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Das schön bemalte alte Rathaus mit Rathausturm in Bad Reichenhall.
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Bad Reichenhall: Reich dank Salz

Natürliche Solevorkommen haben Bad Reichenhall einst reich gemacht. Heute herrscht hier Kurbetrieb.

Autor: Andreas Steidel
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Um Himmels willen!“ Ein Mann verzieht das Gesicht, als er vom Probierbrunnen in der Alten Saline eine Kostprobe nimmt. Es ist gesättigte Sole, also Salzwasser, in dem das Maximum von 26,5 Prozent Natriumchlorid gelöst sind. Salziger geht nicht. Das ist ideal, um daraus Speisesalz zu gewinnen, aber definitiv nicht als Getränk geeignet. Die Salzgewinnungsanlage Alte Saline in Bad Reichenhall ist ein sinnliches Erlebnis. Riesige Wasserräder drehen sich, die Luft ist feucht, es rauscht wie an einem Gebirgsbach. Alle 3,5 Minuten erklingt eine Glocke, das Zeichen für den Brunnwart nach einer Umdrehung des großen Wasserrads. In Bad Reichenhall kommt die Sole direkt aus der Erde. Ein Urmeer hat das Salz einst im Berg abgelagert, wo es eingeschlossen wurde. Das Grundwasser hat es wieder ausgespült. Pumpen befördern es nach oben, wo es in der Saline so lange gekocht wird, bis Salzkristalle übrig bleiben – der Rohstoff für Speisesalz.

Das große natürliche Solevorkommen, auch Alpensole genannt, gab der Stadt einst ihren Namen: „Reich an Hall“ war sie; Hall ist ein Wort für Salzquelle, Salzwerk. Zwischen den alten Zahnrädern und Pumpenschwengeln wird die Geschichte der Salzgewinnung im Berchtesgadener Land lebendig. Ab 1837 ließ Ludwig I. für die Reichenhaller die Saline neu erbauen, rote Prachtbauten mit Innenhöfen, Arkadenbögen und Dachkapelle. Bald kamen die ersten betuchten Kurgäste. Sie inhalierten Soledampf, badeten in Salzwasser, atmeten im Kurgarten salzhaltige Luft. Dort steht noch heute ein sogenanntes Gradierhaus. In seiner Mitte befindet sich eine 13 Meter hohe Wand aus Schwarzdornbüscheln – fein geschnittene Reisigruten, über die unentwegt schwach salzhaltige Sole rinnt. Tausende von kleinen Tropfen regnen sich dort in bezaubernden Perlen ab. Der Wind zerstäubt sie, und die Menschen nehmen sie beim Vorbeigehen über die Atemluft auf. „Es tut so gut, fast wie an der Nordsee“, sagt eine alte Dame. Ursprünglich dienten Gradierhäuser aber nicht der Kur, sondern der Salzkonzentration. Je hochprozentiger die Sole, desto besser. Ließ man sie im Gradierhaus durchs Reisig rieseln, erhöhte sich ihr Salzgehalt durch die Verdunstung. So war weniger Hitze nötig, um das Salz aus der Sole zu extrahieren. Eine Notwendigkeit, weil das Brennholz knapp wurde: Jahrhunderte des Salzsiedens hatten das Berchtesgadener Land entwaldet – eine erste Energiekrise im 17. Jahrhundert. Alternativ baute man Soleleitungen und pumpte die Salzlösung einfach in die nächste Saline nach Traunstein, Rosenheim, wo immer noch Wald übrig war, mit dem man die Sudpfannen befeuern konnte. Nach heute lässt die Bezeichnung „weißes Gold“ erahnen, wie wertvoll Salz im Mittelalter war. Wer Salz besaß und damit handelte, konnte unermesslich reich werden. Lange vor der Erfindung der Kühltechnik half es, Lebensmittel zu konservieren. Fleisch, Fisch oder Sauerkraut – das Salz brachte die Menschen durch den Winter und ein wenig Würze in ihre kargen Speisen.

Das Berchtesgadener Land ist quasi ein einziger Salzstock. Nur selten ist es bereits als Sole verfügbar, meist muss das Steinsalz bergmännisch durch gezieltes Auslaugen mit Süßwasser gewonnen werden. So auch in Berchtesgaden, wo das älteste noch aktive Salzbergwerk Deutschlands zu finden ist. Besucher können mit der Lore in seine Schächte fahren und in einem Heilstollen ihre Atemwege kurieren. Über eine 20 Kilometer lange Leitung wird die Berchtesgadener Sole dann nach Bad Reichenhall gepumpt. Die neue Saline von 1926, ein hochmodernes Werk, das die alte königliche Anlage ablöste, ist die letzte Salzgewinnungsanlage Bayerns, die noch in Betrieb ist. Rund 300.000 Tonnen Salz werden hier im Jahr gewonnen. Die Solequellen der Alten Saline in Bad Reichenhall versorgen heute den Kurbetrieb: das Gradierhaus, den Sole-Trinkbrunnen, die Rupertus-Therme. Dort kann man sich, eingerahmt von den Gipfeln der bayerischen Berge und umtanzt von Schneeflocken, in einem 32 bis 35 Grad warmen Solebecken verwöhnen lassen. Oder im Soleschwebebecken mit seinem zwölfprozentigen Salzwasser fast so schwerelos treiben wie im Toten Meer (zum Vergleich: Der Salzgehalt des Mittelmeers beträgt etwa 3,8 Prozent) – ein stimmungsvolles Erlebnis in einer illuminierten Grotte. Sole für die Seele sozusagen. Und ein idealer Ausklang nach einem Wandertag, etwa auf dem neuen Salzalpensteig, der in 18 Etappen die wichtigsten Salzstätten der Region erschließt.


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