Ein Zug der Deutschen Bahn im Bahnhof von Garmisch-Partenkirchen. Hier startet auch die Außerfernbahn.
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Die Außerfernbahn: ein Grenzgänger

Gleich nach der Abfahrt aus dem Bahnhof von Garmisch-Partenkirchen breitet sich ein fantastisches Bergpanorama aus.

Ausgabe: daheim Autor: Peter Hummel
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Auf die Reisenden wirkt es, als würde jemand alle 50 Meter eine neue Fototapete an die Fenster kleben. Man tut sich schwer, das Werdenfelser Tal so zu beschreiben, dass es nicht kitschig klingt. Aber was soll man machen? Es ist, wie es ist. Der Regionalexpress über Reutte in Tirol nach Kempten im Allgäu fährt zwischen saftigen Wiesen dahin, deren Kräuter sich eine Handvoll Kühe unter dem weißblauen Himmel schmecken lassen. Die Berge im Hintergrund – das sanfte Kreuzjoch, die mächtige Alpspitze und die verspielten Waxensteine – lassen keinen Zweifel daran, dass die Natur hier einen Einblick ins Paradies gewährt. Der Lokführer lässt zwei grelle Pfiffe ertönen: Kurz vor der ersten Haltestelle Untergrainau passiert der Zug nicht nur einen unbeschrankten Bahnübergang, sondern auch die Zugspitzbahn auf dem Nebengleis. Darin sitzt eine Gruppe Chinesen und fotografiert einen Bauern, der mit seinem Traktor Brennholz transportiert, umgeben von Wiesen und herrlichen Bergen. Die Touristen sind begeistert, weil die Realität noch viel schöner ist als die Bilder im chinesischen Reiseführer. Vermutlich werden sie sich nach der Fahrt mit der Zahnradbahn und der Gondel oben auf dem höchsten Berg Deutschlands eine Bayernfahne kaufen oder eine Schneekugel mit einem Berg darin – oder beides. Und sie werden bei guter Sicht die Gipfel von vier Ländern sehen, außerdem den Schneeferner, den größten deutschen Gletscher samt Skigebiet, sowie die futuristisch anmutenden Forschungsstationen.

Entlang der Loisach geht es Richtung Zugspitzmassiv

Unser Zug, die Außerfernbahn, die ihren Namen der gleichnamigen Region rund um Reutte verdankt, schlängelt sich weiter am Flüsschen Loisach entlang, mal durch einen lauschigen Tannenwald, mal ganz nah an den Felsen – bis nach rund zehn Minuten das Zugspitzmassiv in seiner ganzen Pracht auftaucht. Die Fahrgäste, die zuvor in Untergrainau ausgestiegen sind, werden sich jetzt gerade entscheiden, ob sie rund um den Berg und durch die Höllentalklamm wandern, ein grandioses Naturschauspiel, bei dem sich türkisfarbene Wassermassen durch enge Schluchten zwängen. Oder ob sie lieber gemütlich sechs Kilometer um den idyllischen Eibsee spazieren.
Die Bahn nimmt indes Kurs auf Ehrwald. Josef Kümmerle kennt jeden Meter auf dieser Strecke, denn bis vor wenigen Jahren war er Lokführer der Außerfernbahn. Heute ist er pensioniert und leitet das Werdenfels-Museum in Garmisch-Partenkirchen. An seine erste Fahrt nach Reutte morgens um halb sechs kann er sich genau erinnern, weil er den Fahrplan seinerzeit exakt eingehalten hat. Das brachte ihm an der Haltestelle Lähn, kurz nach dem Lermooser Tunnel, großen Ärger ein. „Ich wusste ja nicht, dass man dort auf den Pfarrer warten muss, der nach Bichlbach zur Messe will“, erzählt der 69-Jährige. Tags darauf habe ihm der zornige Geistliche erklärt, dass er ein Taxi nehmen musste und dass man doch bitte künftig auf ihn warten solle, schließlich gehe es um das Seelenheil der Bichlbacher. „Von da an hab ich jeden Morgen einen grellen Pfiff Richtung Kirche geschickt, der Pfarrer kam, und die Fahrt konnte weitergehen.“

2013 gab es im Werdenfels-Museum eine Ausstellung zum 100-jährigen Bestehen der Außerfernbahn. Noch heute zeigt Josef Kümmerle historische Aufnahmen in seinen Schaukästen, auf denen die Einheimischen mit Blasmusik und Bier die ersten Züge feiern. Der Sensenfabrikant Carl Emhard aus Schmölz bei Grainau hatte schon 1881 die Idee, die damals nur schwer erreichbare Gegend mit einer Eisenbahnlinie aufzuwerten, und gründete das „Schmalspurbahn-Comité“. Es dauerte aber bis zum Jahr 1911, ehe mit dem Bau der Außerfernbahn begonnen wurde. Eigentlich möchte man auf der so romantischen wie gemütlichen Fahrt gar nicht aussteigen, würden hier, in einer der schönsten Alpenregionen, nicht überall Aktivitäten locken. Zum Beispiel der Naturerlebnisweg Mitteregg oder die Ehrwalder Wasserfallrunde, die über herrliche Almwiesen führt – spritzige Erfrischung am Wasserfall inklusive.

Wenn die Außerfernbahn heute die Grenze nach Tirol überquert, bekommen das die Reisenden gar nicht mehr mit. Zu Josef Kümmerles Lokführerzeit gab es an den Grenzübergängen noch Pass- und Warenkontrollen. Österreich gehört erst seit 1995 zur EU (und damit zur Zollunion) und wurde 1997 Mitglied im Schengenraum, in dem der freie Personenverkehr möglich ist. Davor konnten die Deutschen im Nachbarland günstig Butter oder Schokolade kaufen. Allerdings waren die Einfuhrmengen begrenzt. Daher kontrollierten häufig Zollfahnder den Zug und hielten nach Schmugglern Ausschau. Besonders streng seien die Beamten in der Vorweihnachtszeit gewesen, weil viele Garmischer sich drüben günstige Christbäume besorgt hatten. Das führte dazu, dass irgendwann jede Tanne aus Tirol verplombt und registriert wurde. „Die wollten sogar in meiner Lok kontrollieren“, erzählt Kümmerle schmunzelnd. „Ich habe ihnen gesagt, dass sie gerne überall schauen können. Sie müssten nur wissen, dass an den rot markierten Stellen in dem engen Gang 15.000 Volt Strom drauf sei. Daraufhin verzichteten sie auf eine genaue Inspektion.“

Nach knapp einer Stunde Fahrt erreicht der Zug das österreichische Reutte

Fahrgäste Richtung Allgäu müssen hier aus dem elektrisch betriebenen Zug aussteigen, weil es nun mit einer Diesellok weitergeht. Es ist ratsam, einen Sitzplatz möglichst weit hinten zu wählen, weil der Zugführer jetzt mindestens einmal pro Minute seine laute Pfeife betätigen muss, um Wanderer und Radfahrer zu warnen – auch sie Grenzgänger. Linkerhand ziehen nun die Berge des Tannheimer Tals vorbei, über dem Steinadler in großer Höhe ihre Runden drehen. Für einen reizvollen Zwischenstopp bietet sich Pfronten-Steinach an. Es liegt wieder auf der deutschen Seite. Wer den Bahnhof nach rechts verlässt und immer am Bach entlangwandert, erreicht nach etwa einer Stunde den Gasthof Fallmühle in einem ruhigen Seitental. Die Einkehr gibt es an dieser Stelle bereits seit 1783. Heute ist Hedwig Doser die Chefin und serviert hausgemachte Allgäuer Spezialitäten: Kässpätzle mit vielen knusprigen Zwiebeln, einen selbst geräucherten Hirschschinken oder Lumpensuppe aus sauer angemachtem Presssack (also Schwartenmagen) mit Romadour-Käse. „Viele meinen, mein Gasthaus sei am Ende der Welt“, erzählt die Wirtin, „dabei ist das Ende dort hinten.“ Sie zeigt auf einen weit entfernten Gipfel Richtung Füssen. Viele Jahre hat sie dort eine abgelegene Alm bewirtschaftet, die nur mithilfe von Pferden beliefert werden konnte. „Dort oben bin ich oft an meine Grenzen gegangen und habe gelernt, dass es meist die ganz einfachen Dinge sind, die den größten Genuss bringen“, sagt sie. „Das ist bis heute meine Philosophie.“ Insofern sollte man ihre Lumpensuppe unbedingt probieren, auch wenn Presssack und Romadour im ersten Moment eher wie eine Drohung klingen. Die Zutaten dafür stammen aus der unmittelbaren Nachbarschaft im Herzen des Ostallgäus.

Auf zur letzten Etappe nach Kempten

Die Außerfernbahn startet stündlich in Pfronten-Steinach zu ihrer letzten Etappe in die Allgäu-Metropole Kempten. Dabei nimmt sie so manchen Umweg über die Dörfer des hügeligen Voralpenlandes mit ihren landestypischen Zwiebelturmkirchen, was man als großes Glück bezeichnen muss. Ein Modellbahnbauer würde den Streckenverlauf kaum fantasievoller gestalten als die Strecken-Ingenieure vor mehr als 100 Jahren. Offensichtlich war es ihnen ein Anliegen, nicht nur Orte miteinander zu verbinden, sondern auch Wegkreuze, Ruhebänke und schöne Aussichtspunkte. Am Bahnhof Kempten endet die Reise mit der Außerfernbahn und mit ihr das Erlebnis, auf einer der schönsten Eisenbahnlinien Europas und über zwei Grenzen hinweg unterwegs gewesen zu sein.


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