Ein Zug bei der Fahrt über das Landwasser-Viadukt in der Nähe des Bahnhofs Filisur (Schweiz), das auch vom Glacier-Express befahren wird.
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Schöne Aussichten: Der Glacier-Express

Eine Fahrt mit dem weltberühmten roten Zug von Zermatt bis nach St. Moritz.

Ausgabe: daheim Autor: Dorothee Fauth
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Am 25. Juni 1930 um 7.30 Uhr gab es in dem Schweizer Ort Zermatt einen Ruck – und ein Zug setzte sich in Bewegung, der seitdem so berühmt ist wie nur wenig andere. Seine Bahnstrecke verbindet das Matterhorn-Dorf mit dem knapp 300 Kilometer entfernten mondänen Kurort St. Moritz und quert dabei drei Kantone, 91 Tunnel und 291 Brücken. Der Glacier-Express ist ein Zug der Superlative. Bergdörfer und Alpengipfel, Wildwasser und Felsstürze, Rhonetal und Rheinschlucht – all das hat der langsamste Schnellzug der Welt im Programm. Deshalb ist der Glacier-Express nicht irgendein Zug, sondern eine Erfahrung, für die man sich in den Sitzen der roten Waggons bequem zurücklehnen kann, während an den Panoramafenstern ein achtstündiger Alpenfilm im Breitbandformat vorbeizieht.
Der spektakulärste Streckenabschnitt verläuft zwischen St. Moritz und Thusis auf der sogenannten Albulalinie, einer Meisterleistung aus den Tagen der Bahnpioniere, die mit der Bernina-Bahn zum Unesco-Welterbe gehört. Langsam schlängelt sich der Zug aus St. Moritz hinaus. Der Morgennebel spinnt die bewaldeten Bergflanken ein, weiter oben balancieren Lärchen wie Steinböcke an den Felskanten. Eine knappe halbe Stunde haben die Passagiere Zeit, die Kameras startklar zu machen und mit den Sitznachbarn aus Asien, Australien und den USA erste Worte zu wechseln, weil man sich unmöglich einen ganzen Tag lang anschweigen kann. Dann geht es auch schon durch den Albulatunnel und hinein in eine Alpen-Achterbahn.

Über Kreistunnel und Viadukte den Berg hinauf

Durch fünf Kehr- und Kreistunnel im Berg und über noch mehr Viadukte schraubt sich der Glacier-Express hinab ins malerisch gelegene Dorf Bergün und wechselt dabei zweimal die Talseite. Die Brücke, die eben noch eine Ebene tiefer lag, taucht plötzlich oberhalb der Bahnlinie auf. Auf diese Weise überwindet der Zug 417 Höhenmeter auf 6,5 Kilometern Luftlinie ohne eine einzige Zahnstange. Schnell ist jede Orientierung perdu, und man kann sich ganz dem beglückenden Gefühl hingeben, durch eine Realität gewordene Modelleisenbahn-Welt zu fahren, zu der auch das 65 Meter hohe gekrümmte Landwasser-Viadukt bei Filisur gehört. Während ein koreanisches Ehepaar am Panoramafenster klebt und jeden einzelnen Baum fotografiert, verteilt die entspannte Familie aus Australien Schweizer Schokolade als i-Tüpfelchen zu diesem Bilderrausch. „Wir lieben die kleinen Holzhäuser, das Läuten der Kirchturmglocken und das Gebimmel der Kuhschellen. Und dass alles so grün ist“, fassen sie ihre Alpen-Eindrücke zusammen. Und wir staunen über dieses Staunen und freuen uns, weil man das Schöne so leicht übersieht, wenn man mittendrin lebt. Der Glacier-Express rattert weiter talwärts Richtung Chur.

Es ist die älteste Stadt der Schweiz mit der höchsten Kneipendichte des Landes. Weiter geht es durch den nationalen Naturpark Ela ins Domleschg, wo sich eine Burg an die andere reiht und der Hinterrhein noch ganz unbekümmert hüpft und sprudelt. In Thusis zweigt die berüchtigte Viamala ab. Früher war dies ein gefährlicher Handelsweg, heute eine beliebte Wanderstrecke durch die enge Schlucht mit ihren Strudeltöpfen und spektakulären Brücken. Hinter Reichenau, wo sich Vorderrhein und Hinterrhein zum Rhein vereinen, kommt Bewegung in den Zug. Es wird aufgetischt: wahlweise ein Drei-Gänge-Menü, Bündnerteller oder Cholera. Letzteres klingt unerfreulicher, als es ist. Die Walliser Spezialität, ein Gemüsekuchen mit Lauch, Kartoffeln, Käse und Äpfeln, stammt wohl tatsächlich aus der Zeit einer Cholera-Epidemie, als die Menschen zu Hause blieben und auf das zurückgriffen, was die Speisekammer hergab. In der schlauchförmigen, engen Bordküche wird frisch gekocht. „Es ist ein bisschen wie auf einem schlingernden Schiff“, sagt der Oberkellner. Routiniert hantiert der Koch mit scharfen Messern – ein Akrobat am Schneidebrett.

Die Rheinschlucht: dramatisch, wild, großartig

Während die einen ihr Mahl genießen, sehen sich andere an der Natur satt. Wo vor 10.000 Jahren ein riesiger Bergsturz das halbe Tal unter sich begrub, hat ein Fluss ganze Arbeit geleistet. Swiss Grand Canyon nennen die Schweizer die Rheinschlucht, ein echter Höhepunkt auf der Strecke. Bis 400 Meter tief hat sich der Vorderrhein in den hellen Kalkstein gegraben, dabei imposante Kegel, steile Klippen, scharfe Falten und Höhlen aus dem Fels geschliffen und breite Kiesbänke ausgestreut. Dramatisch, wild, großartig. Für Autos ist im Ruinaulta kein Platz. Hier kommen allenfalls Wanderer und Rafter durch – und ein Zug. Ruinaulta heißt die Rheinschlucht auf Rätoromanisch. Viele Orte im einzigen dreisprachigen Kanton Graubünden tragen Namen in dieser bedrohten Sprache wie Mumpé-Tujetsch oder Mustér, der rätoromanische Name für Disentis. Dessen mächtiges Benediktinerkloster war einst der kulturelle Mittelpunkt Graubündens. Wer die Strecke der Räthischen Bahn mit dem Regionalzug (zurück)fährt, hat am Ende mindestens einen Ausdruck auf Rätoromanisch gelernt: „Fermada sin damonda“ – Halt auf Verlangen.

Der Glacier-Express streift die Greina-Ebene, ein weitgehend unberührtes, von schroffen Bergen umstelltes almgrünes Hochtal mit einer einzigartigen Biotopvielfalt. Das ist definitiv Heidiland. Auch wenn die Romanfigur in Maienfeld bei Chur verortet ist – hier könnte ihre zweite Heimat gewesen sein. Dann klackert es. Die Zahnräder des Glacier-Express sind eingerastet vor dem steilen Aufstieg zum Oberalp-Pass, dem höchsten Punkt der Reise auf baumlosen 2033 Metern. Nächster Halt: Andermatt (Uri). Im Winter, wenn sich der rote Zug durch eine blitzsaubere Schneelandschaft schlängelt, sieht man hier die Skifahrer zu Tal kurven. Früher mussten die Gleise mühevoll mit der Schaufel geräumt werden, nun erledigt das die Schneeschleuder, die 19 Tonnen in der Minute wegfräst. Überhaupt ist die Bahnstrecke erst seit dem Bau des Furkatunnels ganzjährig befahrbar. Davor quälte sich der Zug hinauf zum Rhonegletscher, nach dem der Glacier-Express benannt ist (französisch "glacier" bedeutet Gletscher). Heute kann man das Abenteuer Furkapass noch mit der nostalgischen Furkadampfbahn erleben. Es geht hinab ins Wallis und durch das Rhonetal mit seinen Weinbergen und Obstgärten. Bald zeichnet sich am Horizont die einmalige Gletscherwelt der Walliser Viertausender ab. Auch das Ehepaar Anders aus Baden-Baden, das mit einem Berliner eine 300 Kilometer lange Freundschaft auf Zeit geschlossen hat, steuert nun dem letzten Höhepunkt entgegen. „Ich habe diese Reise meinem Mann zum runden Geburtstag geschenkt“, erzählt die Frau. Nach acht Stunden Berg-und-Tal-Fahrt gibt es einen kleinen Ruck. Der langsamste Schnellzug der Welt hat sein Ziel erreicht: Zermatt am Fuß des Matterhorns, des Bergs der Berge.


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