Der berühmte Leuchtturm Westerheversand in Nordfriesland
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Nordfriesland, Land aus dem Meer

Halligen und Dünenlandschaften, Sturmfluten und Fata Morganen, das ist Nordfriesland.

Ausgabe: daheim Autor: Anke Lübbert
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In die Nacht über der Nordsee zuckt der erste Blitz. In seinem Licht wirkt die Hallig wie ein Pfannkuchen. Ein Pfannkuchen mit kleinen Hügeln, die Warften genannt werden. Darauf drängen sich Häuser, erkennbar nur als Ansammlungen von Lichtern in der Dunkelheit. Für heute Nacht gibt es eine Unwetterwarnung. Dessen ungeachtet, steht die Krankenschwester von Hallig Hooge am Anleger und wartet auf den Rettungskreuzer. Neben ihr ein Halligbewohner, der sich an einer Muschel tief in die Hand geschnitten hat, und eine Touristin mit Unterleibsschmerzen.

So gut wie auf den Halligen kann man Nordfriesland, das Land an der schleswig-holsteinischen Nordseeküste, nirgendwo begreifen. Auf diesen irrwitzig kleinen Flecken im Meer, die bei Sturmflut regelmäßig überspült werden. Bei „Land unter“ gucken dann nur noch die Warften mit den Häusern und Scheunen aus dem. Der größte Teil Nordfrieslands, von der dänischen Grenze bis zur Halbinsel Eiderstedt, ist ein flaches, dem Meer abgerungenes, oft baumloses Land. Allenfalls Windräder, Schafe und Vogelschwärme halten hier den Blick fest. Die Städte in Deutschlands nördlichstem Landkreis sind gemütlich, dennoch ist ihre einstige Bedeutung als lokale Handelszentren überall zu spüren: die Hauptstadt Husum mit ihrem gezeitenbestimmten Hafen und den Kapitänshäusern, das kleine Bredstedt, in dem sich das Nordfriisk Instituut bemüht, die nordfriesische Sprache zu erhalten. Das Holländerstädtchen Friedrichstadt ist mit seinen Grachten und bunten Hausmarken über den Türen Anziehungspunkt für viele Touristen. Ganz im Südwesten liegt St. Peter-Ording, die Wassersportstadt mit ihren Pfahlbauten am Meer hinter bis zu 16 Meter hohen Dünen.

Allgegenwärtig: Deiche

Überall, wo das Festland in die Nordsee übergeht, stehen Deiche, acht, neun Meter hoch. Wer hier lebt, ist vertraut mit der Tide, dem Auf und Ab der Gezeiten. Zweimal am Tag herrscht Ebbe, zweimal Flut. Seit Menschengedenken hat der Atem des Meeres die Küste verändert. Er lässt Inseln und Sandbänke entstehen und Fahrrinnen versanden. Wer Nordfriesland besucht, hat schon nach ein paar Tagen den Tidenkalender im Kopf. Weiß, wann sich das Meer zurückzieht und weite Wattflächen zurücklässt, auf denen Austernfischer laufen und Wattwürmer ihre Haufen auftürmen. Dann lohnt es sich, zu einer Wattwanderung aufzubrechen. Wenn die Flut kommt, ist Badezeit.

Der Lieblingsstrand auf Sylt

Wo man dann am besten hingeht, weiß Svenja Trautmann. Seit 1947 baut ihre Familie auf der Insel Sylt Strandkörbe. Als Kind spielte sie in den Werkstätten, heute ist die 36-jährige Tischlerin für die Polsterei verantwortlich und kümmert sich um Teile der Geschäftsführung. „Auf Sylt zu leben ist schon toll“, sagt sie und verrät ihren Lieblingsstrand: „Direkt vor unserer Haustür in Rantum.“ Nach der Arbeit macht sie hier gerne lange Spaziergänge mit ihrem Hund. Aber auch die Nordwestküste von Sylt ist einmalig schön. Die Wege zum Strand führen durch wilde Dünenlandschaften, wo im Spätsommer die Krähenbeeren reifen und die Heide in umwerfendem Lila blüht. Auch bei wenig Wind brandet das Meer schwungvoll an den Strand. Da der Meeresboden kurz vor der Küste steil abfällt, kann man nicht selten die kleinen Schweinswale beim Auf- und Abtauchen beobachten.

Das Gegenbild zur Schönheit der Natur sind die Sturmfluten, die gerade in Nordfriesland immer wieder zerstörerische Kräfte entfalten. Sturmfluten entstehen vor allem im Winterhalbjahr, wenn Orkanböjen auf die flache Küste drücken. Besonders hoch steigt das Wasser kurz nach Voll- oder Neumond. Neben der Sturmflut von 1962, die viele Nordfriesen selbst noch erlebt haben, sind vor allem diejenigen von 1362 und 1634 ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. Beide Male versanken riesige Landflächen im Wasser, verloren viele Menschen ihr Leben. Der ersten „Groten Mandränken“ soll auch die Stadt Rungholt zum Opfer gefallen sein, die seither als Atlantis der Nordsee weiterexistiert. Der Legende nach kann man bei besonderen Wetterlagen und Windstille die Rungholter Kirchenglocken unter der Wasseroberfläche läuten hören.

Ohne Boot geht hier nix

Die Krankenschwester von der Hallig Hooge hat ihre Patienten mittlerweile an den Rettungskreuzer übergeben. „Wir haben hier keinen Arzt“, sagt sie, „deshalb sind wir Krankenpfleger für die Erstversorgung verantwortlich und müssen die Lage einschätzen. Das kann schon mal aufregend werden.“ Drei, vier Mal im Monat müssen sie den Rettungshubschrauber oder den Rettungskreuzer rufen. Die Krankenschwester hat schon mehrfach Sturmfluten erlebt. „Wenn man morgens aufwacht, aus dem Fenster schaut und rundherum nichts als Wasser sieht, ist das ein einmaliges Schauspiel“, erzählt sie. Draußen auf den Halligen sind die Menschen der Natur bis heute ausgeliefert. „Ohne Gemeinschaft geht nichts“, sagt die Krankenschwester, „jeder weiß, dass man auf die anderen angewiesen ist.“

Auch Arne Möller ist hier unverzichtbar. Der Frachtschiffer sorgt dafür, dass die Verbindungswege zwischen den Inseln und Halligen untereinander intakt bleiben, und ergänzt die Verbindungen zum Festland. Mit seinem Küstenmotorschiff fährt er Heu von Langeneß nach Pellworm, Sand nach Amrum, entsorgt den Klärschlamm der Halligen und bringt Baumaterial vom Festland auf die Uthlande, wie Inseln und Halligen auch genannt werden. Der 41-Jährige ist der letzte Halligschiffer, der dieses Gebiet befährt – fast ununterbrochen. Er kommt kaum einmal zum Schlafen nach Hause. Jetzt aber sitzt er mit einer Tasse Kaffee auf der Terrasse seines Bauernhofs bei Husum auf dem Trockenen. Sein Boot liegt mit einem Motorschaden in der Werft. Und er hat Zwangsferien. Pausenlos klingelt sein Telefon, alle wollen wissen, wann es weitergeht. Gerade hat er eine Nachricht auf sein Mobiltelefon bekommen, ein Foto von gestapelten Rundballen, darunter steht: „Wir wollen nach Pellworm, wann geht’s los?“

Traumhafte Erscheinung: Fata Morgana an der Nordsee

Arne Möller stammt aus einer alten Schifferfamilie, daher sind ihm die Küstenlinien der Halligen und Inseln seit seiner Kindheit vertraut. Wenn diese sich in der Ferne im Dunst abzeichnen, ist das wie ein Wiedersehen mit alten Bekannten. Das Schönste aber ist für ihn, wenn die Halligen im Abendlicht auftauchen wie eine Fata Morgana. Luftspiegelungen gibt es tatsächlich in Nordfriesland. Sie entstehen an windstillen Tagen, wenn Licht an unterschiedlich warmen Luftschichten abgelenkt und um die Erdkrümmung herumgeführt wird. Dann kommt es vor, dass ein Mensch über einer Sandbank zu schweben scheint oder eine Sandbank über einer Insel. Verwirrend – und traumhaft schön.

 

 


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