Ein Wolf im verschneiten Wald.
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Praktische Tipps

Lockruf der Wildnis

Luchs, Bär, Elch: Ein Freigehege im Nationalpark zeigt, welche Tiere im Bayerischen Wald zuhause sind.

Ausgabe: daheim Autor: Jan Stremmel
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Leise knirscht der Schnee auf dem verschlungenen Waldpfad unter den Schuhen, winterliche Stille umgibt den Spaziergänger zwischen Jahrhunderte alten Fichten und Buchen. Da knackt es plötzlich im Unterholz. Irgend etwas bewegt sich. Dann kracht es gewaltig, und ein paar Äste brechen. Steht dort wirklich eine Elchkuh? In zehn Metern Entfernung äst sie von einem Strauch, neben sich ein Kalb, das noch etwas ungelenk auf den langen Beinen steht. Der erste Schreck weicht der Begeisterung. Denn wir sind nicht in Finnland, sondern mitten in Bayern. Hier leben in einem diskret eingezäunten, weitläufigen Gehege Elche. Willkommen im Nationalpark Bayerischer Wald, dem größten Waldschutzgebiet Mitteleuropas.
Auf einer Fläche von 900 Quadratkilometern, die Hälfte davon auf tschechischer Seite, hat der Mensch die Kontrolle über die Natur abgegeben. Fast. Denn im Süden des Parks liegt das Tierfreigelände: 36 verschiedene Arten leben in Gehegen, die großzügig über 200 Hektar Wald verteilt sind, in einer Art naturbelassenem Zoo mitten in der Wildnis. Ansonsten ist der Nationalpark sich selbst überlassen. Kein Förster entfernt Totholz, kein Jäger schießt Wild. So lässt sich hier im Osten Bayerns etwas erleben, was selten geworden ist: ein alter deutscher Bergmischwald, der nur seinen eigenen Gesetzen folgt. Und das bedeutet Chaos: Direkt neben dem Pfad liegt eine umgestürzte Buche. Die Wurzeln haben einen Krater in den Waldboden gerissen, Schwammpilze wachsen aus dem toten Holz. Ein paar Schritte weiter hat der Sturm eine Lichtung in den Wald gemäht, die nun von schulterhohen Farnen überwuchert wird.

„Mama, wo sind die Biber?“

Vor einem kleinen See blickt ein Mädchen sehnsüchtig übers Geländer ins Gehege der großen Nager. „Da drüben“, sagt die Mutter und deutet auf einen Haufen aus aufgeschichtetem Holz. „Das ist ihre Biberburg.“ So ein Pech: Die nachtaktiven Tiere schlafen gerade. Die Wildtiere, die man hier mit etwas Glück aus nächster Nähe beobachten kann, sind alle ursprünglich heimisch im Bayerwald. Die meisten – etwa das Auerhuhn oder der Braunbär – sind vom Aussterben bedroht. Im Nationalpark regeneriert sich ihr Bestand langsam. Wer aber nicht wochenlang durch die Wildnis streifen will, um vielleicht einen Steinadler oder einen Luchs zu Gesicht zu bekommen, für den ist das Tierfreigelände wie geschaffen. Ein paar Wegbiegungen weiter hat das kleine Mädchen vom Bibersee mehr Glück. Die Rauhfußkäuze sind wach – und neugierig. Drei Jungtiere sitzen eine Armlänge von den Besuchern entfernt und blinzeln sie aus riesigen Augen an. Das Mädchen strahlt vor Freude.

Wolfsfütterung

Am frühen Nachmittag eilt ein Mann mit zwei roten Plastikeimern über den Waldweg. Christoph Wagner kommt gerade von der Wolfsfütterung. 20 Kilo Rindfleisch und Innereien hat der Tierpfleger ins Gehege gebracht – einer der Höhepunkte des Tages für die Besucher des Tierfreigeländes. „Bis vor 100 Jahren haben alle diese Tiere hier gelebt“, sagt Wagner. Auch die Elche. Ein Besuch im Nationalpark ist daher zugleich eine Reise in die Vergangenheit. Nach drei Stunden Rundwanderung durchs Freigelände hat man Tiere gesehen, von deren Existenz man noch nicht einmal wusste: die braunweiß gescheckten Haselhühner zum Beispiel oder die Baummarder, denen man tagsüber durch eine Plexiglasscheibe beim Schlafen in ihrer Baumhöhle zuschauen kann. Man ahnt: Ab sofort wird einem jeder normale Wald viel zu aufgeräumt vorkommen. Und sich viel zu leer anfühlen.

 


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