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Das Neue Rathaus in Görlitz, Sachsen. Der Hansebund machte die alte Stadt einst reich.
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Praktische Tipps

Gemeinsam stark: Oberlausitzer Handelsstädte

In einem historischen Bund erblühten Görlitz und fünf weitere Oberlausitzer Handelsstädte.

Ausgabe: daheim Autor: Marlies Heinz
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Auf dem steinernen Balkon neben der Rathaustreppe stehen gern die Touristen und schauen über den Untermarkt von Görlitz: Die Erdgeschosse der wuchtigen Bürgerhäuser dort haben großbogige Laubengänge. Steinerne Simse, Erker, Giebel und Türmchen prägen die oberen Stockwerke. Der Putz und dessen Ornamente leuchten in kräftigen Farben. Renaissance wie aus dem Bilderbuch. Doch das wirklich Einmalige liegt hinter den Fassaden verborgen. Im Inneren der meisten Gemäuer befinden sich riesige überdachte Höfe, italienisch anmutende Arkadengänge und breite Treppenhäuser, Kreuzgewölbe und Holzbalkendecken. Stadtführer schließen die Türen zu manchen architektonischen Kostbarkeiten auf, die Goethe „Kaufmannsburgen von Görlitz“ nannte, und man kann sie von innen betrachten.

In einige Häuser der Altstadt kann jedoch jedermann eintreten. Er muss nur durch die großen halbrunden Portale gehen, in denen heute Hotels oder Läden heimisch sind, statt Warenlager und Kontore. Am Untermarkt empfängt zum Beispiel das Hotel Frenzelhof seine Gäste, ein Hallenhaus aus dem 15. Jahrhundert. Beeindruckend wirkt die große zentrale Halle, in die durch hoch gelegene Fenster Tageslicht flutet. Und mit etwas Fantasie kann man sich vorstellen, wie der reiche Kaufmann, Biereigner und Grundbesitzer Hans Frenzel diese Räume nutzte. Während der Öffnungszeiten lohnt auch eine Stippvisite im Rathaus. Hier erlauben Glastüren Neugierigen den Blick in Büros. „Wir können ja nicht überall nur Museen einrichten“, meint Stadtführer Jens-Uwe Wolf und erzählt, wie einige seiner Freunde nicht nur Geld, sondern viel Schweiß in die Sanierung von Häusern ihrer Heimatstadt gesteckt haben.

Natürlich gibt es auch Museen, reichlich sogar. Im wuchtigen Kaisertrutz beispielsweise, einer der einstmals 32 Basteien, mit denen sich die reiche Stadt gewappnet hatte. Heute sind hier das Kulturhistorische Museum und eine Galerie der Moderne eingerichtet. Hinter der dunkelroten Fassade gegenüber dem Rathaus befindet sich der Schönhof mit dem Schlesischen Museum. Hier gibt es auch Antworten auf die Frage, warum Görlitz ist, wie es ist. Also vor allem, warum es öfter mal richtig reich war. Zwar ist die Neiße nicht schiffbar, aber in der Siedlung am westlichen Flussufer kreuzten sich im Mittelalter die Via Regia von Russland nach Spanien und die Salzstraße von Böhmen bis an die Ostsee – Waren und Geld gab es haufenweise.

 

Mit vereinten Kräften heben die Städte Raubnester aus

Der Handel und die damit verbundenen Reisen waren aber nicht nur einträglich, sondern auch beschwerlich. Dreist überfielen im späten Mittelalter Raubritter und Wegelagerer die mit Salz, Tuchen, Wachs, Leder, der Färberpflanze Waid und anderen Kostbarkeiten beladenen Fuhrwerke. Deshalb setzten sich 1346 die Vertreter der Oberlausitzer Handelsstädte an einen Tisch und schlossen den Sechsstädtebund – ein fast 500 Jahre gültiges Abkommen. Fortan zogen sie gemeinsam gegen alle zu Felde, die ihre Geschäfte störten. Sie verteidigten nicht nur Handelswege, sondern hoben auch die Raubnester aus und stellten deren Besitzer mit Zustimmung des Kaisers vor Gericht. Dieses Miteinander verschaffte allen sechs Respekt, schützte den erworbenen Reichtum und half, neuen zu erlangen. Kein Zufall also, dass gerade diese Epoche besonders viele bauliche Zeugen selbstbewusster Bürgerlichkeit zurückließ.
Welche Städte die Union bildeten, zeigen deren goldverzierte Wappen an einer Fassade des Rathauses von Görlitz. Neben Görlitz selbst sind das Löbau, wo der Bund geschmiedet wurde; Bautzen ist die älteste der Städte; Zittau, die barocke Stadt; Lauban, das heute polnische Luban, wo aus der Zeit des Bundes neben dem sanierten Stadtkern noch die Frauenkirche, das Salzhaus und das Renaissance-Rathaus zu sehen sind. Und als sechster im Bunde Kamenz, Geburtsstadt des Dichters Gotthold Ephraim Lessing.

 

Hollywood und Babelsberg schätzen Görlitz als Kulisse

Görlitz ist zweigeteilt, seit die Neiße mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs als Grenze gilt. Der alte Stadtkern sowie die westlichen, nördlichen und südlichen Stadtviertel bilden Görlitz. Jenseits des Wassers liegt der östliche Teil, das heute polnische Zgorzelec. Die Schwester von Görlitz erreicht man auf einem kurzen Spaziergang über die Fußgängerbrücke unterhalb der Peterskirche. Auf dem Rückweg über den Grenzfluss eröffnet sich der schönste Blick auf die Altstadt, die einen kleinen Hügel bedeckt. Dass Görlitz, östlichste Stadt Deutschlands, mit der Industrialisierung eine zweite große Hoch-Zeit erlebte, zeigt das Stadtbild ebenfalls. Damals wuchsen Straßenzüge mit gutbürgerlichen Wohnhäusern, Schulen, Kirchen und solche Prachtstücke wie der Bahnhof, das Theater oder die Straßburg-Passage im Jugendstil – eine der letzten ihrer Art europaweit. Wie auf einer Arche erreichten in Görlitz rund 4.000 Baudenkmäler die Gegenwart.
Neben so viel Historie tauchen manchmal aber auch seltsame Dinge auf. Das antiquiert anmutende Schild „Vins de Bourgogne“ in einem Hinterhof oder die an eine Mauer gepinselte Aufforderung „Wählt Thälmann!“ sind Überbleibsel von Filmproduktionen. Die Regisseure von Babelsberg bis Hollywood schätzen die Gegend als Drehort. Görlitz vertrat schon Schauplätze wie New York, Berlin und Paris. In der Liste der hier gedrehten Streifen stehen bekannte Titel wie „In 80 Tagen um die Welt“ mit Jackie Chan, „Der Vorleser“ mit Kate Winslet oder „Die Bücherdiebin“ mit Emily Watson. Und als bei der Oscar-Verleihung 2015 der Film „The Grand Budapest Hotel“ die Trophäe unter anderem für das beste Szenenbild erhielt, knallten auch in Görlitz die Sektkorken.


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