Straßburg, das Herz Europas
© Paul Robert
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Urlaubsziele

Straßburg, das Herz Europas

Die Bürger der EU wählen alle fünf Jahre die Abgeordneten des Europäischen Parlaments. Ein Besuch der Stadt, in der es regelmäßig tagt.

Ausgabe: Juni 2019 Autor: Paul Robert
Anzeige

Ein später Sonntagnachmittag in Straßburg, der Hauptstadt des Elsass nahe der Grenze zu Deutschland. Aufgrund der wechselvollen Geschichte der Region bietet die Stadt heute eine faszinierende Mischung aus französischer und deutscher Kultur. Sogar die Straßenschilder sind zweisprachig beschriftet: So heißt etwa die Rue des Écrivains auf Elsässerdeutsch Schriwerstubgass. Der Tag war anstrengend, und ich setze mich in ein Restaurant. Die geteilte Nationalität der Stadt erstreckt sich auch auf die elsässische Küche. Natürlich steht Foie gras auf der Speisekarte. Doch es gibt auch Jarret de porc (Schweinshaxe), serviert mit choucroute (Sauerkraut) und scharfem Meerrettichsenf, der einem die Tränen in die Augen treibt. Dazu werden elsässische Weine mit deutschen Namen wie Riesling und Gewürztraminer gereicht, aber auch Bier aus der Straßburger Brauerei Fischer. In dieser Stadt trinken die Franzosen Bier. Wie deutsch ist das denn?

Am nächsten Morgen nimmt mich Stadtführerin Régine Baumgartner mit auf eine große Besichtigungstour. Wir starten vor dem majestätischen Straßburger Münster. Sein genialer Architekt war der deutsche Baumeister Erwin von Steinbach. Nach seinen Entwürfen wurde der romanische Vorgängerbau von französischen Handwerkern aus Chartres und Reims im gotischen Stil umgebaut. Über dem Hauptportal setzten sie eine herrliche Fensterrose im typisch nordfranzösischen Stil ein. Vergleichbare Fenster befinden sich an Kathedralen in Chartres, Senlis und Paris. Die Renaissancehäuser mit ihren Dachgauben am Münsterplatz sind typische Beispiele für die süddeutsche Architektur. Der angrenzende Museumskomplex in einer ehemaligen Bischofsresidenz aus dem 18. Jahrhundert ist dagegen ganz im Louis-quinze-Stil gehalten. Straßburg, die strategisch günstig an den Flüssen Ill und Rhein gelegene Stadt war römische Siedlung, Bischofssitz, freie Reichsstadt. Nach 1681 wechselte sie die Zugehörigkeit zu Frankreich und Deutschland mehrfach. Wir spazieren durch enge Gassen, über Plätze und am Wasser entlang. Ein Brautpaar posiert vor der Kulisse des Kanals und der Fachwerkhäuser für seine Hochzeitsfotos.

 

  • Glockenturm des Straßburger Münsters Paul Robert
  • Eingang des Straßburger Münsters Paul Robert
  • Kirchenschiff Kathedrale Strasburg Paul Robert
  • Astronomische Uhr Straßburg Paul Robert
  • Bronzemodell von Straßburg Paul Robert
  • Altstadt von Straßburg Paul Robert
  • Altstadt von Straßburg Paul Robert
  • Altstadt von Straßburg Paul Robert
  • Gutenberg-Statue Paul Robert
  • Altstadt von Straßburg Paul Robert
  • Vor dem Museum für moderne Kunst Paul Robert
  • Museum für moderne Kunst Strasburg Paul Robert
  • Exponat Im Vodoo Museum Straßburg Paul Robert
  • Straßburgs Neustadt Paul Robert
  • Straßburgs Neustadt Paul Robert
  • Straßburgs Neustadt Paul Robert
  • Straßburgs Neustadt Paul Robert
  • Europäische Hauptstadt Straßburg Paul Robert
  • Europäisches Parlament Paul Robert
  • Europäisches Parlament Paul Robert
  • Glockenturm des Straßburger Münsters

    Der nördliche Glockenturm des Straßburger Münsters ist rund 140 Meter hoch und wurde bereits im Mittelalter vollendet. Bis etwa 1874 war er das höchste Bauwerk der Menschheit und illustriert bis heute auf beeindruckende Weise den Machtanspruch der Kirche und das Selbstbewußtsein der Straßburger Bürger. Der südliche Glockenturm wurde übrigens nie gebaut. Deshalb wirkt das Münster - das ist eines seiner unverwechselbaren Charakteristika - asymmetrisch.
  • Eingang des Straßburger Münsters

    Ein reich verziertes Tympanon schmückt den Haupteingang des Straßburger Liebfrauenmünsters (Cathédrale Notre-Dame de Strasbourg). Dutzende Heiligenfiguren und biblische Szenen schmücken in vier Ebenen übereinander den spitzbogigen Eingangsbereich der gotischen Kathedrale. Das Liebfrauenmünster in Straßburg ist eines der Wahrzeichen des Elsass.
  • Kirchenschiff Kathedrale Strasburg

    Das Kirchenschiff des Münsters ist 32 Meter hoch. Seine Bauweise wirkt durch die gotischen Spitzbögen, die es tragen, kühn und luftig. Das Münster verbindet eindrucksvoll französische und deutsche Kultureinflüsse. Im Bild zu sehen ist die Orgel von Andreas Silbermann (1716 erbaut). Sie zählt 40 Register und 2602 Pfeifen. Das vergoldete Gehäuse ist 20 Meter hoch.
  • Astronomische Uhr Straßburg

    Die 18 Meter hohe Astronomische Uhr des Straßburger Münsters aus dem 16. Jahrhundert ist eine der größten der Welt. Das Foto zeigt den unteren Teil der Uhr. Sie wird wöchentlich aufgezogen und läuft bis heute sehr präzise. Die komplexe Mechanik im Inneren der Uhr setzt über zahreiche Rädchen Figuren in Bewegung. Wer etwas Zeit mitbringt, kann sehen wie die Apostel an Jesus vorüberziehen. Gehen die vierte, achte und zwölfte Apostel-Figur an Jesus vorbei, kräht ein Hahn oben auf der Uhr.
  • Bronzemodell von Straßburg

    Ein Junge spielt mit dem detaillierten Bronzemodell der Stadt Straßburg, das auf der Place d’Austerlitz aufgestellt ist und die Straßburger Altstadtinsel zeigt. Die ist seit 1988 UNESCO-Weltkulturerbe.
    Aufgestellt ist das Modell in Augenhöhe von Kindern und Rollstuhlfahrern und in Blindenschrift beschriftet. So soll es blinden Menschen ermöglichst werden, die Architektur Straßburgs zu ertasten.
  • Altstadt von Straßburg

    Die Straßburger Altstadt bei Tag...
  • Altstadt von Straßburg

    ...und bei Nacht. Straßburg liegt am Fluss Ill, der sich durch die Stadt verzweigt und die Altstadtinsel umfließt.
  • Altstadt von Straßburg

    Das sorgt für malerische Szenen und man möchte doch zu gerne einmal im Sommer auf einer der Terrassen direkt über dem Fluss sitzen.
  • Gutenberg-Statue

    Die Statue von Johannes Gutenberg, dem Erfinder des Buchdrucks auf dem Gutenberg-Platz nicht weit entfernt vom Straßburger Münster. Gutenberg führte den Buchdruck in Straßburg ein und lebte dort von 1439 bis 1444.
  • Altstadt von Straßburg

    An vielen alten Häusern in der Altstadt sind noch Bauelemente zu sehen, welche die ursprüngliche Nutzung des Hauses kennzeichneten. In diesem Haus befand sich einmal eine Bäckerei, wie das gestaltete Ornament im ersten Stock zeigt.
  • Vor dem Museum für moderne Kunst

    Der Platz vor dem Museum für Moderne Kunst am Ausgang der Altstadt ist ein beliebter Platz für Skateboardfahrer. Die Wände des Museums sind mit großformatigen Graffitis in schwarz-weiss besprüht.
  • Museum für moderne Kunst Strasburg

    Im Inneren des Museums ist eine beeindruckende Zahl von Kunstwerken internationaler Künstler zu sehen.
  • Exponat Im Vodoo Museum Straßburg

    Im Museé Vodou sind Exponate afrikanischer Vodoo-Kultur zu sehen, die der Besitzer der Straßburger Brauerei Fischer während mehr als 30 Jahren auf seinen Afrika-Reisen gesammelt hat.
    Die private Sammlung religiöser Objekte aus Ghana, Benin, Togo und Nigeria ist einzigartig. Das Museum informiert über den Vodoo-Kult und seine Geschichte.
  • Straßburgs Neustadt

    Von 1871 bis 1918 stand Straßburg unter deutscher Verwaltung. Damals wurde die Neustadt gebaut. Ein Projekt, um das ehemals französische Straßburg zu germanisieren.
  • Straßburgs Neustadt

    Rund um die Place d'université wurden zahlreiche Gebäude im neoklassizistischen Stil, neogothischen, orientalischen und Jugendstil gebaut, um Deutsche anzulocken, sich in Straßburg anzusiedeln.
  • Straßburgs Neustadt

    Auch diesem Gebäude merkt man den Historismus-Gedanken an. Diese Bauweise war im späten 19. Jahrhundert sehr populär und galt als schick und schön.
  • Straßburgs Neustadt

    Der Plan ging auf: Mit der Fertigstellung der Neustadt um 1910 hatte sich die Größe des Straßburger Stadtgebiets verdreifacht. Gleichzeitig waren Zehntausende Familien aus ganz Deutschland in die Stadt gezogen, angelockt von der Aussicht auf bezahlbare Wohnungen, moderne Einrichtungen und hervorragende Bildung in allen Bereichen bis hin zu einer neuen Universität.
  • Europäische Hauptstadt Straßburg

    Europa-Hauptstadt Straßburg: Die Gebäude des Europäischen Parlaments (links) und des Europäischen Gerichtshofs (rechts) sind durch eine Fußgängerbrücke verbunden. Sie ermöglicht es Besuchern, trockenen Fußes von einem Gebäude zum anderen zu gelangen.
  • Europäisches Parlament

    Die berühmte Doppelhelix-Treppe im Inneren des Europäischen Parlamentsgebäudes.
  • Europäisches Parlament

    Die Treppe diente bereits als Hintergrund für zahlreiche Fernseh-Interviews und ist den Zuschauern wohlbekannt.

Von der Altstadt in die Neustadt

Wir überqueren eine Brücke und wechseln aus der Altstadt in die im 19. Jahrhundert erbaute Neustadt rund um die Place de l’Université. „Noch vor 30 Jahren war dieser Teil der Stadt nicht auf touristischen Karten verzeichnet, nicht einmal der Name wurde dort erwähnt“, erzählt Baumgartner. Wir stehen vor einem prächtigen Jugendstilgebäude, das Anfang des 20. Jahrhunderts von deutschen Architekten erbaut wurde. Früher residierte hier ein Versicherungsunternehmen namens Germania, doch als das Elsass nach dem Ersten Weltkrieg an Frankreich zurückfiel, wurde der Name schnell gestrichen. Heute lautet er Gallia. Die Neustadt wurde im Sinne der Germanisierung erbaut, nachdem Frankreich im deutsch-französischen Krieg von 1870/71 unterlegen war. Mit der Fertigstellung der Neustadt um 1910 hatte sich die Größe des Straßburger Stadtgebiets verdreifacht. Gleichzeitig waren Zehntausende Familien aus ganz Deutschland in die Stadt gezogen, angelockt von der Aussicht auf bezahlbare Wohnungen, moderne Einrichtungen und hervorragende Bildung in allen Bereichen bis hin zu einer neuen Universität. Das Ende des Ersten Weltkriegs zog nicht nur zahlreiche Namensänderungen nach sich, sondern auch die Vertreibung von bis zu 100.000 deutschstämmigen Bewohnern aus dem Elsass.

Unterwegs verweist Baumgartner auf die Namen deutscher Architekten und Baumeister, die wie Malersignaturen in die Wände graviert sind. Das Viertel zählt zum UNESCO-Weltkulturerbe. Es ist eines der beeindruckendsten und vollständigsten Zeugnisse deutscher Architektur vom Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts mit neoromanischen Kirchen, neoklassizistischen Regierungsgebäuden, der Universität sowie Wohnhäusern im Jugendstil und in neobyzantinischer Bauweise. Hier ist eine der faszinierendsten Städte Europas – und eine einzigartige Küche – entstanden.

Baeckeoeffe, das elsässische Nationalgericht

Bei einem früheren Kurzbesuch in Straßburg hatte ich Baeckeoeffe kennengelernt. Seine deutschen Bestandteile sind üblicherweise Fleisch und Kartoffeln, doch die Zugabe von Weißwein verleiht dem Eintopf eine unverkennbar französische Note. In beinahe jedem Restaurant in Straßburg und Umgebung steht es auf der Speisekarte. Aber wie beim Riesling gibt es auch hier Qualitätsunterschiede.

Chefkoch Thierry Schwaller, Besitzer des Restaurants Fink’Stuebel, lacht, als ich ihn nach dem Unterschied zwischen einem durchschnittlichen und einem Spitzen-Baeckeoeffe frage. Die meisten Touristenlokale, erklärt er mir, erhielten Baeckeoeffe vorgekocht: „Sie müssen die Portionen nur noch in der Mikrowelle aufwärmen.“ Dann erklärt er mir, wie man es richtig machen sollte: Er mariniert das Fleisch zwei Tage lang in Riesling und Kräutern, dann schichtet er abwechselnd Kartoffeln, Gemüse und Fleisch übereinander. „Ich gebe immer Karotten dazu, weil sie die Säure des Weins ausgleichen“, erklärt er. Die gefüllte Terrine übergießt er mit der übrigen Marinade. „Ein Stück kräftig geräucherte Schweineschwarte kommt oben drauf, nur für den Geschmack.“ Er setzt den Deckel auf, verschließt ihn mit Teig und schiebt das Ganze für drei Stunden in den Backofen. Das Ergebnis ist himmlisch. „Es ist das elsässische Gericht“, schwärmt Schwaller.

Das Wort Baeckeoeffe bedeutet „Bäckerofen“. Früher haben die Menschen die Speise zu Hause vorbereitet und freitags zum Bäcker gebracht, wo die Terrine mit Teig versiegelt und in den langsam abkühlenden Brotofen geschoben wurde, damit der Eintopf am nächsten Tag fertig war. Inspiriert wurde das Gericht von der jüdischen Sabbatspeise Tscholent, die auf ähnliche Weise zubereitet wird, damit am Sabbat nicht gekocht werden musste. Die Tradition wurde nach der Reformation von strenggläubigen Protestanten übernommen, die dieselben Sabbatregeln aus dem Alten Testament befolgten wie die Juden. Eine weitere interessante Facette der vielseitigen Kulturgeschichte der Stadt.

Im Historischen Museum von Straßburg, das ich am nächsten Morgen besuche, erläutern Exponate, Tondokumente und Videos die Stadtgeschichte Straßburgs von der Römerzeit bis zur Annexion des Elsass durch die Nazis 1940 und seine Wiederangliederung an Frankreich. Die multimediale Zeitreise endet mit einer optimistischen Präsentation eines geeinten Europas. Symbolisiert wird es durch die neue Rheinbrücke nach Deutschland und die Präsenz führender europäischer Institutionen in der Stadt: das Europaparlament, der Europarat und der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte.

An meinem letzten Nachmittag in der Stadt schlendere ich am Ufer der Ill entlang bis zum futuristisch anmutenden Glaspalast des Europaparlaments. Mit einer befristeten Akkreditierung kann ich mir die Fernsehstudios und Arbeitsbereiche für internationale Korrespondenten ansehen sowie auf der Pressetribüne im Haupttagungssaal Platz nehmen. Unten im Plenarsaal erkenne ich einige Mitglieder des Parlaments dieser Union, die Europa beispiellose 70 aufeinanderfolgende Friedensjahre beschert hat. Zur Linken des Vorsitzenden befinden sich die Sozialisten und die Grünen, zur Rechten die Liberalen, die Christdemokraten und die Konservativen. Ganz rechts außen sitzen die Nationalisten und Europaskeptiker, die die Zeit zurückdrehen und sich hinter Grenzen und Zäunen verschanzen wollen Die Geschichte Straßburgs sollte eine Mahnung sein – ihnen und uns allen.

 

Quiz: EU-Wahl 2019 - Fakten und Kurioses

Lädt...

 

 


 

RD Abbinder
RD Abbinder
RD Abbinder

Reader's Digest Deutschland: Verlag Das Beste GmbH - Vordernbergstraße 6, 70191 Stuttgart