Hallig Langeneß im Wattenmeer liegt nicht weit entfernt von Hallig Süderoog.
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Im Herzen des Wattenmeers: Leben auf der Hallig

Zwei Menschen leben auf der Hallig Süderoog – im Einklang mit der Natur und überhaupt nicht einsam.

Ausgabe: daheim Autor: Julius Schophoff
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Wer die beiden Bewohner der Hallig Süderoog (Foto oben: Hallig Langeneß) besuchen will, folgt Knud Knudsen, dem Postboten. Mindestens zwei Mal pro Woche stapft er bei Niedrigwasser durchs Watt und trägt Briefe auf die kleine Insel, eineinhalb Stunden hin, eineinhalb Stunden zurück. „Moin“, sagt Knudsen – und dann nicht mehr viel. Die Landschaft ist kaum mehr als ein Strich, eine endlose Grenze zwischen Himmel und Watt. Der Wechsel der Gezeiten ändert hier alles: Bei Flut liegen zwischen der Nordseeinsel Pellworm und der Hallig Süderoog an die sieben Kilometer Meer. Bei Ebbe wird der Meeresgrund zum Wanderweg. Man muss sich auskennen, um nicht in die Schlickfelder zu geraten.

Langsam wächst am Horizont ein Haus auf einem kleinen Hügel – Süderoog. Halligen gibt es nur hier, im nord-friesischen Wattenmeer vor der Küste Schleswig-Holsteins. Ungeschützte, regelmäßig überschwemmte Marsch-inseln, von denen bei Sturmfluten nur noch die Warften aus dem Wasser ragen – die künstlichen Hügel, auf denen die Häuser stehen. Sieben der zehn Halligen sind bewohnt. Das Leben dort kann idyllisch sein, wenn im Sommer der Halligflieder die Salzwiesen lila färbt. Und bedrohlich bei Sturmfluten. Auf Süderoog, einen Kilometer lang, 800 Meter breit, wohnen in einem Backsteinhaus mit weißen Fensterrahmen und moosgrünem Reetdach seit September 2013 Nele Wree (32) und Holger Spreer (35).

Die Kunsthistorikerin lernte den Krabbenfischer vor vielen Jahren im Urlaub auf Pellworm kennen. Seitdem verloren sich die beiden nicht mehr aus den Augen. Kurz bevor die vorigen Pächter nach 23 Jahren auf der Hallig in Rente gingen, wurden sie ein Paar und zogen gemeinsam auf die einsame Insel. „Das war eine einmalige Gelegenheit“, sagt Wree. „Wenn du der Natur ausgeliefert bist, lebst du viel intensiver.“ Sie sitzt in der blau-weiß gekachelten Küche. Über dem Tisch baumelt eine Lampe, betrieben von Solarmodulen hinterm Haus. Ein Kohleofen feuert die Heizung an, Leitungen für Frischwasser und Telefon liegen unterm Watt. Wenn die beiden Strom brauchen, müssen sie den Generator anwerfen. Brot backt Wree selbst, Gemüse baut sie im Garten an. Und das Fleisch, das Wree mit dem Boot vom Supermarkt auf Pellworm holt, weckt sie nach der Überfahrt ein. Wer weiß, wie lange es halten muss.

20 bis 30 Mal im Jahr ist auf Süderoog Land unter.

Manchmal ist die kleine Insel eine Woche lang vom Festland abgeschnitten. Als im Dezember 2013 das Sturmtief Xaver über Norddeutschland fegte, kam das Wasser bis auf einen Meter an das Haus heran. Wree und Spreer richteten seinerzeit ihr Nachtlager im Schutzraum im ersten Stock ein. Er steht auf neun Betonsäulen, die metertief in den Boden gegossen wurden. Seit 1962 ist so ein sturmflutsicherer Raum auf den Halligen Pflicht. Nele Wree steigt in ihre Gummistiefel und läuft zum Schafstall. Zwei dunkelbraune Lämmer springen am Zaun hoch. „Die beiden habe ich mit der Flasche aufgezogen“, sagt sie. Coburger Fuchsschaf heißt die Rasse.

Einsam ist es (fast) nie

Wenn sich Nele Wree nicht um ihre eigenen Tiere kümmert, steht sie am Fernglas und zählt die flüchtigen Besucher auf den Salzwiesen von Süderoog: Brandgänse, Austernfischer, Sandregenpfeifer. Von Einsamkeit spürt das Paar nicht viel. Weil es ständig beschäftigt ist: mit dem Hof, den Tieren, den Lahnungen, die sie aus Holzpflöcken und Sträuchern ans Nordufer bauen. In der Theorie teilen sie sich eine Stelle auf der Insel – ein Drittel Naturschutz, ein Drittel Küstenschutz, ein Drittel Instandhaltung. In der Praxis arbeiten beide Vollzeit. Und wenn sie doch einmal zur Ruhe kommen, stehen Besucher vor der Insel: Familie, Freunde und im Sommer die Wattwanderer im Schlepptau des Postboten. Eine Stunde bleibt den Gästen, bevor die Flut ihren Rückweg überschwemmt. Zeit genug für eine Suppe oder Kaffee und Kuchen, von Nele Wree durchs Küchenfenster serviert. Manchmal stapfen ganze Hochzeitsgesellschaften durchs Watt, denn auf der Insel kann man auch heiraten.

Am Abend, wenn die Besucher verschwunden sind, kommen sie dann aber doch, die romantischen Inselmomente: Wenn die beiden bei Sonnenuntergang zum Bootsanleger laufen, nackt ins Meer springen und danach hinterm Haus eine Flasche Rotwein entkorken. Aber ist es nicht doch manchmal ein bisschen einsam auf der Hallig? „Ab und zu bekomme ich schon einen Rappel“, sagt Wree. Dann fährt sie nach Hamburg und setzt sich ins Café, wo sie den Kuchen nicht selbst backen muss. Greifbar wird das Robinson-Crusoe-Gefühl in Form von Strandgut. Die abenteuerlichsten Dinge werden angeschwemmt: ein Bauarbeiterhelm, eine Plastikente, ein Damenschuh Größe 42. Und dann sind da die Briefe, die nicht Knud Knudsen gebracht hat: die Flaschenpost. Meist stecken darin Nachrichten von norddeutschen Kindern. Eine Botschaft aber stammte aus Utsira, einer norwegischen Insel, kaum größer als Süderoog. Als Wree und Spreer dem Absender antworteten, lud der sie zu sich ein: zu einer Woche Urlaub im Leuchtturmwärterhäuschen.

 


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