Rhein-Romantik: Im Bann der Loreley
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Rhein-Romantik: Im Bann der Loreley

Der legendenumwobene Rhein ist längst nicht mehr nur ein Fall für Nostalgiker. Zahlreiche Urlauber besuchen jedes Jahr den längsten Strom Deutschlands - und den Loreley-Felsen. Die Loreley-Linie fährt den Felsen von Boppard aus an.

Ausgabe: April 2017 Autor: Susanne Höll

Urlaub am Rhein? Meine Güte. Vor 200 Jahren, klar, da reiste die internationale Kulturprominenz an den Fluss, Maler, Dichter und Schriftsteller, der deutsche Hochadel und dann das Bürgertum. In den Wirtschafts-Wunderjahren machte man Familien-Ausflüge an den Rhein, Burgengucken mit tropfender Eistüte, misslauniges Kraxeln hoch auf den Loreley-Felsen. Großvater und Vater schauten dann eigentümlich gen Westen. In zwei Weltkriegen hatten sie Jugend und Gliedmaßen in Frankreich gelassen. Der Rhein als deutscher Schicksals-Strom.

Per Schiff zum Loreley-Felsen

Heutzutage wohl eher was für Schulgruppen, Turnvereine und Bustouristen aus Übersee. Wirklich? Man kann es ja mal ausprobieren. Auf dem blitzweißen Schiff, das von Rüdesheim nach St. Goar fährt, durchs Mittelrheintal bis zur Loreley und retour, sind die Deutschen in der Minderheit. Von grölenden Großgruppen keine Spur. Alles sehr gesittet und leise im Schatten gelber Sonnensegel, die Menschen sind dankenswerterweise vollständig bekleidet, kein Humtata, kein affiges Bordprogramm.

Die Reisenden sind international – die Bordansage auch

Ein chilenisches Ehepaar mit deutschen Vorfahren erkundet die alte Heimat. Sie waren in Goslar, Hannover und Köln. Wunderbar. Aber der Rhein, sagt der Mann, sei ganz besonders. Ein Mythos. Eine Familie aus Amerika blättert im Reiseführer und übt die Namen der ehemaligen Burgherren. Beim Grafengeschlecht derer von Katzenelnbogen streiken die Zungen. Eine Gruppe Japaner flüstert und fotografiert. Japaner sind erstaunliche Reisende. Sehen stets aus wie aus dem Ei gepellt, obgleich sie mit kleinem Gepäck reisen. Wie stellen die das an?

Der Himmel leuchtet babyblau, rechts und links Kulturlandschaft: Wald, Festungen, Schlösser, steile Weinhänge. Die Reling versperrt den Blick auf die Campingplätze, die sich an den Ufern erstrecken. Die mag man jetzt nicht anschauen, sie stören im nostalgischen Sommerfrische-Gefühl. Bordansage, auf Deutsch, Englisch, Französisch und Spanisch, kurz und knapp.

Furchteinflößende Germania-Walküre

Am rechten Ufer reckt sich die Germania, das mächtige Weib, elf Meter hoch, erstes Einheitsdenkmal Deutschlands. Kaiser Wilhelm I. kam zur Einweihung 1883, mit größtem Pomp nach dem deutschen Sieg über Frankreich und der Gründung des Reichs. Keine anmutige Person, diese Germania. Heute käme kein Mensch mehr auf die Idee, eine Furcht einflößende Walküre als Einheitsdenkmal aufzustellen. Muss man nicht mögen. Aber man stellt mitten auf dem Rhein erleichtert fest, wie friedfertig doch die meisten Deutschen geworden sind. Walküren sind out.

Burgen zuhauf, rechts und links, manche verfallen, manche hergerichtet

Eine, die Stahleck bei Bacharach, dient inzwischen als Jugendherberge. Viele andere waren einst Zollstellen. Alle zehn Kilometer mussten die Schiffer seinerzeit zahlen, an kirchliche oder weltliche Potentaten. Wer Pech hatte, wurde obendrein von ordinären Raubrittern verfolgt. Scheußlich, dieses alte Deutschland, dieses alte Europa.

Kulturlandschaft? Nicht nur

In Kaub steht direkt am Rhein ein großes Denkmal für den preußischen Generalfeldmarschall Gebhard Leberecht von Blücher, der in der Neujahrsnacht 1813 dort Napoleon und dessen Truppen über das Wasser nachsetzte, die bei Leipzig geschlagen worden waren. Noch ein Krieg. Ach, dieser Rhein. Die Chilenen und Amerikaner verstehen nicht genau, was es mit diesem Blücher auf sich hatte. Schuld daran ist die neuzeitliche Plage des Mittelrheintals. Ein sehr langer und sehr lauter Güterzug rattert am Ufer vorbei. Alle Konversationen erfrieren. Nur Lärm.

Eine Biegung noch, und man ist angekommen, am Fuße des Loreley-Felsens

Legendenumwoben ist er, bekannt im In- und Ausland, Inbegriff der Rhein-Romantik. Die blonde Frau, die auf der Felsspitze sitzt, ihre Haare kämmt, singt und die Schiffer durcheinanderbringt und in den Tod treibt. Clemens Brentano und Heinrich Heine haben sie bedichtet, Reklamefritzen auch. Ein Werbeliedchen aus dem Jahr 1905 behauptet, die Dame habe ihr güldenes Haar mit Schwarzkopf-Shampoo gewaschen. An Bord erklingt die Melodie des Loreleyliedes. Zwei deutsche Wanderer summen mit.

Stopp in St. Goarshausen

Wer auf den Felsen will, muss hier aussteigen. Ein Städtchen, hübsche, etwas verschlafene Altstadt, ein Bronzedenkmal für den alten Lachsfischer Ernst. Früher war der Rhein voller Lachse, Salm, wie man hier sagt. Bis auch die Deutschen im 20. Jahrhundert den Fluss mit Industrie-Abwässern zur Kloake machten. Inzwischen kommen die Lachse langsam wieder. Der nächste Güterzug scheppert durch den Ort. Die Transporte auf beiden Seiten des Flusses bringen die Einwohner seit Jahren zur Verzweiflung. Schnell hinauf.

Mit guter Kondition gelangt man über einen Treppenweg zum Loreley-Gipfel

Ansonsten nimmt man den Lokalbus. Wer oben Idylle erwartet, wird enttäuscht. Ein Parkplatz, ein Hotelgebäude, Wegweiser zum Rundweg, eine kleine Treppe noch, vorbei an einer efeubewachsenen Gedenktafel des Deutschen Turnerbundes für die Toten der Weltkriege. Der Turnerbund hat seit 1928 ein Jugendheim auf dem Felsen.

Dann endlich der Panoramablick auf das Mittelrheintal

Wer ganz früh am Morgen kommt, genießt die Aussicht in Ruhe. Später wird es rummelig. Reisebusse spucken Touristen aus, alles fahndet nach der Loreley. Wo hat sie gesessen? Vielleicht auf dem Felsstück, das der örtliche Rotary-Club zum Sitz veredelt hat? Die Leute hangeln sich auf den Stein und lassen sich fotografieren. Für zwei Euro kann man sich eine Erinnerungs-Münze prägen lassen, am Rundweg erzählt ein Automat zum Preis eines Euros die Felslegende. Kaum einer wirft dort Geldstücke ein. Ist auch besser so, im Tal donnert der nächste Zug.

Auch für den kurzen Rundweg muss man einigermaßen gut zu Fuß sein

Mit Rollator oder Kinderkarre kommt man nur schwer voran. Ein Belgier schiebt eine ältere Dame im Rollstuhl. Er schnauft und ist rotgesichtig. Wer will, kann im gläsernen Informations-Zentrum mehr über den Felsen erfahren. Oder auf der Sommerrodelbahn rutschen, über die einst gestritten wurde in der Region.

Das Mittelrheintal mitsamt der Loreley ist seit 2002 Weltkulturerbe. Eine Spaßrutsche verschandele die Aussicht, meinten Puristen. Heute sind viele froh, dass es sie gibt. Zumindest eine zugkräftige Unterhaltung für Besucher mit Kindern.

Die Loreley ist ein Stippvisiten-Platz, kein Ort zum Verweilen

Die Reisebusse warten auf dem Parkplatz mit laufenden Motoren auf ihre Gruppen, schnell weiter zur nächsten Station. Rheinromantik? Wohl kaum. Das meinen auch Eingesessene im weltkulturell geadelten, ansonsten aber viel geplagten Mittelrheintal. Die Besucher übernachten nicht gern direkt am Fluss, das Gastgewerbe ist auf das Tagesgeschäft mit den Massen eingerichtet. Viele Deutsche finden Urlaub am Mittelrhein altmodisch. Die Loreley sei relativ versifft, befand der damalige Landeskulturstaats-Sekretär Walter Schumacher noch 2015. Kränkend, gewiss. Aber ganz unrecht hatte der Mann nicht.

Es soll bald besser werden auf dem Loreley-Plateau

Im Herbst begannen die Arbeiten. Das Hotel wird abgerissen, die Freilichtbühne, ein inzwischen denkmalgeschützter Nazibau, in dem heute Rock, Pop und Klassik geboten wird, bekommt neue Technik. Von etlichen Wegen wird der Teer gekratzt, das gesamte Gelände soll einerseits renaturiert, andererseits dramatisiert werden. Ein Kultur- und Landschaftspark ist das Ziel, mit einem Weg hin zum Felsrand, durch eine künstliche Kluft. Verbandsbürgermeister Werner Groß sagt: „Der Berg soll zum Erlebnis werden.“

Wie bitte? Disneyland am Schicksalsstrom? Blondinen, die auf Felsbrocken sitzen, mit Wichteln und Zwergen zu ihren Füßen, und zur vollen Stunde ein Liedchen trällern? Auf keinen Fall, verspricht Groß. Kitsch und Glitzer-Gedöns gehörten nicht in eine Naturlandschaft. Einen Loreley-Damen-Contest in der Freilichtbühne, vielleicht einmal im Jahr, kann er sich aber vorstellen.

Nicht alle im Tal sind begeistert von den Plänen

Denn auf den Kosten für das gläserne Infozentrum auf dem Felsen, errichtet als eine Art Nebenstelle der Expo in Hannover im Jahr 2000, blieb die verschuldete Gemeinde sitzen. Die Schulden plagen weiterhin, manche befürchten, der Landschaftspark werde der Verbandsgemeinde finanziell komplett die Luft abdrehen. Der Bund und das Land beteiligen sich mit knapp zehn Millionen Euro, den Rest, eine Million vielleicht, soll die Gemeinde beisteuern. Ist der Fels erst einmal saniert, könnte, so die Hoffnung der Anrainer-Städtchen, das ganze Tal profitieren. Mehr Qualitätstourismus, das wäre doch schön.

 

Reisetipp Loreley

Auf dem Weg zur Loreley: Mehrere Reedereien bieten Schifffahrten auf dem Mittelrhein und zur Loreley an. Beliebt sind Rundfahrten von Rüdesheim bis St.Goar/St. Goarshausen, bei denen man insgesamt rund vier Stunden auf dem Wasser ist. Wer hinauf auf den Felsen will, muss in der Sommersaison das erste Schiff in Rüdesheim nehmen, weil sonst die Zeit nicht für einen Aufstieg reicht. (www.bingen-ruedesheimer.de und www.roesslerlinie.de). Die Loreley-Linie fährt den Felsen von Boppard aus an (www.loreley-linie.de). Tickets kosten ab 16 Euro für Erwachsene, Kinder fahren zu ermäßigten Preisen. Wer nicht so lange auf dem Wasser sein will, kann auch kürzere Touren buchen. Außerdem gibt es Fahrten mit Weinproben, Burgen­besichtigungen, Tanz und Gesang.

 


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