Der ehrenamtliche Müller Jan Suurmond klettert die alte niederländishe WIndmühle DeOnrust hinauf.
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Hollands Müller – ein Herz für Windmühlen

Windmühlen sind aus den Niederlanden kaum wegzudenken. Freiwillige setzen sich dafür ein, die alten Schätze zu erhalten.

Ausgabe: Juli 2019 Autor: Paul Robert
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Früher habe ich mich nie für Windmühlen interessiert“, gesteht Jan Suurmond mit einem Lächeln. Wir sitzen uns am Holztisch in der Küche der Windmühle De Onrust gegenüber. Mit zwei weiteren Ehrenamtlichen hält der 63-Jährige die Onrust am Laufen, eine der letzten Polder-Windmühlen der Niederlande. Der Grundwasserspiegel des der Nordsee abgerungenen und unter Meeresniveau liegenden Landes wurde bis ins 20. Jahrhundert hinein von Tausenden dieser Windmühlen reguliert, ebenso der Grundwasserspiegel der Inlandseen und der durch Deiche geschützten Küstenregionen. „Für mich waren Windmühlen Teil einer romantisierten niederländischen Vergangenheit, genauso wie Tulpen, Käse und Holzschuhe, aber sie hatten keine Bedeutung für mich“, sagt Suurmond.

Vor etwa zehn Jahren – fünf Jahre, bevor der Flugbegleiter und Trainer für Kabinenpersonal in Rente ging – änderte sich seine Einstellung. Er war mit dem Fahrrad nahe seines Wohnorts Muiderberg unterwegs, einem Dorf südöstlich von Amsterdam, am Poldergebiet Naardermeer. Da weckte die Windmühle De Onrust sein Interesse und er stieg ab, um sie sich anzuschauen. An der Mühle war als Zeichen, dass sie besichtigt werden konnte, eine blaue Fahne gehisst. „Ich traf den Müller an, einen ehemaligen Bordingenieur bei der niederländischen Luftwaffe“, berichtet Suurmond. „Wir kamen schnell ins Gespräch. Er erzählte mir, was es mit der Mühle auf sich hatte. Als ich nach zwei Stunden weiterradelte, hatte ich mich zu einem Kurs für ehrenamtliche Müller angemeldet.“

Windmühlen zur Entwässerung der Poldergebiete

Das Naardermeer ist einer von 4000 Poldern, die es in den Niederlanden gibt. Polder sind Gebiete, die eingedeicht wurden. Da der Wasserspiegel benachbarter Gewässer über dem Bodenniveau liegt, muss das Wasser aus den Entwässerungsgräben über oder durch den Deich gepumpt werden – früher mithilfe von Windmühlen, heute meist mit Motorkraft. Nahezu die Hälfte des niederländischen Staatsgebiets liegt unter dem Meeresspiegel. Die 15 Meter hohe, reetgedeckte Onrust (auf Deutsch „Regler“) mit ihrer Flügelspanne von 26,2 Metern ist die einzige technische Vorrichtung, die den Grundwasserspiegel im Polder- und Wassergebiet des Naardermeers kontrolliert. Als hier ein See lag, erklärt Suurmond, habe es anfangs ringsum sieben bis zehn Windmühlen gebraucht, um alles Wasser abzupumpen. Sobald der Seeboden teilweise trockengelegt war, reichte eine einzige Mühle, um den erneuten Anstieg des Wasserpegels zu verhindern. Suurmond führt mich eine steile Treppe zum Obergeschoss hinauf. Dort zeigt er auf den Kreuzungspunkt zweier riesiger Balken. In beide ist die römische Zahl VII eingeritzt. „Die Poldermühlen sind Bausätze“, erklärt er. „Man kann sie auseinandernehmen, in Einzelteilen an einen anderen Ort transportieren und dort wieder zusammenbauen. Alle Verbindungen bestehen aus Holznägeln und -keilen. Sobald ein Polder trockengelegt war, brachte man die Mühlen zu einem neuen Projekt. Eine zwar alte, aber hervorragend ausgetüftelte Technik.“

Der technische Aspekt entfachte vor zehn Jahren Jan Suurmonds Liebe zu Windmühlen. Zwei Jahre lang half er als Müllerlehrling an der Onrust mit und lernte dabei alles Wissenswerte über die unterschiedlichen Mühlentypen, ihre technischen Bauteile, Besonderheiten und Nutzung. Diese Ausbildung endete mit einer offiziellen Prüfung. Mit der erfolgreich absolvierten Prüfung wurde er einer von rund 900 ehrenamtlichen Müllern und 2000 weiteren Helfern, die die etwa 50 Berufsmüller dabei unterstützen, die letzten niederländischen Windmühlen zu betreiben. Die Hobbymüller gehören sämtlich der 1970 gegründeten Vereinigung „Het Gilde van Vrijwillige Molenaars“ an.

Windmühlen als UNESCO-Weltkulturerbe

Ein klassischer Vertreter des Müllerhandwerks, das vom Vater auf den Sohn weitergegeben wurde, ist der 57-jährige Maarten Dolman. Er ist als hauptberuflicher Müller an der Windotter tätig, einer Kornmühle. Sie steht 50 Kilometer südlich von Amsterdam und wurde in den 1980er-Jahren restauriert. Ich stehe auf der Galerie, der die Mühle umlaufenden Plattform, von der aus der Müller die Mühlenkappe mit den Flügeln in den Wind drehen kann. Die Mühlenflügel drehen sich vor der Kulisse der historischen Altstadt von Ijsselstein im leichten Wind. Im Innern begleiten Knarr- und Klopfgeräusche die Holz-auf-Holz-Bewegungen der Königswelle. Sie treibt die Mahlgänge und Mühlsteine an, mit denen das Korn zu Mehl vermahlen wird. „Stoßen Sie sich nicht den Kopf“, warnt Dolman, als wir über Stiegen und Leitern bis zur höchsten Ebene der Mühle emporklimmen. Hier überträgt eine riesige, gusseiserne Achse, das einzige nicht hölzerne Bauteil, die Drehkraft der Flügel auf die Welle.

Gegen Ende des 17. Jahrhunderts gab es mehr als 10.000 Windmühlen in den Niederlanden. Sie sägten Holz, pressten Öl, mahlten Getreide oder schöpften Papier, doch die meisten pumpten Wasser wie die Onrust. Ende des Ersten Weltkriegs wurden die meisten niederländischen Windmühlen aufgegeben, abgerissen oder dem Verfall überlassen. „Die Windotter wurde 1917 geschlossen“, berichtet Dolman. „Alle beweglichen Teile wurden ausgebaut, der Mühlenrumpf blieb als leere Hülle zurück.“
Nach dem Zweiten Weltkrieg änderte sich dies: Königin Wilhelmina, die von 1898 bis 1948 regierte, machte nach Kriegsende und ihrer Rückkehr aus dem britischen Exil eine Reise durch das Land und war zutiefst erschüttert von dem trostlosen Zustand der Windmühlen. 1946 stellte die Regierung alle Windmühlen unter Denkmalschutz. Heute verfügen die Niederlande über touristische Attraktionen wie das Museumsdorf Zaanse Schans mit 16 Windmühlen und den Ort Kinderdijk mit 19 Windmühlen, die zum UNESCO -Weltkulturerbe zählen.
„In den 1970er-Jahren gab es noch rund 950 voll funktionsfähige Windmühlen im Land, doch nur etwa ein Dutzend waren in Betrieb“, so Dolman. Damit die restaurierten Mühlen bemannt werden konnten, gründete man die Gilde ehrenamtlicher Müller. „Wir haben mittlerweile 1256 funktionsfähige Windmühlen, die von fast 3000 Ehrenamtlichen instand gehalten werden“, sagt der Müller Dolman.

Ein Besuch in der Papier-Windmühle

In vielen Schulen ist der Ausflug zu einer Windmühle Teil des Lehrplans. Ein beliebtes Ausflugsziel ist die windbetriebene Papiermühle mit dem Namen De Schoolmeester (der Schulmeister) im Dorf Westzaan. Sie ist heute die letzte mit Windkraft betriebene Papiermühle der Welt. Windkraft treibt hier Hämmer und Messer an, die Baumwolllumpen zu Fasern zerkleinern, sowie die Maschine zur Papierherstellung. Die steifen und schweren Papierbahnen werden in einer halb offenen Scheune vom Wind getrocknet und dann verkauft.
Eine Klasse mit zehnjährigen Schulkindern trifft ein. Berufsmüller Arie Botterman, 64, schart die Kinder um sich und beginnt mit unterhaltsamen Erläuterungen. Heutzutage sind Berufsmüller meist bei Vereinen angestellt. Das Geld, das durch den Verkauf der hergestellten Produkte erwirtschaftet wird, fließt in die Vereinskasse. Um eine Mühle wirtschaftlich rentabel betreiben zu können, reicht dieser Umsatz aber niemals aus, erklärt Dolman.

Doch dafür hat sich der gesellschaftliche Status des Müllers deutlich verbessert. Im Jahr 2017 erklärte das Welterbekomitee der UNESCO den Beruf des Müllers an einer Windmühle offiziell zum niederländischen Kulturerbe. Zwar knüpften sich an diese Erklärung keine materiellen Vorteile, dennoch hat die Entscheidung des Komitees für Dolman große Bedeutung: „Unser Beruf ist noch immer vom Aussterben bedroht“, fährt er fort, „aber die Entscheidung der UNESCO verankert ihn in der niederländischen Kultur und Gesellschaft. Wir haben Geld bekommen, um unser Wissen in einem Buch aufzuschreiben.“ Darin wird nicht nur das Handwerk des Müllers geschildert, sondern auch das des auf Mühlen spezialisierten Zimmermanns, des Mühlenbauers.

Die im Zusammenhang mit der UNESCO-Entscheidung erzeugte Medienaufmerksamkeit hat auch das Interesse der um das Jahr 2000 herum geborenen Generation geweckt. „Man muss zugeben, dass die meisten von uns Müllern und auch die anderen Ehrenamtlichen schon älter sind“, sagt Jan Suurmond. „Dank des Medieninteresses stoßen jetzt mehr junge Leute zu uns. Und das ist auch gut so, wenn wir die Mühlen bis zum Ende des Jahrhunderts weiter betreiben wollen. Windmühlen sind cool.“

Adressen:

Windmühle De Onrust
Boezemkade 1, 1399 PK, Muiderberg
Die Mühle ist sonntags von 11.00 bis 16.00 Uhr zu besichtigen
www.natuurmonumenten.nl

Papiermühle De Schoolmeester
Guispad 3, 1551 SX Westzaan
Eintritt für Erwachsene 5 €, für Kinder 2,50 €
zaanschemolen.nl/de-schoolmeester/

Windbetriebene Kornmühle Windotter
Walkade 73, 3401 DR IJsselstein
www.windotter.nl


Museumsdorf Zaanse Schans mit 16 Windmühlen: www.dezaanseschans.nl/en/discover/windmills/

Ort Kinderdijk mit 19 Windmühlen: www.kinderdijk.de

 


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