Araberstuten mit ihren Fohlen auf einer Weide.
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Die Araber von der Alb

Auf der schwäbischen Alb grasen edle Rosse. Selbst Queen Elizabeth II. soll schon hier gewesen sein, um sie zu sehen.

Autor: Julius Schophoff
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„Und wo sind die Pferde?“ Königin Elisabeth II. soll ziemlich verdutzt gewesen sein, als sie im Mai 1965 auf ausdrücklichen Wunsch nach Marbach kam und durch Museumsräume voller Bücher geführt wurde. Königliche Hoheit war in Marbach am Neckar gelandet, dem Geburtsort Friedrich Schillers. Das gleichnamige Haupt- und Landgestüt Baden-Württembergs befindet sich 60 Kilometer weiter südlich, in Gomadingen auf der Schwäbischen Alb. „Das ist eine Legende“, sagt Astrid von Velsen-Zerweck. Doch immer wieder werde sie auf die Geschichte mit der Queen angesprochen. Die Landoberstallmeisterin steht auf dem Innenhof des Gestüts, neben ihr plätschert ein breiter grüner Brunnen, auf dem eine eiserne Stute ihr Fohlen säugt. Hinter dem Stutenbrunnen prangt eine Skulptur, eine Zahl aus zusammengeschweißten Hufeisen: 500. So alt ist das Gestüt. Und zum ersten Mal in der Geschichte steht mit Astrid von Velsen-Zerweck eine Frau an der Spitze des Hofs. Sie leitet einen Großbetrieb: knapp 1000 Hektar Land (ein Großteil davon landwirtschaftliche Nutzfläche), mehr als 500 Pferde, 85 Angestellte, 40 Lehrlinge. Und sie verwaltet ein kulturelles Erbe. 180 denkmalgeschützte Gebäude befinden sich auf den historischen Höfen im Umkreis von 20 Kilometern. Neben Marbach gehören zu dem Gestüt die Gestütshöfe von Offenhausen und St. Johann sowie vier kleinere Vorhöfe.

500.000 Besucher pro Jahr kommen hierher

Eine Kutsche fährt auf dem Innenhof vor, eine Familie mit zwei Kindern steigt auf. Der Kutscher, ein älterer Herr mit Hut, gibt sein Kommando: Gestütsrundfahrt. Zwei Pferde ziehen die Kutsche mit klackernden Hufen über den Asphalt. Ihre schwarzbraunen Körper sind breit und muskulös, ihre Mähnen lang, blond und gelockt. Es handelt sich um Schwarzwälder Kaltblüter, eine alte Rasse, die beinahe ausgestorben wäre. Marbachs Zuchtprogramm hilft, die Art zu erhalten. Eine halbe Million Besucher kommen Jahr für Jahr auf das Gestüt. Im Winter fahren sie in St. Johann auf Pferdeschlitten durch die weiße Landschaft; im Frühjahr besuchen sie das Internationale Vielseitigkeitsturnier in Marbach; im Sommer erfreuen sie sich an den Marbach Classics, einem Pferdeballett mit sinfonischer Live-Musik. Touristischer Höhepunkt ist die Hengstparade im Herbst: An den drei Tagen, an denen die stärksten und schönsten Pferde vorgeführt werden, ist die Arena bis auf den letzten der 8640 Sitzplätze belegt. Für Astrid von Velsen-Zerweck ist die schönste Zeit des Jahres aber der Frühling, wenn die Fohlen geboren werden. „Dann sind die Zäune belagert, und Kinder und Fohlen beschnuppern sich gegenseitig.“

Klaus Niethammer kam schon als kleiner Junge mit seinem Vater hierher. Der Hauptsattelmeister lehnt am Zaun der großen Weide, die vom Fluss Lauter bis über die Hügel jenseits des Gestütshofs reicht. Hinter ihm grasen weiße und braune Pferde, Nebel liegt über den Wiesen, in der Ferne klagt eine Krähe. Mit 15 begann Niethammer in Marbach seine Ausbildung zum Gestütshilfswart – und ist bis heute geblieben: „Das Gestüt ist nicht nur mein Arbeitsplatz, sondern auch meine Heimat“, sagt er und zeigt auf ein kleines Haus 100 Meter talwärts. Dort wohnt er seit 39 Jahren, gleich neben dem Abfohlstall. Im Frühjahr ist der Stutenmeister in ständiger Bereitschaft. Auszubildende wachen Tag und Nacht an den Boxen der trächtigen Stuten. Sobald sich etwas tut, rufen sie ihn. Über all die Jahre war Niethammer bei mehr als 1000 Geburten dabei. Manche nennen ihn die „Hebamme von Marbach“.

Die Stutenherde folgt ihrem Meister aufs Wort

Für ein Pferd, das in Marbach zur Welt kommt, gibt es ganz unterschiedliche Lebenswege: Manche werden schon als Fohlen versteigert, andere, die bei Leistungsprüfungen besonders gut abschneiden, bleiben als Zuchthengste auf dem Gestüt. Wieder andere werden zu Sportpferden ausgebildet. Einer der bekanntesten Hengste aus Marbachs Zuchtprogramm ist das Englische Vollblut „Stan the Man“. Einer seiner vielen Söhne, Sam, wurde mit dem Reiter Michael Jung Europameister, Weltmeister und Olympiasieger und ist damit das erfolgreichste Vielseitigkeitspferd aller Zeiten. Für Klaus Niethammer wird es Zeit, die Pferde hereinzuholen, zwei Dutzend Vollblut-Araberstuten. Die edlen, sensiblen und zutraulichen Pferde sind unter Freizeitreitern weltweit beliebt – und sie haben Marbach über die Landesgrenzen hinweg berühmt gemacht. „Hopp, hopp, hopp“, ruft der Stutenmeister, und seine Schützlinge galoppieren mit wehenden Mähnen heran, ihr Atem dampft in der Winterluft. Im Gegensatz zu den Hengsten, die in Einzelboxen gehalten werden, leben die Stuten tagsüber in Herden auf der Weide. Schnaufend traben sie durch das Stalltor, dann machen sie sich schmatzend an das Heu, das Niethammer ihnen zurechtgegabelt hat. Ein Großvater hebt seine Enkeltochter hoch, damit sie über die obere Torhälfte in den Stall schauen kann. Da sind sie, die edlen Pferde, die die Königin von England so gerne gesehen hätte.

Haupt- und Landgestüt Marbach, Gestütshof 1, 72532 Gomadingen; Tel. 0 73 85/9 69 50


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