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Eine junge Frau liegt mit geschlossenen Augen in einem Boot und lächelt.
© iStockfoto.com / pixdeluxe
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Urlaubsziele

Warum so weit verreisen?

Die schönsten Reiseziele liegen manchmal direkt vor der Haustür.

Ausgabe: Juli 2021 Autor: Reader's Digest
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  • Romantische Aussicht über die Weinberge und die Stadt Stuttgart

    Romantische Aussicht über die Weinberge und die Stadt Stuttgart

    Von Michael Kallinger, Chefredakteur der deutschen, österreichischen und deutsch-schweizer Ausgabe

    Die coronabedingten Reisebeschränkungen haben auch ihr Gutes: Auf diese Weise entdecke ich sehenswerte Orte in der Umgebung. Zu meinen neuen Lieblingszielen zählt die Grabkapelle auf dem Württemberg bei Stuttgart. König Wilhem I. ließ den klassizistischen Bau 1824 als letzte Ruhestätte für seine Gemahlin Katharina errichten. Sie liegt hoch über dem Neckartal und ist nur wenige Kilometer von meinem Wohnort, dem mittelalterlichen Esslingen entfernt. Vom Württemberg aus hat man eine herrliche Aussicht über die Stuttgarter Weinberge, auf denen die Rebsorten Riesling, Spätburgunder und der in seinem Hauptanbaugebiet besonders beliebte rote Trollinger gedeihen.
    In südlicher Richtung dominieren die Fabrikhallen des Stammwerks der Daimler AG, das Mercedes-Benz-Museum und der Fernsehturm das Panorama und zeigen die Vielseitigkeit der baden-württembergischen Hauptstadt. In einem Nebengebäude der Grabkapelle serviert ein kleines Bistro den Gästen schwäbische Spezialitäten wie Maultaschen, Kartoffelsalat und Apfelkuchen. Es gibt auch einen Bier­garten, aber eine bessere Aussicht kann man von den begrünten Hängen unterhalb der Kapelle genießen. Meine Frau und ich fahren gern mit den E-Bikes durch die Weinberge zur Grabkapelle; sie ist ein schönes Naherholungsziel für einen Samstag- oder Sonntagnachmittag. Manchmal bleiben wir bis zum Abend, um bei einem Glas Wein oder Aperol Spritz zuzusehen, wie die Sonne hinter dem Fernsehturm versinkt. Dabei kommt es uns fast so vor, als wären wir in der Toskana und nicht in einem der größten Ballungsgebiete Deutschlands. Für mich ist es ein wunderbarer Ausflugsort, den ich in nur 15 Minuten erreichen kann.

    Foto: Blick über den Württemberg und die Stadt Stuttgart, © iStockfoto.com / Boarding1Now
  • Inbegriff der niederländischen Landschaft

    Inbegriff der niederländischen Landschaft

    von Paul Robert, Chefredakteur der niederländischen Ausgabe

    Wenn ich mit dem Fahrrad unterwegs bin, gibt es eine Stelle, an der ich stets innehalte, um die Landschaft zu genießen: Sie liegt am Ufer des Markermeer-Sees und ist etwa 15 Kilometer von meinem Zuhause in Almere entfernt. Ich folge der Landstraße entlang des Deiches bis zu einem bestimmten Punkt, wo ich absteige und auf den Deich klettere. Diese Stelle verkörpert für mich wie keine andere die niederländische Landschaft und Geschichte. Auf der einen Seite des Deichs erstreckt sich das Markermeer und auf der anderen Seite eines der vielen unterhalb des Meeresspiegels gelegenen Gebiete, auf dem wir Niederländer nur deshalb trockene Füße behalten, weil täglich Millionen Liter Wasser durch oder über den Deich gepumpt werden. In vorindustrieller Zeit wurde das mit den typischen Windmühlen bewerkstelligt, inzwischen haben mit Motorkraft betriebene Pumpstationen diese Aufgabe übernommen.
    Der Deich, an dem ich anhalte, ist von Weiden gesäumt, in deren Schatten sich an heißen Tagen Kühe und Schafe ausruhen. In der Ferne grüßt die Wasserburg Muiderslot. Die Festung wird auch „Schloss Amsterdam“ genannt, um Touristen aus der zehn Kilometer entfernten Hauptstadt anzulocken. Sie steht an der Mündung der Vechte und diente der Verteidigung sowie als Zollstation. Ihr berühmtester Bewohner war im 17. Jahrhundert der Richter und Steuereintreiber Pieter Corneliszoon Hooft. Bekannt wurde er durch seine Dramen und historischen Aufzeichnungen. Außerdem leistete der Gelehrte mit der Sammlung grammatischer Regeln einen wichtigen Beitrag zur Vereinheitlichung der niederländischen Sprache. Seit seiner Restaurierung im 19. Jahrhundert erstrahlt das Schloss in neuem Glanz. Als Kind besuchte ich es mit meinen Eltern oder auf Schulausflügen. Dann blieb ich oft lange vor den Sammlungen mittelalterlicher Schwerter und Hellebarden stehen und malte mir aus, wie Ritter damit kämpften. Wenn ich in Amsterdam bin, mache ich mir kaum Gedanken über die Geschichte der Stadt. Vielleicht liegt es daran, dass ich dort geboren und aufgewachsen bin. Die pittoresken Kanäle und Grachtenhäuser sind die Kulisse meiner Jugend und Heimat. Im Gegensatz dazu weckt die malerische Szenerie rund um das Markermeer in besonderer Weise meine Neugier auf die Geschichte unseres Landes.

    Foto: Leuchttrum von Marken in den Niederlanden, © iStockfoto.com / rbulthuis
  • Über dem Genfer See

    Über dem Genfer See

    Von Stéphane Calmeyn, Chefredakteur der französischen und der französisch-Schweizer Ausgabe

    Es gibt eine Wiese, die hoch über Montreux am Genfer See zu schweben scheint. Ich besuche sie, so oft ich kann. Die Landschaft ist so gewaltig und wohltuend, so typisch schweizerisch. Als Kind kam ich jedes Jahr im Mai mit meiner Mutter, meinem kleinen Bruder, meiner Großmutter und unserem Berner Sennenhund hierher, um Narzissen zu pflücken. Eine kleine Zahnradbahn brachte uns den Berg hinauf, von wo aus wir weitergingen. Meine Eltern waren einige Jahre zuvor von Belgien in die Schweiz übergesiedelt. Seitdem kam meine Brüsseler Großmutter jedes Jahr für einen Monat zu Besuch an den Genfer See. Eigentlich machten mein Bruder und ich uns nichts aus Blumen; wir waren bloß glücklich darüber, dass wir den Tag mit Oma verbringen durften, und natürlich war die Freude beiderseits.
    „Passt auf, dass ihr die Zwiebeln nicht mit herauszieht, sonst wachsen die Narzissen nächstes Jahr nicht!“, ermahnte uns meine Mutter. Unsere Großmutter war mehr ins Pflücken vertieft als wir. Sie strich mit ihren Fingern über die Pflanzen, um so die schönsten und kräftigsten Blumen aufzuspüren. Damals verstanden wir die Botschaft nicht, die sie uns vermitteln wollte: Dass das Glück überall ist, wenn man nur ein wenig danach sucht. Meine Großmutter war nämlich blind. Auch wenn ihr das herrliche Bergpanorama verborgen blieb, empfand sie Lebensglück.
    Auf dieses Glück hatte sie allerdings lange warten müssen. An ihrem 70. Geburtstag verriet sie uns: „Ich hatte eine schöne Kindheit mit liebevollen Eltern, und nun verbringe ich dank euch einen guten Lebensabend. Aber dazwischen lagen schlimme Jahre ...“ Ohne dass sie näher darauf einging, wussten wir, dass sie die Entbehrungen des Zweiten Weltkriegs und die Schmach meinte, die ihr Mann ihr zugefügt hatte, indem er auf dem Schwarzmarkt Handel trieb, während sie im Widerstand kämpfte. Mein Großvater vergaß Anstand und Ehre, sodass es meiner Großmutter überlassen blieb, die Kinder mit Lebensmittelmarken und selbst angebautem Gemüse durchzubringen.
    Die Befreiung vom Faschismus kam, aber die schlechte Behandlung, die meine Großmutter durch den Ehemann erfuhr, endete erst, als dieser zwei Jahrzehnte später starb. Später verlor sie ihr Augenlicht, sodass der Duft der blühenden Narzissen auf den Schweizer Berg­wiesen ihr umso mehr bedeutete. Beim Abstieg hatte jeder von uns einen Strauß in der Hand. Meine Großmutter ermunterte mich, die Blumen zu pressen und in einem Herbarium zu sammeln. So sind sie mir bis heute erhalten geblieben, und es gibt nichts, was für mich wertvoller wäre.

    Foto: Blick über Montreux und den Genfer See, © iStockfoto.com / Ahrys Art
  • Zwei besondere Orte in Spanien

    Zwei besondere Orte in Spanien

    Von Natalia Alonso, Chefredakteurin der spanischen Ausgabe

    Es macht mir großen Spaß, mein Land zu erkunden. Eine Inselgruppe vor der spanischen Nordwestküste gehört im Sommer zu den Lieblingsferienorten meiner Familie. Wenn wir die Isla de Ons nahe der portugiesischen Grenze besuchen, dann kommt es uns vor, als wären wir am Ende der Welt. In der Tat liegt das Kap Finesterre („Ende der Welt“) nur ein paar Kilo­meter weiter nördlich an der galizischen „Todesküste“.
    Die Insel ist nur mit der Fähre zu erreichen; diese bringt die Passagiere in den kleinen Hafen von Ons. Es gibt hier weder Autos noch Straßen. Um an einen der idyllischen Strände zu gelangen, müssen wir zu Fuß gehen. Das Wasser ist glasklar, aber kalt, und es kann meine Kinder und mich einige Überwindung kosten hineinzugehen.
    Es gibt mehrere Wanderwege, sie führen zu einem Leuchtturm und zu Aussichtspunkten wie dem Mirador de Fedorentos. Obwohl der Steinkreis dort erst vor einigen Jahrzehnten errichtet wurde, habe ich hier das Gefühl, an einem Ort der Frühgeschichte zu sein. Einen Abstecher wert ist auch die Felsschlucht Burato do Inferno. Das Klanggemisch aus rauschenden Wellen und schreienden Seevögeln brachte ihr einst die Bezeichnung „Höllentor“ ein, weil man hier die gepeinigten Seelen der Verdammten zu hören glaubte. Ein Besuch der Isla de Ons ist wie eine Reise in die Vergangenheit, als der einzige Inselbewohner der Leuchtturmwärter war. Hier kann ich die Sorgen des Alltags hinter mir lassen.
    Ich bin auch ein großer Fan des römischen Amphitheaters in Mérida. Die westlich von Madrid in der Region Extremadura gelegene Stadt wurde 25 v. Chr. gegründet. Sie enthält antike Bauwerke wie das Amphitheater, in dem normalerweise im Sommer das Festival für Klassisches Theater stattfindet. Nach einem heißen Tag tut es gut, ein wenig Kultur in frischer Abendluft zu genießen. Unter freiem Himmel herrscht eine besondere Atmosphäre. Es fällt mir schwer zu glauben, dass das Theater über 2000 Jahre alt ist und dass sich hier einst Gladiatoren gegenüberstanden. Wenn ich auf den Stein­stufen sitze, fühle ich mich ins alte Rom zurückversetzt und meine, Julius Caesar selbst zu hören, der darüber bestimmt, welcher Gladiator leben darf. Ich bekomme eine Gänsehaut.

    Foto: San Vicente o Grove (Galizien) mit der Insel Ons im Hintergrund© iStockfoto.com / arousa
  • Grüne Oase im Londoner Norden

    Grüne Oase im Londoner Norden

    Von Alex Finer, ehemaliger Leiter des Londoner Büros von Reader’s Digest

    Die Parklandschaft Hampstead Heath, die manchmal als „Londons grüne Lunge“ bezeichnet wird, ist nur sechs Kilometer vom Stadtzentrum entfernt. Auf einer Fläche von 325 Hektar erstreckt sich eine hügelige Wald- und Heidelandschaft, die seit Langem Künstler und Schriftsteller inspiriert. So ging der Landschaftsmaler John Constable 1819, als Hampstead noch ein Dorf war, in der Heide spazieren. In demselben Sommer wanderte John Keats hier mit seinen Freunden und verfasste Gedichte, darunter seine Ode an eine Nachtigall. Bis heute hat die Heide ihre Anziehungskraft nicht verloren. Vom Parliament Hill hat man die ganze Londoner Skyline im Blick.
    Ich wohne in London, gleich neben Hampstead Heath. Ich habe dort zahlreiche Lieblingsbäume, aber keiner ist mir so ans Herz gewachsen wie der Mammutbaum, der an einem der zahlreichen Teiche wächst. Das liegt daran, dass ich das Rotholz vor Jahrzehnten selbst gepflanzt habe. Und das kam so: Meine Frau Linda stammt aus Kalifornien. Mammutbäume sind dort oft Hunderte Jahre alt und erreichen Höhen von über 100 Metern. In einem walisischen Gartenmarkt hatte Linda einen Mammutbaum gefunden, und die Firma war bereit, ihn zu uns nach London zu liefern.
    Allerdings konnten wir diesen schlecht in unseren kleinen Innenhof pflanzen. Also schlich ich mich in einer stürmischen Nacht des Jahres 1976 mit dem Bäumchen in den Park. Ich suchte mir eine unauffällige Stelle unterhalb des Teiches aus, an der das junge Bäumchen hoffentlich nicht gleich einem Parkwächter auffallen würde.
    Inzwischen sind 45 Jahre vergangen. Ich gehe jeden Morgen im Park spazieren und sage unserem Baum Hallo. Der Stamm ist mittlerweile so dick, dass Linda und ich ihn nicht mehr umfassen können. Wir träumen davon, dass unsere Urenkel das kalifornische Rotholz ins nächste Jahrhundert begleiten und darauf aufpassen werden, während es weiter wächst und noch in 1000 Jahren Schatten spendet.

    Foto: LIegestühle am Hampstead Heath, London, © iStockfoto.com / Alphotographic


     

    RD Abbinder
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