Basiliuskathedrale in Moskau am Roten Platz im Morgenlicht
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Die Suche nach dem Zarengold

In den Wirren der Russischen Revolution von 1917 verschwanden große Teile des sagenhaften Schatzes der entthronten Romanows. Eine heiße Spur führt zu einem See in Sibirien.

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Der Reichtum der Zarenfamilie war legendär. In den Jahrhunderten, in denen sie über Russland geherrscht hatte, hatten sich Gold, Silber, Juwelen, Edelsteine und andere Pretiosen in den Schatzkammern der Residenz von Sankt Petersburg nur so angehäuft. Darunter befanden sich teure Gastgeschenke wie eine Halbmondbrosche, überreicht vom türkischen Sultan zum 300. Regierungsjubiläum der Romanovs im Jahr 1913, ein Diamant von 100 Karat, oder die Luxusdiademe der Töchter des Zaren.

Eier der besonderen Art

Weitere Prunkstücke waren die berühmten Fabergé-Eier aus der Produktion des Hofjuweliers Peter Karl Fabergé (Foto: iStockfoto.com / amnachphoto). Sammler zahlen dafür heute pro Stück bis zu 24 Millionen Dollar. Schätzungen zufolge lässt sich der Wert der Kostbarkeiten, die sich im Besitz des Zaren befanden, auf aktuell etwa 55 Milliarden Euro beziffern.

Sturz des Zaren

1917 war es mit der Herrlichkeit der Zaren vorbei. Mit der Russischen Revolution endete die Monarchie. Im Juli 1918 wurden Nikolaus II. und seine Familie in Jekaterinburg ermordet. Nun begann die Suche nach ihren Schätzen. Die Revolutionäre waren finanziell chronisch klamm. Wenn sie das Vermögen der Romanows zu Geld machen würden, so dachten sie, wäre das eine Art von Bestandsgarantie für den neuen Sowjetstaat. Aber wo befanden sich die Preziosen der Zaren? Einige tauchten auf, andere blieben verschollen. Doch es gab immer wieder verheißungsvolle Spuren.

So konnte rekonstruiert werden, dass Nikolaus nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs einen Teil der in Sankt Petersburg gelagerten Schätze vor den anrückenden Armeen der Deutschen und deren Verbündeten in Sicherheit gebracht hatte. In Kasan, 800 Kilometer östlich von Moskau, hatten sie eine neue Bleibe gefunden. Der logistische Aufwand beim Abtransport war enorm: 5000 Kisten, 1700 Säcke und 40 Eisenbahnwaggons waren nötig.

Rote gegen Weiße

Dieser Kasan-Schatz wurde nach dem Tod des Zaren zum Zankapfel konkurrierender Revolutionäre. Es gab erbitterte Machtkämpfe zwischen den eher bürgerlichen „Weißen“ und den sozialistischen „Roten“. Aus den Kämpfen unter den Revolutionären gingen schließlich Lenins Bolschewiken als Sieger hervor. Jene Teile der Romanow-Pretiosen, die ihnen in die Hände gefallen waren, verwendeten sie als Instrumente zur Beschaffung von Devisen. In den 1920er- und 1930er-Jahren tauchten bei Versteigerungen in Paris, Rom oder London regelmäßig Stücke aus dem Erbe des Zaren auf. 1927 wurde bei einer Auktion in London die Hochzeitskrone der Romanows angeboten. Sie war einem Kunstliebhaber die stattliche Summe von 6100 Guineen – etwa 1 Million Euro – wert. Heute sind Sammler bereit, dafür das Zehnfache auf den Tisch zu legen (als Zahlungsmittel ist die britische Guinee längst verschwunden, im Auktionshandel wird jedoch immer noch danach abgerechnet).

Gold im Baikalsee?

Hartnäckig hält sich bis heute das Gerücht, dass es damals, während der turbulenten Ereignisse nach dem Tod des Zaren, Gardisten der „Weißen“ und zarentreuen Truppen gelungen sei, einen Teil der in Kasan gelagerten Gegenstände in Sicherheit zu bringen. Die Operation „Rettung des Zarengoldes“ muss außerordentlich schwierig gewesen sein. Am sibirischen Baikalsee fand die Expedition ein abruptes Ende. Die Gardisten hätten, wie kolportiert wird, den Versuch unternommen, Eisenbahnwagen über den zugefrorenen See zu ziehen. Dabei sei das Eis gebrochen, die Wagen mit der wertvollen Fracht seien im See versunken – und zwar dort, wo er eine Tiefe von über 1000 Metern erreicht.

Goldsuche mit Hightech

Suchaktionen wurden immer wieder durch die ungünstigen natürlichen Bedingungen erschwert. 2008 rückten russische Wissenschaftler an, um mit einer Hightech-Offensive das Rätsel um den Zarenschatz im Baikalsee zu lösen. Die Operation wurde mit zwei Mir-Tauchbooten durchgeführt. Akribisch genau wurde in den folgenden Monaten der See observiert und kartiert. 2010 verkündete der Leiter des russischen Forscherteams, man habe konkrete Hinweise darauf, dass sich der Schatz tatsächlich im Baikalsee befindet. 400 Meter unter der Wasseroberfläche. Dort habe man eine merkwürdige Konstruktion ausgemacht. Eindeutig handele es sich um Stahlträger – vielleicht Teile der Waggons, die damals im Eis eingebrochen waren? Und durch die Luken des Tauchbootes habe man Goldbarren sehen können.

Zweifelnde Historiker

Weitere Nachforschungen führten allerdings nicht zu einer Bestätigung, dass es sich hier um Teile des Zarengoldes handeln könne. Noch gelang es keinem Taucher, bis zu den vermeintlichen Goldbarren vorzudringen. Historiker zweifeln ohnehin an der ganzen Geschichte. Sie glauben nicht, dass jemals ein Zug im Baikalsee Schiffbruch erlitten hat. Die Gerüchte seien gezielt gestreut worden, um die richtige Spur zu verwischen. Ihrer Meinung nach wurden die Stücke damals außer Landes gebracht und zu Geld gemacht. Vielleicht, so ihre Vermutung, lagern sie in Banksafes in den USA, Großbritannien oder Japan – aber nicht auf dem Grund des kalten Baikalsees in Sibirien.

 

Der Katharinen-Palast in St. Petersburg (Foto: iStockfoto.com / VitalyEdush) an den Ufern der Newa ist ein besonderes Prunkstück aus der Zarenzeit. Katharina I., die Ehefrau Peters des Großen, ließ den Palast als Sommerresidenz errichten. Darin hat sich das legendäre, im 2. Weltkrieg verschwundene Bernsteinzimmer befunden. Heute können Besucher dort eine Nachbildung des Bernsteinzimmers bestaunen und so eine Ahnung vom ehemals unermesslichen Reichtum der Zarenfamilie gewinnen.

 

 

 

 

 

 

 

 


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