Gern gesehen in aller Welt - Benimmregeln für Reisende
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aktuellen
Ausgabe

Praktische Tipps

Gern gesehen in aller Welt - Benimmregeln für Reisende
Wer sich zu benehmen weiß, macht sich auf Reisen beliebt. Wir geben Ihnen Tipps, worauf Sie achten sollten...
Ausgabe: Juni 2016 Autor: Julius Schophoff
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Egal ob Sie nach Spanien, Australien oder Thailand reisen – es gilt die alte Regel: andere Länder, andere Sitten. Ein sorgloser Gruß, eine gut gemeinte Geste – und schon sind Sie bei Ihren Gastgebern unten durch. Doch keine Sorge, die Ratschläge unserer Reader's- Digest-Kollegen und Mitarbeiter auf vier Kontinenten helfen Ihnen dabei, Fettnäpfchen zu umgehen.

 

Europa

Finnland:

Der Finne verbringt einen Großteil seines Lebens in einer dampfenden Holzhütte. Was er jedoch auf den Tod nicht leiden kann, sind Dampfplauderer. Floskeln und Smalltalk dürfen Sie sich also gern sparen.

Sollten Sie das Glück haben, in ein finnisches Haus eingeladen zu werden, seien Sie so zurückhaltend wie Ihre Gastgeber. Verzichten Sie bei der Begrüßung auf Umarmungen und Küsschen. "Und trinken Sie nie mehr Alkohol als Sie mitgebracht haben, und stecken Sie sich um Himmels Willen keine Zigarette an", sagt Ilkka Virtanen, Reader's-Digest-Chefredakteur in Finnland. "Das einzige, was in Finnland dampfen darf, ist die Sauna."

Frankreich:

Höflichkeit ist alles in Frankreich. Grußworte und schlichteste Antworten werden stets mit einer förmlichen Anrede versehen: "Bonjour, Monsieur" – "Merci, Madame."

Nahe kommt man den Franzosen beim Ritual der Begrüßungsküsse. "Je nach Region können es zwei, drei oder vier Küsse sein – wobei Sie Ihrem Gegenüber keine feuchten Schmatzer aufdrücken, sondern ihm Luftküsse über die Schulter hauchen", sagt Stéphane Calmeyn, Chefredakteur der französischen Reader's-Digest-Ausgabe. Die Wangen von Menschen zu berühren, die man nicht sehr gut kennt, ginge zu weit.

Großbritannien:

Die Engländer sind das einzige Volk der Erde, das leidenschaftlich gern Schlange steht. Im Supermarkt, bei der Post, an der Bushaltestelle. Als 1999 in London zwei Züge entgleisten, dachten die Passagiere gar nicht daran, aus den umgestürzten Waggons zu rennen. Sie bildeten, very british, eine Schlange.

"Engländer dulden nicht, dass sich jemand vordrängelt", sagt Alex Finer, Leiter des europäischen Reader's-Digest-Büros in London. "Auch wenn an einer Haltestelle nur ein einziger Engländer wartet, stellen Sie sich trotzdem unbedingt hinter ihm an." Rücken Sie aber nicht zu dicht auf, das würde seine Intimsphäre stören. Lassen Sie jedoch auch nicht zu viel Platz, sonst wird ein Dritter kommen und fragen: "Are you in the queue?" ("Sind Sie in der Schlange?")

Als Faustregel empfiehlt die Tageszeitung Guardian so viel Platz zu lassen "wie beim Tanzen mit Großtante Hildegard".

Italien:

Pizza. Pasta. Antipasti. Italienische Restaurants gibt es in jedem entlegenen Winkel der Erde. Aber Vorsicht: Im Mutterland des Essens diniert man anders als in der Pizzeria um die Ecke. Die Pasta, die Sie sonst immer nehmen, ist hier der Primo, der erste Gang, auf den der Secondo folgt, das Hauptgericht: Fisch oder Fleisch.

Wenn Sie das Dessert bewältigt haben, brauchen Sie noch einen Kaffee. "Bestellen Sie aber keinen Cappuccino, ab mittags trinkt man in Italien nur noch Espresso", sagt unser italienischer Lektor Mario Giacchetta. Wenn Sie es bis hierhin geschafft haben, machen Sie am Ende nicht alles kaputt, indem Sie getrennte Rechnungen verlangen. In Italien teilt man den Gesamtbetrag durch die Anzahl der Personen – finito!

Polen:

Polnische Männer sind Gentlemen. "Sie halten den Damen die Tür auf und rücken ihnen den Stuhl zurecht – begleitet von der ganzen Klaviatur der kleinen Komplimente", sagt Malgorzata Makowska, Redakteurin im polnischen Reader's-Digest-Team. "ältere Männer begrüßen Damen sogar noch mit einem gehauchten Handkuss."

Polnische Frauen genießen diese Aufmerksamkeiten; emanzipierte Touristinnen empfinden sie als aufdringlich. Doch bedenken Sie: Polnische Jungen werden von klein auf dazu erzogen, sich Frauen gegenüber galant und zuvorkommend zu verhalten. Spielen Sie also mit! Strecken Sie einem polnischen Mann zur Begrüßung grazil die Hand entgegen und stellen Sie sich dabei vor, wie er das als Fünfjähriger mit seiner großen Schwester geübt hat.

Spanien:

Spanier lieben Lärm. Knatternde Mopeds, hupende Autos, dröhnende Fernseher – es ist ihnen ein inneres Bedürfnis, Krach zu machen. Vergessen Sie es, sich an der Hotelrezeption über die nächtliche Müllabfuhr zu beschweren. Wählen Sie Ihr Zimmer von vornherein mit Bedacht: hinten raus und ganz weit oben.

"Auf vielen öffentlichen Plätzen und in Restaurants wird gebrüllt so laut es geht", sagt Natalia Alonso, Chefredakteurin der spanischen Reader's-Digest-Ausgabe. Mit einem Augenzwinkern erklärte der Dichter Leon Felipe, warum seine Landsleute so laut sind. Sie stammen alle von Rodrigo de Triana ab, einem Gefährten von Christoph Kolumbus. Triana war der erste, der die Neue Welt erblickte – er brüllte aus Leibeskräften: "Land!"

 

Amerika

Brasilien:

Brasilianer sehen immer aus wie aus dem Ei gepellt. Sie sind stets frisch geduscht, akkurat gekämmt und gut gekleidet. Also: Brezeln Sie sich auf! Egal ob Sie ins Sternerestaurant gehen oder an den Strand. Die Copacabana ist ein Laufsteg auf Sand. Legen Sie sich eine repräsentative Badehose zu.

Doch aufgepasst: "In Brasilien sind Bikinis zwar klein, aber Oben-ohne-Sonnen und Nacktbaden sind tabu", sagt Raquel Zampil, Chefredakteurin von Reader's Digest in Brasilien.

Mexiko:

Die meisten Mexikaner sprechen kein Englisch. Lernen Sie also unbedingt ein paar Brocken Spanisch. Eins der ersten Worte, das Ihnen begegnen wird, ist: mañana (morgen). Sie werden es immer dann hören, wenn ein Mexikaner etwas Dringendes erledigt haben möchte - wie die Reparatur seines Autos oder der Wasserleitung. "Wobei mañana dehnbar ist: Von morgen aus betrachtet ist morgen wieder morgen, und so weiter", sagt Mitssue Guzmán, Leiterin unserer mexikanischen Redaktion.

Statt sich über Verzögerungen zu ärgern, passen Sie sich an: Pünktlichsein gilt in Mexiko sowieso als unhöflich. Erscheinen Sie also mindestens eine halbe Stunde später als vereinbart.

USA:

Willkommen im Land des unbegrenzten Smalltalks. Wenn ein Amerikaner Sie fragt: "How are you?" ("Wie geht's?"), dürfen Sie erzählen, dass Sie Stunden an der Sicherheitskontrolle des Flughafens verbracht haben, dann der Mietwagen kaputt gegangen ist und Sie sich auf dem Marsch zur Tankstelle einen Sonnenbrand geholt haben. Aber fassen Sie sich kurz! Geben Sie Ihrem Gesprächspartner Gelegenheit, den Smalltalk zu vertiefen – oder höflich zu beenden.

"Amerikaner plaudern gern und freuen sich über fast alles, was lustige Anekdoten für den Feierabend liefert", sagt Markus Ward, der amerikanische Art-Direktor von Reader's Digest Deutschland. Im Fahrstuhl allerdings gelten andere Regeln. "Es wird nicht gesprochen und nicht in die Augen der Mitfahrer geblickt", sagt Ward.

 

Australien

Australien:

Der Australier ist mit einem sonnigen Gemüt gesegnet. Er ist freundlich, offen und hilfsbereit. Förmliche Grußformeln sind nicht sein Ding, es genügt ein lockeres: "How y're going?" ("Alles klar?"). Australier sind gern im Freien, und Grillen gehört zu ihren Lieblingsbeschäftigungen.

"Wenn Sie dazu eingeladen werden, bittet man Sie womöglich "Bring a plate" ("Bring einen Teller mit")", sagt Lynn Lewis, Redaktionsdirektorin von Reader's Digest in Australien. "Es geht aber nicht darum, einen Teller, sondern etwas zu essen mitzubringen!"

 

Asien

China:

Beim Essen war in China früher fast alles erlaubt. Es ist daher gut möglich, dass Sie älteren Menschen begegnen, die bei Tisch schlürfen, schmatzen und rülpsen. Sie zeigen so, wie gut es ihnen schmeckt. Das bedeutet nicht, dass Sie es ihnen nachmachen sollten!

Gutes Essen zu genießen und zu loben ist in Ordnung, aber seien Sie nicht gierig. Wenn Sie von Einheimischen nach Hause eingeladen werden, halten Sie sich am besten an die chinesische Etikette. Lehnen Sie höflich und mehrfach ab, wenn man Ihnen etwas zu essen oder trinken anbietet. Keine Sorge, man wird Ihnen Speisen und Getränke immer wieder andienen.

Geschenke dürfen Sie gern mitbringen. Sie sollten aber wissen: "Chinesen öffnen diese nie vor demjenigen, der sie mitbringt", sagt Raycine Chang, Redaktionsleiterin von Reader's Digest in Taiwan. "Seien Sie nicht beleidigt, wenn der Gastgeber Ihr Geschenk ungeöffnet weglegt. Sobald Sie gegangen sind, wird er es auspacken."

Indien:

In Indien gehört das Feilschen zum Geschäft, wenn man auf der Straße einkauft. Auf den Märkten kann man regelmäßig dieselbe Szene beobachten: Der Verkäufer, Inder, nennt einen Preis für, sagen wir, einen Seidenschal. Der Käufer, Tourist, bietet die Hälfte. Der Inder schüttelt den Kopf. Der Tourist legt drauf, immer mehr, der Verkäufer schüttelt weiter den Kopf, immer heftiger, bis sie wieder beim Ausgangspreis angelangt sind. Der Verkäufer schüttelt den Kopf.

Am Ende sind beide verzweifelt: Der Tourist, weil der Verkäufer ihn abblitzen lässt. Der Verkäufer, weil er längst einverstanden war. Merken Sie sich: In manchen Teilen Indiens bedeutet Kopfschütteln Zustimmung.

"Reisende sollten sich nicht nur auf die Zeichensprache verlassen, sondern die einheimischen Wörter für Ja und Nein lernen", rät Sanghamitra Chakraborty, Chefredakteurin Reader's Digest Indien.

Japan:

Japaner haben ein tiefes Bedürfnis nach Reinheit. Sauberkeit und Hygiene gehören zu den Grundfesten des Landes – denken Sie daran, wenn Sie ein japanisches Haus betreten. Ziehen Sie sich die Schuhe aus, und schlüpfen Sie in die Hauspantoffeln, die Ihr Gastgeber für Sie bereithält.

"Für den Gang ins Bad tauschen Sie die Hauspantoffeln gegen die Toi_lettenschlappen", sagt der deutsche Autor Matthias Reich, der mit einer Japanerin verheiratet ist und seit zehn Jahren in Japan lebt. "Vergessen Sie nach Ihrem Geschäft nicht, zurück in die Hauspantoffeln zu steigen – Sie wären nicht der erste Ausländer, der den überblick verliert und mit seinen Kloschlappen über die Reismatten im Wohnzimmer schlurft."

Thailand:

Thailänder lehnen jede Form der Unbeherrschtheit ab. "Seinen ärger zu zeigen ist tabu", sagt der bekannte deutsche Illustrator Ingo Fast, der vor mehr als fünf Jahren mit seiner Familie nach Bangkok gezogen ist. "Niemand schreit rum oder schlägt mit der Faust auf den Tisch." Was auch geschieht: Der Thailänder lächelt.

üben Sie vor dem Spiegel. Kaufen Sie eine Buddhafigur, und studieren Sie ihre Züge. Glauben Sie fest daran, dass es nichts gibt, was Sie aus der Fassung bringen kann. Wenn Sie das Dauerlächeln beherrschen, stellen Sie es auf den Straßen Bangkoks auf die Probe: Ihr Bus steckt im Verkehrschaos fest, die Klimaanlage ist im Eimer, und als Sie ausgestiegen sind, ist Ihre Brieftasche verschwunden. "Mai pen rai." ("Macht nichts.") Sie lächeln.


 

RD Abbinder
RD Abbinder
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