geheimpolizei Gottesdienste, verhaftet sogar Kirchgänger und hält sie ein paar Stunden lang fest – einfach, um zu zeigen, wer das Sagen hat. Aber diese Verfolgung verhindert den Zulauf nicht. Reiche Geschäftsleute gründen sogar eigene Kirchen und sprechen davon, „Kirchenketten“ aufzubauen.

    Dennoch kann die chinesische Interpretation des Christentums für Europäer verwirrend sein. Eine „praktizierende“ chinesische Freundin sagte mir, sie hätte noch nie etwas von Jesus gehört, und sie wusste nichts von der Bedeutung des Kreuzes außer als religiöses Symbol. Sie geht hauptsächlich zur Kirche, weil sie hofft, mit ihrem verstorbenen Vater sprechen zu können.

  7. DER PREIS IST HEISS

    Chinesen sind so geschäftstüchtig, dass man kaum glauben kann, dass sie in einem Land leben, das offiziell immer noch kommunistisch ist. Ich war mit einer Freundin in einem Kaufhaus in Peking. Als sie keinen Schmuck fand, der ihr gefiel, holte die Verkäuferin ein Tablett mit Broschen unter dem Tresen hervor. Es war ihr privates Geschäft – ihr eigener kleiner Laden im Kaufhaus.

    Eine andere Freundin entschied sich vor Kurzem, eine Tierhandlung zu eröffnen, also fragte ich, ob sie ihre bisherige Stelle aufgeben würde. „Natürlich nicht“, sagte sie. Ihr Chef investierte in ihr neues Unternehmen und hatte ihr eine Gehaltserhöhung gegeben, sodass sie weiter für ihn arbeiten und eine eigene Angestellte bezahlen konnte. Ein Beispiel für das chinesische Prinzip, dass Freundschaft wichtiger ist als ein gutes Geschäft.

    Chinesen würden eher ein schlechtes Geschäft mit jemandem machen, den sie kennen, als ein gutes Geschäft mit einem Fremden.

  8. EIN LAND, VIELE SPRACHEN

    Fast jeder in China beherrscht Mandarin, die standardisierte Form des Chinesischen auf Grundlage des Pekinger Dialekts. Aber die meisten Einwohner, die zu 56 individuellen ethnischen Gruppen gehören, bevorzugen es, eine von 292 verschiedenen lokalen Sprachen zu verwenden. Die gebräuchlichste ist Kantonesisch. Es wird von 70 Millionen Menschen gesprochen und herrscht auch in den „Chinatowns“ westlicher Städte vor.

    Die Schriftsprache hat 80 000 Zeichen, wovon man mindestens 3000 kennen muss, um lesen zu können. Sie werden aber von fast jedem in China verstanden, egal, welche Sprache er spricht. Kinder benutzen jedoch bis zum Alter von sieben Jahren Pinyin (westliche Schrift), da sie sich viel leichter einprägen lässt als die Zeichen. Und wenn ein Chinese auf einem Computer oder Telefon tippt, gibt er westliche Buchstaben ein. Das Gerät zeigt dann verschiedene Schriftzeichen an, sodass er das richtige auswählen kann.

    China kann behaupten, das größte englischsprachige Land der Welt zu sein. Etwa 300 Millionen Menschen lernen die Sprache oder haben sie gelernt. Es ist zusammen mit Mathematik das wichtigste Fach in den Schulen, weil es als der Schlüssel zu den besten Karrieren angesehen wird – obwohl westliche Firmen oft feststellen, dass Bewerber mit guten Englischkenntnissen andere Fähigkeiten vermissen lassen. Einige Leute unterziehen sich sogar einer Operation an der Zunge, durch die es angeblich leichter wird, englische Worte auszusprechen.

  9. HÖFLICH RÜLPSEN

    Die chinesische Etikette gleicht einem Minenfeld:

        Man sollte ein Geschenk nie sofort auspacken, wenn man es bekommt.
        Schlürfen und Rülpsen gilt als respektvoll.
        Man sollte immer alles probieren, was einem bei Tisch angeboten wird.
        Es ist unhöflich, bei Geschäftsessen über Geschäftliches zu reden.
        Es ist nicht unhöflich, während einer Besprechung ans Handy zu gehen und dann so laut zu reden, dass die Besprechung unterbrochen werden muss.
        Es ist nicht unhöflich, die Reisschüssel direkt vors Gesicht zu halten.
        Trinkgeld gilt als Beleidigung, zumindest für den, der in der Hochzeit des Kommunismus aufgewachsen ist.

  10. DIE TIBET-FRAGE

    Ich fragte meine sonst sehr liberale chinesische Freundin Amy, ob ihr das Leid der Tibeter wichtig sei. „Nein“, sagte sie, „ich kenne keine.“ Aber sie fügte hinzu, dass sie, wenn sie tibetanische Freunde hätte, dorthin reisen würde, um ihnen zu helfen. Die Chinesen, erklärte sie, würden freudig ihr Leben für die geben, die ihnen nahestehen, und für China selbst – aber traditionellerweise kümmert sich niemand um Fremde, die zufällig auch Chinesen sind. Das ändert sich allerdings langsam, besonders, wenn es um Kinder geht – wie man an der Empörung über den Tod eines zweijährigen Mädchens sah, das in Foshan überfahren, aber von Passanten ignoriert wurde.

    Und die kommunistische Herrschaft hat einen starken Gemeinschaftssinn geweckt. Ein britischer Freund, der in der Elektronikproduktionsstadt Shenzhen in der Nähe Hongkongs lebt, ist ständig überrascht, welchen Gemeinschaftssinn seine Nachbarn haben. „Das wahre Leben fühlt sich immer noch sehr sozialistisch an, auf eine gute Art“, sagt er. „Als der örtliche Parteifunktionär der Meinung war, unsere Straße wäre unordentlich, organisierte er eine gemeinsame Straßensäuberung. Es gab keinerlei Druck, aber alle machten mit, und die Stimmung war tatsächlich großartig.“

    Das kommunistische Credo sorgt auch dafür, dass grundlegende Dinge wie Miete, Arztkosten, Bildung und öffentliche Verkehrsmittel sehr billig sind. Ein vor Kurzem veröffentlichter Bericht des Mei-nungsforschungsinstituts Gallup zeigt, dass es für arme Amerikaner dreimal so wahrscheinlich ist, kein Geld für Essen übrig zu haben, als für Chinesen.

  11. ABERGLAUBE

    Sogar kultivierte, gebildete Chinesen können extrem abergläubisch sein. Der Glaube, dass die 8 eine Glückszahl ist und die 4 Unglück bringt, ist fast allgemeingültig, und nur wenige Gebäude nennen das Stockwerk über dem dritten das vierte.

    Der Aberglaube macht es sehr schwierig, jemandem ein Geschenk zu kaufen. Zu den Gegenständen, die man vermeiden sollte, gehören: Scheren (sie symbolisieren die Durchtrennung des Bands der Freundschaft), Uhren (das Wort dafür bedeutet auch Tod) und Schuhe (sie deuten an, dass man will, dass der Empfänger fortgeht). Oh, und grüne Hüte. „Einen grünen Hut tragen“ ist ein Ausdruck dafür, betrogen worden zu sein.

  12. EIN KIND

    Markenartikel können in China genauso teuer sein wie in der westlichen Welt – ein Paar Turnschuhe kostet umgerechnet locker 100 Euro. Ein mittleres chinesisches Gehalt beträgt etwa 63 Euro pro Woche, also wie können die Leute sich das leisten? Wegen der Ein-Kind-Politik der Kommunisten.

    Da es meist nur einen einzigen Nachkommen gibt, für den sie Geld ausgeben müssen, können Eltern, Großeltern und Urgroßeltern diesen mit Geld überschütten und sponsern seinen Lebens-stil oft bis weit ins Er-wachsenenalter.

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