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Der Giant'S Causeway in Nordirland.
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Im Land der Riesen: Nordirland

Neben atemberaubender Schönheit verzaubert Nordirland mit seinen Sagen und Legenden.

Ausgabe: Juni 2021 Autor: Sarah Kante
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Die Insel, zu der die Republik Irland gehört, wird wegen der vielen Grüntöne gern als Smaragdinsel bezeichnet. Viele Game of Thrones-Fans kennen Nord­irland allerdings vor allem als die Eiseninsel, weil dort Teile der Fantasy-TV-Serie gedreht wurden. Besucher erwartet dort ungezähmte, atemberaubende Schönheit. Also reise ich an Nordirlands Küste. In Portrush, einem ruhigen Städtchen, suche ich mir eine Bleibe. An der Küste der nordirischen Grafschaft Antrim gibt es viele faszinierende Orte zu entdecken: Mit dem Bus fahre ich zum nahe gelegenen Giant’s Causeway. Der eindrucksvolle „Damm des Riesen“ ist die größte Attraktion der Region und UNESCO-Welterbestätte. Über die Shepherd’s Steps erreiche ich den Klippenpfad. Dort krachen die Wellen gegen Basaltsäulen, die vor rund 60 Millionen Jahren durch Vulkanausbrüche entstanden sind. Ehrfurchtsvoll beobachte ich das imposante Naturschauspiel.
Welche Kräfte wohl gewirkt haben müssen, um dieses Meisterwerk zu erschaffen, das sich in nahezu perfekter mathematischer Präzision über rund sechs Kilometer erstreckt? Man geht davon aus, dass abkühlende Lava diese verzahnten, fünf- bis siebeneckigen Säulen formten, manche davon sind 25 Meter hoch. Ich akzeptiere die Kraft der Natur als das, was sie ist – unergründlich. Vielleicht suchen wir Menschen deshalb in der Mythologie nach einer einfacheren Erklärung: Es heißt, der Riese Finn MacCool (auf Altirisch Fionn Mac-Cumhaill), ein Jäger und Krieger, habe den Damm geschaffen. Angeblich riss er Blöcke aus der Küste heraus und schleuderte sie in die irische See, um so einen Landweg nach Schottland zu bauen. Finn wollte den dort lebenden Riesen Benandonner angreifen, der zuvor Irland bedroht hatte. Als er jedoch sah, wie groß der Schotte war, trat Finn hastig den Rückzug an. Der Riese aber folgte Finn. Dessen Frau verkleidete ihren Gatten geistesgegenwärtig als Kleinkind. Als der wütende Schotte das Riesenbaby sah, überlegte er, wie groß wohl erst der Vater sein musste und kehrte um. Dabei riss er so viel vom Damm hinter sich ein, wie er konnte. Tatsächlich finden sich an der Küste der schottischen Insel Staffa etwa 130 Kilometer weiter nördlich ähnliche Felsformationen.

Da das Wetter mitspielt, wandere ich an der Bahnlinie, der Giant’s Causeway and Bushmills Railway, entlang bis in den Ort Portballintrae, etwa drei Kilometer westlich. Nur wenige Kilometer landeinwärts könnte ich die Whiskey-Destillerie Old Bushmills besichtigen. Aber ich bleibe lieber an der Küste, um den herrlichen Blick auf den Nordatlantik zu genießen. Ein paar Kilometer weiter westlich erreiche ich das gefährlich nah am Klippenrand thronende Dunluce Castle aus dem 16. Jahrhundert. Im 17. Jahrhundert wurde es Stammsitz der Grafen von Antrim. Als 1639 die Burgküche mitsamt dem Küchenpersonal ins Meer stürzte, gab der zweite Graf von Antrim die Burg auf. Wolken ziehen auf. Schnell fotografiere ich vom Aussichtspunkt Magheracross aus das Panorama. Dann flüchte ich vor dem einsetzenden Regenschauer. Ich gehe zurück nach Port­rush und beobachte die Surfer, wie sie unter einem Doppelregen­bogen über die eisigen Wellen gleiten.


Zu Besuch auf der Insel Carrick-a-Rede


Am nächsten Tag sitze ich wieder im Bus Richtung Osten, vorbei am Giant’s Causeway zur vorgelagerten Insel Carrick-a-Rede. Eine Hängebrücke, deren Überquerung einigen Mut abverlangt, führt knapp 20 Meter weit über eine 30 Meter tiefe Schlucht, die die Küste von dem winzigen Eiland trennt. 1755 hatten die Lachsfischer genau an dieser Stelle eine Brücke errichtet. Ich verzichte auf den Nervenkitzel und schaue den Familien zu, die die Brücke überqueren. Der Wind trägt ihr aufgeregtes Kreischen fort.
Da ich bei dem schönen Wetter gern noch weiterwandern möchte, folge ich dem Causeway Coast Way ein kurzes Stück bis nach Ballintoy Harbour. Bald finde ich mich mitten im Eiseninsel-Territorium wieder: Hier wurden Teile der zweiten und vierten Staffel von Game of Thrones gedreht. Abseits des Hafens und der Touristen stapfe ich durch schlammige Felder, die von Rinnsalen und Kaninchenbauten durchzogen sind. Die Schroffheit der Küste, die man aus der TV-Serie kennt, ist auch in der Rea­lität berauschend: Wellen umtosen die am Fuß der Klippe verstreut liegenden Felsen.
Den Elementen ausgeliefert, versuche ich zum Strand von White Park Bay zu gelangen. Dieser ist berühmt für seine wilde Brandung und den herrlichen Sand. Doch die Gezeiten haben sich gegen mich verschworen. Außerdem versperrt mir eine Klippe den Weg. So erhasche ich von dem Strand nur flüchtige Blicke zwischen gewaltigen Wogen, die mich auf Abstand halten. Mit nassen Füßen und matschbespritzten Jeans ist mir eiskalt und ich kehre zu meinem Ausgangspunkt zurück, um die Ballintoy Church of Ireland zu fotografieren. Über ihrem Friedhof türmen sich dunkle Wolken. Deshalb entschließe ich mich, in den Bus zurück nach Portrush zu steigen. Kurz danach peitschen Regentropfen ans Fenster.
Am nächsten Tag gehe ich durch das Städtchen zum Bus, der mich nach Coleraine und von dort in die Stadt Londonderry bringen soll, die bei den Einheimischen nur „Derry“ heißt. Außer mir sind nur ein paar Surfer unterwegs, sonst ist Portrush verlassen wie eine Geisterstadt. Es ist Sonntag. Die Straßen mögen menschenleer sein, doch die Wellen rollen unablässig auf den Strand zu, gänzlich unbeeindruckt von den Riesen und von der Geschichte, die diesem Küstenstreifen ihren Stempel aufgedrückt hat.


Besondere Attraktion: Kaltwasser-Surfen bei Portrush


Das auf einer Halbinsel gelegene Portrush bietet zwei mit Umweltsiegeln ausgezeichnete Strände, einen malerischen Hafen und die üblichen Sehenswürdigkeiten eines Küsten­orts: Barry’s Amusements, den größten Vergnügungspark der Insel, schroffe Felskanten und Klippenpfade sowie den weltbekannten Dünengolfplatz Dunluce Links, der zum Royal Portrush Golf Club gehört. Der besondere Reiz dieses Küstenabschnitts liegt für Surfer in den Brandungswellen, die unablässig auf den menschenleeren Strand zurollen. Hier ist der Surfer Andrew Hill zu Hause, der sechsmal die irische Landesmeisterschaft gewann. Dennoch ist der Ort ein Geheimtipp. Wer wie ich im Oktober hierherkommt, wird feststellen: Das Surfvergnügen ist eiskalt.
In Troggs Surf Shop gegenüber dem Boutique Hostel Portrush Townhouse, in dem ich untergekommen bin, miete ich mir ein Brett und springe am West Strand Beach ins Wasser. Schnell merke ich, dass ich für diese Temperaturen schlecht ausgerüstet bin. Nach 30 Minuten habe ich jegliches Gefühl in Händen und Füßen verloren, meine Ohren brennen. Ich ziehe mich ins Townhouse zurück, wo ich große Mengen heißen Tee in mich hineinkippe. Wieder aufgewärmt suche ich erneut Troggs Surf Shop auf und frage, ob ich Neoprenschuhe leihen kann. Als mich der Besitzer – kein Gerin­gerer als der bereits erwähnte Surf-Champion Andrew Hill – einlädt, am Nachmittag mit ihm und einem Freund an einer anderen Stelle zu
surfen, schlage ich aus. Vermutlich werde ich das bis ans Ende meiner Tage bereuen. Doch an jenem Tag will ich nur eins: Ich möchte noch einmal an den West Strand Beach und es erneut mit den Wellen aufnehmen, die mich gestern in einen Eiszapfen verwandelt haben. Doch selbst mit Neoprenschuhen frieren mir die Füße beim Surfen im eisigen Wasser von Portrush. Abends merke ich, dass ich außerdem von blauen Flecken übersät bin. Das Gefühl in meinen Händen soll erst nach Tagen zurückkehren, nachdem ich Portrush längst auf Wiedersehen gesagt habe. Doch die Erfahrung war es wert, und ich würde es jederzeit wieder tun... in einem dickeren Neoprenanzug allerdings. Und vielleicht mit Handschuhen.


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