Bahnschienen im sommerlich grünen Laubwald.
© istockfoto.com / Wlad74
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Urlaubsziele

Mit der Waldbahn durch den Bayerischen Wald

Der Bayerische Wald ist das größte zusammenhängende Waldgebiet Europas. Mit der Waldbahn lässt er sich entspannt erfahren.

Ausgabe: daheim Autor: Peter Hummel
Anzeige

Plötzlich ist er da, so dunkel und dicht, als wolle er die Sonne am Himmel verdrängen, so mächtig und weit, als gäbe es nichts anderes ringsum, nur diesen großen, alten Wald. „Ein Wald kann einen Menschen verschlingen“, warnen die Leute hier, was nicht verwundert, denn die Bäume ziehen in einer Unendlichkeit an den Waggons vorbei. Die Waldbahn führt auf knapp 80 Kilometern Länge von Plattling nach Bayerisch Eisenstein einmal quer durch den Bayerischen Wald, der sich zwischen Regensburg und Passau erstreckt. Und weil es nur ein Gleis gibt, ragen die Äste der Bäume rechts und links so nah an die Fenster heran, dass man nach ihnen greifen könnte.

Geschützter Wald seit 1914

Als die Bahnstrecke Ende des 19. Jahrhunderts eröffnet wurde, erschloss sie ein Gebiet, in dem sich die Waidler, wie die Leute hier genannt werden, ihr Auskommen sicherten, indem sie die uralten Baumbestände rodeten. Schon damals wurden erste Stimmen laut, zumindest die fast unberührten Hochwälder mit ihren uralten Baumriesen zu erhalten, was man 1914 tatsächlich umsetzte. Seither ist das Hölbachgspreng, ein bewaldetes Felsmassiv beim Großen Falkenstein, unter Schutz gestellt. Viele andere Gebiete kamen nach und nach dazu. Bis heute ist der Wald dort wild, dicht, hoch und von einer Magie, die der Dichter Adalbert Stifter so beschrieben hat: „Dort stehen Bäume wie Könige, und das Volk der Gebüsche und das dichte Gedränge der Gräser und Kräuter, der Blumen, der Beeren und Moose steht unter ihnen.“

Wildnis und ein Klostertascherl

Der Zug fährt unterdessen in gemächlichem Tempo auf zwei Schleifen um den Ulrichsberg und umrundet auf dieser imposanten Streckenführung den Kirchturm von Grafling. Schon kündigt der Schaffner den nächsten Halt der Waldbahn an: Gotteszell, ein kleines Dorf mitten im Wald, eher eine Oase, in der bereits im Jahr 1285 ein Kloster gegründet wurde. Fern jeglicher Zivilisation sollten die Mönche hier ihre Gebete verrichten und das Land für fromme Nachzügler vorbereiten. Übrig geblieben ist von der einstigen Zisterzienser-Abtei allerdings nur ein Gasthof, in dem heute ein wunderbares Klostertascherl serviert wird, eine mit Käse und Rauchfleisch gefüllte Schweinelende. „Willkommen in Bayerisch-Kanada“, sagt die Bedienung und empfiehlt, bei der Weiterfahrt unbedingt aus dem Fenster zu schauen.

Tatsächlich hat man auf der Strecke nach Viechtach und entlang des ungezämten Flusses Schwarzer Regen das Gefühl, in dieser Wald-Einsamkeit gleich auf einen Bären stoßen zu können. Möglich wäre das schon, denn viele der einst vertriebenen Tiere wie Luchs, Wolf, Auerhahn und Bär sind im Bayerischen Wald inzwischen wieder heimisch. Die Tiere schätzen hier genau das, was auch die Feriengäste lieben: das größte zusammenhängende Waldgebiet Europas, eine Landschaft, die so gewaltig und abwechslungsreich und faszinierend ist wie kaum eine andere. Tief eingeschnittene Wildbäche hier, mit Granitblöcken gekrönte Bergkuppen dort, Hochmoore, Felstürme und ein Wald, der sich wie ein Vorhang vor all diesen kleinen, ursprünglichen Natur-Schauspielen mal öffnet, mal wieder schließt.

Wanderbahn heißt dieser Abschnitt der Waldbahn

Sie bringt die Natursuchenden jenseits der Gleise zu einem Netz von 300 Kilometern ausgeschilderter Wege, 200 Radweg-Kilometern oder 70 Kilometern Loipe. Die beiden Schwestern Dagmar und Edith aus Göttingen sind bereits seit vier Tagen hier und haben den höchsten Berg des Bayerwalds bestiegen, den Großen Arber (1456 Meter). Sie waren auf der Kleinen Kanzel, einem grandiosen Aussichtspunkt, und haben die Wildbachklamm Buchberger Leite durchschritten. „Wer ein bisschen Abstand vom Trubel unserer Zeit braucht, ist hier genau richtig“, sagt die 55-jährige Edith. „Die Einsamkeit und die unberührte Natur führt uns mit jedem Schritt vor Augen, wie schön es bei uns ist.“ Und ihre Schwester fügt hinzu: „Ich finde es wunderbar, dass die Leute dieses Juwel auch schützen. Für mich ist der Bayerische Wald so etwas wie eine heile Welt.“

Nationalpark seit 1970

Seit 1970 gilt im Nationalpark das Motto „Natur Natur sein lassen“, was zunächst den Borkenkäfer wüten ließ. Mit den geschwächten Bäumen hatten die verheerenden Stürme Kyrill 2007 und Meikel 2011 leichtes Spiel. Sie knickten die kranken Stämme auf gewaltigen Flächen um wie Zündhölzer. Heute regeneriert sich der Wald an dieser Stelle ohne jeglichen menschlichen Eingriff, und die vermodernden Hölzer bieten Nahrung für Pilze und Insekten. Schon bald, so die Naturschützer, werden dort wieder neue Wälder wachsen. Überhaupt seien ein paar Jahrzehnte doch nichts verglichen mit der Geschichte einer der ältesten Kultur-Landschaften der Welt, die bereits vor 500 Millionen Jahren entstanden ist. Der Bayerwald-Granit, der sich hier im Laufe der Zeit gebildet hat, gilt als überaus hart. Er wurde bis nach München verschifft, wo man die Straßen damit pflasterte.

Wer in der Waldbahn in Fahrtrichtung rechts aus dem Fenster schaut, entdeckt kurz vor Regen alte Bauernhöfe auf kleinen Lichtungen, die seit Generationen bewirtschaftet werden. Ihre Besitzer mussten sich immer etwas dazuverdienen, weil die Böden so mager und die Flächen so klein waren. Deshalb bauten sie das Gestein ab oder lieferten Quarz nach Zwiesel in die Glashütten. Dieses harte Leben machten sich die Waidler ein bisschen angenehmer, indem sie, vor allem in den langen Wintern, Instrumente lernten und gemeinsam musizierten. Die besten jeder Gemeinde werden bis heute einmal im Jahr nach Zwiesel geschickt, wo sie ihr Können messen.

Endstation: rote Grenzlinie und ein tschechisches Bier

Und während andere Bahnstrecken in Deutschland weder Musik noch eine so grandiose Natur zu bieten haben, gibt es hier beides: Am letzen Sonntag im Monat spielen Musikanten für die Reisenden im Zug auf. Kein Wunder, dass manche gar nicht aussteigen wollen, wenn die Endstation Bayerisch Eisenstein erreicht ist. Sie wird auf dem Boden durch eine rote Linie markiert. Zu Zeiten des Kalten Kriegs war hier das Ende der Welt erreicht, und massive Grenzanlagen trennten den Bayer- vom Böhmerwald. Heute zapft der Wirt auf der anderen Seite der Grenze fröhlich frisches tschechisches Bier für Reisende aus Deutschland, das vielleicht auch deshalb so süffig schmeckt, weil es nur halb so viel kostet wie herüben.

Der letzte Zug zurück nach Plattling

Aber die meisten bleiben ohnehin „im Woid“ wie die beiden Schwestern aus Göttingen. Morgen gehe es zum Rachelsee am Fuß des Großen Rachel, sagen sie und flüstern dabei fast. Vielleicht aus gutem Grund, denn in das eiszeitliche Gewässer sollen einst die Seelen der Hartherzigen verbannt worden sein. Zu erreichen ist der Rachelsee nur auf Wanderwegen durch diesen rauen, wilden und deshalb so romantischen Wald, an dem niemand etwas verändert. Das lässt einen beim Dahingehen davon träumen, dass die Vergänglichkeit gerade ein bisschen Pause macht. Dass man eins werden könnte mit der Natur. Etwa dann, wenn man sich an einen der großen Riesen lehnt und dessen knorrige Rinde am Rücken spürt.


Mehr zu diesem Thema

Aus der
aktuellen
Ausgabe

Urlaubsziele

Sie erstaunen und bezaubern uns. Kommen Sie mit auf eine Reise in die Welt der Bäume.

 

...mehr
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Urlaubsziele

Der Schwarzwald ist Natur-Erlebnis und ein Paradies für Wanderer. Eine Auswahl von Nord nach Süd.

...mehr
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Haus & Garten

Im Oktober raschelt es beim Spaziergang durch Parks und Wälder unter den Füßen: Der Herbst ist gekommen und die Bäume werfen ihr Laub ab.

...mehr
Aus der
aktuellen
Ausgabe

einkochen Haus & Garten

Viele (öffentliche) Bäume und Sträucher werden nicht abgeerntet. Auf der Mundraub-Karte sind sie online verzeichnet. Es ist erlaubt, deren Früchte kostenlos zu ...

...mehr
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Helden des Alltags

In Rheinland-Pfalz steht ein alter Wald. Förster Peter Wohlleben versteht die „Sprache“ der Bäume, die dort leben. Sein Buch „Das geheime Leben der ...

...mehr
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Urlaubsziele

Die Rotbuchen im hessischen Nationalpark Kellerwald-Edersee stehen als „Urwald von morgen“ unter besonderem Schutz.

...mehr

 

RD Abbinder
RD Abbinder
RD Abbinder

Reader's Digest Deutschland: Verlag Das Beste GmbH - Vordernbergstraße 6, 70191 Stuttgart